# taz.de -- „Wer hätte das gedacht“
       
       > Als der Frauenfußball in Deutschland noch nicht zugelassen ist,
       > trainieren 1969 bei Tennis Borussia Berlin bereits die ersten
       > Spielerinnen. Ihr Trainer ist der spätere Schlagerproduzent Jack White
       
       VON MARTIN KRAUSS
       
       „Jack war ein guter Trainer“, erinnert sich Rita Cygon, „der war kompetent
       und wusste, was er wollte.“ Auch Barbara Streuffert, von allen nur „Charly“
       gerufen, erinnert sich gern an den ersten Trainer ihrer Fußballkarriere:
       „Es war ja nicht einfach, Frauen zu trainieren, aber Jack hat das sehr gut
       gemacht, mit sehr viel Einfühlungsvermögen.“
       
       Streuffert und Cygon spielten ab 1969 beim Berliner Klub Tennis Borussia
       Fußball, und der, den sie so sehr loben, ist Jack White, Schlagerproduzent,
       Plattenmillionär und: Pionier des Frauenfußballs in Deutschland. Der gibt
       das Lob gern zurück. „Das war ja auch eine tolle Truppe“, sagt White.
       „Zweimal sind wir Berliner Meister geworden.“
       
       Ende der Sechzigerjahre ging es in Deutschland los mit dem Frauenfußball.
       In Frankfurt am Main gründete sich 1968 aus einem Schützenverein heraus ein
       Team, das sich den Namen „Oberst Schiel“ gab, und in Berlin bei Tennis
       Borussia sagten im Anschluss an ein Prominentenspiel die Frauen der Promis,
       dass sie das auch können. „Der Jack White hatte da zusammen mit Hänschen
       Rosenthal und Wolfgang Grunert gespielt“, erinnert sich Charly Streuffert.
       „Jack sagte: ‚Wenn ihr euch zu einer Gruppe zusammenfindet, bin ich bereit,
       euch zu trainieren.‘ “
       
       Am 28. September 1969 begann bei TeBe der Frauenfußball, ein Jahr, bevor
       der Deutsche Fußballbund (DFB) den Sport endlich erlaubte. „Ich war ja
       völlig entsetzt“, berichtete Streuffert von ihrem ersten Training. „Der
       Jack White hat da so was wie ‚Der-Plumpsack geht um‘ veranstaltet. Ich
       hatte mir Fußballtraining ganz anders vorgestellt.“ Aber Jack White hatte
       Ahnung vom Fußball. „Damals spielte ich in der Verbandsliga, das war die
       erste Amateurmannschaft von TeBe, also die sogenannte zweite Mannschaft“,
       sagt er. „Ich war ja Exprofi, da hat es für die Verbandsliga allemal
       gereicht.“ Unter seinem bürgerlichen Namen Horst Nußbaum war White von
       Hennes Weisweiler entdeckt worden: Zunächst kickte er als Profi bei
       Viktoria Köln, dann beim FK Pirmasens und später in der ersten
       niederländischen Liga beim PSV Eindhoven.
       
       „Horst Nußbaum sagte damals niemand“, erinnert sich Charly Streuffert, „wir
       sagten immer nur Jack.“ Denn es war immer weniger der Exprofi Nußbaum, der
       die Frauen coachte, sondern immer mehr der Schlagerproduzent White. „Da
       standen oft Lena Valaitis, Tony Marschall und solche Leute am Spielfeldrand
       rum, die hatten danach einen Termin mit Jack White“, berichtet die
       Exspielerin Rita Cygon, und Charly Streuffert ergänzt: „Die Promis, die am
       Trainingsplatz auftauchten, die hat der Jack White hergelotst, damit die
       uns sehen.“
       
       Die deutsche Schlagerprominenz bekam auf dem Nebenplatz des Berliner
       Mommsenstadions eine kleine Kulturrevolution zu sehen. Die Kickerinnen
       verstießen nämlich gegen das vom DFB 1955 verkündete Verbot. „Ganz viele
       Frauen wollten Fußball spielen und mussten dann zum Handball oder zur
       Leichtathletik“, sagt Gabriele Wahnschaffe, in den Siebzigern Spielerin und
       heute Abteilungsleiterin bei TeBe. „1969 stand bei uns in der Zeitung, dass
       der DFB bald grünes Licht geben wird und dass TeBe eine Mannschaft
       aufstellt“, sagt Charly Streuffert, „da bin ich hin und habe mich
       angemeldet.“
       
       Mit Whites Berühmtheit war es damals noch nicht so weit her. „Das war ja
       meine Anfangszeit in Berlin“, sagt er. „1968 fing ich an zu produzieren,
       1969 gewann ich mit ‚Heute so, morgen so‘ mit Roberto Blanco die Deutschen
       Schlagerfestspiele.“ Aber den Lebensunterhalt verdiente sich White anders.
       „Ich hatte damals in Berlin meine Diskothek, und die frische Luft beim
       Fußball war da eine gute Abwechslung.“ Als White seine Tätigkeiten
       miteinander verknüpfen wollte, klappte das nicht. „Er hat versucht, dass
       ich mal im ZDF mit meiner Gitarre auftrete. Das Hotelzimmer war gebucht,
       die Reise organisiert, aber im letzten Moment wurde das abgeblasen. Da kam
       per Telegramm die Absage“, erinnert sich Streuffert. „Jack White war damals
       bei denen noch nicht so bekannt. Das war 1972 oder ’73.“
       
       Zwei Jahre später, als Jack White berühmter war und sich aus Zeitgründen
       vom Trainerjob zurückgezogen hatte, versuchte es Streuffert noch einmal.
       „Jack hatte ja 1974 mit der Nationalmannschaft ‚Fußball ist unser Leben‘
       aufgenommen“, sagt sie. „Da habe ich ein Lied für den Frauenfußball
       gemacht.“ Darin heißt es: „Wir Frauen spielen Fußball / Wer hätte das
       gedacht / Wir fummeln durch die Reihen / Das ist ’ne wahre Pracht.“ Zweimal
       wurde Streufferts Song vorgetragen, zuletzt 1976 beim DFB-Bankett, nachdem
       TeBe das Finale um die Deutsche Meisterschaft gegen Bayern München verloren
       hatte. „Auch im Radio ist es gelaufen“, sagt sie. „Ich habe sogar paar Mark
       Gema-Gebühren bekommen.“
       
       Die Erfolge der deutschen Frauen bei der WM in China hat Jack White kommen
       sehen, sagt er. „Wenn ich die deutsche Nationalmannschaft sehe, muss ich
       sagen: Es ist erstaunlich, wie die sich entwickelt haben. Aber man hat das
       damals schon gesehen: Die hatten Talent.“
       
       29 Sep 2007
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) MARTIN KRAUSS
       
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