# taz.de -- Schauspielerin Heidi Kabel gestorben: Eine waschechte Hamburgerin
       
       > Sie war die populärste Schauspielerin der Nation, vor allem wegen der
       > Stücke im Ohnsorg-Theater. Am Dienstag starb sie im Alter von 95 Jahren.
       
 (IMG) Bild: Lebte ihre Figuren mit einer präzisen Portion Verruchtheit: Heidi Kabel 1997 am Hamburger St.Pauli Theater
       
       Ihr Rang als Fernsehschauspielerin ist heute nicht mehr begreiflich, Heidi
       Kabel aber war in den Sechziger- und Siebzigerjahren, vor allem in Stücken
       des Ohnsorg-Theaters, die das Fernsehen übertrug, die populärste
       Schauspielerin der Nation. Und das hatte seinen Grund nicht allein in der
       Art der Theaterästhetik, die die ARD gewöhnlich zur besten Sendezeit
       auszustrahlen wusste - sogenanntes Volkstheater, das vom humoresken
       Realismus lebte und die Figuren so zeichnete, wie sie das Publikum im
       wahren Leben auch zu kennen glaubte. Heidi Kabel war die beliebteste von
       allen, weil sie Tratschen, Giftziegen, (Schwieger-)Mütter, Nachbarinnen
       Stimme und Körper verlieh - immer auf eine gewisse selbstentlarvende Weise,
       niemals ernsthaft problematisierend.
       
       Anders als ihre Kollegin Inge Meysel legte Kabel nie Wert darauf, Rollen im
       gesellschaftskritischen Kontext zu spielen - und hob sich so angenehm von
       der Aura der deutschen Leidensmutter der ewigen Meysel ab.
       
       Heidi Kabel, 1914 in Hamburg geboren, kam kurz vor der Machtübernahme der
       Nationalsozialisten zur "Niederdeutschen Bühne" in ihrer Heimatstadt. Das
       war in einer Zeit, als angehende Actricen noch kein Missingsch (das
       Alltagshamburgisch, weder Platt- noch Hochdeutsch) lernen mussten, um als
       authentisch zu gelten.
       
       Die Kabel, später, ehelich: Heidi Mahler, gab nie eine andere Rolle als die
       der anständigen, vernunftbegabten und lebenstüchtigen Frau. Ihre Stücke
       hießen "Wenn der Hahn kräht", "Die Kartenlegerin" oder "Tratsch im
       Treppenhaus": Stets lebte sie ihre Figuren mit einer präzisen Portion
       Verruchtheit, die sie mit hamburgischem Klang oft ins Harmlose färbte.
       
       In einer wie ihr erkannte sich nicht nur das hanseatische Proletariat, das
       ins Kleinbürgerlich-Gemütvolle drängte, sondern die halbe Nation. Heidi
       Kabel gab mit den Jahren immer "gerner" (Hamburgisch) die Hamburgerin, die
       das "Herz auf dem rechten Fleck" trägt und im Jovialen immer das Mittel zum
       Ausgleich findet.
       
       Die Schauspielerin, seit vielen Jahren nicht mehr Teil der kulturellen
       Öffentlichkeit in Hamburg, litt seit langem an Demenz. In einem Pflegeheim
       starb sie gestern im Alter von 95 Jahren.
       
       16 Jun 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jan Feddersen
       
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