# taz.de -- Zerrissene Zedernrepublik
       
       > Im Libanon hat jede gesellschaftliche Gruppierung ihre ganz speziellen
       > Strandabschnitte. Die Armen vergnügen sich in vermüllten Anlagen, die
       > Reichen amüsieren sich in privaten Luxusrefugien. Es gibt es nur noch
       > wenige Strände, die unberührt sind
       
       AUS beirut JASNA ZAJCEK
       
       Jounieh, libanesischer Urlaubsort, sonntags im späten August. Aus den Boxen
       dröhnen die Hits der Siebziger-, Achtziger- und Neunzigerjahre. Das kleine
       Schwimmbecken ist überfüllt. Viele dicke Kinder plantschen mit allerlei
       Gummigetier. Zur Linken erstreckt sich das Panorama von Beiruts Cargo- und
       Militärhafen, in der Luft schwebt der Doppelmayr-Teléferique, die
       Hochseilbahn, die Ausflügler auf den 600 Meter hohen Harissa-Gebirgszug
       über Jounieh bringt. An diesem Abschnitt der Levanthe duftet es nicht nach
       Jasmin und Kardamon, es riecht nach Pommes frites und Autos ohne Kat. Über
       dem betonierten Strand liegen die Abgase zahlreicher Motorboote und
       Jetskis. Im Hotel Bel Azur in Jounieh, dem Urlaubsort nördlich von Beirut,
       entspannen sich Familien bei Whiskey und Wasserpfeife auf Plastikliegen.
       
       Das Mittelmeer am kleinen Sandstrand des angeblichen Vier-Sterne-Hotels ist
       keineswegs schön blau, sondern bräunlich, der Ölfilm auf der Oberfläche
       schimmert in Regenbogenfarben. Dutzende Kinder plantschen in der
       fischfreien dreißig Grad warmen Brühe, stets unter Aufsicht der
       philippinischen oder äthiopischen Kindermädchen, die nicht schwimmen
       können. Ihre „Madames“, libanesische Christinnen, beharren darauf,
       „Phönizierinnen“ und keine Araberinnen zu sein. Sie aalen sich in viel zu
       engen Designerbikinis. Der Fitnesswahn der westlichen Welt hat den Libanon
       noch nicht erreicht. Kosmetische Operationen und Fettabsaugungen sind
       billig und gesellschaftlich anerkannt. Öl ohne Lichtschutzfaktor ist der
       Dernièr Cri und die Meinung der anderen so wichtig wie der ausgiebige,
       wöchentliche Termin im Beauty-Salon.
       
       Auch die „letzten Kreuzritter des Nahen Ostens“, wie sich die ehemaligen
       Soldaten der christlichen Milizen gern nennen, treffen sich sonntags im im
       Bel Azur, zum Tauchen nach versunkenen Panzern und U-Booten. Um etwas unter
       Wasser entdecken zu können, muss durch eine schleimige Schicht getaucht
       werden, da Müll und Bootsöl gern vor der Küste entsorgt werden. Auch wenn
       die Unterwasserjagd mit Pressluftflaschen und Harpune international
       verboten und geächtet ist, kümmert das hier keinen. „Everything illegal is
       legal in Lebanon!“, lacht ein mit kostspieliger Hightech-Ausrüstung
       ausgestattete Jäger, der auf seinem 45-minütigem Tauchgang dann doch keinem
       einzigen Fisch begegnete.
       
       Die Palästinenser aus den Flüchtlingslagern treten im Strand- und
       Nachtleben ausschließlich als Security-Leute und Türsteher auf,
       Universitäten zu besuchen, ist ihnen im Libanon verwehrt. Im ebenfalls
       christlich geprägten „Bain Militaire“, dem exklusiven Beachclub der
       Armeeangehörigen an Beiruts neuem Leuchtturm, ist vor allem eines
       erkennbar: Auswüchse einstigen Steroidmissbrauchs. Bei fast jedem Mann. Was
       ihnen der Apotheker anscheinend nicht verriet oder was die Verwender
       vielleicht auch nicht wahrhaben wollen: Männer bekommen Brüste, wenn die
       Wachstumshormone aus dem Körper schwinden. Und nicht wenige ehemaligen
       Soldaten tragen nun Körbchengröße C.
       
       Die Jungs und Teenager der Hisbollah aus dem zerstörten Beiruter Süden
       haben kein Geld für die zwanzig bis vierzig Dollar Eintritt für die
       diversen Strand- oder gar Jachtclubs. Sie springen an der Corniche, der
       Strandpromenade von Beirut, einfach von rostigen, mit Stacheldraht
       umgebenen Stahlträgern aus acht Meter Höhe in das Meer. Der permanente
       Luftverkehr, zu Helikoptern der UN und der libanesischen Armee kommen
       Verkehrs- und Privatflugzeuge sowie einzelne Überwachungsflugzeuge der
       israelischen Armee, geben dem Szenario einen letzten kuriosen Schliff. Die
       Teenager tragen alte Baumwollunterhosen. Ihre Mütter und Schwestern
       plantschen derweil zwischen den Felsen in voller islamischer Montur. Kommen
       sie aus dem Wasser, so zeigt die lange, weite, nun aber nass und eng
       anliegende islamisch korrekte Kleidung alle Rundungen ihrer Figuren. Doch
       die Hauptsache ist: Arme, Rumpf, Beine und Kopf müssen bedeckt sein, egal
       ob durch trockenen oder nassen Stoff. Auf der Corniche, treffen sich Männer
       aller Konfessionen zum Angeln, ärmere Familien picknicken ebenerdig neben
       parkenden Autos, während die Reichen Staus mit ihren überdimensionierten
       Autos und gepanzerten Sports Utility Vehicles an der Hauptverkehrsstraße
       neben der Promenade verursachen.
       
