# taz.de -- Resistente Keime: Zurück ins medizinische Mittelalter
       
       > Was kann die Regierung gegen das Versagen von Antibiotika tun? „Sich mit
       > der Agrarlobby anlegen“, sagt der Bremer Arzt Martin Eikenberg im
       > Interview. 
       
 (IMG) Bild: »Natürlich stehen die Ärzte unter Druck, dass ein Patient zum anderen Kollegen geht, wenn man nicht das gewünschte Rezept ausstellt.« – Junger Patient wird im Jahr 1948 mit Penicillin behandelt.
       
       taz.FUTURZWEI: Herr Eikenberg, vor Kurzem twitterte der österreichische
       Kulturphilosoph Christian Köllerer: »Es wäre übrigens viel vernünftiger,
       vor multiresistenten Keimen Angst zu haben als vor Terroristen. Inzwischen
       700.000 Tote pro Jahr.« Sehen Sie das als Mediziner auch so? 
       
       MARTIN EIKENBERG: Natürlich können Sie auch vor den großen Wohlstandsleiden
       wie Diabetes oder Herzkreislauferkrankungen Angst haben, die kommen auch
       oft vor. Aber die Bedrohung durch die gefährlichen Erreger, die gegen
       gängige Antibiotika resistent sind, nimmt derzeit extrem zu. 
       
       Wer ist besonders gefährdet? 
       
       Wer auf der Intensivstation liegt, vielleicht eine Organtransplantation
       hinter sich hat, kann eine Lungenentzündung, Blutvergiftung oder
       Wundinfektion bekommen. Denn die Bakterien finden besonders leicht einen
       Weg in den Körper, wenn jemand am Tropf hängt, einen Katheter hat oder
       künstlich beatmet wird. Mittlerweile erkranken jedes Jahr zwischen 400.000
       und 600.000 Menschen in Deutschlands Krankenhäusern an einer Infektion. Von
       den Erregern sind etwa fünf Prozent multiresistent und besonders schwer
       therapierbar. 15.000 Patienten sterben. Die Vereinten Nationen gehen
       weltweit von 700.000 Todesfällen pro Jahr aus. 
       
       Muss ich vor einer Blinddarm-OP Angst haben? 
       
       Angst nicht, aber auch da kann es zu einer postoperativen Wundinfektion
       kommen. 
       
       Wissenschaftler erklären, im Jahr 2050 könnten mehr Menschen an
       multiresistenten Keimen sterben als an Krebs. Die
       Weltgesundheitsorganisation warnt vor einem postantibiotischen Zeitalter.
       Was droht? 
       
       Die Fälle werden zunehmen, in denen bei Infektionen verschiedene
       Antibiotika versagen. Das ist auch heute nicht mehr ungewöhnlich. Ich kann
       mich an einige Fälle aus meiner eigenen Tätigkeit in der letzten Zeit
       erinnern, bei denen nur noch ein oder zwei Antibiotika wirksam waren und es
       zu schweren, teils sogar tödlichen Verläufen kam. 
       
       Der Mensch gewinnt gegen die Bakterien nicht? 
       
       Auch Bakterien entwickeln sich natürlich weiter und können so überleben.
       Unter ihnen gibt es immer welche, deren Erbgut sich verändert. Diese können
       dann gegen bestimmte Wirkstoffe unempfindlich sein. Also trotzen sie der
       Behandlung, vermehren sich, sodass ein neuer resistenter Stamm entsteht.
       Das heißt: Mit jeder Antibiotikagabe fördern wir Resistenzen. Das erleben
       wir seit dem Penicillin, dem ersten Antibiotikum, das entdeckt wurde. Im
       Idealfall gibt es dennoch ein wirksames Medikament, aber die Bakterien
       verändern sich fortwährend. Möglicherweise wirkt dann irgendwann kein
       Medikament mehr und wir können nicht davon ausgehen, dass ständig neue
       Antibiotika entwickelt werden können. 
       
       Die Pharmaindustrie weiß nicht weiter? 
       
       Die neueste Antibiotikaklasse, die Oxazolidinone kamen Ende der
       1980er-Jahre auf den Markt. Die Forschung rechnet sich für die Industrie
       kaum. Bis ein neues Antibiotikum zugelassen wird, ist es ein sehr langer,
       auch teurer Weg. Am Ende nimmt der Patient das Medikament aber nur ein oder
       zwei Wochen, dann ist die Krankheit behandelt. Da ist es viel lukrativer,
       Medikamente zu entwickeln, die chronisch Kranke dauerhaft bekommen. 
       
