# taz.de -- Jörn Kabisch Angezapft: Sauer, aber ohne Grimassen-Potenzial
Es ist keine fünf Jahre her, da musste man in Berlin noch suchen, um an
eine Berliner Weisse zu kommen. Also eine echte. Plörre, die mit Milchsäure
vermischt ist, gab es an jedem Kiosk. Sie schmeckte einfach nur wie Essig,
sodass man keine andere Wahl hatte, als das Bier mit Sirup zu verdünnen –
wenn der nicht schon gleich als Schuss mit dran war. Das war eigentlich nur
was für Touristen, und auch für die meist nur einmal.
Doch dann setzte sich erst unter den Brauern, dann der Kundschaft das
Wissen durch: Berliner Weisse kann auch was anderes sein. Ein Bier, das
bereits während der Gärung sauer wird, durch Milchsäurebakterien und mit
Hilfe einer Hefe, die wie der Anfang eines Zauberspruchs aus Harry Potter
klang: Brettanomyces. So wird schon seit Ewigkeiten traditionell Sauerbier
gebraut, nicht nur in Berlin, sondern etwa auch in Belgien. Das Ergebnis
hat zwar ebenfalls einen recht niedrigen pH-Wert, aber die Säure ist nicht
so aufgesetzt. Sie lässt Aromen Platz.
Inzwischen steckt die Berliner Weisse in einer Renaissance. Es gibt kaum
eine Brauerei in der Hauptstadt, die sie nicht im Angebot hat, oft auch
noch Variationen, mit Rhabarber oder Rauchmalz. Ende Mai findet in Berlin
sogar ein Berliner-Weisse-Gipfel statt. Hier sind einige der
interessantesten jungen deutschen Brauereien vertreten und mittendrin ist
auch Ulrike Genz mit ihrer jungen Brauerei Schneeeule. Sie kommt aus Berlin
und produziert nichts anderes als Sauerbier.
Die Diplom-Braumeisterin Genz ist während des Studiums auf den Geschmack
gekommen. Ihren Bieren hat sie sehr berlinige Namen gegeben. Marlene
Dietrich steht Patin für die klassische Weisse, ein apfelig schmeckendes
Bier. Harald Juhnke für ein dunkleres, stärkeres Exemplar. Und dann wäre da
auch noch Yasmin, die – genau – Jasminblüten enthält. Ich denke, es ist
eine Hommage an das Multikulti-Berlin.
Die Blüten machen aus der Weissen was sehr Feines. Yasmin ist ein fast
zitronig-gelbes trübes Bier mit dem für die Weisse typisch brausigem
Schaum. Der Geruch ist hefig und lässt mich an Trauben denken. Auf der
Zunge fühlt es sich erst mal an wie ein saurer Tusch, der hat aber noch
kein Grimassenpotenzial. Bevor man das Gesicht verziehen kann, wird Yasmin
floral-herb, weiche Kohlensäure schmeichelt dem Gaumen.
Auch Brettanomyces schmeckt man. Die Hefe kann im Bier einen ganz
aufdringlichen Geschmack nach Stall hinterlassen. Im Yasmin ist es nur ein
kleiner Spritzer Parfum. Ganz leicht. Das ist für meine Begriffe
Braumeisterschaft.
4 May 2019
## AUTOREN
(DIR) Jörn Kabisch
## ARTIKEL ZUM THEMA