# taz.de -- Schauspieler Jürgen Vogel: "Wer bin ich denn? Bin ich Gott?"
> In dem Film "Schwerkraft" spielt Jürgen Vogel einen Kleinkriminellen. Bei
> uns redet der Schauspieler über Zigaretten, seine proletarische Herkunft,
> gute und schlechte Interviews.
(IMG) Bild: Jürgen Vogel in seiner Rolle in dem Film "Schwerkraft"
taz: Herr Vogel, ich bin etwas ratlos. Zur Vorbereitung habe ich jede Menge
über Sie gelesen.
Jürgen Vogel: Sie Armer!
Gibt Schlimmeres.
Ich meine das ernst. Ich würde nicht lesen wollen, was ich schon alles für
einen Mist verzapft habe.
Die Frage, die ich mir nach der Lektüre stelle, und auch die wurde Ihnen
schon gestellt, ist: Was haben Sie in Interviews eigentlich noch nicht
erzählt?
Ja, das frage ich mich auch manchmal. Wirklich. Ich gehe ja nach jedem
Interview aufs Klo, und da stehe ich dann und sage zur mir selbst: Ich
hasse mich, oh, ich hasse mich. Was habe ich denn da wieder gesagt? Ich
gebe ja mit jeder Antwort vor, etwas zu wissen. Jemand anderes könnte die
Frage allerdings auch beantworten - und würde ganz andere Sachen sagen. Das
ist meine Realität, meine Prägung, meine Wahrheit. Die kenne ich aber
schon, trage sie ja in mir. Was ich sage, ist schon Vergangenheit, weil es
schon gefühlt und gedacht ist. Deswegen langweilt es mich, ich hätte gerne
eine andere Wahrheit. Ich würde gern das erzählen, was jemand anderes sagen
würde, weil ich gern mal etwas anderes denken würde, mal aus meiner Haut
rausmöchte. Beim Spielen geht das zum Glück.
Behelfen Sie sich manchmal mit Lügen, um ein bisschen Abwechslung
reinzubringen?
Ja, das mache ich schon gelegentlich, ist aber auch langweilig. Denn der
Interviewer hat ja das Recht auf eine halbwegs aufrichtige Antwort, sonst
könnten wir das hier auch gleich lassen. Nur weil mir die Frage in dem
Moment vielleicht nicht passt, darf ich ihm ja keine Märchen erzählen. Wer
bin ich denn? Bin ich Gott?
Welche Frage können Sie nicht mir hören?
Wenn du zum Beispiel ein Interview für ein EPK machst …
… eine elektronische Pressemappe …
… ist die Gefahr groß, dass jemand dich bittet, in zwei Sätzen zu erzählen,
wen du spielst, und in drei Sätzen, worum es in dem Film geht. Das hasst
man dann wie die Pest. Deswegen weigere ich mich auch meistens, diese
Fragen zu beantworten.
Warum genau?
Weil man in drei Sätzen zwei Stunden Film nicht erklären kann. Wenn man es
könnte, hätten wir etwas falsch gemacht.
Aber die Weigerung birgt doch auch die Gefahr, dass man als prätentiös
gilt, als schwierig.
Deswegen sage ich ja auch immer: Ich kann das gar nicht. Damit gebe ich den
Leuten das Gefühl: Der ist ein bisschen doof, und dann kriegen sie Mitleid
mit mir und versuchen, die Frage ein bisschen anders zu formulieren. Und
ich versuche, mich dann da durchzumogeln.
Warum befragen Journalisten Sie so gern? Was erwarten wir von Ihnen?
Vielleicht erhoffen sich viele wegen meiner proletarischen Herkunft und der
Tatsache, dass ich Autodidakt bin, eine Einfachheit und Klarheit in meinen
Antworten, die vom vergeistigten Schauspielerklischee abweicht. Mit das
beste Interview, das ich je gegeben habe, war übrigens eins mit der Zeit zu
"Der freie Wille". Ich fand es sehr erleichternd, dass der Autor …
… der Theaterkritiker Peter Kümmel …
… sich selbst Gedanken gemacht hat und Dinge über mich geschrieben hat,
über die ich mir selbst nicht so im Klaren war und erst geworden bin, indem
ich den Text gelesen habe. Das fand ich irgendwie geil. Ich bin ja nicht
nur, was ich sage. Das ist nur ein kleiner Teil, der wesentlich größere
steckt in meiner Arbeit. Wer wirklich etwas über mich erfahren will, sollte
sich meine Filme angucken, weil ich da am allerehrlichsten bin. Dagegen,
meine Figuren im Gespräch zu analysieren, gibt es eine Urweigerung in mir.
Weil es nicht mein Haupttalent ist und so etwas Klugscheißerisches,
Anmaßendes hat. Stellen Sie sich vor, jemand fragt Sie, worauf es im
Journalismus ankommt. Und Sie erzählen ihm alles, wovon Sie glauben, dass
es wichtig ist. Ich schwöre Ihnen: Danach mögen Sie sich erst mal nicht.
Und ich glaube, dass das gut so ist. tschuldigung …
Vogel steht auf, geht zum Papierkorb, fischt eine fast volle
Zigarettenschachtel heraus, steckt sich eine an und wirft die Schachtel
zurück.
Warum schmeißen Sie eine fast volle Zigarettenschachtel weg?
