# taz.de -- Sakral aufgeladener Kreuzgang
       
       > BIENNALE In Venedig wurde der mögliche GAU gerade so vermieden: dass die
       > Schlingensief-Installation den Deutschen Pavillon zum Fascho-Fluxus adelt
       
       VON INGO AREND
       
       Ein bisschen Hitler.“ Man wundert sich, dass diese beiläufige Antwort ihrem
       Urheber damals nicht um die Ohren geflogen ist. Lars von Trier hat man die
       Koketterie mit dem Nazismus übel genommen. Obwohl auch er vermutlich im
       Sinn hatte, das Erstaunen über das Fremde in ihm zu artikulieren, bevor die
       Lust an der Provokation über Hand nahm. Christoph Schlingensief hat man sie
       durchgehen lassen. In einem Gespräch aus dem Jahr 2008, in dem der
       Kunstkurator Hans-Ulrich Obrist den „Künstler“ Schlingensief nach seinen
       „Heroes“, seinen Vorbildern, fragte. Da kam dann neben Mutter Teresa, Luis
       Buñuel und seinem Vater auch „ein bisschen“ der Übelste aller Deutschen
       vor.
       
       Vielleicht war die Öffentlichkeit schon an Schlingensiefs radikalen
       Exhibitionismus gewöhnt, seine rigorose ästhetische Selbstausbeutung, die
       nicht zwischen körperlichen und geistigen Furunkeln unterschied. Und bei
       dem Gespräch waren ja auch keine Kameras dabei. Vielleicht war sie aber
       auch einfach davon überzeugt, dass der Erfinder des Slogans „Tötet Helmut
       Kohl“ politisch auf der sicheren Seite zu verorten ist. Für diesen,
       erkennbar im Kunst-Kontext – auf der documenta 10 – deklamierten Satz,
       wurde er 1997 angeklagt, die klitzekleine Hitler-Marginalie rutschte durch.
       
       Ruft man sich die Äußerung ins Gedächtnis, musste einem etwas mulmig werden
       bei Susanne Gaensheimers Plan, ausgerechnet Schlingensiefs Bühnenbild „Die
       Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ in den Deutschen Pavillon in die
       Giardini zu verfrachten. Das Requiem hatte der gebürtige Oberhausener 2008
       zur Ruhrtriennale herausgebracht: Lebensbefragung, Lebensbeichte und
       Totenmesse in einem. Wer, wie Gaensheimer, dem mächtigen Bildgeber
       Schlingensief posthum einen Platz im Kunstkontext sichern will, für den
       hätte es vielleicht nahegelegen, seine Filme ins Zentrum zu stellen. Und
       sie nicht einem Seitengelass auf einem TV-Bildschirm zu präsentieren. Doch
       der mögliche GAU wurde gerade so vermieden: dass die herrenlose
       Raum-Installation, die den Innenraum von Schlingensiefs heimatlicher
       Pfarrkirche Herz Jesu nachstellte, in der er jahrelang Messdiener war, das
       architektonische Dokument einer nekrophilen Ideologie sakral aufladen, gar
       zum Fascho-Fluxus adeln würde.
       
       Hans Haacke brach den Boden des Nazi-Tempels mit einer Spitzhacke auf,
       Gregor Schneider drang mit seinem Haus Ur in die verwinkelten Gänge des
       faschistoiden Spießerhirns, Isa Genzken verhängte vor vier Jahren die
       einschüchternde Fassade mit orangen Baustellen-Planen. Der Liste der
       Versuche, sich mit aller ästhetischen Macht an der Last der Geschichte
       abzuarbeiten, die der „Padiglione di Germania“ immer noch verkörpert, hat
       der nicht anwesende Christoph Schlingensief eine sehenswerte Variante
       hinzugefügt. Zwischen Kindheitsfilmen, Fluxus-Remakes und Computer-Scans
       zeigt sich hier einer prototypisch als einzige Wunde: Deutsch sein,
       Künstler sein wollen, sterben müssen.
       
       Auch wenn Schlingensiefs Sicht die der Nachgeborenen ist. Im Schatten
       dieses Szenarios einer peinigenden Selbstanalyse, in der alles rausgelassen
       werden darf, lauert das Motiv der deutschen Geschichte als
       Leidensgeschichte, als unverdienter Kreuzweg. Und der Installation fehlt
       das organisierende Zentrum in Gestalt des „perfekten Kommunikators“
       (Matthias Lilienthal). Die Ausstellung hat dasselbe Probleme wie die große
       Beuys-Retrospektive vergangenen Sommer in der Düsseldorfer Kunstsammlung
       NRW. Eine Schau gleichsam unter Schalldämpfer, bei der das letzte
       dadaistische Reststück plötzlich wie ein Juwel des Minimalismus und der
       Arte Povera schimmerte. Etwas davon hat auch der venezianische Leidensraum.
       
       Die befleckte Krankenliege bleibt leer, der Beuys’sche Haase auf dem Altar
       steht unbewegt, stumm staunen die im Kirchengestühl kauernden
       Kunsttouristen. Doch allen Filmszenen zum Trotz – wer je den
       Theaterderwisch durch die Kulisse dieses Lebens-Todes-Fluxus-Oratoriums
       wirbeln sah, für den bleibt hier der geniale Dilettant Schlingensief auf
       der Strecke. Dessen furiose Grenzüberschreitung fand stets im anrufenden
       Vollzug statt. Als ob er den latenten Widersinn des Szenarios in den
       Giardini selbst karikieren wollte, ruft er selbst vom Bildschirm über dem
       Altar mit schmerzverzerrter Miene: „Bitte nicht berühren!“
       
       Manch einem mag dabei zu viel Privatmythologie im Spiel sein. Doch was wäre
       die Kunst ohne sie. Der Ausstellungsmacher Harald Szeemann widmete ihnen
       1972 seine ganze, Epoche machende Documenta 5. Die Frage ist nur, in
       welchen Rahmen man sie stellt. Der Wechsel von der kollektiven zur
       individuellen Obsession, wie ihn der zu „Egomania“ verballhornte Schriftzug
       „Germania“ über dem Eingang des Pavillons signalisiert, verscheucht noch
       nicht die deutschen Gespenster. Vor allem wenn man sie mit einer Kunst
       exorzieren will, die so radikal nach dem (eigenen) Leben greift und einen
       derart in den Mittelpunkt stellt. Gäbe es da nicht den grundlegenden
       Unterschied zwischen Stärkezeigen und Schwächezeigen, könnte man wirklich
       fast meinen, es sei ein bisschen wie bei Hitler.
       
       4 Jun 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) INGO AREND
       
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