# taz.de -- Zivilgesellschaft auf dem Land: Anatoliens Superfrauen
> Kopftuchtragende Frauen und Feminismus? Nur vermeintlich ein Widerspruch,
> wie ein Handyvideo aus der Provinz Kars zeigt.
(IMG) Bild: Zümran Ömür organisiert Trainings für Frauen, schmeißt ein Bed and Breakfast und ein Käsemuseum
Welches Bild die Öffentlichkeit in der Türkei von der kopftuchtragenden
Dorfbewohnerin in Anatolien hat, zeigt sich anhand [1][eines Handyvideos],
das in den vergangenen Wochen in den sozialen Medien durch die Decke ging.
Kopftuchtragende Frauen, das sind meistens die, die still im Hintergrund
ihr Tagewerk verrichten und seltener zu den feministischen Ikonen zählen,
auch in der Türkei. Mit Zümran Ömür wackelt dieses Bild. Die 46-jährige
Mutter von zwei fast erwachsenen Söhnen aus der Nähe von Kars in
Ostanatolien ist überrascht von ihrem Fame als Internetphänomen.
Warum? Das erklärt ein Video, das Mitte Februar in den sozialen Medien der
Türkei viral ging. Lächelnd begrüßt Zümran Ömür in dem zweiminütigen Video
eine Besuchergruppe zuerst auf Französisch, bis sie auf Türkisch erklärt,
was sie in dem schneebedeckten Dorf Boğatepe macht. Als Vorsitzende des
Vereins „Boğatepe-Verein für Umwelt und Leben“, gegründet 2007, hat sie
hier eine kulinarische und ökologisch bewusste Anlaufstelle für
Dorfbewohner*innen und Gäste geschaffen: ein Bed and Breakfast und ein
[2][Käsemuseum]. Zwei Drittel der 60 Mitglieder des Vereins sind Frauen.
Mit eingeladenen Experten haben sie über 650 einheimische Pflanzen in ihrer
Region bestimmt und dabei erkannt, dass mehrere Dutzend dieser Pflanzen als
Heilmittel gegen Krankheiten, aber auch in Cremes und ätherischen Ölen zu
verwenden sind.
In den Gesprächen mit den anderen Dorfbewohnerinnen hat Ömür festgestellt,
dass sich die Frauen aus dem Dorf in Patientengesprächen nur schwer
mitteilen können. Scham sei für sie ein Faktor. Deshalb hat sie den Frauen
erst Kommunikationstrainings und anschließend Ernährungs- und
Gesundheitsseminare vermittelt. Im Video erzählt Ömür, dass sie oft gedacht
habe: „Warum sollen wir all das nicht lernen?“
## Konfrontation mit Vorurteilen
Ömürs selbstbewusste Art, all das mit verschränkten Armen und einem
verschmitzten Lachen zu erzählen – selten ist man als Zuschauer*in so sehr
mit seinen eigenen Vorurteilen im Kopf konfrontiert. Nach all den Kursen
haben die Frauen des Vereins Französisch gelernt. Einfach so, weil es ihr
Wunsch war. Im zweiten Schritt haben sie sich laut Ömür überlegt, per
Ökotourismus Besucher in ihren Ort locken. Eine Fremdsprache zu können, ist
dafür ein Segen.
„Sie glauben gar nicht, wie viele von diesen Frauen es in Anatolien gibt“,
sagt Hale Akay, die 2017 im Rahmen einer Forschungsarbeit für die Türkiye
Avrupa Vakfi (Türkei Europa Stiftung) Unzählige dieser Frauen traf. Frauen,
die sich als Vorsitzende von kleinen Vereinen und von Frauennetzwerken
betätigen und im besten Fall ihr eigenes Geld damit verdienen. In
Deutschland wird viel über die Wirksamkeit der EU-Fördergelder für die
Türkei, auch angesichts der Erosion der Demokratie in der Türkei,
diskutiert.
Ömür und den aktiven Frauen haben sie eine finanzielle Basis verschafft.
