# taz.de -- Was wurde eigentlich aus Somalia?
> Am 26. Januar 1991 wurde der somalische Diktator Siad Barre gestürzt.
> Endlich. Danach wurde alles schlimmer: Bürgerkrieg. Dann organisierten
> die USA eine humanistische UN-Militärintervention. Und alles wurde erst
> richtig schlimm. Aber darüber redet keiner mehr. Ein Lehrstück
Im Innenhof der ehemaligen Präsidentenresidenz Villa Somalia lagen
verwesende Leichen, Opfer des letzten Gefechts vor der Flucht des
langjährigen Diktators Siad Barre aus der Hauptstadt Mogadischu.
„Das sollten Sie nicht sehen, das ist kein Anblick für eine Frau“, sagte
unser einheimischer Begleiter hilflos. „Wollen Sie ein Aspirin?“
Damals, Anfang 1991, herrschten Entsetzen und Fassungslosigkeit in der
Bevölkerung über die zerstörerischen Folgen des Bürgerkriegs. Heute würde
der Anblick eines Toten am Straßenrand in Somalia vermutlich nicht einmal
ein Kind erschrecken. Derlei gehört längst zum Alltag.
Nur sehr wenige andere Länder sind in der Neuzeit derart ausdauernd und
brutal von den apokalyptischen Reitern heimgesucht worden wie Somalia.
Krieg, Hunger und Seuchen haben schon vor Jahren zu einer Verrohung der
Gesellschaft in einem kaum vorstellbaren Maß geführt. Die meisten heute
20-jährigen Somalier haben in ihrem Leben kein anderes Mittel für die
Lösung gesellschaftlicher Konflikte kennengelernt als Gewalt.
Wenn sich die verfeindeten Fraktionen eines – wie immer – fernen Tages auf
ein ernsthaftes Friedensabkommen verständigen, dann darf bezweifelt werden,
dass sich mit noch so gut gemeinten Umschulungsprogrammen aus jugendlichen
Milizen einfach gesetzestreue Tischler und Klempner machen lassen.
„Milizen“ ist übrigens inzwischen häufig ein beschönigender Ausdruck für
einen Berufsstand, der anderswo „Bandit“ heißt, weil seine Angehörigen sich
ihren Lebensunterhalt mit Entführungen, Überfällen und Plünderungen
verdienen.
„Freiberufler“ nannte man sie in Mogadischu, als ich 2002 das letzte Mal
dort war. Es ist unabweisbar: Somalia hätte mit den Folgen des
Bürgerkrieges selbst dann noch Jahrzehnte zu kämpfen, wenn er morgen
endlich zu Ende wäre.
Sehr bedauerlich, aber nicht zu ändern? Die Welt hat ja versucht zu helfen,
aber die Somalis wollten sich eben nicht helfen lassen? Sind also selber
schuld? Provozierend gefragt: Wer vermisst Somalia eigentlich?
Ist die Tatsache, dass dieser Staat seit fast zwei Jahrzehnten nicht mehr
ansprechbar ist im Sinne des Völkerrechts, für irgendjemanden von Bedeutung
– außer eben für die Somalis? Ist die Entwicklung also nicht ein
schlagender Beweis dafür, dass die Behauptung falsch ist, wir seien „eine
Welt“, sondern gespeist nur aus Sentimentalität und Gutmenschentum? Zeigt
es nicht, dass wir – wenn wir Grundsätze des Humanismus nicht so ernst
nehmen – gut und sicher leben können, auch wenn manche Teile der Weltkarte
inzwischen zu weißen Flecken geworden sind?
Nein, das zeigt es nicht. Im Gegenteil. Gerade die Entwicklung in Somalia
beweist, wie eng vernetzt und verdrahtet die gesamte Staatengemeinschaft
inzwischen ist. Und welch unerfreuliche Folgen es für alle haben kann, wenn
ein Teil des Ganzen für den Rest nicht mehr erreichbar ist.
