# taz.de -- Weiße Frauen und Rassismus
       
       > Das Verhältnis der weißen Gesellschaft zu den Anderen/Auch weiße Frauen
       > müssen sich ihre Teilhabe am Antisemitismus und Rassismus ihrer
       > Gesellschaft eingestehen, begreifen und bekämpfen  ■ Von Christina
       > Thürmer-Rohr
       
       Das Verhältnis der weißen Gesellschaft zu den Anderen wird gegenwärtig in
       Deutschland erneut sichtbar als ihr Kernproblem. Die gesellschaftlich,
       kulturell oder ethnisch Anderen trifft eine Gewalt und Gewaltbereitschaft,
       wie es sie seit 1945 nicht mehr gegeben hat. Gleichzeitig werden sie für
       die Gewalt, die sie verfolgt, verantwortlich gemacht: für eine Krise der
       bundesdeutschen Demokratie, für einen drohenden Staatsnotstand. Ob es sich
       um die Wiederkehr des alten oder um die Geburt eines neuen Rassismus
       handelt oder um einen stellvertretenden deutsch- deutschen Bürgerkrieg, der
       vorerst gegen die zu Eindringern und Wegnehmern gemachten Fremden ausagiert
       wird – in jedem Fall stellt sich die Frage, welche Gewalt von wem geduldet
       oder totgeschwiegen wird. Es ist die Frage nach dem Unrechtsbewußtsein der
       weißen Gesellschaft.
       
       Unrechtsbewußtsein nimmt Gewalt nicht als Schicksal der Opfer oder als
       Handlungszwang der Täter hin. Unrechtsbewußtsein heißt, auf der
       Erkennbarkeit, Benennbarkeit und Bekämpfbarkeit von Gewaltverursachern zu
       bestehen und die Gewaltverhältnisse als ebenso unzumutbar wie von Menschen
       veränderbar zu begreifen.
       
       Gewalt und Unrecht gegen wen? Bei dieser Frage ergeben sich drei
       unterschiedliche Seiten des Unrechtsbewußtseins: sie betreffen das Unrecht,
       das ich erfahre, das Unrecht, das Andere erfahren und das Unrecht, an dem
       ich beteiligt bin. Diese Seiten zeigen, welche Zumutungen und Verletzungen
       das jeweilige Unrechtsbewußtsein umfaßt bzw. ausschließt.
       
       1.Die erste Form des Unrechtsbewußtseins bezieht sich auf die Gewalt, die
       mir oder uns angetan wird. Die eigene Person bzw. die eigene soziale,
       ethnische etc. Gruppe erfährt Benachteiligungen, Verletzungen,
       Diskriminierungen. Die großen sozialen und politischen Bewegungen der
       Geschichte sind getragen vom Unrechtsbewußtsein der Betroffenen. In den
       Arbeiterbewegungen des 19. Jahrhunderts, den Befreiungsbewegungen in
       Lateinamerika, der Bürgerrechtsbewegung in den USA, den Frauenbewegungen,
       Friedensbewegungen kämpfen die Beteiligten gegen die Ungerechtigkeiten der
       eigenen Verhältnisse, für die Veränderung ihrer Situation.
       
       2.Eine zweite Form des Unrechtsbewußtseins bezieht sich auf eine Gewalt,
       die anderen Personen, anderen sozialen, ethnischen etc. Gruppen zugefügt
       wird. Hier geht es nicht um das, was mir passiert sein oder passieren
       könnte, sondern um das Unrecht, das Anderen zugefügt wird und das mich
       nicht direkt betrifft. So kennen z.B. weiße Menschen keine rassistische
       Gewalt, wie schwarze Menschen sie kennen, Männer erleben keine sexistische
       Gewalt, wie Frauen sie erleben, Angehörige dominanter gesellschaftlicher
       Gruppen erfahren keine Diskriminierungen, wie dominierte Gruppen oder
       Minderheiten sie erfahren. Hintergrund des Unrechtsbewußtseins ist hier die
       Überzeugung, daß die Verletzungen des Anderen ungerechtfertigt sind, also
       das Interesse an der Situation anderer Menschen. Das Engagement gegen das
       Unrecht an Anderen ist viel unzuverlässiger als dasjenige gegen
       selbsterfahrene Unterdrückungen. So sind auch kaum massenhafte soziale
       Bewegungen bekannt, in denen die Verbesserung der Situation von Anderen ein
       dauerhaftes, glaubwürdiges und tragfähiges Motiv des Handelns
       Nicht-Betroffener gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund ist das tiefe
       Mißtrauen zu verstehen, das die Kolonisierten den weißen europäischen
       Unterstützern während der antikolonialen Revolutionen entgegengebracht
       haben. Das Problem ist damit aber nicht erledigt. Es wird für weiße
       europäische Menschen und Gesellschaften letztlich das Problem angesichts
       der rassistischen Gewalt in der Festung Europa. Die Unmöglichkeit, das
       Engagement gegen das Unrecht an Anderen zu behaupten, wäre gleichzusetzen
       mit dem Eingeständnis, daß weiße Menschen sich nicht glaubwürdig gegen
       Rassismus einsetzen könnten. Ist ein Bewußtseinswandel denkbar, mit dem
       über die eigenen Interessen hinaus gehandelt werden kann? Und wäre das
       überhaupt ein Handeln ausschließlich im Interesse Anderer?
       
