# taz.de -- Stadtführung in Marxloh: Das Nebeneinander der Stile
       
       > Bummeln und Shoppen auf der „Romantischsten Straße Deutschlands – ein
       > Besuch der Weseler Straße in Marxloh.
       
 (IMG) Bild: Vor dem türkischen Brautmodengeschäft in der Weselerstraße.
       
       Ayse Karaboduk fährt mit der Hand in ein cremefarbenes Stoffgebausche, ein
       Gebilde aus Rüschen und Volants: „Fischform“, sagt die Besitzerin des
       Brautmodengeschäft Sultan’s. Dies sei ein beliebtes Schnittmuster für die
       Robe einer türkischen Braut, erklärt sie. Bis zur Hüfte abwärts schmal,
       dann aber großer Auftritt. Deutsche Frauen würden zur A-Form greifen: ein
       eher schlichtes Kleid, das ab der Taille leicht weiter wird.
       
       Die Karaboduks führen seit 15 Jahren ein Modegeschäft in der Weseler Straße
       in Duisburg-Marxloh, die Kunden kommen aus „Belgien, Holland, Aachen,
       Stuttgart“. Und weil alle so weit fahren, „wollen sie wirklich etwas
       kaufen“. Falls sie im „Sultan’s Mode“ nichts Passendes finden, ziehen die
       Kunden die Straße entlang, denn hier haben sich rund fünfzig ähnliche Läden
       niedergelassen.
       
       ## Hochzeiten sind ein sicheres Geschäft
       
       Vor dem Schaufenster drängeln und schieben sich die Menschen auf dem
       schmalen Gehsteig. Mit den Brautkleidern wird etwa zwanzig Prozent des
       Umsatzes gemacht, mehr Geld geben die Verwandten aus. Denn wenn zu einer
       Hochzeit tausend Leute eingeladen werden, sind viele Herrenanzüge und
       wallende Kleider zu besorgen. Und wenn tausend Augenpaare schauen – „dann
       will die Braut sagen: ’Hallo! Hier bin ich!‘ Alles soll pompös sein. Das
       Kleid bekommt Glitzer und Stickereien.“ Es würden noch mehr Geschäfte
       hierherkommen, sagt die Chefin, „aber es steht nichts mehr leer“.
       
       Dies ist ein für Duisburg wichtiger Satz. Mustafa Tazeoglu nennt die
       Weseler die „romantischste Straße Deutschlands“. Der 31-Jährige führt
       Besucher zu den Geschäften, keine Kunden, sondern Touristen. Nun gibt es
       durchaus Attraktionen im Ruhrgebiet; sei es Bergbau-Architektur der Zeche
       Zollverein samt Werksschwimmbad, seien es moderne Objekte auf alten Halden
       oder auch eine Paddeltour auf der Ruhr. Aber Urlaub in Marxloh?
       
       Klein-Istanbul ist noch eine der liebevolleren Bezeichnungen für den
       Duisburger Stadtteil, über den Tatort-Kommissar Schimanski mal trötete,
       hierher traue sich die Polizei nur noch in Hundertschaften. Auch wenn die
       Zahl der Straftaten in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen ist,
       wie Polizeisprecher Ramon van der Maat schon 2010 erklärte, was bekäme ein
       Ortsfremder hier zu sehen?
       
       Das Revier heute: 4.435 Quadratkilometer, 15 große Städte, fünf Millionen
       Einwohner, und „Marxloh ist das ganze Ruhrgebiet im Miniaturformat“, sagt
       Tazeoglu, der sich in seiner Heimatstadt engagiert, Stadtteilprojekte und
       Führungen organisiert. „Wir sind jetzt das zweite Innenstadtzentrum,
       Marxloh ist wieder lukrativ geworden“, sagt Tazeoglu. Deswegen gebe es in
       der Weseler Straße auch keinen Leerstand, anders als in vielen Ecken der
       Stadt. Rund 100 Nationen leben hier. Nichts neues, das Revier kennt sich
       aus mit Migration.
       