In Afrika, wie auch andernorts, sind nach dem Ende des Kalten Krieges
freiheitliche Blütenträume gereift. Dort sind sie allerdings schnell
verwelkt. 1991, also in demselben Jahr, in dem Siad Barre ins Exil gejagt
wurde, verloren noch zwei andere autokratische Herrscher ihr Amt: Mengistu
Haile Mariam musste vor Rebellen aus Äthiopien flüchten, Kenneth Kaunda
wurde in Sambia abgewählt. In anderen Ländern des Kontinents begann der
Kampf um Pressefreiheit und Mehrparteiensysteme. Demokraten errangen
seither in Afrika viele Teilerfolge – aber aufs Ganze betrachtet haben sie
den Feldzug gegen Nepotismus, Korruption und ein autoritäres
Staatsverständnis verloren.
Bisher jedenfalls.
Ein Teil der Misere ist hausgemacht. Knapp ein halbes Jahrhundert nach dem
Ende des Kolonialismus kann man nicht mehr die Fremdherrscher von einst für
alle Probleme verantwortlich machen. Die persönliche Gier vieler
afrikanischer Politiker, ihr Hunger nach Macht und auch manche alten
Traditionen wie beispielsweise die Verpflichtung, vor dem Einsatz für ein
Gemeinwesen erst einmal für die eigenen Leute zu sorgen, haben viel zu dem
afrikanischen Elend beigetragen. Aber ein großer Teil dieses Elends ist
eben auch der Überheblichkeit der sogenannten westlichen Welt geschuldet,
die sich oft mit selbstbewusster Unkenntnis paart.
Somalia ist dafür ein besonders prägnantes Beispiel. Der Kampf um Pfründen
– früher: um Wasser-und Weiderechte – spielte in der nomadisch geprägten
Gesellschaft stets eine große Rolle. Von wenigen glücklichen Jahren
abgesehen, hatte die politische Führung nach der Unabhängigkeit diese
Praxis auf die öffentliche Hand übertragen.
Siad Barre ging mit dem Staat um, als handele es sich bei dessen Etat um
seinen privaten Sparstrumpf. Kein Wunder, dass die Bevölkerung der
zentralen Verwaltung misstrauisch gegenüberstand. Wenig erstaunlich auch,
dass nach der Vertreibung des Präsidenten blutige Fraktionskämpfe
ausbrachen.
Die Folge dieser Kämpfe: eine der schlimmsten Hungersnöte, die je vom
Medium Fernsehen in satte Wohnzimmer übertragen worden sind. Und das
unmittelbar nach dem Ende des Kalten Krieges! Dem konnte und wollte die
letzte verbliebene Weltmacht nicht zusehen. Die USA organisierten eine
UN-Operation im großen Stil. Die erste von mehreren Militärinterventionen,
die angeblich ausschließlich humanitären Zwecken diente.
Auch die Bundeswehr wollte nicht beiseitestehen. In dem damals friedlichen
und ziemlich satten Belet Huen saßen deutsche Soldaten und taten weitgehend
– nichts. Weil nämlich die indischen Truppen, mit denen die Bundeswehr
hätte zusammenarbeiten sollen, gar nicht erst nach Belet Huen gekommen
waren. Was einige der damals Verantwortlichen bis heute nicht daran
hindert, so zu tun, als sei erst durch die Militärintervention der Hunger
besiegt worden.
Das ist Unfug. Der Zenit der Not ist durch eine beispiellose
Kraftanstrengung des Roten Kreuzes überwunden worden, die einen Ring von
Garküchen um Kleinstädte legte. Schon vor Ankunft der Soldaten.
Gelegentlich wurde und wird der Verdacht geäußert, es sei den Vereinigten
Staaten bei der Operation vor allem um Zugriff auf die stillen Ölreserven
in Somalia gegangen. Ich halte das für eine Verschwörungstheorie. Manchmal
ist die einfachste aller Erklärungen auch die richtige. Washington konnte
und wollte nicht hinnehmen, dass Babys vor den Augen der Weltöffentlichkeit
verhungerten. Zumal doch die Welt unzweifelhaft endlich eine viel bessere
Welt sein musste, nachdem das Reich des Bösen – die Sowjetunion – zerfallen
war. Also mussten auch die somalischen Babys gerettet werden.
