# taz.de -- Tierkostüm-Festivals Furry Conventions: Mehr als nur ein Kink
> Furrys sind Menschen, die in Tierkostüme schlüpfen. Viele Teilnehmende
> der Eurofurence 2022 wollen sich so charakterlich neu erfinden.
(IMG) Bild: Am S-Bahnhof Sonnenallee wird's kuschelig
Am S-Bahnhof Sonnenallee in Berlin steige ich aus, zusammen mit zwei jungen
Männern mit schwarzen T-Shirts. Eigentlich unauffällige Typen. Eigentlich:
Der eine trägt einen Wolfskopf unter dem Arm, der andere einen Koffer, aus
dem mich die Glubschaugen eines Einhorns anstarren.
Wir haben das gleiche Ziel: Die Eurofurence, Europas größte Furry-Messe.
Ein Furry ist ein [1][anthropomorphisierter Charakter], also ein Tier mit
menschlichen Eigenschaften. Die Fans entwickeln die Charaktere, mit denen
sie sich identifizieren, selbst. Sie tragen mit Schaumstoff gefüllte
Pelzanzüge aus Kunstpelz, genannt Fursuit. Auf der Messe tummeln sich
Wölfe, Füchse und Papageien, alle sehen irgendwie gleich und doch irgendwie
anders aus.
Jorinda, heute in Zivil, ist als Furry eine selbstbewusste, freche Möwe.
Sie erzählt, dass so ein Pelzanzug im oberen Preissegment auch mal 10.000
Euro kostet. Denn diese seien von Künstler:innen handgefertigte Unikate.
Der Prozess vom Entwurf zum fertigen Kostüm dauere meist Monate.
Jorinda sagt auch, dass es im Kopf eines solchen Kostüms 60 Grad werden
könne. Ein Furry habe mal ein Thermometer mitgenommen und sich das Ding in
den Pelzkopf gesteckt. Ich frage mich: Warum investieren Menschen mitunter
Tausende Euro, um [2][in einem Kostüm] zu schwitzen? Die Antworten sind so
vielfältig, wie die Tiere auf der Messe. Viele möchten Freude in die Welt
bringen, manche sich selbst neu erfinden.
Kiba ist ein Wolf, der sich im Kostüm aufgeschlossener fühlt als der
Mensch, der sich dahinter verbirgt. Kiba zu leben gebe ihm die Möglichkeit
„jemand anderes zu sein“, erzählt mir der Wolf. „Aber es ist auch schön,
Menschen lächeln zu sehen, wenn sie ein Foto von mir machen oder ich sie
umarme.“
Nicht alle möchten sich charakterlich neu erfinden. Manche geben ihrem
Inneren lediglich einen neuen Ausdruck, wie die tollpatschige [3][Katze]
Fenny. „Sie ist mein Ebenbild“, sagt Fenny, „so bin ich auch sonst.“
Drinnen, in den Hallen des Hotels, in dem die Messe stattfindet, sitzen
jede Menge Künstler:innen. Sie zeichnen Badges, eine Miniversion des
eigenen Tiercharakters, und nehmen Aufträge für neue Fursuits an. Einige
der Künstler:innen sind so beliebt, dass Fans stundenlang warten, um mit
ihnen zu sprechen. Das Warten scheint die meisten nicht zu stören. Sie
machen es sich auf dem Boden gemütlich und quatschen.
Typische Gesprächsthemen sind Kunst, Musik oder [4][Computerspiele]. Die
Szene habe aber auch Kontroversen, erzählt mir ein Fuchs mit Brille, der
aus Nürnberg angereist ist. „Es gibt beispielsweise Leute, die Poodler
nicht mögen. Poodler sind Leute, bei denen man Haut sieht. Die werden oft
von den Leuten gehatet, beleidigt und niedergemacht, was echt scheiße ist.“
Poodler werden gehatet, „weil das Zeigen von menschlicher Haut angeblich
die Magie des Kostüms ruiniere“, sagt der Fuchs. Aber gerade an heißen
Tagen wie diesen finde er Hautzeigen okay. Es sind immerhin knapp 30 Grad.