       3.Eine dritte Form des Unrechtsbewußtseins bezieht sich auf Handlungen, die
       ich ausgeübt habe bzw. die eigene gesellschaftliche Gruppe ausgeübt hat
       oder ausübt. Es geht also um diejenigen, die an den Verletzungen und
       Unterdrückungen anderer Menschen als Subjekte, Täter, Mittäterinnen,
       Unterdrückerinnen beteiligt sind. Unrechtsbewußtsein heißt hier, die
       Einsicht zu entwickeln, daß die entsprechenden Handlungen ungerechtfertigt
       waren und daß sie nicht wiederholt werden dürfen. Dieses Bewußtsein setzt
       eine individuelle und kollektive Selbstkritik voraus, Kritik an den Taten
       der eigenen Kultur, Kritik an den Prägungen, die jene an ihren Mitgliedern
       und damit auch an der eigenen Person vornimmt. Wenn z.B. nicht-jüdische
       Deutsche sich mit dem Antisemitismus und weiße Deutsche mit dem Rassismus
       befassen, muß das heißen, die Teilhabe der eigenen Gesellschaft an
       Antisemitismus und Rassismus zuzugestehen, einzusehen, zu begreifen, zu
       bekämpfen, sich außerdem selbst als Zugehörige zu dieser Gesellschaft zu
       verstehen und somit auch als verantwortlich für das, was in dieser
       Gesellschaft passiert. Die gegenwärtige Situation in Deutschland zeigt
       täglich neue Symptome für das Verschwinden eines Unrechtsbewußtseins
       gegenüber Taten der eigenen Gesellschaft und ihrer Geschichte. „Es ist ein
       Kennzeichen der neuen deutschen Dreistigkeit im Umgang mit der Geschichte,
       daß Fragen nach Ursache und Wirkung, nach der Kausalität der Ereignisse,
       kaum noch gestellt werden. Und daß im selben Maße, in dem man sich mit den
       Verbrechen ,der anderen‘ beschäftigt, die Sensibilität für das von den
       eigenen Landsleuten begangene Unrecht abnimmt.“ Wer sich zum Opfer
       stilisiert, hat die Legitimation gefunden, auf ein Unrechtsbewußtsein
       gegenüber den Taten der eigenen Gesellschaft oder Person verzichten zu
       dürfen: Die Anderen sind noch schlimmer als Wir! Also haben wir das Recht,
       die Anderen zu beschuldigen, uns reinzuwaschen.
       
       Diese drei Seiten des Unrechtsbewußtseins gehören zusammen, jedenfalls für
       die meisten Mitglieder der Weißen Ersten Welt. Das Unrechtsbewußtsein, das
       notwendig ist, um einer grassierenden Gewalt und Gleichgültigkeit zu
       widersprechen, muß sich auch auf die Realität von anderen Menschen
       beziehen, und auf die Gewaltgeschichte und -gegenwart der Gesellschaft,
       deren Teil wir sind. Dabei geht es nicht um Schuldgefühle, sondern um die
       Fähigkeit, sich als Teil eines Ganzen zu verstehen, die eigenen Erfahrungen
       zu relativieren am Maßstab der Erfahrung von Anderen und den eigenen
       Beitrag gegen die Ausbreitung von Gewalt, Ignoranz und Ausgrenzung zu
       erbringen.
       
       Der weiße Feminismus-West hat sich nicht erst seit heute der Kritik
       aussetzen müssen, immer wieder einer eingeschränkten Sicht auf Herrschaft
       und Gewalt verfallen zu sein. Feministisches Engagement war bisher
       erstrangig ein Engagement der Betroffenen, gegen Benachteiligungen und
       Gewalt, die weiße Frauen in der weißen Gesellschaft erfahren. Ausgegrenzt
       aus der feministischen Kritik waren Herrschaftsformen, die nicht
       sexistisch, sondern rassistisch und ethnizistisch sind und somit die weiße
       westliche Frau nicht treffen. Ausgegrenzt war, was die eigene Kultur
       außerhalb der eigenen kulturellen Grenzen anrichtet; ausgegrenzt war eine
       Herrschaftskritik, die sich mit der kapitalistischen Form des Umgangs mit
       Menschen und Natur befaßt, waren die Erfahrungen derjenigen, die an der
       westlichen Kultur zu leiden haben, aber anders und oft umfassender, als die
       westliche weiße Frau an ihr zu leiden hat. Ausgegrenzt waren schließlich
       auch diejenigen Frauen, die zwar im eigenen Umfeld lebten, also keineswegs
       unsichtbar und fern sind, aber aus dem eigenen Identitätsmaßstab
       herausfallen. Wenn Feminismus aber Patriarchatskritik im Sinne von
       Herrschaftskritik bedeuten soll, muß der Rassismus ebenso wie der Sexismus
       zum tragenden Bestandteil der Patriarchatskritik weißer Frauen werden.
       