Was die USA und andere dabei übersahen: Die Verteilung von Hilfsgütern war
in Somalia zu diesem Zeitpunkt eine kriegswichtige, möglicherweise
kriegsentscheidende Frage. Wer hungerte und warum? In wessen Interesse lag
das? Diese Frage spielte in der öffentlichen Diskussion nicht die geringste
Rolle.
Ob man keinen Widerstand seitens somalischer Bürgerkriegsfraktionen
befürchte, wurde ein Verantwortlicher in einer Pressekonferenz in der
kenianischen Hauptstadt Nairobi gefragt. Die verächtliche Antwort: „Diese
barfüßigen Banditen können doch nicht einmal richtig zielen.“
Zielen vielleicht nicht. Aber treffen. Die ausländischen Truppen mutierten
schnell zur Kriegspartei. Jene somalischen Kriegsfürsten, die nach der
Ankunft der internationalen Militärs die Kontrolle über so wichtige
Einflussbereiche wie Hafen und Flughafen der Hauptstadt hatten aufgeben
müssen, waren verständlicherweise nicht begeistert über die Präsenz der
Fremden – die schmälerte nämlich ihren Einfluss. Sie leisteten so
erfolgreich Widerstand, dass westliche Truppen und die meisten
Hilfsorganisationen 1993 das Land verließen.
Etwa 20.000 Soldaten der Dritten Welt waren allerdings auch danach noch
etwa ein Jahr lang in Somalia stationiert. Ohne dass die westliche Presse
dem noch besondere Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Und seither? Seither
hören wir nicht viel aus Somalia. Immerhin dies: Islamische
Fundamentalisten haben in dem einst liberalen muslimischen Staat großen
Einfluss gewonnen. Einen so großen Einfluss, dass sie vorübergehend die
Hauptstadt Mogadischu und andere Landesteile kontrollierten. Vermutlich
suchen nicht alle ihre Anhänger die Antwort auf die Sinnfrage. Manche
wünschen sich wohl einfach geordnete Verhältnisse und sind bereit jeden zu
unterstützen, der eine solche Antwort zu haben scheint.
Das ist allerdings keine Antwort, die für die USA akzeptabel wäre. Eine
islamistische Herrschaft in einem Staat, den sie einst zu retten versucht
haben? Gott bewahre. Die Reaktion: ein schier unfassbares Vertrauen in den
Geheimdienst von Äthiopien, eines Staates, der seit Jahrzehnten
territoriale Händel mit Somalia ausficht. Bei denen alle Seiten recht zu
haben scheinen – es kommt nur darauf an, wie weit man zurückblickt in die
Geschichte.
Die Vereinigten Staaten erwecken noch immer nicht den Eindruck, sich für
irgendeinen Teil dieser Geschichte zu interessieren. Sie unterstützen
äthiopische Einmarschtruppen, die – angeblich – den Frieden befördern
sollen. Gelegentlich bombardiert die US-Luftwaffe auch Ziele, die ihr der
äthiopische Geheimdienst nennt. Dabei sterben Leute. Ohne dass der Rest der
Welt sich darüber aufregt. Somalia ist eben einer der weißen Flecken auf
der Karte.
Vor einigen Jahren haben die USA versucht, somalische Handy-Netzwerke zu
stören und Geldtransfers zu blockieren. Weil sie – vermutlich zu Recht –
annahmen, dass diese als Mittel der Geldwäsche und als Mittel der
Kommunikation für Islamisten dienen. Nach weniger als drei Werktagen hatten
die Somalis brauchbare Alternativen gefunden.
Mit polizeilichen und militärischen Mitteln alleine lässt sich Islamismus
nicht besiegen. Sondern im Gegenteil sogar befördern – wenn man nur genug
Menschen gegen sich aufbringt. Und dann stellt man plötzlich fest, dass wir
„eine Welt“ sind und es eben nicht irrelevant ist, was in einem noch so
entlegenen Teil dieser Welt passiert.
BETTINA GAUS, politische Korrespondentin der taz, war von 1991 bis 1996
Afrika-Korrespondentin dieser Zeitung. Somalia ist so etwas wie ihr
Lieblingsland. Sie war dort 27-mal.
27 Sep 2008
## AUTOREN
(DIR) BETTINA GAUS
## ARTIKEL ZUM THEMA