       ## Man schaut hier nicht so genau hin
       
       Schon vor hundert Jahren zogen Gruben und Schächte polnische Bergleute an.
       Die Autoren Konrad Lischka und Frank Patalong beobachten in ihrem Buch „Dat
       Schönste am Wein ist dat Pilsken danach“ eine nonchalante Art des Umgangs
       mit anderen im Pott: Es sei eher Ignoranz als Integration, „wobei Ignoranz
       ein zu hartes Wort ist. Man schaut nicht so genau hin, was anders ist an
       den Zugezogenen. Aus Polen? Aus Italien? Macht ja nix. Und weiter.“ Diese
       „gar nicht böswillige Mischung aus Desinteresse und Gleichmacherei
       gegenüber Neuem“ sei typisch für das Ruhrgebiet.
       
       Mustafa Tazeoglu wohnt nicht weit von der Weseler Straße entfernt, direkt
       neben der Moschee, einer der größten Deutschlands. Sein Haus ist die
       alleinstehende alte Obersteiger-Villa, der Garten dahinter ein verwildertes
       Fleckchen Grün, große Bäume, ein Tisch im Schatten. Tazeoglu führt Besucher
       auch in die Moschee; „Himmlisches Marxloh“ heißt diese Stadttour, weiter
       geht es zur evangelischen und zur katholischen Kirche. Warum engagiert er
       sich für Marxloh? „Das ist doch mein Zuhause. Hier habe ich gespielt, die
       ersten Frauen getroffen, die erste Liebe; die erste Zigarette und die erste
       Tüte geraucht.“
       
       ## Hier mischt sich nichts
       
       „Und? Mischen sich denn die Kulturen?“ Das ist so ziemlich die beste Frage,
       die man ihm stellen kann. Jetzt kann er sich nämlich aufregen und erzählen,
       was ihm unter den Nägeln brennt. Nein, sagt Tazeoglu, es mischt sich nicht.
       „Aber das muss es ja auch nicht! Hier kennt der Imam den Pfarrer, und wenn
       was los ist, dann setzen die sich zusammen. Ich kenne meine Nachbarn, aber
       wir haben nur dann miteinander zu tun, wenn es brennt oder wenn ein
       Wasserrohrbruch passiert ist. Dann helfen wir uns. Sonst macht jeder sein
       Ding.“
       
       Ein „empfehlenswertes Durcheinanderwohnen“ aller Schichten, wie es der
       Berliner Stadtplaner James Hobrecht schon 1868 gefordert hatte, dieses Ziel
       wurde in Duisburg-Marxloh nicht erreicht: Von 18.000 Einwohnern sind etwa
       6.000 Ausländer, von denen wiederum 4.000 Türken – die Menschen mit
       deutschem Pass und Migrationshintergund nicht mitgezählt. So kuschlig wie
       in der Berliner Bergmannstraße oder auf der Multikulti-Meile „Rü“ in Essen
       geht es hier nicht zu. Und doch: Wo, wenn nicht in der Stadt, kann das
       Individuum lernen, dem Anderen sein Anderssein zuzugestehen, ihn nach
       seiner Façon selig werden zu lassen? Weltweit leben immer mehr Menschen in
       Städten und Metropolregionen als auf dem Land. Da der Mensch also auf dem
       Weg ist, eine urbane Spezies zu werden, tut er gut daran, das
       Miteinander-Auskommen zu pflegen.
       
       ## Alle Menschen sind Kunden
       
       Ayse Karaboduk, die Brautmodenverkäuferin aus Marxloh, findet jedenfalls,
       ihre Arbeit sei eine schöne Arbeit. Denn diejenigen, die zu ihr kommen,
       „freuen sich ja auf einen ganz besonderen Tag“. Und ob eine Braut sich dann
       für die schlichte A-Form oder für üppiges Dekor entscheidet, Deutsche,
       Migrantin oder Holländerin ist, das ist für sie nicht wichtig. „Wer in
       meinen Laden kommt, ist Kunde, fertig. Für mich sind alle Nationalitäten
       gleich.“ Typisch Ruhrgebiet eben.
       
       8 Jun 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Barbara Schaefer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Ruhrgebiet
       
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