       Beim Rassismus der christlich- abendländischen Kultur handelt es sich nicht
       nur um eine 500 Jahre zurückliegende Geschichte einzelner europäischer
       Kolonisatoren, sondern auch um die Vorgeschichte europäischer Männer und
       Frauen. Und hier finden sich Elemente westlich-europäischer Identität, die
       offensichtlich bis zur Gegenwart wirksam sind. Auch weiße Frauen können
       sich aus dieser Geschichte nicht herausstehlen. So ist die spanische
       Conquista untrennbar verbunden mit einer Frau, der Königin Isabella von
       Kastilien, in deren Auftrag Kolumbus in die Neue Welt segelte. Die Königin
       von England, Elizabeth I., war wesentlich verantwortlich für den englischen
       Sklavenhandel. In den amerikanischen Südstaaten hatten weiße Herrinnen
       wertvolle Einnahmen aus dem Besitz an Sklaven und Plantagen, vor allem wenn
       ihre Männer in den unzähligen militärischen Kleinkriegen frühzeitig das
       Zeitliche segneten. Missionarinnen und Missionarsfrauen, Lehrerinnen,
       nachgeholte Ehefrauen der Kolonisatoren waren, wenn auch in untergeordneten
       Positionen, an den Unterwerfungen und Indoktrinationen beteiligt. Die
       Geschichte der europäischen Eroberungen ist voller Beispiele von Frauen,
       die die Kämpfe der Männer aktiv unterstützten (siehe Martha Mamozai). Es
       ist also nicht haltbar, europäische Frauen von der Teilhabe an der
       Kolonialgeschichte und der rassistischen Praxis einfach zu entlasten mit
       dem Hinweis, sie seien abhängig vom Mann und selber Opfer von Gewalt
       gewesen. Selbstverständlich trifft das zu, bleibt aber nur eine Seite der
       Wahrheit.
       
       Die Geschichte europäischer Expansion, der Erfahrung scheinbar grenzenloser
       Macht und Machbarkeit, die Geschichte des Sieges und des Vorteils zeigt
       ihre Tiefenwirkung bis heute. So besteht eine Gemeinsamkeit von Mitgliedern
       der westlichen weißen Welt darin, daß sie NutznießerInnen eines weiterhin
       bestehenden Ausbeutungsverhältnisses sind. „Ein Mensch heißt bei uns ein
       Komplize, weil wir alle von der kolonialen Ausbeutung profitiert haben“
       (Jean-Paul Sartre). Und direkt oder indirekt haben weiße Menschen sich im
       Verhältnis zu den Anderen zu TrägerInnen eines Normalbewußtseins
       entwickelt, das offenbar in aller Selbstverständlichkeit von den folgenden
       Ansprüchen ausgeht: dem Recht auf den eigenen Vorteil, der Beurteilung der
       Anderen am eigenen Maßstab, der Verallgemeinerung der eigenen Perspektive,
       der Definitionsmacht über die Anderen, der Ausübung oder der Duldung von
       Gewalt, die von Mitgliedern der eigenen Kultur an denjenigen anderer
       Kulturen und „Rassen“ begangen wird.
       
       Es ist ein Amalgam aus Arroganz, Ignoranz, Abschottung und Zugriff – je
       nach Herrschaftsposition und Herrschaftsbefugnis. Und da das Herrenvolk nie
       nur aus Herren, sondern auch aus Untertanen und Untertaninnen besteht, ist
       nicht nur der kleine Mann im eigenen Land, sondern auch die Frau Untertan
       im Herrenvolk. In diesem neigen auch die UntertanInnen dazu, sich als
       Herrschaften zu entwerfen, sobald sie dazu Gelegenheit haben. Diese
       Gelegenheit ergibt sich am sichersten und gefahrlosesten in der Behandlung
       der Anderen – im und außerhalb des eigenen Landes. Im Verhältnis zu den
       Anderen ist der Testfall gegeben, inwieweit weiße Menschen TrägerInnen
       einer rassistischen Identität sind. Hier entscheidet sich, ob sie und wo
       sie ihre Grenzen kennen, ob sie und wie sie die Anderen aufnehmen und als
       Andere gelten lassen, ob sie in der Lage sind, Verantwortung für die eigene
       Geschichte und Gegenwart zu übernehmen und sich über das Begreifen von
       Irrtümern verändern können.
       
       Die weiße Frauenbewegung der letzten rund 20 Jahre (ebenso die sogenannte
       erste Frauenbewegung seit Ende des 19. Jahrhunderts, von der im folgenden
       aber nicht die Rede ist) ebenso wie feministische Theoretikerinnen in den
       westeuropäischen Ländern haben die rassistischen Herrschaftsverhältnisse
       kaum in die eigene Gesellschafts- und Patriarchatskritik einbezogen. Das
       betrifft vor allem die autonome Frauenbewegung der siebziger und achtziger
       Jahre, ebenfalls große Teile der Frauenforschung. Diese Ausblendung wurde
       spätestens seit Ende der achtziger Jahre unübersehbar. Sie ist nicht
       einfach ein Versäumnis, das nun durch Addition des Rassismusproblems zu den
       bisherigen feministischen Fragestellungen behoben werden könnte. Der weiße
       Rassismus ist nicht einfach ein neues zusätzliches „Thema“, dem sich nun
       auch Feministinnen zuwenden müßten, sofern sie nicht ins politische oder
       wissenschaftliche Abseits geraten wollen.
       
