# taz.de -- „Prenzlauer Berg wird ein Rentnergetto sein“
> DER DICHTER Bert Papenfuß-Gorek, in jungen Jahren Bausoldat bei der NVA,
> hat die Subkultur in Prenzlauer Berg mitgeprägt: Als Autor anarchischer
> Lyrik, als Mitbetreiber des Kaffee Burger, als Kneipier für den
> renitenten Rest der Bewohner seines Kiezes. Er beklagt den Untergang der
> letzten alternativen Inseln in seiner Umgebung – und hofft, dass die
> Gören der Spießer irgendwann wieder revolutionärer werden
INTERVIEW SUSANNE MESSMER FOTOS PIERO CHIUSSI
taz: Herr Papenfuß-Gorek, wollen wir gleich anfangen?
Bert Papenfuß-Gorek: Zuerst müssen Sie mal dieses Getränk probieren. Das
ist neu, hat gerade so ein Vertreter einer Getränkefirma vorbeigebracht,
ein Freund meiner Tochter. Ist Kwas, dieses Zeug, das aus vergorenem Brot
hergestellt wird. In Russland verkaufen die das auf der Straße.
Na gut …
Und?
Schmeckt interessant. Aber nun zur ersten Frage: Warum sind Sie immer noch
hier in Prenzlauer Berg?
Ich bin ja kaum noch hier! Ich wohne schon seit zwei Jahren in Weißensee.
Meine Frau wohnte dort schon länger. Da ist es cooler als hier, es gibt
sogar alte Leute und Prolls.
Ihre Kneipe, die Rumbalotte continua, ist aber immer noch in Prenzlauer
Berg. Warum?
Prenzlauer Berg garantiert mir das Maß an Unzufriedenheit, das ich brauche.
Außerdem muss es eine Kneipe für den renitenten Rest geben, der hier noch
wohnt. Unsere Stammgäste, die Leute im Umfeld der sogenannten Prenzlauer
Berg Connection, die noch nicht weggezogen oder gestorben sind – die kommen
ja noch. Die brauchen schließlich auch noch einen Ort, an den sie gehen
können.
Kommen hier nur Ossis jenseits der fünfzig?
Nicht nur. Es ist oft gar nicht mehr so wichtig, ob man Ossi ist oder
Wessi, sondern eher, ob man renitent ist oder nicht.
Ihre Kneipe ist einer der letzten Orte für Alternativkultur in diesem Kiez,
und nun sind konkret drei dieser Orte in Ihrem Umfeld bedroht: Das letzte
besetzte Haus der Gegend in der Linienstraße 206, der Jugendkulturclub
Kirche von Unten und die Kultur- und Schankwirtschaft Baiz. Schlimm?
Sehr schlimm. Ich war Stammgast in der Baiz und habe dort den Gästerat
gegründet, wo wir Forderungen stellten wie zum Beispiel das Anbringen neuer
Steckdosen. Die wurden dann auch alle erfüllt. Es ging darum, die
Interessen der Gäste gegenüber der Wirtschaft zu vertreten. Die Baiz ist
ein guter Laden. Es ist ein Elend!
Was wird aus dem Kiez?
Die Gegend ist jetzt schon völlig verspießert, durch die ganzen Eltern, es
wird immer toter. Eines Tages wird das hier ein einziges Rentnergetto sein.
Ich hoffe nur auf die vielen Gören: Dass die irgendwann groß werden und
vielleicht, mit etwas Glück, auch mal das ein oder das andere kulturelle
Bedürfnis entwickeln.
Ein Mann mit langen, grauen Haaren und Nickelbrille betritt die Kneipe,
packt ein paar Linsenkonserven aus und stellt sie auf die hinteren Tische.
Es ist Egon Kenner, Gitarrist der Bluesgruppe Freygang, die sich 1977 in
Ostberlin gründete – die Ton Steine Scherben der DDR. Er setzt sich zu uns
an den Tresen, bestellt sich ein „Tschechenbier“ und erzählt davon, dass er
20 Jahre lang in einer windschiefen Altbauwohnung am Wasserturm gegenüber
wohnte – und jetzt in einer topmodernen Genossenschaftswohnung in Pankow:
Alles weiß, alles gerade, mit Fußbodenheizung und einem Klo, das sich
selbst reinigt.
Wir waren bei den letzten Inseln in Prenzlauer Berg. Was bleibt denn noch?
Da muss ich mal scharf nachdenken. Gerade hat mein Lieblingsplattenladen
dichtgemacht, das Freak Out. Da konnte man stundenlang Bier trinken und
rauchen und den musikwissenschaftlichen Vorträgen des Besitzers lauschen.
Dann gibt es noch die Staatsgalerie von meinem Freund Henryk Gericke in den
Greifswalder Straße. Der hat diese Ausstellung über Ostpunk gemacht. Und
dann gab es die Kneipe Pieper, früher Lampion, die sind schon wieder
umgezogen und haben jetzt, glaube ich, gar keinen Namen mehr. Die hatten
auch ein eingeschworenes Stammpublikum, das ist aber älter als unseres. Die
sind in den Vierzigern geboren, die Prenzlauer Berg Connection in den
Fünfzigern. Die hören Jazz, Blues und stundenlang Tom Waits.
