# taz.de -- Theaterfestival in Avignon: Dressurnummer mit Metallbürste
> Kung-Fu und Freeclimbing: Auf dem Festival in Avignon zeigt das Theater
> diesmal seine große Lust am Abenteuer.
(IMG) Bild: Auch Thomas Ostermeiers Inszenierung einer Neuübersetzung von Shakespeare's Hamlet ist in Avignon zu sehen.
Kann man die Flut eindämmen? In jedem Jahr gibt es noch mehr neue
Theaterproduktionen in Avignon, und namentlich das Off-Festival nimmt immer
mehr die Züge eines immensen szenischen Karnevals an. Ein Eindruck, dem der
letzte Woche zum ersten Mal organisierte Umzug von mehr als tausend
Künstlern durch die Innenstadt jedenfalls nicht entgegenwirken konnte.
Das vor fünf Jahren eingeführte System des In-Festivals, Artistes associés
einzuladen, die dem Programm eine persönliche Struktur geben, hat sich dem
gegenüber bewährt. Thomas Ostermeier, Jan Fabre, Josef Nadj, Frédéric
Fisbach drückten dem Festival in den vergangen Jahren ihren Stempel auf,
manchmal kontrovers, manchmal ärgerlich, aber jeder anders. In diesem Jahr
sind zwei Artistes associés am Werk: der italienische Regisseur Romeo
Castellucci und die französische Schauspielerin Valérie Dréville, beide in
Avignon auf ihre je eigene Weise bestens bekannt. Auf ihre eigene Weise
heißt auch, dass man sie nicht unbedingt an einem künstlerischen Strang
ziehen sieht; was sie verbindet, ist eine Neigung zu performativen
Experimenten, zu einem sehr körperlich arbeitenden Theater und zum Tanz.
Es gibt denn auch viel Performance, Tanz, Zirkus im diesjährigen Programm.
Etwa "Cirque ici" von Johann Le Guillerm: ein witziger, poetischer
Einmannzirkus. Statt Löwen bändigt Le Guillerm Drahtrollen und Seilknäuel,
und wenn er sich einen babylonischen Turm aus Büchern aufschichtet, um sich
am Ende selbst da raufzuschwingen, wenn er auf einem Pferd aus nichts als
einer riesigen Metall-Bürste über die Bühne reitet, dann fiebert das
Publikum mit wie bei der tollsten Dressurnummer. Oder Sidi Larbi Cherkaoui,
der mit Kung-Fu-Mönchen aus dem Shaolin-Kloster Henan ein Kampftanztheater
entwickelt hat. Auch dies ist von einiger Poesie; der Kampfsport
verflüssigt sich in einer freundlichen Choreografie, die das Spielerische
hervorkehrt und das Kriegerisch-Spektakuläre beiläufig macht. Aufs Mal wird
so einer der jungen Mönche zum hölzern nickenden Vogel, das ist bezaubernd.
In einer der bekanntesten Choreografien der Ballettgeschichte hat Olivier
Dubois seine Inspiration gefunden: Vaslav Nijinskys "Après-midi dun faune".
Du-bois tanzt in "Faune(s)" die Originalchoreografie und
genreüberschreitende Variationen; so recht überzeugen will bei diesem a
priori fesselnden Projekt dann aber einzig der Kurzfilm von Christophe
Honoré, der den Faunennachmittag in der glühenden Pariser Sommerhitze eines
ältlichen Bewunderers jugendlicher Tennisspieler erzählt.
Auf ihre Weise sollte auch Claudels "Mittagswende" im Steinbruch von
Boulbon Bewegungstheater sein. Valérie Dréville spielt und inszenierte mit
ihren Kollegen Gaël Baron, Nicolas Bouchaud und Jean-François Sivadier; da
bleibt dann jeder Star ein bisschen für sich. Vor allem aber wird ihnen der
Steinbruch zum Verhängnis. Die "Carrière de Boulbon" gehört seit Jahren zum
Inventar der Avignoneser Spielstätten. Manche kostbaren Festival-Momente
konnte es nur hier geben: Peter Brooks "Mahabharata", Sonnenaufgang
inklusive; oder in jüngeren Jahren die Trauerprozession von Pippo Delbonos
sizilianischer Banda unterm Sternenhimmel. Für "Mittagswende" zu mächtig.
Nicht der Zauber des Freilichtspiels stellt sich ein, nur seine Tücken
zeigen sich erbarmungslos. Das Eingeschlossensein der vier Figuren
zerflattert im Undifferenzierten.
Unterschiedlich geriet auch die Arbeit des andern Artiste associé, Romeo
Castelluccis Annäherung an Dantes "Divina Commedia". Bleibt "Inferno", an
der prestigeträchtigsten Spielstätte des Festivals, in der Cour dhonneur
des Papstpalastes, vor allem mit düsteren Einzelbildern im Gedächtnis, mit
Nervenkitzel wie einem Freeclimber, der die ganze steile Fassade des
Papstpalastes hochkraxelt; so wird sich "Purgatorio" einbrennen als der
Albtraum einer Inzest-Geschichte, eindringlich erzählt in verstörenden
surrealen Bildern, immer an der Grenze zwischen Wachheit und Traum, Hier
und Jenseits. So zeigen sich also gerade die Produktionen der Artistes
associés gemischt.
Trouvaillen gibt es an den Rändern: die Wiederentdeckung des deutschen
Postinspektors und Dramatikers August Stramm etwa, oder den Dänen Kaj Munk.
"Ordet" (Das Wort) heißt sein aberwitziges Glaubenswunderstück, das Lars
von Trier für "Breaking the Waves" inspiriert hat. Regisseur Arthur
Nauzyciels steht staunend davor und macht das Wunder einer Auferstehung -
nichts weniger ereignet sich hier! - zum kleinen Auferstehungswunder des
Autors.
13 Jul 2008
## AUTOREN
(DIR) Andreas Klaeui
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