# taz.de -- SAN SEBASTIÁN: Essen wie die Basken
       
       > Die baskische Küche baut nicht nur auf Tradition. Sie kann auch höchst
       > innovativ und modern sein.
       
 (IMG) Bild: Tintenfisch Kreation im Arzak
       
       Gesang dröhnt aus der Bar. Eine Sevillana, begleitet von einer Gitarre. An
       einem langen Tisch speist eine zwölfköpfige Männergesellschaft. Ein
       Kochclub, eine sogenannte Toxos. Zweihundert davon gibt es in San
       Sebastián, 60 allein in der Altstadt, rund 2.000 im ganzen Baskenland. Eine
       solche kulinarische Gesellschaft ist ein Stammtisch, bei dem gekocht wird.
       Nur von Männern. Dazu braucht es ein paar Freunde, ein gemietetes Lokal
       ohne Ladenschluss, eine Satzung.
       
       Wir linsen durch die offen stehende Tür. Der Gitarrenspieler winkt uns
       heran, bietet ein Gläschen Pacharán an, ein Schlehenlikör auf der Basis von
       Anis.
       
       "Gekocht werden traditionelle Gerichte, aufwendige Gerichte", erzählt uns
       der freundliche Herr. Heute gibt es Caza (Wild) mit einem guten Wein aus
       Rioja Alavesa, in Rotwein gegarte Pfirsiche und Birnen, Panchineta de
       Tolosa (mit Creme gefüllte Blätterteigteilchen), Tostadas de crema (die der
       Leche Frita, dem gebratenen Pudding, entspricht) und dazu noch
       Spinatkuchen.
       
       "Frauen hatten bis vor Kurzem keinen Zutritt zu den kulinarischen Treffen,
       heute werden sie ab und zu eingeladen", sagt Lourdes, unsere Begleiterin
       beim Gang durch die Altstadt von San Sebastián. Die Kochgesellschaften als
       letztes Reservat des Machismo?
       
       "Männerfreundschaft wird unter Basken sehr großgeschrieben", weiß Lourdes.
       "Am wenigsten Sex in Spanien haben deshalb die Basken, sagt man, weil sich
       hier Männer und Frauen kaum miteinander die Zeit vertreiben." Lourdes muss
       es wissen. Sie ist in Donostia, San Sebastián, geboren.
       
       Dafür essen die Basken offensichtlich umso leidenschaftlicher. An den
       Tresen der Bars in der Straße Fermín Calbetón, mitten in der Altstadt,
       stehen überall kleine Männergruppen. Sie verspeisen im Stehen von einem
       Büfett Minirationen, Pintxos genannt.
       
       Dazu trinken sie ein Zurito (Bierchen) oder einen Txakolí, den typischen
       süffigen Weißwein aus dem Baskenland. Stockfisch, Chorizo, gebratene
       salzige Paprika, Sardinen, Quittengelee mit Ziegenkäse,
       Melanzani-Potpourri, luftgetrockneter Schinken mit Champignons und weichem
       Lauch, Fischfilets mit geschmolzenem Käse - die Fantasie für die kleinen
       Köstlichkeiten kennt keine Grenzen.
       
       Beim jährlichen Pintxos-Wettbewerb in San Sebastián geht es darum, wer die
       köstlichsten dieser belegten Brote kreiert.
       
       San Sebastián verfügt - hochgerechnet auf seine Bevölkerungszahl - über die
       weltweit größte Dichte an Michelin-Sternen. Und das steht dieser Stadt im
       äußersten Norden der iberischen Halbinsel gut.
       
       San Sebastián mit seiner Belle-Époque-Architektur ist eine elegante, eine
       schöne Stadt. An der Bucht La Concha (die Muschel) gelegen und begrenzt
       durch die Felsmassive des Monte Igueldo und des Monte Urgull, erinnert es
       an Rio. San Sebastián ist ein anspruchsvoller Badeort mit viel
       Lebensqualität.
       
       Nur in kleinen Andeutungen zeigt sich hier dem Fremden, dass das Baskenland
       mitunter ein konfliktreiches Pflaster ist. An einem Balkon in der engen
       Altstadt sind Fahnen zu sehen, auf denen eine Silhouette des Baskenlands
       mit der Aufschrift "Euskal Prescak, Euskal Herrira" zu sehen ist. Sie
       fordern, dass die rund 800 in spanischen Gefängnissen sitzenden
       ETA-Gefangenen ins Baskenland zurückgebracht werden.
       
       Doch Basken reden viel lieber über das Essen. Immer wieder über das Essen
       und das Kochen. Wir gehen zum Taller de Pintxos in der Altstadt. Diese
       Kochwerkstatt bietet Kurse für Einheimische, Jugendliche, aber auch für
       Touristen.
       