Weil ich eigentlich nicht mehr rauche, nur manchmal. Das war jetzt die
letzte.
Für wie lange?
Hoffentlich überhaupt die letzte.
Wie oft Sind Sie in den letzten Stunden an den Papierkorb gegangen?
Zweimal.
Machen Sie das immer so?
Nee, heute hatte ich den spontanen Impuls, die Kippen wegzuschmeißen, weil
es mich angeekelt hat - und jetzt hole ich sie wieder raus: gutes Zeichen,
gutes Zeichen.
Gibt es Themen, über die Sie gern häufiger reden würden?
Nein, denn ein wirkliches Interesse, über das zu reden, was ich tue, habe
ich ja wie gesagt nicht. Alles, was ich sagen könnte, trifft es nicht
wirklich. Man kann eben Emotionen und das, was man wirklich denkt, schwer
in Worte fassen. Ich kann Grundsätzliches sagen über Figuren, warum es mir
wichtig ist, jede mit Würde zu spielen, weil jede Figur diese Würde
verdient hat, egal was sie getan hat oder tut. Das entspringt meiner
Sympathie für den normalen Menschen, für den Menschen, der Fehler macht,
weil das zum Menschsein dazugehört. Es ist mir extrem wichtig, eine Haltung
zu meinen Figuren zu haben, eine Liebe und Nähe und eben keine Distanz, um
mich zu schützen.
An Schauspielschulen wird das Gegenteil gelehrt.
Deswegen habe ich ja auch nur einen Tag eine besucht. Es ist meine feste
Überzeugung, dass ich meine Figuren nur distanzlos spielen kann, mich da
reinwerfen muss. Jede Figur muss durch mich durch irgendwie. Nur dann ist
es ehrlich, bekommt es Tiefe. Insofern bin ich ein Selbstdarsteller und
lege auch viel Wert darauf, ein Selbstdarsteller zu sein. Die Rolle ist für
mich ein Anzug, den ich trage und in dem ich dann wirklich das empfinde und
durchlebe, was die Figur empfindet und durchlebt. Aus einer Geschichte, die
sich irgendjemand ausgedacht hat, lebendige Figuren zu machen, mit denen du
zitterst und dich freust, das geht nur ohne Abstandshalter, zumindest für
mich. Ich bin mir da meiner eigenen Begrenzungen auch durchaus bewusst.
Meine Physiognomie und meine Art der Darstellung passen eben nur zu
bestimmten Charakteren, und zwar zu solchen, die eine ähnliche Herkunft
haben wie ich.
Sie stammen aus kleinen Verhältnissen und sind mit 15 Jahren von zu Hause
abgehauen.
Meine proletarischen Wurzeln haben mir geholfen, eine Art von Schauspiel
mitzukreieren, die es, als ich als Teenager angefangen habe zu drehen, in
Deutschland noch kaum gab, mal abgesehen vielleicht von der "Das
Boot"-Besatzung und Richy Müller mit "Die große Flatter".
Sind Sie stolz darauf?
Ja, schon. Bis dahin waren Malocherfiguren im deutschen Film und Fernsehen
unerträglich klischeehaft.
Wenn Sie sich Figuren wie den Vergewaltiger Theo Stör in "Der freie Wille"
"anziehen": Ist das manchmal eine Qual für Sie?
Nee, die einzige Qual ist es manchmal zu akzeptieren, dass man dieses
Talent hat und sich damit in dieser Welt bewegen muss - das ganze
Drumherum, die roten Teppiche, diese seltsame Branche. Aber das hat ja
alles nichts mit dem eigentlichen Arbeitsprozess zu tun, und der ist keine
Qual, sondern eine Befreiung für mich.
Auch bei einer Figur wie in "Der freie Wille"?
Gerade dann.
Warum?
Wir wären Clowns und Deppen, wenn wir glauben würden, dass es das Böse
nicht gibt. Wenn wir dessen Existenz nicht akzeptieren und lernen damit
umzugehen, verkennen wir uns selbst. Wir können nur glücklich sein, wenn
wir zum Monster in uns stehen.
Haben Sie eigentlich immer noch manchmal die Fantasie, alles
hinzuschmeißen, aus Ihrem Leben auszubrechen?
Diese Gedanken kommen immer wieder. Aber das ist, glaube ich, bei allen so,
die ihren Beruf lieben: Liebe und Hass hängen eng zusammen. Das, was man
liebt, hasst man mitunter auch. Man versucht immer, sich einzureden, man
hätte die Freiheit zu entscheiden, das nicht mehr zu tun, was man tut, weil
man einen Zwang dahinter empfindet. Und dieses Gefühl, es nicht müssen zu
wollen, ist bei mir manchmal sehr stark.
Mit Zwang meinen Sie aber eher das Triebhafte dahinter als die
Notwendigkeit, Geld zu verdienen, oder?
Ja, das ist doch viel schlimmer. Der Mensch wäre so gern frei, ist es aber
nicht. Wenn Leute mich fragen, warum ich diese oder jene Rolle gespielt
habe, kann ich nur sagen: weil ich es musste. Das ist die einzige ehrliche
Antwort.
25 Mar 2010
## AUTOREN
(DIR) David Denk
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(DIR) Neuer Film "Schwerkraft": Sinneswandel eines Bankangestellten
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