# taz.de -- Tag der Deutschen Einheit: Kultur macht keinen Staat
       
       > Die Feiern zum "Tag der Deutschen Einheit" in Hamburg stehen unter dem
       > Motto "Kulturnation Deutschland". Das ist peinlich, denn: Entweder wurde
       > der völkische Kontext übersehen. Oder es ist ein heimlicher Wille am
       > Werk, der noch einmal das alte Projekt der kollektiven Identität
       > beschwört
       
 (IMG) Bild: Die Dichterfürsten Goethe und Schiller im Doppelpack. Vom Traum der kollektiven Identität, der Deutschland später so sehr bewegte, hielten die beiden nicht viel
       
       Nichts ist so glatt wie das Parkett der Geschichte. Den Tag der Deutschen
       Einheit, der dieses Jahr in Hamburg ausgerichtet wird, hat man unter das
       Motto: "Kulturnation Deutschland" gestellt - und übersehen, dass
       "Kulturnation" ein alter politischer Kampfbegriff mit
       deutschnational-völkischem Unterton ist.
       
       Die Absicht mag lauter gewesen sein: Kultur - ein unverfängliches, offenes
       Wort. Ihre Erzeugnisse taugen, wenn sie was taugen, auch zum Export,
       umgekehrt sind sie ohne vorherigen Import nicht denkbar. Bach wird heute
       genauso in Ostasien gespielt und geliebt wie hierzulande - andererseits
       wäre sein Werk ohne Aufnahme von französischen und italienischen Einflüssen
       schlichtweg nicht zustande gekommen.
       
       Kultur verbürgt die Offenheit einer Gesellschaft. Doch so positiv dies ist,
       so negativ ist der Begriff der "Kulturnation" konnotiert. Geprägt hat ihn
       der Historiker Friedrich Meinecke Anfang des 20. Jahrhunderts, als er das
       entstehende Nationalgefühl in den deutschen Kleinstaaten um 1800
       untersuchte. Meinecke analysiert, wie das deutsche Weltbürgertum, das in
       der Aufklärung wurzelte, dem Nationsgedanken weicht - was er ausdrücklich
       begrüßt. Und als Mörtel für diese neue Nation sollte und konnte, wie er
       meint, nicht das gemeinsame Recht, sondern die gemeinsame Kultur dienen,
       die gemeinsame Sprache vor allem und das christliche Bekenntnis.
       
       Es ist nicht übertrieben, diesen Umschwung als den katastrophalsten in der
       deutschen Geschichte zu schildern: Der Universalismus des 18. Jahrhunderts
       verschmolz französisches, jüdisches - über Moses Mendelssohn -
       wissenschaftlich-antikes und christliches Gedankengut - etwa wenn Humboldt
       postulierte, man müsse der Menschheit in der eigenen Person "einen so
       großen Inhalt als möglich" verschaffen.
       
       Die Besinnung auf die Kulturnation schlug dagegen schnell antisemitische,
       antifranzösische und antiwissenschaftliche Töne an. Streng daran hielt sich
       auch, was der Historiker Erich Hobsbawm das "narrative Moment" des
       Nationalismus nennt, die Erfindung von Traditionen: Walhalla, Ossian,
       Hermannsschlacht, Nibelungen, aber auch der bieder-brave deutsche Michel
       und was sich sonst noch rituell, in starrer Wiederholung inszenieren ließ.
       
       Dem Kosmopolitismus der deutschen Klassik eignete ein diskursives Moment:
       So hat die Literaturwissenschaftlerin Marianne Schuller für die Zeit um
       1800 zwei unterschiedliche Dialogverständnisse nachgewiesen. Das eine, vom
       nationalistischen Prediger Schleiermacher vertreten, möchte ein Ergebnis,
       er möchte den einen, einzigen Sinn aus dem Dialog hervorgehen sehen. Das
       andere Modell lasse Dissens gelten: Der Deutsche, schrieb Schiller,
       "verkehrt mit dem Geist der Welten". Leider hat dann eine andere
       Formulierung in Deutschland Karriere gemacht: die von Hegel, der den Plural
       des Dichters zum "Weltgeist" zusammenpresste.
       
       Das Konzept der Kulturnation ebnete den Weg von der Aufklärung zur
       völkisch-nationalen Weltanschauung, einschließlich ihres im Konstrukt des
       "Ariers" ausgereiften Sendungsbewusstseins. Es ist eine unglaubliche
       Peinlichkeit, jetzt mit dem Tag der Deutschen Einheit achtlos an diese
       Geschichte anzuknüpfen.
       
       Oder ist da etwa doch ein Wille, halb-, unter-, vorbewusst am Werk? Soll
       einmal mehr Deutschland als geschlossener Volkskörper, gebunden von einer
       gemeinsamen Kultur, der Leitkultur, beschworen werden? Dazu passt, dass der
       staatliche Feiertag mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet wird -
       womit man sich, ganz in der Tradition der Kulturnation, an der strikten
       Trennung von religiöser und staatlicher Sphäre versündigt.
       
       Aber noch eine andere Parallele von aktueller Brisanz drängt sich auf. Das
       Konzept der Kulturnation hatte die gerade entstandene Arbeiterschaft
       radikal ausgeklammert. Noch in der Paulskirche fehlte sie 1848 vollständig,
       und mit Bismarcks Sozialistengesetz folgte 1878 die offene politische
       Diskriminierung.
       
       Mittlerweile stellt sich die soziale Frage neu, denn Deutschland hat
       unübersehbar ein Unterschichtenproblem. Darüber können auch
       Ablenkungsdebatten über die Integration nicht hinwegtäuschen. Entscheidend
       für die Frage, ob man angemessen bezahlte Arbeit findet oder sich auf dem
       Billiglohnsektor verdingt, falls man nicht gleich von der ARGE widerwillig
       verwaltet wird, ist dabei der Zugang zur Bildung. Indem man sich auf die
       Kulturnation kapriziert, breitet man am Tag der Deutschen Einheit einmal
       mehr einen Deckmantel über den hässlichen Klassenantagonismus.
       
       Aus alledem ergibt sich eine einfache Folgerung: Der Nationalfeiertag
       sollte an die Zeit anknüpfen, als "Deutsch" noch eine Chiffre unter vielen
       für die Idee des Universalismus galt. Die Kulturnation müsste dabei der
       Gesprächsnation weichen: einem Konzept von Nation, die das alte
       humanistische Gespräch mit den Welten, wie es Schiller vorschwebte, ebenso
       sucht wie das Gespräch mit den gesellschaftlich Abgehängten. Davon sind wir
       noch weit entfernt.
       
       1 Oct 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Maximilian Probst
       
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