       Die Ausblendung rassistischer Herrschaftsverhältnisse aus der
       feministischen Kritik bedeutet mehr als die grundsätzlich unvermeidbare
       Tatsache, daß wir immer wieder Teile der Realität übersehen und nicht alles
       gleichzeitig im Blick haben können. Das ständig neue Auffinden blinder
       Flecken gehört schließlich zu jedem Prozeß politischer Arbeit und
       wissenschaftlicher Erkenntnis, wenn beide nicht versteinern und dogmatisch
       werden wollen. Denn diese Ausblendung zeigt nicht nur die immer wieder und
       überall auftauchenden „natürlichen“ Grenzen des Auffassungsvermögens,
       sondern sie ist selber rassistisch. Dabei ist wichtig zu betonen, daß das
       Adjektiv „rassistisch“ hier nicht im Sinne eines bloßen Schimpfworts oder
       eines Kampfbegriffs verwendet werden soll, der gern eingesetzt wird, um
       unbelehrbare Rassisten von edlen Antirassisten zu scheiden, dabei die
       eigene Person selbstverständlich den letzteren zuordnet und so neue
       Ausgrenzungen und Eingrenzungen vornimmt. Da Rassismus nicht nur ein
       Problem von Randgruppen ist, sondern „in der Mitte der Gesellschaft“
       (Andreas Foitzik) liegt, ist das Wort auch zur besonderen Stigmatisierung
       Einzelner nicht geeignet. Denn Rassismus ist Bestandteil der weißen Kultur
       und damit auch in das Denken und Handeln der weißen Menschen dieser Kultur
       eingegangen. Mit der Kategorisierung in die Schlechten und die Guten, die
       rechtsextremen Rassisten und die nicht-rassistische Mehrheit „wird
       verschleiert, daß wir alle in einer rassistischen Gesellschaft leben, daß
       sich der Reichtum unserer Gesellschaft auf die Ausbeutung von Menschen aus
       anderen Ländern stützt und zur Legitimation dieser Ausbeutung diese
       Menschen abgewertet und ausgegrenzt werden, daß Rechte wie Linke,
       Konservative wie Liberale, Feministinnen wie Umweltschützer, Mächtige wie
       Machtlose rassistisch orientiert sind, wenn sie in dieser Gesellschaft
       aufgewachsen sind und nicht gelernt haben, sich bewußt davon zu
       distanzieren“ (Birgit Rommelspacher). Es gibt also keinen Grund, hier mit
       der Geste des Vorwurfs und des Besserwissens zu reden. Vielmehr geht es
       darum, die Herrschaftsweisen dieser Kultur zu begreifen, immer wieder den
       Mut aufzubringen, mehr zu begreifen als das, was wir bisher begriffen
       haben, zu begreifen, was wir tun und nicht tun könnten.
       
       Ein feministisches Denken und Handeln ist als rassistisch zu kennzeichnen,
       sofern es den Ausschluß und die Vereinnahmung der Anderen und die
       Überlegenheit der eigenen Positionen impliziert – auch wenn das ganz
       unbeabsichtigt und ungewollt geschieht. Der Westfeminismus hat zunächst die
       Geschlechterhierarchie innerhalb der eigenen Kultur zum Gegenstand der
       Kritik und Veränderung gemacht, also einen Aspekt dieser Herrschaft: das
       Verhältnis weißer Mann – weiße Frau; er hat die Männerherrschaft
       angegriffen und analysiert, die gegen weiße Frauen im eigenen Land
       gerichtet ist. Die Akzentsetzung ist nicht rassistisch. Sie wird es, wenn
       die innerkulturelle weiße Geschlechterhierarchie hinterrücks zum Modell für
       weiße Herrschaft überhaupt gemacht wird; wenn die eigene Erfahrung
       generalisiert und zur monokausalen Erklärung aller anderen weißen
       Herrschaftsweisen erhoben wird. Dieses Denken ist ignorant oder
       gleichgültig gegenüber ganz anderen Erfahrungen mit der weißen Kultur,
       Erfahrungen aus der Perspektive derjenigen, die an der gleichen Kultur zu
       leiden haben, aber anders und meist mehr, als die weiße Frau zu leiden hat.
       Der Herrschaftsanspruch, den die eigene Kultur in die Welt trug und trägt –
       mit Rassismus und Antisemitismus, mit Raubbau und Landnahme, mit Waffen und
       Geld, mit neuen Technologien und alten Ideologien –, wird mit seiner
       Ausblendung verkleinert und bagatellisiert und im Bewußtsein gelöscht. Er
       bleibt damit unsichtbar und unwidersprochen. Veränderungsforderungen können
       sich so weiterhin vorrangig auf das angebliche Hauptproblem, die
       Diskriminierung der weißen Frau, richten und das Problem der kulturellen
       Hegemonie unangetastet lassen. Sie sind Symptome für das Eingebundensein
       der weißen Frauen in die eigene rassistische Gesellschaft. Auch weiße
       Frauen bringen mit ihren Ausgrenzungen und Ausblendungen zum Ausdruck, daß
       sie integriert sind in ein Herrschaftssystem, das nicht nur die Frauen
       unterdrückte, sondern sie gleichzeitig als Komplizinnen braucht, um mit
       ihnen die Unterdrückung der Anderen zu praktizieren. Unterdrückung und
       Gewalt des weißen Mannes gegen „uns“ und unseresgleichen haben wir nicht
       übersehen und nicht geduldet. Unterdrückung und Gewalt des weißen Mannes
       gegenüber den Anderen und außerhalb unseres kulturellen Blickfelds haben
       wir an die Peripherie des Interesses gerückt oder delegiert an eine
       „nicht-feministische“ Opposition jenseits des eigenen
       Zuständigkeitsbereichs, z.B. an linke oder christliche Gruppierungen.
       Jedenfalls haben wir die Unterdrückung der Anderen durch die eigene Kultur
       nicht explizit zum Bestandteil feministischer Arbeit gemacht.
       