       Was muss die nächste Gesundheitsministerin oder der nächste
       Gesundheitsminister tun? 
       
       Sie oder er müsste sich mit der Agrarlobby anlegen. Zwar hat 2015 der
       CDU-Gesundheitsminister Hermann Gröhe schon einen Zehnpunkteplan vorgelegt,
       um in der Humanmedizin Maßnahmen gegen multiresistente Erreger zu ergreifen
       und die Hygiene zu fördern. Das war alles richtig, wenn auch sehr
       allgemein. Ein wesentlicher Grund für die gefährlichen
       Antibiotikaresistenzen liegt aber nicht in der Hochleistungsmedizin für
       Menschen, sondern in den Tierställen. Die hiesigen Tierärzte verabreichen
       Hühnern, Schweinen oder Rindern ein Mehrfaches an Antibiotika als Ärzte
       ihren menschlichen Patienten. Der Bund muss mehr Geld in die Forschung auf
       diesem Gebiet stecken und dafür sorgen, dass die Abgabe stark reduziert
       wird. 
       
       Sie wollen von der Schuld der Humanmediziner ablenken? 
       
       Ich rede nicht von Schuld. In den Krankenhäusern haben wir in den letzten
       Jahren viel an der Hygiene gearbeitet und verbessert. Desinfektionsmittel
       und Mundschutz, Handschuhe und Schutzkittel gehören zum Alltag. Patienten,
       die multiresistente Erreger haben, werden in Einzelzimmern untergebracht.
       Das ist ein erheblicher Aufwand. Da gibt es auch praktische Probleme, etwa
       wenn ein Patient draußen eine Zigarette rauchen will. Und immer mal wieder
       passieren Fehler, aber im Allgemeinen ist das beherrschbar. 
       
       Es ist Routine, dass der Hausarzt Antibiotika verschreibt, wenn der Kopf
       weh tut, die Nase läuft und der Hals kratzt. 
       
       Eigentlich nicht. Natürlich stehen die Ärzte unter Druck, dass ein Patient
       zum anderen Kollegen geht, wenn man nicht das gewünschte Rezept ausstellt.
       Aber die meisten Patienten wissen, dass man einen viralen grippalen Infekt
       ausschwitzen und in Ruhe aussitzen muss. Die Hausärzte verschreiben in
       diesen Fällen heute viel weniger Antibiotika als früher. 
       
       Folgt man der Statistik, haben die Bauern auch darauf geachtet, Antibiotika
       nur noch dann einzusetzen, wenn es wirklich nötig ist. Von 2011 bis 2016
       hat sich die Menge halbiert. 
       
       Die Bauern konnten die Menge mindern, weil die eingesetzten Mittel
       wirksamer sind. Zum Teil nutzen sie sogar sogenannte Reserveantibiotika,
       die eigentlich für den Menschen im Notfall vorgesehen sind. Die Zahl der
       Behandlungen ist so aber nicht gesunken. Noch immer kommt es vor, dass alle
       Tiere im Stall ein Antibiotikum bekommen, sobald nur eins krank ist. Das
       Problem sind dabei auch die Haltungsbedingungen. Tiere stehen häufig auf zu
       engem Raum, manchmal sogar im eigenen Kot. Das erleichtert das Entstehen
       von Krankheiten. 
       
       Der künftige Gesundheitsminister soll gegen Massentierhaltung sein? 
       
       Ja, wenn er die Bürger vor einer Zunahme von gefährlichen Resistenzgenen
       aus den Ställen schützen will. Ich wünsche mir darum einen Minister mit
       viel Durchsetzungskraft gegen die Lobby der industriellen Tierhaltung. 
       
       Wie kommen die Keime aus dem Stall zum Menschen? 
       
       Ein Großteil vor allem des Fleisches von Schwein und Geflügel aus den
       großen Mastbetrieben ist mit resistenten Keimen belastet. Verbraucher tauen
       das Fleisch in ihrer Küche auf. Einige Keime töten sie ab, wenn sie das
       Fleisch erhitzen. Doch es verbleiben lebende Keime zum Beispiel am Messer,
       mit dem sie das rohe Fleisch geschnitten haben oder an ihren Händen, mit
       denen sie das Wasser, das beim Auftauen entstanden ist, weggewischt haben.
       Irgendwann nehmen sie diese resistenten Keime auf. 
       
       Vegetarier sind besser geschützt? 
       
