# taz.de -- Sportlerflucht aus Kuba: Krankes System
       
       > Wieder kehren zwei kubanische Baseballstars ihrer Heimat den Rücken. Der
       > internationale Bedeutungsverlust des Inselsports setzt sich weiter fort -
       > auch wegen der Mangelwirtschaft.
       
 (IMG) Bild: Gute Stimmung beim kubanischen Team für die Panamerikanischen Spiele 2007 in Rio de Janeiro. Doch nach solchen Anlässen fliegen immer ein paar nicht mehr nach Hause.
       
       Am Samstag hat Kubas Nationalcoach Higinio Vélez das vorläufige 45-köpfige
       Aufgebot für das wichtigste Baseballturnier der Welt nominiert. Im März
       stehen die World Classics Baseball an, und dann sollen die Staatsamateure
       von der Insel wieder für Furore sorgen. Zeigen sollen sie der
       professionellen Konkurrenz aus den USA, Japan, Südkorea und Co., wie man in
       Kuba pelota spielt. Beim ersten Mal ist das den Kubanern ganz gut gelungen.
       Da scheiterte man erst im Finale an den wieselflinken Japanern. Doch für
       die kubanische Equipe steht die zweite Auflage unter schlechten Vorzeichen.
       Mit Yardel Martí wird nämlich der wurfgewaltige Spieler fehlen, der die
       gegnerischen Schläger bei den ersten World Classics mit seinen präzisen
       Würfen schier zu Verzweiflung brachte.
       
       Martí, ein 29-jähriger Mann von den Industriales aus Havanna, hat sich
       gemeinsam mit Yasser Gómez zum Jahreswechsel nach Mexiko abgesetzt. Eine
       Republikflucht, die erst im zweiten Anlauf glückte. Die beiden Cracks der
       Industriales hatten bereits im November einen Fluchtversuch unternommen.
       Daraufhin waren beide von der Nationalmannschaft und dem Ligabetrieb
       verbannt worden.
       
       Der zweite Fluchtversuch war dann nur noch eine Frage der Zeit, wie eine
       ganze Reihe von Beispielen zeigt. So flüchtete Orlando "El Duque"
       Hernández, eine Legende unter Kubas Baseballwerfern, genauso wie
       Boxweltmeister Erislandy Lara, nachdem man sie suspendiert hatte. Ohne den
       Sport und seine Privilegien lässt es sich in Kuba nur schlecht aushalten,
       wenn obendrein lukrative Verträge im Ausland winken.
       
       Bei Martí und Gómez ist das der Fall. Die beiden Spieler, die sich
       mittlerweile in New York aufhalten, können derzeit in Ruhe die Angebote
       ihres Agenten Jaime Torres sondieren. Während Martí als Pitcher bereits
       einen exzellenten Ruf im Baseball-Mekka USA hat, muss Gómez, ein
       sprintstarker Outfielder, noch an seinem Ruf arbeiten. Er gehört zwar zu
       den besten und schlagkräftigsten Spielern der kubanischen Liga, wurde aber
       kaum in die Nationalmannschaft berufen. Ein Grund für die Flucht, denn in
       Kuba sah er sich von dem Trainerteam um Coach Higinio Vélez immer
       geschnitten. Für Martí war hingegen der zentrale Grund für die Flucht die
       ständige Bevormundung. "Sie behandeln uns wie Kinder", hatte er in einem
       Interview mit dem Canal 41 aus Miami geklagt.
       
       "Allerdings gibt es noch ein anderes Problem. Es fehlt uns an den
       körperlichen Voraussetzungen. Das ist der Preis der período especial",
       erklärt Iván García, ein unabhängiger kubanischer Sportjournalist. Die
       schlechte Ernährung in den Neunzigerjahren, als die Insel eine tiefgehende
       Wirtschaftskrise durchlitt, macht der 41-jährige Hüne für den
       Leistungsabfall im kubanischen Sportbetrieb verantwortlich. "Noch nie haben
       wir bei Olympischen Spielen so schlecht abgeschnitten, und obendrein fehlen
       den Sportlern hier die Perspektiven", moniert García.
       
       Im Baseball, dem Nationalsport, werden die Spieler zwar mit relativ hohen
       Gehältern, Devisenprämien und Unterbringung in Luxushotels versorgt, aber
       in anderen Sportarten ist das nicht mehr der Fall. Ein triftiger Grund,
       weshalb Abwanderung im kubanischen Sportbetrieb längst nicht mehr die
       Ausnahme ist. Das trägt zur Verschlechterung der Performance der
       Sportnation Kuba genauso bei wie die dünner werdende Decke an Talenten.
       Zwar funktioniert das Talentsichtungssystem an Schulen und Hochschulen nach
       wie vor, aber die Zahl der Schüler und Studenten ist aufgrund gesunkener
       Geburtenraten rückläufig. Groß gewachsene Sportler werden beim Volley- und
       Basketball mittlerweile genauso händeringend gesucht wie kräftige Boxer
       fürs Schwergewicht. Eine Folge der Mangelwirtschaft, die mehr oder minder
       auch für die Flucht der Baseballstars verantwortlich war.
       
       13 Jan 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Bieberitz
       
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