       Den Rassismus – wie den Sexismus – zum zentralen Gegenstand weißer
       feministischer Gesellschaftskritik zu machen, heißt also viel mehr, als
       Ergänzungen bisheriger Problemansichten und politischer Ziele vorzunehmen.
       Es würde eine grundlegende Um- Orientierung des gesellschaftlichen
       Problemverständnisses, des Selbstverständnisses bedeuten: die
       Um-Orientierung vom „Problem haben“ zum „selbst ein Problem sein“. Denn
       auch die weißen und christlichen Frauen haben nicht selbst das Problem
       rassistischer und antisemitischer Diskriminierung, sondern sind Trägerinnen
       des Problems; sie gehören zu der Kultur, die das Problem ist und das
       Problem macht. Im weißen Common sense werden demgegenüber die dominierten
       Gruppen als Probleme verursachend angesehen: sie überschwemmen das Land,
       sind arm, kriminell, anspruchsvoll, unzivilisiert, fremd, anders. Und die
       Asylsuchenden werden derzeit nicht nur vom deutschen „Mob“, sondern auch
       von den politischen Funktionsträgern für Rechtsterrorismus und Gewalt
       verantwortlich gemacht. Die dominierenden weißen Gruppen haben demgemäß mit
       den Anderen die Probleme. Diese herrschende Regel, diese Externalisierung
       der Probleme zu durchbrechen bedeutet für die Mitglieder der dominierenden
       weißen Gruppe, ihr eigenes Problem zu erkennen, und es da zu orten, wohin
       es gehört: in der eigenen Gesellschaft und bei deren Mitgliedern. Sie
       müßten sich mit ihrer eigenen Vergesellschaftung und mit ihrer eigenen
       Geschichte befassen – allerdings mit einem erweiterten, nicht allein
       antisexistischen Herrschaftsverständnis.
       
       Wenn wir an einem utopischen Begriff von Gesellschaftskritik festhalten und
       mehr wollen als die Erhaltung des Status quo für uns bzw. einige
       Verbesserungen für uns im Status quo, dann geht es nicht mehr nur um die
       eigene Diskriminierung, sondern ebenso um die Diskriminierung von Anderen,
       dann müssen wir unser Verhältnis zu den Anderen ansehen.
       
       Dieses wurde in den letzten Jahren unmißverständlich sichtbar:
       
       1.Betroffene von Rassismus und Antisemitismus in Deutschland,
       Immigrantinnen, schwarze und jüdische Frauen, konfrontierten weiße
       Feministinnen seit Ende der achtziger Jahre mit ihren ethnizistischen
       Sichtweisen und ihrem rassistischen Verhalten. Sie wiesen z.B. auf die
       selbstverständliche Ignoranz gegenüber Arbeiten von Frauen aus
       nicht-europäischen Ländern hin; auf selektive Geschichtswahrnehmung; auf
       ausgrenzendes Verhalten, ausgrenzendes Politikverständnis, ausgrenzende
       Stellenpolitik; auf Vorurteile und Diskriminierungen im Nicht-Umgang mit
       Minderheitsfrauen (und -männern) in der feministischen Theoriebildung, in
       feministischen Projekten, in feministischer Politik; auf Dominanzansprüche
       weißer Frauen in der Definition von Fragestellungen und in der
       Prioritätensetzung von Problemen.
       
       2.Die deutsche Vereinigung und der Zusammenbruch der sozialistischen
       Staaten in Osteuropa konfrontierte uns mit der Tatsache, daß der
       Westfeminismus keine Sprache hatte, keine Idee, keine Vision, um der
       unvorhergesehenen Situation zu begegnen. Das heißt nicht, vom Feminismus
       Wunder zu erwarten, politische Großkonzepte, die im Moment niemand hat.
       Aber auch auf der ganz unspektakulären mitmenschlichen Ebene, im Kontakt
       zwischen West- und Ostfrauen unterschieden sich Westfeministinnen wenig von
       einem Verhaltenstyp, der seit der Wende als Prototyp westlicher Arroganz in
       Erscheinung getreten ist. Die berühmte Geschlechter-Differenz-Theorie
       jedenfalls hat keinen besonderen Auftrieb mit den Erfahrungen der
       Ost-West-Kollision erhalten. Westfeministinnen verhielten sich in den
       formellen und informellen Zusammenkünften nicht viel anders als der
       kritisierte westliche und männliche mainstream. Die Begegnung mit den
       Anderen wurde auch hier allzu oft zur Bühne der Überheblichkeit, des
       Besserwissens, der Herablassung oder einfach der Abwehr und Abkehr, des
       Rückzugs in die eigenen vertrauten Kreise der Gleichen.
       
