# taz.de -- Sportliche Kultur: Die Profis aus der Doppelkopfrunde
       
       > Aufzuhören, das ist ein echtes Thema unter Profis. Und Kolumnen zu
       > schreiben, das ist wirklich harte Arbeit.
       
 (IMG) Bild: Henning Harnisch im Jahr 1997 bei ALBA
       
       Nicht nur im Sport gibt es Profis. Als ich vor Jahren zu lange vor einem
       leeren Blatt saß und eine gefühlte Ewigkeit nach einem guten ersten Satz
       suchte, da fragte ich einen Journalisten um Rat. Du musst mit dem zweiten
       Satz anfangen, sagte der. Das erzähle ich dem Kreis von Journalisten (es
       gibt noch welche), mit denen ich Doppelkopf spiele – ohne Neunen und
       Schweine; zweite Dulle geht über die erste, nur im letzten Stich ist es
       andersherum; und gefangener Fuchs im letzten gibt zwei Punkte.
       
       Nur läppische zweimal haben wir es dieses Jahr geschafft zu spielen, uns
       jetzt aber schon, die guten Vorsätze, für den 29. Februar (2020 ist ein
       Schaltjahr!) zum Spielen verabredet. Der Gastgeber ist einer wie aus dem
       Bilderbuch, alles rund ums Spielen ist perfekt, die frischen Karten liegen
       mittig auf dem runden Esstisch bereit. Eine Kerze verbreitet zusätzliche
       Aura. Kein Aschenbecher weit und breit.
       
       Schreib über Doppelkopf, sagen sie mir. Die Leute wollen zum Jahresende
       nichts mehr hören, sagen sie, guck doch nur mal der Brexit, wie kalt das
       auf einmal alle lässt. Du musst über leere Akkus schreiben, sagen sie, das
       interessiert die Leute, auch noch zum Jahresende. Leute, sage ich, mein
       Auftrag war und ist es, noch ein letztes Mal in der taz-Kultur über Sport
       zu schreiben.
       
       Doppelkopf und leere Akkus, technisch oder menschlich betrachtet, zählen da
       nicht. Schreib über den VFL Bochum, sagt der Gastgeber eine lange Weile
       später. Über das Leidenlernen. Eben haben wir bei ihm im Wohnzimmer auf Sky
       die letzte halbe Stunde von Bochum gegen Hannover geguckt. Zweite Liga. Als
       Kind, sagt mir ein anderer Mitspieler, ist unser Vater mit uns in jedes
       Stadion gefahren. Wie, in jedes?, frage ich. Na, nach Bochum, Schalke,
       Dortmund, Wattenscheid.
       
       ## Viele Stadien auf dem Buckel
       
       Ich erzähle, wie ich jahrelang mit Basketballfreunden aus Hessen, die Fans
       der Eintracht aus Frankfurt sind, zum Auswärtsspiel zu Hertha mitgegangen
       bin und wie unangenehm ich das fand, nach dem Spiel neben ihnen, mit ihren
       Eintracht-Schals, vor dem Haupteingang rumzustehen. Der Mitspieler aus dem
       Ruhrpott mit den vielen Stadien auf dem Buckel sagt, damals beim Spiel
       Dresden gegen Dortmund hätten Dresdener seinen Freund vor dem Spiel aufs
       Maul gehauen. Einfach so?, frage ich. Einfach so. Das sei jedoch die
       einzige Gewalttat bei geschätzt 100 Spielen gewesen.
       
       Keine neun, neun angesagt, gegen die Alten, Bock, Fuchs gefangen, macht 17
       Punkte. Meine Playlist „Schleunigst“ läuft über Handy, der Sound ist die
       Hölle, aber der Gastgeber, der ansonsten alles hat, hat keine Boxen.
       Zumindest der Akku ist noch okay. Wir trinken jetzt noch ein Augustiner aus
       der Flasche, herrlich erfrischend kommt das nach dem Rotwein. Ich sage, das
       sei jetzt für mich die letzte Runde, ich müsse am nächsten morgen früh
       raus, die Kolumne schreiben, das sei echte und für mich harte Arbeit.
       
       ## Letztes Spiel, wir prosten uns zu
       
       Die Journalisten lachen mich aus. In 15 Minuten kriege man das hin. Sie
       sind eben Profis, denke ich. Wir haben damals, als Basketball-Profis, immer
       und überall Doppelkopf gespielt, im Trainingslager vor allem, stundenlang,
       tagelang. Seitdem ist es echt schwer, eine Gruppe zusammenzubekommen.
       Letztes Spiel, wir prosten uns zu.
       
       Ich erinnere mich, wie ich einmal im Flieger zufällig auf einen ehemaligen
       Mittelstürmer (Fußball) getroffen bin und wir, nebeneinander sitzend, so
       von Ex-Profi zu Ex-Profi gesprochen haben. Wir redeten über das Aufhören,
       ein echtes Thema bei den Profis, und der Mittelstürmer neben mir erzählte,
       wie er gemerkt habe, dass es vorbei sei.
       
       Weißt du, sagte er, das war ein Heimspiel zum Ende der Saison. Und ab der
       70. Minute, da habe ich immer öfter auf die Uhr an der Anzeigetafel
       geschaut und mich gefragt, wann das denn endlich vorbei ist. Das musst du
       erzählen, sagen die Journalisten-Profis.
       
       Henning Harnisch, früherer Basketballnationalspieler, Vizepräsident von
       Alba Berlin schrieb zwei Jahre lang die monatliche Kolumne „Henningway“.
       Jetzt hört er auf, bleibt der taz aber als Autor erhalten.
       
       18 Dec 2019
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Henning Harnisch
       
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