Denn diese lokalen Strukturen werden durch hiesige Entwicklungsagenturen,
UN- und EU-Fördergelder finanziert. „Leider“, sagt die Sozialforscherin
Akay, „scheint mir kaum noch möglich, die Arbeit dieser Frauen in einem
weiteren Bericht zusammenzufassen.“
## Anders nach dem Putschversuch
Aufgrund des Putschversuchs im Juli 2016 sei die Arbeit mit den lokalen
Entwicklungsagenturen, die mit den zivilgesellschaftlichen Strukturen vor
Ort eng zusammenarbeiten, erschwert worden. Nur sieben von zehn der lokalen
Entwicklungsagenturen konnten noch befragt werden. Viele der
Mitarbeiter*innen seien nach dem Putschversuch entlassen worden. Die
wichtigen qualitativen Interviews mit den Engagierten vor Ort hätten
ebenfalls darunter gelitten. Aus nicht genannten Gründen wurden sie
kurzerhand abgesagt. Deshalb sei es schwer, genaue Zahlen zu den aktiven
Frauen zu nennen. Aber klar sei, dass es weitaus weniger Vereine in der
Provinzen gebe als in den Großstädten.
„Wenn wir in der Provinz auf funktionierende zivilgesellschaftliche
Strukturen getroffen sind, vor allem im Bereich Frauenförderung, in der
Arbeit mit Behinderten und in der Umweltarbeit, dann waren unglaublich
aktive Frauen in den Vereinen und deren Vorständen“, sagt Akay. Die Frauen
vor Ort, deren Anteil am Arbeitsmarkt in vielen Provinzen noch vor wenigen
Jahren nahezu gegen Null ging, reisten auf Einladung der „Türkei Europa
Stiftung“ in den frühen 2000er Jahren in die westlichen Städte der Türkei
und trafen sich dort mit dortigen, schon länger existierenden
Frauennetzwerken.
So sei auch die Idee des Gänsehauses, „Kaz Evi“, in Kars entstanden,
erzählt die Forscherin Akay. 2007 gründeten die Frauen in Kars als erste
Unternehmerinnen überhaupt eine Kooperative, in der sie Gänse, die in Kars
bisher nur vereinzelt und zum Eigengebrauch gehalten wurden, zum Verkauf
anbot. Die Mitarbeiterinnen sind Frauen aus den umliegenden Dörfern. Das
Konzept ist bis heute erfolgreich. So sehr, dass sie nun auch ins Ausland
Gänse importieren können.
## Yoga und Käsemuseum
Für die Frauen in der Provinz kann die finanzielle Unabhängigkeit ihr Leben
verbessern, aber Ömür geht es um mehr. „Wir glauben, dass eine unproduktive
Gesellschaft zum Scheitern verurteilt ist“, sagt sie in dem Video. Ihr
Vorhaben, allen Frauen in ihrer Umgebung die Möglichkeit zu eröffnen, mit
einem Bed and Breakfast eigenes Geld zu verdienen, scheint zu fruchten.
Für die hart arbeitenden Frauen habe sie Yogalehrer*innen eingeladen,
erzählt sie im Video, während sie demonstrativ Zeigefinger und Daumen zum
Yogagruß formt. In den Yogastunden lernten sie jetzt, wie sie ihre Chakren
öffnen: „Bevor wir mit unserer Arbeit anfangen, starten wir mit einem ‚Om‘
in den Tag“. Chakren öffnen, Kühe melken, Käse formen und Gäste bewirten;
neben all dem kümmert sich Ömür auch um das erste ökologische Käsemuseum
des Dorfes. Boğatepe ist angebunden an die nächstgrößere Stadt Kars, die in
der Türkei besonders für ihren Gravyer, Gruyère-Käse, bekannte Käsestadt.
In der zur Jahrhundertwende errichteten und jetzt als Museum genutzten
Käserei können Gäste über 30 Sorten Käse probieren, die die Frauen und
Männer vor Ort nach alten Rezepten herstellen. Ömürs Traum ist es, bald
möglichst viele Ökoprodukte aus eigener Herstellung anzubieten. 17 der
Produkte haben bereits ein Ökosiegel. Dagegen haben die ehemals brummelnden
Ehemänner keine Zweifel mehr äußern können. „Was sagt eigentlich Ihr
Ehemann dazu“, fragt eine junge Frau aus der Besuchergruppe Ömür im Video.
„Nichts“, antwortet sie. „Wenn ich morgens um drei aufstehe und einer
30-köpfigen Besuchergruppe Frühstück bereite, dann tu ich ihm ja nichts
damit. Wir Frauen und Männer hier im Dorf, wir sind ein Team.“
13 Mar 2018
## LINKS
(DIR) [1] http://www.youtube.com/watch?v=kHfzZZ9G0n0
(DIR) [2] http://www.youtube.com/watch?v=76KJH6flDgk&t=360s
## AUTOREN
(DIR) Ebru Tasdemir
## TAGS
(DIR) taz.gazete
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