       Bereits vor diesen Konfrontationen mit dem konkreten Anderen und mit
       eigenen Übereinkünften, die die Anderen vergessen oder diskriminieren, war
       seit den achtziger Jahren allerdings auch schon interne feministische
       Kritik und Selbstkritik vernehmbar. Der Schock der letzten Jahre traf so
       auch nicht alle Beteiligten aus völlig heiterem Himmel. Schon längst vor
       den politischen Umbrüchen in Deutschland und vor der Konfrontation mit
       einer anderen Realität waren die Stagnation der Bewegung und die oft
       beklemmende Enge feministischer Problemsichten auch von weißen
       Feministinnen benannt worden. Die mehr als 100 Jahre alte Kritik an
       „Kleinlichkeiten“ (Hedwig Dohm) und Selbstbespiegelungen vor allem der
       „bürgerlichen“ Frauen, am Familienegoismus und Kleinstgruppennarzismus, am
       Verhaftetsein in Partialinteressen, an der Ferne zu Ideal und Idee hatte
       sich längst wieder aktualisiert. Der feministische Separatismus, anfangs
       noch Kampfansage und politische Methode, schien zu einem Separatismus im
       Denken heruntergekommen zu sein, der auf die „großen Fragen“ der Zeit, auf
       überindividuelle und überregionale Fragen wenig Bezug nehmen zu müssen
       meinte. Der Begriff „Gesellschaft“ schien immer abstrakter zu werden. Das
       Ich, die eigene Person, das „einzig Permanente, die einzige Person, mit der
       man lebenslang zusammenleben muß“ (Norbert Elias), schien einen immer
       größeren Aufmerksamkeitsraum einzunehmen. Die Anderen und das Andere waren
       in Grauzonen des Interesses gerückt. „Jede Frau denkt an sich, jede Frau
       lernt ich sagen“. Das hatte vielleicht mal einen rebellischen Klang, denn
       Frauen waren zu lange dazu da, nicht an sich, sondern an „andere“ zu
       denken, wobei damit erstrangig Mann, Kinder, Verwandte gemeint waren. Die
       historisch immer zu kurz gekommene Berücksichtigung eigener Interessen
       hatte vielen die Ego-Zuwendung offenbar zu einer Art Postulat gemacht,
       jedenfalls zu einem legitim erscheinenden, neuen Liebesversuch.
       „Emanzipation“ und Selbstbestimmung schien für viele zu heißen, das
       Interesse von allen Anderen auf sich selbst abzuziehen, die Welt verblassen
       zu lassen und vornehmlich das eigene Ich zu beleuchten. Das „besondere
       Recht auf Widerstand gegen Unterdrückung“, das Olympe des Gouges vor 200
       Jahren für Frauen einklagte, sollte es heillos identisch sein und bleiben
       mit dem Widerstand gegen meine Unterdrückung? Der Feminismus krankte an
       Horizontverengung und Monokultur, an defensiver Abschottung und
       Undurchlässigkeit der eigenen Kreise und Identitäten.
       
       Die Kritik an diesen Erscheinungen trat aber irgendwann auf der Stelle,
       drehte sich im Kreise. Die Phänomene des Weltmangels, der Rückzugsneigung,
       der eisernen Ich-Fixierung, der Abwesenheit der Anderen, konnten zwar als
       Spiegel weiblicher Normalexistenz, als Fortwirkung eines weiblichen Erbes
       analysiert und erklärt werden. Aber das Benennen und Besprechen der Fakten
       und Bedingungen verblieb eben oft nur im Stadium des Appells, der
       ungeduldigen Anklage und Selbstanklage, des Ausdrucks von Enttäuschung,
       Unzufriedenheit oder Verzweiflung. Es fehlte uns die Politisierung des
       Begriffs „Die Anderen“. Das problematische Verhältnis zu den Anderen konnte
       noch nicht mit dem Rassismusproblem und der eigenen Zugehörigkeit zur
       Dominanzgesellschaft zusammengedacht werden. Der Weg zu den Anderen braucht
       die Erfahrung mit den Anderen, die Konfrontation mit der Realität, die
       wirkliche Begegnung.
       
       Wie sehen Begegnungen zwischen Frauen der dominanten und der dominierten
       Gruppen standardmäßig aus? Zunächst Beispiele aus der Perspektive schwarzer
       Frauen: Audre Lorde berichtet von einer akademischen Tagung, auf der sie
       ihren Zorn über die rassistische Realität zum Ausdruck brachte. Eine weiße
       Frau spricht sie daraufhin an: „Sag mir, wie du dich fühlst, aber sag es
       nicht zu hart, sonst kann ich dich nicht hören.“ Nach einem Forum über
       „Schwarze und weiße Frauen“ antwortet eine weiße Frau auf die Frage, was
       die Woche ihr gebracht hat: „... mir hat sie eine Menge gegeben. Ich habe
       das Gefühl, daß schwarze Frauen mich jetzt wirklich viel besser verstehen.“
       Paula Ross hingegen sagt an die Adresse der weißen Frauen: „Wenn du nicht
       zuhören kannst, wie willst du erfahren, was ich dir sagen will? Ich habe
       diese Frage immer wieder gestellt. Oft kam die Rückfrage: ,Aber was soll
       ich tun, nachdem ich zugehört habe? Ich fühle mich so schuldig.‘“ (Paula
       Ross)
       
       Diese Reaktionen weißer Frauen zeigen
       
       1.Angst: Weiße Frauen fürchten den Zorn schwarzer Frauen. Sie fürchten ihn
       mehr als die eigenen rassistischen Haltungen;
       