Und so ein Fursuit kann auch mal 20 Kilo wiegen.
Das Thema, über das hier niemand so recht mit mir sprechen möchte, der
Elefant im Raum, ist Sex. Aus gutem Grund: Dass die Kostüme nur ein Kink
seien, eine unkonventionelle sexuelle Vorliebe, ist ein Vorurteil, mit dem
viele hier nichts anfangen können.
„Natürlich gibt es Leute, die das [5][als Kink sehen], aber der größte Teil
der Leute ist normal“, erzählt mir der Fuchs mit Brille. Der Wolf, der sich
von der Seite angeschlichen hat, sieht es ähnlich: „Ich denke, alles kann
ein Kink sein, um ehrlich zu sein. Ich schätze, ein Teil davon ist wahr,
aber es dreht sich um so viel mehr als das. Doch das ist nun mal der Teil,
der den Medien die meisten Klicks gibt.“
Ein zweiter Fuchs sagt: „In jedem Outfit kann man Sex haben und ohne jedes
Outfit kann man Sex haben. Furrys haben vielleicht auf ihre Weise Sex. Ich
würde es nicht nur als Vorurteil sehen.“ Sich einfach so in dem Ding zu
bewegen sei anstrengend genug.
Die geduldig Wartenden werden vom Sicherheitspersonal Stück für Stück
weitergewinkt. Sie dürfen in einen zusätzlichen Raum, genannt Dealer’s Den.
Hier sitzen die Künstler:innen und hier dreht sich alles um Tiere:
[6][Kuscheltiere, menschengroße Plüschtierköpfe], Zeichnungen von
Fantasietieren, Prototypen für Fursuits von allen Körperteilen. Das hier
sind die heiligen Hallen der Veranstaltung.
Viele Furrys sind sowohl von Stofftieren als auch von lebendigen Tieren
begeistert. Der ukrainische Künstler Leonard Elstar etwa verkauft seine
Plüschkunst, um Geld in die Heimat zu schicken. Auf seiner Spendenbox
stehen drei Adressaten: zwei Tierheime und das ukrainische Militär. Denn
unter dem Angriffskrieg auf die Ukraine leiden auch Tiere. Haustiere können
dank Sonderregelungen der Veterinärbehörden in Rumänien, Ungarn und Polen
einfacher als in Friedenszeiten mitimmigrieren. Nutz- und Wildtiere haben
einen schwereren Stand.
So teilte etwa das ukrainische Unternehmen UkrLandFarming dem
Nachrichtendienst Bloomberg Mitte März mit, dass drei Millionen Hühner zu
verhungern drohten, weil das russische Militär das Futterversorgungssystem
beschoss. Die Unterstützung vor Ort bleibe oft an Tierschutzorganisationen
und an Tierheimen hängen, erklärt Elstar. Deshalb spende er sein Geld an
Tierheime in seiner Heimatregion.
Kiba, der [7][Mensch im Wolfskostüm], erzählt, dass er jahrelang in einem
Tierschutzgebiet mit Wölfen gearbeitet habe, bevor er selbst zu einem
wurde. Er sagt: „Bei Conventions gibt es normalerweise
Wohltätigkeitsorganisationen für Tiere und solche Dinge.“
Das Hotel Estrel an der Sonnenallee füllt sich langsam. Die Mitarbeitenden
des Hotels kennen den Spaß: Die Konferenz findet hier seit 2014 jedes Jahr
statt. Die Kostüme, das Rumgehüpfe, die Massen, das alles scheint sie nicht
zu stören. Zumindest hat sich der Rezeptionist Häschenohren aufgesetzt.
Ein anderer Mitarbeiter verrät mir, dass er lieber das ganze Jahr die
Stofftierchen hier hätte „als diese Schlipsträger, die hier reinkommen und
sich für was Besonderes halten“. Zum Glück ist es nächstes Jahr schon
wieder so weit.
1 Sep 2022
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