Welche Musik spielen Sie?
Bei uns geht es eher um schräge Kultur und Rockmusik – ich mag zum Beispiel
die Melvins.
Können Sie von der Kneipe leben?
Wir können hier die Miete zahlen. Die schaffen wir gerade noch so, wenn sie
auch immer höher wird. Die Miete zu Hause können wir mit der Rumbalotte
allerdings nicht mehr zahlen. Da muss man also mit Lyrik noch einiges
hinzuverdienen (lacht).
Es lief doch ökonomisch sicher besser, als Sie noch beim Kaffee Burger
mitgemacht haben, oder nicht?
Anfangs auch nicht. Später ging es dann.
Warum sind Sie ausgestiegen?
Was mich am Burger interessiert hat, war das Kulturprogramm, das ich da
machen wollte. Aber das wurde dort immer mehr zum fünften Rad am Wagen,
weil das Geld eher über die Touristen reinkam und über die sehr
erfolgreiche Russendisko natürlich. Also haben wir uns in Frieden und
Freundschaft getrennt. Ich ließ mich auszahlen.
Machen Sie in der Rumbalotte auch wieder Kulturprogramm?
Ich mache nach wie vor sporadisch Veranstaltungen, aber für Konzerte würde
man in einer Kneipe in einem Wohnhaus heute ja gar keine Lizenz mehr
bekommen. Dafür mache ich Lesungen, hin und wieder zeigen wir einen Film.
Dann haben wir oben noch ein Buchregal, man kann unsere Bücher kaufen.
Sie waren einer der bekanntesten Dichter der Prenzlauer Berg Connection,
Ihre Gedichte wurden in Germanistikseminaren gelesen. Es gibt sogar jüngere
Autoren und Fans, die erzählen, sie hätten Ende der Achtziger in der DDR
Ihre Gedichte im Deutschunterricht vorgestellt, um zu schockieren. Aber in
letzter Zeit hört man weniger von Ihnen. Sind Sie jetzt eher Kneipier als
Dichter?
Bis Ende der Neunziger habe ich noch viele Stipendien bekommen. Aber das
habe ich hinter mir. Ich wollte das dann nicht mehr, weil ich zu abhängig
wurde. Und Abhängigkeiten sind gar nicht gut für einen freien Autor. Man
muss sich mit so vielen Leuten gut stellen, die einen eigentlich gar nicht
interessieren. Auch diese herkömmlichen Veranstaltungen in den
Literaturhäusern interessieren mich gar nicht, diese offiziellen
Begängnisse, das ist mir alles zu langweilig. Ich bin da also ausgestiegen.
Und das hat mir gutgetan.
Das klingt, als hätte sich der Literaturbetrieb der DDR von dem heutigen
gar nicht so sehr unterschieden.
Es war alles restriktiver. Aber im Prinzip gab es ganz ähnliche
Abhängigkeiten, ja.
Es heißt ja immer, die Wende sei der große Bruch für Ihre Generation
gewesen. Aber eigentlich klingt das jetzt alles so, als hätten Sie nur die
Unzufriedenheiten und die Nischen gewechselt, so als hätte sich für Sie gar
nicht so viel geändert, oder?
Nein, eigentlich ist wirklich vieles ähnlich geblieben.
Und stört die Knochenarbeit in der Kneipe nicht auch manchmal beim Dichten?
Nein, die Kneipe ermöglicht mir einen freien Kopf. Außerdem stehe ich hier
nur dreimal die Woche hinterm Tresen. Ich mache das ja gemeinsam mit meiner
Frau, und wir beschäftigen auch noch Leute. Es bleibt also viel Zeit zum
Dichten. Hin und wieder veröffentliche ich auch noch, aber nur in
Kleinverlagen.
Wie finden Sie denn die Autoren der nächsten Generation, zum Beispiel die
Autoren, die auf Lesebühnen auftreten?
Oft ist es mir zu kabarettistisch, was die machen. Zu albern, vielleicht
auch ein bisschen seicht. Aber was heute Slam Poetry heißt, das hieß ja
früher Social Beat. Das hat mir eigentlich schon immer ganz gut gefallen.
Lesen Sie sogenannte DDR-Literatur, auch neue?
Nein. Diese neuen Aufarbeitungen in den großen Wenderomanen, auf die
angeblich alle gewartet haben – das ist vielleicht wie nach dem Zweiten
Weltkrieg, als diese ganzen Bewältigungsromane erschienen. Also: Das
aktuelle Literaturgeschehen interessiert mich nicht. Eher verfolge ich, was
die Kollegen noch so machen. Leute, die im Gegner veröffentlichen, im
DreckSack oder im floppy myriapoda.
Im was?
Im floppy myriapoda, dem „Subkommando für die freie Assoziation“, einer
Literaturzeitschrift von Kai Pohl, die unregelmäßig erscheint. Kai Pohl war
früher Dreher, Heizer, Kraftfahrer und Bühnenmaler, heute ist er Künstler
und Autor. Ein Mecklenburger wie ich.