       2.Schuldgefühl: Weiße Frauen reagieren mit persönlichen Schuldgefühlen,
       sobald sie mit den Aussagen und Forderungen schwarzer Frauen konfrontiert
       werden. Diese Schuldgefühle „werden zum Kunstgriff, um die eigene Ignoranz
       zu schützen, um die Dinge so zu lassen, wie sie sind; sie werden zum
       Schutzschild gegen jegliche Veränderung“;
       
       3.Egozentrismus: Weißen Frauen ist der Anspruch, selber verstanden zu
       werden, wichtiger als der Anspruch, schwarze Frauen zu verstehen, als
       bestünde der Kern des Rassismusproblems darin, daß weiße Frauen zu wenig
       Verständnis bei schwarzen Frauen finden; sie erwarten, daß die Erkenntnis
       der schwarzen Frauen erstrangig ihnen selbst dienen soll;
       
       4.Delegation: Weiße Frauen machen ihre Auseinandersetzung mit dem Rassismus
       abhängig von der Anwesenheit und dem Impuls schwarzer Frauen: sie
       delegieren das Problem, statt es zur eigenen Sache zu machen.
       
       Wenn wir diese Haltungen nicht nur als vereinzelte, sondern als
       exemplarische verstehen, dann müssen wir sie als Formen oder als Vorformen
       des Rassismus reflektieren. Sie bekommen damit ein großes politisches
       Gewicht. Denn sie sind nicht nur Anzeichen weiblicher Defizite, d.h. nicht
       nur Anzeichen von Erfahrungsmängeln, Wissensmängeln, von Angst oder
       Unsicherheit. Das Problem Rassismus wird heruntergespielt, wenn es nur in
       rechtsextremistischen Aktionen und in der unmittelbaren Gewalt gegen
       Ausländer/innen aufgefunden werden will. Es zeigt sich in seinen
       Grundstrukturen schon in Kommunikationsgewohnheiten, in
       Selbstverteidigungen und -rechtfertigungen, die auf den ersten Blick
       harmlos oder einfach dreist und kleinkariert erscheinen mögen, auf den
       zweiten Blick aber als Ausdruck einer kulturellen Grundhaltung erkennbar
       werden, mit der den Anderen der Respekt, das volle Daseinsrecht und ihre
       Geschichte (mit der weißen Welt) abgesprochen wird.
       
       Hierher gehört auch der Unterdrückungswettlauf, an dem weiße Frauen sich
       oft beteiligen, sobald sie der Realität der Anderen, d.h. dem Vergleich
       ausgesetzt sind. Die Position des Opfers erscheint wie eine
       Vorzugs-Position, die unbedingt anzustreben ist. Der Begriff „Opfer“
       bekommt eine „neiderweckende Begehrens-Aura“ (Jürg Laederach). Der
       Opferstatus scheint in Gefahr, wenn schwarze Frauen den weißen ihre
       Privilegien vorhalten. Und so kommt es zu den Standard-Einwänden: Ich bin
       doch auch ... unterdrückt oder arbeitslos oder lesbisch oder sexuell
       mißbraucht oder alleinerziehend etc. Außerdem: „Die Armut ist weiblich,
       überall.“ Und: „Wir leben nicht in einer Wohlstandsgesellschaft, sondern in
       einer Zwei-Drittel-Gesellschaft.“ Und wer darauf hinweist, daß die weiße
       Realitätswahrnehmung immer wieder die wirklichen Opfer unsichtbar macht,
       daß die Opfer immer wieder unsichtbar gemacht werden (Golfkrieg, Gewalt
       gegen Flüchtlinge, naturwissenschaftliche Forschung etc.), bekommt zu
       hören, es gehe aber im wesentlichen um die „Opferseite in uns“. Oder es
       heißt: „Ich habe nicht die Kraft, den Opfern zu begegnen.“ Oder „Du redest
       so hart mit uns.“ Oder „Das macht Schuldgefühle. Schuldgefühle lähmen.“
       
       Das trifft zwar zu. Aber es geht gerade nicht um Schuldgefühle. Die Kritik
       und Analyse unserer weißen Realität verfolgt ja gar nicht das Ziel,
       Schuldgefühle zu provozieren. Sie sind die falsche Reaktion auf Tatsachen,
       die das Individuum nicht hören will. Mit dem Hinweis, daß Schuldgefühle
       lähmend, unerträglich und schädlich und also zu vermeiden seien, werden die
       Fakten ganz schnell mitvermieden. Die falsche Gefühlsreaktion wird auf
       einmal zum wesentlichen Faktum gemacht, während die Fakten, um die es
       eigentlich geht, von der Bildfläche verschwinden. Das Schuldgefühlsargument
       wird zur Waffe gemacht gegen den Versuch, eine Öffnung zu den Anderen in
       unserem Bewußtsein zu erreichen. Schuldgefühle verhindern das. Sie sind
       kein Weg zu den Anderen. Allenfalls ein Weg zu sich ganz allein, eine
       Fallgrube, in der die Einzelnen versinken und gar nichts mehr fühlen als
       den eigenen niederdrückenden Zustand absoluter Ohnmacht, den Zustand der
       zugeschnürten Kehle, den Stupor. „Schuldgefühle ... sind die Steine einer
       Mauer, an der wir alle zerschellen werden“, „Schuldgefühle sind nur wieder
       eine Möglichkeit, sich durchdachtes Handeln zu ersparen.“ Schuldgefühle
       sind „nur ein anderer Ausdruck ... für eine Verteidigungshaltung, an der
       jegliche Kommunikation zerbricht“ (Andre Lorde).
       