       Riviera Hotel an der Corniche hat gerade die exklusivste neue „Beachlounge“
       direkt neben dem Strand der Armen eröffnet. Für zehn Dollar kann der
       Normalsterbliche hier seine Bräune an zwei kleinen Pools und einer großen
       Bar zur Schau tragen, wer aber etwas auf sich hält, kann durch die bis zu
       1.200 US-Dollar teure Miete eines privaten Strandzelts mit Whirlpool mit
       Massagefunktion, beeindrucken. Im Riviera steigen vor allem reiche Saudis
       und Golfstaatler, gern auch ohne ihre zahlreichen Frauen und Kinder ab.
       Denn für schöne und auch leichte Mädchen war Beirut schon in den Sechzigern
       bekannt, als ein Vergleich mit Paris noch möglich war. Die Jeunesse dorée,
       die ihr geerbtes Geld gern und leicht verschwendet, zieht Clubs wie das
       „Oceana“, eine halbe Stunde südlich von Beirut, vor. Für zwanzig US-Dollar
       werden hier immerhin fünf Pools geboten, einer davon in einem Areal, das
       nur für Erwachsene reserviert ist, selbstverständlich mit Poolbar und
       privaten Strandzelten, unbehelligt vom Nachwuchs; die Kinder können den
       ganzen Tag lang betreut in der „Kids Area“ spielen. Sonntags übernehmen die
       zwanzig- bis dreißigjährigen Partypeople die Pools, sie kommen direkt nach
       ihren langen Diskonächten, um zu ohrenbetäubender Progressive House, Trance
       und Techno-Musik an und in den Pools weiterzufeiern. Die traditionelle Kost
       des Libanons ist hier im „Oceana“ nicht angesagt. Kulinarisches aus den USA
       wird vorgezogen. Die verschiedenen Poolbereiche sind nach den US-Ketten,
       die die Poolabschnitte gepachtet haben. Die Sorge um den Stil der Pediküre,
       die Frisur und die Sonnenbrillenmarke scheinen wichtiger als die
       omnipräsenten und gewöhnungsbedürftigen Körperformen, die US-Food-Kultur
       erwachsen lassen.
       
       Doch da der Libanon ein Land voller Gegensätze ist, gibt es auch einen
       Gegenentwurf zu der kommerziellen Ausbeutung der hedonistischen Sehnsüchte
       der reichen christlich und sunnitisch geprägten Bevölkerung. Tief im Süden,
       einen Kilometer vor dem Hauptquartier der Vereinten Nationen, drei
       Kilometer vor der israelischen Grenze, wo das Hinterland noch voller Minen
       ist, bauten zwei engagierte Tierschützerinnen ihren Familiensitz in einer
       am Strand gelegenen Bananen- und Zitronenplantage zu einem kleinen
       Gästehaus, dem „Orange House“, aus. Eine Übernachtung inklusive einem unter
       Mimosen und Hibiskusbäumen servierten Frühstück aus organischen, selbst
       angebauten Zutaten kostet 50 US-Dollar, so viel wie eine Viertel Flasche
       Champagner in einer Beachlounge in der Hauptstadt. Dazu bekommt man die
       Aussicht auf die fein gestriegelten Ziegen, die die Milch für den
       Frühstückskäse geben, schauen zu, ebenso wie die zahlreichen
       herumflirrenden Kolibris und der freilebende Papagei.
       
       Von Juni bis September beobachten Mona Khalil und Habiba Fayad an einem der
       letzten naturbelassenen Strände des Landes Karett- und Suppenschildkröten.
       Sie führen Buch über die Eiablage, zählen die Weibchen, die hier seit
       Millionen von Jahren, lange vor der Erfindung von Religionen und
       Landesgrenzen und Beachclubs in einem Land, dessen Wasservorräte noch für
       zehn Jahre reichen, ihre Eier ablegen, schützen die Nester im Sand durch
       Gitter vor Füchsen und Hunden. Und für zehn Dollar Gebühr, die dem Schutz
       der vom Aussterben bedrohten Tiere zu Gute kommen, kann der meist
       ausländische Öko-Tourist hier von Mitte August bis Mitte September helfen,
       die Eier vorsichtig auszugraben und das einmalige Erlebnis genießen,
       hunderte von herzallerliebst tapsigen Mini-Dinosauriern in das Mittelmeer
       krabbeln zu sehen. Und wenn, wie die Statistik besagt, auch nur eine von
       hundert Babyschildkröten zwanzig Jahre überlebt, zur Geschlechtsreife kommt
       und ihre Eier dann wieder am Orange Beach ablegen will, muss sie es nur
       noch schaffen, den Müll, den die UN-Soldaten ins Meer schmeißen, zu
       umschiffen. Sie darf keine einzige schwimmende Plastiktüte mit ihrer
       Lieblingsspeise, Quallen, verwechseln, da das ihren Tod bedeuten würde. Da
       wegen der Erwärmung des Mittelmeers die Quallenpopulationen stark zunehmen,
       ebenso wie von Kugelfischen und Barrakudas, die ihren Weg durch den
       Suezkanal aus dem Roten Meer finden, besteht doch noch ein wenig Hoffnung,
       die Reptilienarten trotz aller Widrigkeiten zu erhalten. Denn ab einer
       Nesttemperatur von über 30 Grad wachsen mehr Weibchen in den Eiern heran.
       Hier duftet die Luft endlich wieder nach Jasmin und Kardamon.
       
       22 Sep 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) JASNA ZAJCEK
       
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