# taz.de -- Über den Erfolg von Abba: Ein Musical als Nekrolog
> Früher waren sie als Billig-Pop verpönt - inzwischen sind sie längst zum
> Kult verharmlost. Warum sind Abba eigentlich schon so lange erfolgreich?
(IMG) Bild: Musik der Schlosser und Frisörinnen: ABBA.
Vor 33 Jahren, genau ein Jahr nach ihrem Triumph beim Grand Prix Eurovision
1974 im englischen Brighton, war Schweden erfüllt von Hass. Auf diese
Gruppe. Auf zwei Frauen und zwei Männer, die Frida, Agnetha, Björn und
Benny heißen. Durch Stockholm schob sich eine Demonstration, die sich gegen
Kulturimperialismus verwahrte, gegen Kulturschrott und Billigpop. Die
Kulturschickeria war nämlich schwer enttäuscht: Das volkspädagogische
Projekt namens Schweden, in linkssozialdemokratischer Hand, war in Gefahr.
Man wollte, dass das für dumm gehaltene Volk Jazz hört und Klassik, also
all das Zeugs, das die Schickeria so liebte.
Doch stattdessen tanzten vor allem junge Mädchen nach den Liedern von Abba.
In ihnen lag Utopie und Hoffnung, Tragödie und Aufbruch - wie spätestens
der australische Film "Muriels Hochzeit" nahelegte. In dem nämlich waren
"Dancing Queen" und "I Have A Dream" die Hymnen auf ein besseres Morgen.
Abba, das war damals, aus der Perspektive der Feuilletons, Schande, Scham
und Schutt in einem - ein Undergroundact sondergleichen, von den
Diskursingenieuren und Entertainmentzensoren verachtet.
Das hat sich allenthalben geändert. Mittlerweile ist kein Kulturteil
irgendeiner Zeitung ohne ein starkes Lob auf diese frühpostfeministische
Band, die Frohsinn spielten und es doch immer ernst meinten. War die meiste
Popmusik jener Ära männlich, jungenhaft kodiert, lockte Abba mit dem Klang
von Familiärem nach der Definition von Frauen.
Das Musical, das seit Donnerstag in unseren Kinos läuft, belegt das Gesetz
wachsender Beliebtheit: Wenn alle irgendwie "Mamma Mia!" gut finden, wenn
Abba allmählich Konsens sind, dann hat sich die Kraft dieser
lebenshungrigen Gesamttonspur namens Abba erschöpft. Die vier SchwedInnen
wurden geliebt von Friseurinnen, Schlossern, Fahrradmonteuren,
Sekretärinnen oder SparkassenmitarbeiterInnen. Wenn sich ihnen nun Hipster
zugesellen und behaupten, deren Mucke immer schon gemocht zu haben, läuft
da etwas zu Tode. Eine Klimax, die in einem Revivalkonzert münden könnte,
haben die Abbas abgelehnt. 1 Milliarde Euro für ein Konzert? Björn Ulvaeus
lehnte im Namen auch der anderen drei Musiker ab - Geld hätten sie nicht
nötig, und ihre Zeit auf der Bühne sei vorbei.
Das verfilmte Musical ist ein guter Nekrolog. Ein würdiger Film, ein
Dokument aus Zeiten, in denen man nach Griechenland mit dem Rucksack fuhr,
alternatives Leben spielte, tüchtig Sex übte oder Tarotkarten zu legen
übte. Die Siebziger und Achtziger sind vorbei. Abba ist eine glamouröse
Erinnerung. JAF
18 Jul 2008
## AUTOREN
(DIR) Jan Feddersen
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