       Ebenso ist die Konkurrenz um einen möglichst ansehnlichen Platz in der
       Hierarchie der Opfer ein ganz egozentrischer Akt, der alle verändernden
       Begegnungen verhindert. Die andere Existenz, der andere Schmerz der Anderen
       wird in seinem eigenen Recht nicht gelten gelassen, er wird sogleich
       relativiert am eigenen Vergleich. Die eigene Befindlichkeit und
       Selbstdefinition bleiben Zentrum des Interesses und Perspektive der
       Wahrnehmung. Die weiße Frau befürchtet einen Verlust, den „Verlust ihrer
       Privilegien und ihres Schmerzes“ (Paula Ross). Auch der Hinweis auf die
       Armut im eigenen Land hat in diesem Zusammenhang die Funktion der
       Ablenkung, er ist ein Stop-Zug, der den Blick auf die andere Realität
       umlenkt auf die eigene oder potentiell eigene. Schließlich zum Vorwurf, es
       werde so „hart“ gesprochen: Wer die Dinge benennt, ist deswegen nicht hart
       oder macht die Dinge nicht hart, sondern sie sind hart. Wer die Sprecherin
       zur „harten Person“ und als hartherzig stempeln will, weil sie sich selbst
       und anderen weißen Frauen die Realität zumutet, beteiligt sich auch hier
       wieder an der bewährten konzertierten Ablenkungsarbeit, zwingt die
       Aufmerksamkeit wieder in Richtung der eigenen Verletzbarkeit, Unfähigkeiten
       und Grenzen.
       
       Wenn hier von einer grundlegenden Veränderungsbedürftigkeit des
       Verhältnisses zu den Anderen die Rede ist, dann sind damit nicht simple
       Umkehrungen der bestehenden Normen in ihr Gegenteil gemeint: vom Rassismus
       zum „positiven Rassismus“, von der Xenophobie zu Xenophilie, von der
       Ausländerfeindlichkeit zur Inländerfeindlichkeit, vom Antisemitismus zum
       Philosemitismus. Die appellative „Ausländerliebe“ ist keine Therapie gegen
       den Rassismus, der verordnete Philosemitismus im bundesrepublikanischen
       Deutschland kein Rezept gegen den Antisemitismus, allenfalls ein „geistiges
       Care-Paket“ (Frank Stern). Es kann nicht darum gehen, auf einmal alle
       immigrierten und schwarzen Menschen lieben und sympathisch finden zu wollen
       – eine realitätsferne Anforderung, die ihre eigene Unglaubwürdigkeit und
       ihre eigene Kehrseite bereits in sich trägt. Der jüdische Autor Manès
       Sperber schrieb in bezug auf den Philosemitismus in der (alten)
       Bundesrepublik: „Ihr Philosemitismus erdrückt mich, erniedrigt mich wie ein
       Kompliment, das auf einem absurden Mißverständnis beruht ... Sie bestehen
       darauf, unser ganzes Volk zu lieben. Ich verlange nicht, ich will nicht,
       daß man uns oder irgendein anderes Volk in dieser Weise liebe.“
       
       Eine Arbeit, die rassistische Orientierungen überwinden will und die
       Anderen nicht zu „Objekten beruflicher Antirassisten“ (taz vom 29.11.91)
       macht, auch nicht zu Objekten karitativer oder paternalistischer Betreuung,
       ist keine Arbeit für die Anderen. Es ist eine Arbeit mit den Anderen, aber
       notwendig auch eine Arbeit ohne die Anderen. Ohne die Anderen deswegen,
       weil der Kampf gegen den weißen Rassismus Angelegenheit der weißen Welt ist
       und der Kampf gegen den Antisemitismus Angelegenheit der christlichen Welt.
       Aus dieser Perspektive stellen sich andere Fragen als aus der Perspektive
       der vom Rassismus und Antisemitismus Betroffenen. Und für uns ergeben sich
       andere Notwendigkeiten der Veränderung. Rassismus und Antisemitismus sind
       unsere „Krankheit“, das Übel, das uns verfolgt. Sie sind ein Elend der
       weißen Welt, ihr geistiges, moralisches Elend. Sie konfrontieren uns mit
       unserer Geschichte und Gegenwart; mit dem Land, dem wir angehören; mit
       Menschen dieser Kultur, die uns nicht gleichgültig sein können; mit der
       eigenen Identität, die von dieser Kultur geprägt ist und die wir oft nicht
       haben und nicht ansehen wollen. Die Arbeit an diesen Fragen ist unsere
       Sache. Es ist eine Arbeit im eigenen Interesse. Sie ist aber nur möglich,
       wenn sie verbunden ist mit dem Versuch, den Anderen zu begegnen und den
       Dialog zu beginnen. Der kann nur gelingen, wenn weiße Frauen lernen,
       zuzuhören statt sich zu verteidigen: wenn wir uns verändern wollen, um
       gemeinsam etwas zu tun.
       
       8 Jan 1993
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) christina thürmer-rohr
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA