# taz.de -- Temporärer Männerausschuss
> MONOEDUKATION Der Bachelor Informatik und Wirtschaft an der Berliner
> Hochschule für Technik und Wirtschaft ist ein reiner Frauenstudiengang.
> Das soll angehenden Studentinnen Ängste vor dem Fach nehmen
VON HEIDE REINHÄCKEL
Petra Braatz nennt es Dolmetschen. Doch die Studentin im fünften Semester
des Bachelor-Studiengangs Informatik und Wirtschaft an der Berliner
Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) übersetzt nicht zwischen zwei
verschiedenen Sprachen im herkömmlichen Sinn. „Das Wissen ist in den Köpfen
der Kunden, und ich muss das Kundenwissen in Software umsetzen“, sagt
Braatz. „Das sind zwei ganz unterschiedliche Sprachen: die des Anwenders
und die abstrakte Programmiersprache.“
Momentan beschäftigt sich Braatz im Rahmen eines studentischen Projekts an
der Entwicklung einer Web-Oberfläche zum Durchklicken für das Berliner
Unternehmen EAW-Relaistechnik GmbH. Eine gemischte Gruppe aus Studierenden
aus dem dritten und fünften Semester ihres Studiengangs entwickelt für EAW
einen Konfigurator, mit dessen Hilfe verschiedene Modelle von
Thermoschaltern generiert werden können. Das Besondere dabei ist, dass die
Projektgruppe der Thermoschaltertüftler ausschließlich aus Studentinnen
besteht: Denn der HTW-Bachelor Informatik und Wirtschaft ist ein reiner
Frauenstudiengang.
„Der Studiengang wurde 2009 eingerichtet, weil die HTW zum einen die
Fachrichtung Informatik mit einem Wirtschaftsschwerpunkt verbinden wollte
und weil zum anderen die Nachfrage nach Frauen in diesem Berufsfeld hoch
ist“, berichtet Juliane Siegeris. Sie hat seit 2010 eine Professur am
Frauenstudiengang inne. Und benennt damit das Problem: Auf dem Arbeitsmarkt
sind Absolventinnen in den sogenannten MINT-Fächern (Mathematik,
Informatik, Naturwissenschaften und Technik) zwar gefragt, aber in den
entsprechenden Studiengängen deutlich unterrepräsentiert. Als eine Lösung
bieten einige Hochschulen seit geraumer Zeit monoedukative Studiengänge an.
Neben der HTW gibt es in Deutschland noch vier weitere Möglichkeiten, in
den MINT-Fächern ausschließlich unter Frauen zu studieren:
Wirtschaftsingenieurwesen an den Hochschulen in Wilhelmshaven und
Stralsund, Informatik an der Hochschule Bremen und Wirtschaftsinformatik an
der Hochschule Furtwangen.
In Berlin scheint sich das Modell des Frauenstudiums bewährt zu haben.
„Unsere Hoffnungen sind aufgegangen. Auf 40 Studienplätze kommen im
Durchschnitt jährlich 100 Bewerberinnen. Der Anteil der Bewerberinnen der
anderen IT-Studiengänge ist in den letzten Jahren sogar gestiegen. Wir
graben also den anderen Studiengängen nicht das Wasser ab, sondern konnten
eine neue Klientel gewinnen“, so Siegeris. Und diese Klientel ist weiblich,
technikaffin, weiß aber auch um die männlich codierte Branche und will
deshalb unter ihresgleichen studieren.
„Hier sitzt keiner daneben, der die Augen verdreht, wenn man etwas nicht
weiß. Es ist ein geschützter Raum, danach kann man in die
Informatik-Männerdomäne losgelassen werden“, berichtet Studentin Braatz aus
ihrem Alltag auf dem Campus Wilhelminenhof in Berlin-Oberschöneweide. „Die
Einstiegsangst ist ein großes Thema“, pflichtet Siegeris bei. „Die
Studentinnen befürchten ungleiche Startbedingungen, wenn sie mit männlichen
Kommilitonen studieren, die seit früher Kindheit vor dem Computer sitzen.“
Deshalb werde für den Studiengang mit drei Mottos geworben, sagt Siegeris:
„Bei Informatik wird bei null angefangen, Fragen sind explizit erwünscht
und der Studiengang ist familienfreundlich, denn alle Kernveranstaltungen
sind zwischen 9 und 16 Uhr.“
Mit Blick auf die Absolventinnen des Studiengangs, die unter anderem bei
SAP, adesso, Telekom oder VW arbeiten, scheinen sich der temporäre
Männerausschluss und der hohe Praxisbezug auszuzahlen. Und doch dient der
Bachelor-Frauenstudiengang in erster Linie als eine Art
Einstiegskatalysator, der im engen Zeitfenster des heutigen Studienbetriebs
Ängste nehmen und Chancengleichheit fördern soll. Denn einen
weiterführenden Frauen-Masterstudiengang gibt es nicht, und er ist auch
nicht geplant.
Auch muss nach Siegeris’ Meinung bereits früher in den Schulen angesetzt
werden, um Mädchen für Technik und Naturwissenschaften zu begeistern:
„Viele Facetten der Informatik sind den meisten Schülerinnen gar nicht
bewusst, dabei sind sie alltäglich davon umgeben, beispielsweise wenn sie
ihr Smartphone benutzen. Weil technische Anwendungen mehr denn je unsere
Lebensrealität prägen, ist es wichtig, dass auch Frauen sie mitgestalten.
Außerdem macht es auch Spaß.“ Damit der technische Spaß auch bei
Schülerinnen ankommt, gibt es nicht nur Kampagnen wie den Girls’ Day. Ende
November wurden in Berlin erstmals Abiturienten und Abiturientinnen mit
einem neuen, bundesweit gültigem MINT-EC-Zertifikat ausgezeichnet, das für
herausragende schulische und außerschulische Leistungen in den MINT-Fächern
vergeben wird. Mit dieser Auszeichnung trauen sich Schülerinnen in Zukunft
dann vielleicht als eine neue MINT-starke Kohorte auch in coedukative
Studiengänge.
■ Infos: [1][fiw.htw-berlin.de]
6 Dec 2014
## LINKS
(DIR) [1] http://fiw.htw-berlin.de
## AUTOREN
(DIR) HEIDE REINHÄCKEL
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