Und der DreckSack?
Der DreckSack ist eine proletarische Lyrikzeitschrift in der Tradition von
Charles Bukowski. Die erscheint auf einer Seite, ungefähr einmal im Jahr.
Der Herausgeber ist Florian Günther. Der war, glaube ich, Totengräber,
Anstreicher, Bauarbeiter, Pizzafahrer und Sänger der Ostberliner Punkband
Klick & Aus.
Und die Zeitschrift Gegner haben Sie Ende der Neunziger mitgegründet,
richtig?
Ja, aber mit dem Gegner ist es schwierig. Die Leute treffen sich oft hier
in der Kneipe. Der Verlag vom Gegner ist ja BasisDruck, einer der ersten
Ostberliner Verlage nach der Wende. Und der musste kürzlich aus den alten
Räumen raus und hat noch keine neuen gefunden.
Ich wüsste gern noch, wie es zum Namen Ihrer Kneipe kam.
Das ist ein alter Seemannswitz.
Wie geht der?
Er handelt von einem Seemann, der ins Krankenhaus muss. Die alten
Schwestern wundern sich, warum sich der Seemann das Wort „Rumbalotte“ auf
den Penis tätowiert hat. Eines Tages versorgt ihn eine junge Schwester, die
gar nicht versteht, was die anderen haben. Sie liest auf dem Penis: „Ruhm
und Ehre der baltischen Flotte“.
Es gibt auch Bücher von Ihnen mit dem Titel „Rumbalotte“.
Die „Rumbalotte“ war ein Libretto mit Regieanweisungen für eine Rockoper,
die ich an Musiker verteilt habe, die ich kenne: Musiker von Bands wie
Herbst in Peking, Tarwater und so weiter – aber auch an Frank Castorf und
den Theaterregisseur Christoph Schrot. Die fanden das alle ganz
interessant.
Ist denn etwas daraus geworden?
Nie. Das war so ein Riesending, zu aufwendig, auf drei Jahre konzipiert.
Das habe ich dann auch eingesehen und daraus einen Gedichtband destilliert,
der im Kleinverlag von Urs Engeler erschien. Und dann erschienen auch noch
ein paar Fortsetzungen, die „Rumbalotte Continua“.
Worum ging es bei diesem Projekt?
Um sozialrevolutionäre Tendenzen von Störtebeker bis heute.
Störtebeker, der trinkfeste Freibeuter, Symbol für Widerstand, Wagemut,
Selbstbestimmtheit und Abenteuer?
Richtig.
Eigentlich sehen Sie ja inzwischen selber aus wie ein alter Seebär.
Danke.
Wie kommt es denn zu dieser Leidenschaft für Seefahrt und Piraterie?
Das hat mit meiner Herkunft zu tun. Kürzlich habe ich mit meiner Mutter
telefoniert, und da fragte sie mich, ob ich mich nicht erinnern würde: Wir
seien doch schon 1959 bei den ersten Störtebeker-Festspielen in Rügen
gewesen. Damals wurde dort die dramatische Ballade „Klaus Störtebeker“ von
Kuba uraufgeführt, von Kurt Barthel. Ich war drei Jahre alt.
Was war denn die letzte sozialrevolutionäre Tendenz, für die Sie sich
interessiert haben?
Für die Zwischennutzung des Palasts der Republik, den Protest gegen das
Berliner Schloss.
Was halten Sie von den Protesten gegen den Abriss der East Side Gallery?
Das ist doch Quatsch. Das ist mir zu albern, dieser ganze Schnickschnack
für Touristen. Es ist nur ein Event.
Da mischt sich noch einmal Egon Kenner ins Gespräch und sagt, an der East
Side Gallery erfahre man historisch nichts über die Mauer oder darüber, wie
man hier, im Osten, gelebt habe.
Immerhin haben Sie im letzten Jahr einen ganzen Gedichtband über die Mauer
veröffentlicht – also interessieren Sie sich doch dafür?
Na ja. Das Buch heißt „Mauer“. Aber die Gedichte handeln eigentlich gar
nicht von der Mauer.
Wovon dann?
Zum Beispiel von den Klischees, die es über Ostfrauen gibt. Ein anderes
Gedicht heißt „an die allgemeine weltöffentlichkeit“ und handelt von den
Schwierigkeiten, echt zu sein. Ich hätte es ganz gern gehabt, wenn das Buch
anders geheißen hätte. Aber dann hätte es sich wahrscheinlich nicht so gut
verkauft.
Ging es bei den Protesten an der East Side Gallery nicht auch um viel mehr
als nur um die Mauer – zum Beispiel darum, den Luxuswohnturm zu verhindern,
der dort gebaut werden soll?
Ja, das halte ich natürlich für eine vernünftige Sache und für absolut
unterstützenswürdig.
Wird es einen ähnlichen Aufstand geben bei der Demo gegen das Ende von
Linienstraße 206, Kirche von Unten und Baiz am 13. April?
Ich würde es mir wünschen.
Laufen Sie mit?
Klar.
6 Apr 2013
## AUTOREN
(DIR) SUSANNE MESSMER
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