       Im Prinzip schon. Aber die Bakterien können auch über die Gülle vom Stall
       auf die Felder gelangen, sie landen dann in Badeseen, auch im Gemüse, das
       auf dem Feld wächst. Die Fleischproduktion hat Auswirkungen auf jeden, auch
       auf jene, die gar kein Fleisch essen. Das verursacht erhebliche Kosten,
       denn nicht nur die Umwelt wird belastet, sondern auch das solidarische
       Gesundheitssystem. Dafür sollten Fleischproduzenten und -konsumenten mit
       aufkommen. Wir brauchen zum Beispiel eine Steuer auf Fleisch aus
       industrieller Agrarproduktion. 
       
       Was kosten die Antibiotikaresistenzen Ihr Krankenhaus? 
       
       Bis zu achtzig Prozent der Landwirte, die in großen Schweinemastställen
       arbeiten, tragen einen MRSA-Keim, den multiresistenten Staphylococcus
       aureus, in sich. Bei Tierärzten ist das annähernd so hoch. Dazu kommen
       andere betroffene Patienten. Sie werden alle isoliert. Pfleger und Ärzte
       gehen nur in Schutzkleidungen zu ihnen. So zahlt die Allgemeinheit dafür,
       dass einige wenige in der Agrarbranche Profit machen. Am meisten trifft das
       natürlich die Patienten. Für sie ist das alles sehr belastend. Für das
       Krankenhaus entstehen derweil extra Personal-, Material- und
       Behandlungskosten. 
       
       In den USA werben Geflügelkonzerne mit »No antibiotics ever« auf
       Hühnerschenkeln. Die Fast-Food-Kette McDonald‘s will ihren Zulieferern
       spätestens bis zum Januar 2027 verbieten, Reserveantibiotika in der
       Hühnerzucht zu verwenden, später soll das auch für Rindfleisch gelten. Und
       Danish Crown, einer der größten Schlachtkonzerne weltweit, liefert in die
       USA auch schon Fleisch von Schweinen, die garantiert ohne Antibiotika
       aufgewachsen sind. Was bringt das? 
       
       Da wird versucht, einen neuen Markt zu schaffen und mit berechtigten
       Verbraucherinteressen das eigene Image zu verbessern. 
       
       Offenbar verkauft sich das gut. 
       
       Wenn sich die Regierungen mit Regeln schwer tun, ist das immerhin etwas.
       Das bringt schließlich ein paar Nachahmer. Rewe Dortmund bietet seit Kurzem
       zum Beispiel auch Fleisch aus antibiotikafreier Schweinemast an. Allerdings
       gilt das nur für die Mast, also für Schweine ab dreißig Kilo. Das sind
       immer noch zu viele Einschränkungen. Allein durch die Macht des
       Verbrauchers kommen wir nicht weiter. Wir brauchen Gesetze. 
       
       Auf der Homepage wir-sind-tierarzt.de heißt es aber bereits: »Menschen
       dürfen krank werden, Tiere nicht?« – Sie bekommen ein ethisches Problem? 
       
       Das ist doch nicht das Problem. Hühner verbringen in den abgeschotteten
       engen Mastanlagen 42 Tage, dann haben sie ihr Schlachtgewicht erreicht. Sie
       werden turbogemästet. Das macht sie anfällig. Das ist das Problem. Hätten
       Sie mehr Platz, mehr Zeit, eine andere Robustheit, bräuchten sie
       Antibiotika nur noch in Ausnahmefällen. Das passt aber nicht allen
       Tierärzten. Sie verdienen mit an den Antibiotika. In Deutschland sind sie –
       anders als etwa in Dänemark – Arzt und Apotheker zugleich. 
       
       Tierärzte verdienen an jedem von ihnen verschriebenen Antibiotikum? 
       
       Jedes eingesparte Medikament mindert ihren Gewinn. Und der Arzneiverkauf
       kann bis zur Hälfte des Verdienstes ausmachen. Dazu kommen Mengenrabatte.
       Je mehr Antibiotika der Tierarzt verschreibt, umso geringer wird der
       Einkaufspreis. Tierärzte sollten wie ich als Krankenhaushygieniker dafür
       bezahlt werden, im Sinne der Präventivmedizin Krankheiten und Infektionen
       zu vermeiden. 
       
       Was passiert, wenn die kommende Bundesregierung nicht eingreift? 
       
       Schon heute erzählen mir viele, dass sie jemanden kennen, der eine
       Infektion hatte mit Komplikationen. Künftig wird jeder Verwandte, Freunde
       oder Bekannte haben, die sterben, weil Antibiotika nicht mehr wirken.
       
       16 Jan 2018
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Interview: Hanna Gersmann
       
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