       Wir probieren uns an gefüllten Paprikaschoten, an Bacalao - Trockenfisch al
       pil-pil und Chipirones - gefüllte Tintenfische. Die Köchin Noemi Gonzales
       weist uns ein. Sehr viel Olivenöl, viel angebratener Knoblauch - wir kommen
       den wohlschmeckenden Ingredienzien der baskischen Küche immer näher.
       
       Luis Mokoroa, der Chef der Kochwerkstatt, erzählt von der Bewegung der
       neuen baskischen Küche, die in den 70er Jahren begann, um die Kochtradition
       mit ihren vielfältigen Einflüssen zu erhalten.
       
       "Genuss und Gastronomie sind ganz wesentlicher Teil unserer Kultur", sagt
       er. "Es ist ein Konzept, das eng mit dem verknüpft ist, was unser Land
       bietet." Und das sind die Früchte aus dem Meer, der Schafskäse aus den
       Bergen und das Fleisch der Rinder, die auf den grünen Hängen des
       Baskenlands weiden. Das Baskenland ist ein Allgäu mit Meer.
       
       Die Traditionsverbundenheit der Basken zahlt sich in der Küche aus. So
       fährt in San Sebastián wie in anderen Fischerhäfen noch immer eine kleine
       bunte Fischerflotte täglich aus, um frischen Fisch für die anspruchsvollen
       Gaumen zu fangen. Steinbutt, Meerbrasse, Seehecht, Stöcker und Seeteufel
       immer frisch auf den Tisch.
       
       Förderer, Initiator und Flaggschiff der neuen baskischen Küche ist Juan
       Mari Arzak, dessen Name überall respektvoll gehaucht wird. Er ist der
       unbestrittene Großmeister. Wir besuchen sein Restaurant, das zu einem der
       weltbesten geadelt wurde.
       
       Juan Mari Arzaks Restaurant befindet sich in einem Herrenhaus, das schon
       1897 als Weinkeller und Taverne von seiner Familie bewirtschaftet wurde.
       Heute betreibt Arzak sein Restaurant zusammen mit seiner Tochter Elena.
       
       Sie empfängt uns in Arbeitskleidung. "Wir experimentieren jeden Tag aufs
       Neue und arbeiten am Geschmack", sagt sie.
       
       Mit Starkoch Ferran Adria tauschen sich die Arzaks aus, ein Koch des
       Adria-Teams sitzt im Kochlabor der Arzaks.
       
       "Ich und mein Vater sind Leiter eines Teams von Alchimisten, welche die
       Kochkunst entschlüsseln", sagt Elena, die Alleinerbin des
       Arzak-Küchenkosmos. Eines ihrer Grundprinzipien: "Das Menu eines großen
       Restaurants sollte jeden Tag neu gestaltet werden. Grundlagen sind immer
       die Produkte der jeweiligen Saison, die dann neu komponiert werden."
       
       Heute gibt es unter anderem Fisch des Tages, gebratenen Spargel mit Farbe,
       Erbsen, Dicke Bohnen und Kartoffeln, zum Nachtisch Käseeis mit
       Johannisbeeren. Unspektakuläre Produkte, die dann jedoch als
       Mega-Überraschung für Auge und Gaumen serviert werden.
       
       "Zu uns kommen nicht nur Manager und Firmenbosse", sagte Elena. "Bei uns
       essen die Einheimischen zu Festtagen oder zu irgendeinem anderen Anlass.
       Und das ist gut so." Das Arzak als Belohnung. "Darauf wird durchaus
       gespart", weiß Elena.
       
       "Schlechte Qualität, schlechte Küche haben bei uns keine Chance, weiß auch
       Ander Escarte Abrego, der ehemalige Chefkoch des Fußballclubs Real Madrid.
       Sein Restaurant Txuleta im Zentrum der Altstadt zählt zu den besten der
       Stadt. Und wie im Arzak geht es auch hier nicht snobistisch teuer zu.
       
       Bodenständig wie ihre Produkte erscheinen die Toprestaurants von San
       Sebastián. Geerdet. "Jeder soll kommen. Bei uns gibt es nicht die sozialen
       Unterschiede", behauptet auch Joxe Mari Arbelaitz. Sein Restaurant mit
       einem Michelin-Stern ist um die Mittagszeit gut besucht.
       
       "Die Leute aus San Sebastián essen gerne draußen. Und sie verstehen was vom
       Essen", sagt er. Sein Pflichtkodex: "Erstklassiges und frisches
       Rohmaterial, Tradition und Kunstfertigkeit, die Mischung aus Olivenöl und
       Knoblauch und das ganz spezielle Geheimnis des Hauses."
       
       21 Jun 2010
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Edith Kresta
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Reiseland Spanien
       
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