# taz.de -- Präsidentenkandidatin Gesine Schwan: Wider das Unterkomplexe
> "Ein anderes Amt interessiert mich nicht": Würde Gesine Schwan
> Bundespräsidentin, es wäre auch ein Sieg gegen Politklischees.
(IMG) Bild: "Diese Kandidatur ist bewusster und überlegter als die von 2004": Gesine Schwan.
An einem Sonntag, um 17 Uhr, geht Gesine Schwan den Bahnsteig 8 des
Hamburger Hauptbahnhofs entlang. Sie trägt einen langen schwarzen Mantel
und zieht einen kleinen Rollkoffer hinter sich her. Es ist sehr kalt,
bestimmt unter null Grad. Sie geht schnell, und niemand sieht sie, sie ist
allein. Ein paar Tage später sagt Schwans Referent, ein junger Mann mit
Hornbrille und gut sitzendem Anzug, während eines Mitarbeitergesprächs, das
in ihrem Büro in der Humboldt-Viadrina School of Governance in Berlin-Mitte
stattfindet, dass es ihm lieber wäre, wenn sie nicht mehr abends allein mit
dem Zug fahre.
Gesine Schwan sagt, das sei sehr aufmerksam von ihm, aber das gehe schon in
Ordnung, und blättert weiter in ihren Unterlagen vor sich auf dem Tisch.
Er meine damit, dass lieber jemand sie begleiten sollte, denn sonst steht
in der Zeitung wieder, dass Gesine Schwan Sonntagabends allein über einen
Bahnsteig eilt, und daraus wird dann immer der Schluss gezogen, sie erhalte
keine Unterstützung aus der SPD.
Gesine Schwan sieht kurz auf und sagt so etwas wie: Na ja, gut, okay.
Inzwischen hat sie sich daran gewöhnt, dass es in der Politik um
Selbstdarstellung und nicht um intellektuelle Feinheiten geht. Trotzdem
lässt sie es sich nicht nehmen, an einem Abend im Januar in ihrem Vortrag,
den sie im evangelischen Gemeindehaus von Berlin-Nikolassee über das Thema
"Vertrauen" hält, Niklas Luhmann und Thomas Hobbes zu zitieren und Immanuel
Kants drei Maximen der Weisheit zu benennen (selbst denken, sich in die
Stelle jedes anderen denken, jederzeit mit sich selbst einstimmig denken).
Der Raum des Gemeindehauses ist freundlich, mit blauen Stühlen, Parkett und
hohen Fenstern. Auf den Fensterbänken wurden Teelichter aufgestellt. Es ist
nicht gerade gut geheizt, aber es gibt Rotwein. Schwan hält die
vierzigminütige Rede ohne Manuskript. Sie erläutert den Begriff des
Vertrauens unter politischen, psychologischen und theologischen Aspekten
und sagt dabei insgesamt vielleicht zweimal "ähm".
Im Publikum herrscht konzentrierte Stille. Hinterher werden Fragen
gestellt. "Der Bürger ist kein Zuschauer. Jeder systematische Misserfolg
von Parteien ist auch der Misserfolg der Gesellschaft", antwortet Gesine
Schwan auf die Frage eines Zuhörers.
Eine Frau sagt nach der Veranstaltung zu ihrem Mann, der ihr in den Mantel
mit Pelzbesatz hilft: "Sie hat eine so klare Diktion".
In der bildungsbürgerlichen Enklave Nikolassee herrschen für die
Politologieprofessorin Gesine Schwan ideale Bedingungen, aber sie scheint
grundsätzlich davon auszugehen, dass eine gewisse Komplexität das Gespräch
belebt.
Natürlich denken nicht alle Berufspolitiker so, viele meiden das
Komplizierte, aus Furcht vielleicht, man könnte sie für abgehoben halten
oder dass man ihnen das Wort im Mund herumdreht, wenn ihre Aussagen nicht
eindeutig und nicht auf Anhieb verständlich sind.
In der Urania, einem traditionellen Westberliner Veranstaltungshaus in der
Nähe des Kurfürstendamms, stellt Gesine Schwan ihr neues Buch vor und
unterhält sich darüber in einem moderierten Gespräch mit Franz Müntefering.
Er trägt gekonnt aufeinander abgestimmte Brauntöne, Schuhe, Krawatte, Hemd.
Im Sitzen schlägt er die Beine nicht übereinander. Auf die Fragen der
Moderatorin antwortet er, indem er in das Politikerstakkato verfällt, bei
dem jedes Wort betont wird. In der einen Hand hält er das Mikro, mit der
anderen macht er eine Bewegung, als wollte er mit der Handkante irgendetwas
festhämmern.
Es geht um die Finanzkrise. Er sagt: "Wir von der SPD haben uns nie mit den
Dingen abgefunden. Darauf kommt es an, daran wollen wir arbeiten."
Gesine Schwan sagt, sie habe festgestellt, dass es an deutschen
Universitäten zu wenige Lehrstühle für historische Wirtschaftswissenschaft
gibt und dass es sich spätestens jetzt zeigt, wie wichtig es ist, auch
Wirtschaftslehren zu historisieren. Aus der Krise von 1929 könne man
schließlich viel lernen.
Nach der Veranstaltung bildet sich vor dem Tisch, an dem Gesine Schwan ihr
Buch signiert, eine lange Schlange. Man kann dort auch einen Button kaufen,
auf dem steht: "Gesine Schwan - Präsidentin für uns", daneben ist die
Zeichnung eines kleinen Schwans abgebildet.
Als die meisten Leute schon gegangen sind, es ist nach 22 Uhr, gibt Gesine
Schwan dem ZDF noch ein Interview. Neben der Kamera stehen ihr Büroleiter,
ihr Referent und ihr Pressesprecher und hören aufmerksam zu. Sie beugen den
Oberkörper vor, gerade so weit, dass sie nicht ins Bild ragen.
Im Mai möchte Gesine Schwan zur Bundespräsidentin gewählt werden; die
Mehrheiten in der Bundesversammlung sind knapp, aber die Chancen stehen
gegen sie. Bekäme sie eine Mehrheit, wäre es tatsächlich das erste Mal,
dass eine Bundesversammlung einen Amtsinhaber abwählt.
Überhaupt sollte die Wahl zum Bundespräsidenten nach Möglichkeit ohne
großen Streit ablaufen. Das Amt ist keines, das man sich in einem Wahlkampf
erstreitet. Die Parteien, die die Mehrheiten in den Parlamenten haben,
tragen es einer verdienten Persönlichkeit an. Niemand hat bisher an den
eisernen Gitterstäben gerüttelt, die den Garten von Schloss Bellevue
einzäunen. Gesine Schwan ist die Erste.
Es war ihre Idee, wieder zu kandidieren. "Ein anderes Amt interessiert mich
nicht", sagt sie. Sie sitzt in ihrem Büro in der School of Governance. Ihr
großer Schreibtisch nimmt die Hälfte des Raumes ein, ordentlich stapeln
sich Papier und Bücher darauf. Von ihr war im letzten Jahr die Initiative
für die Kandidatur ausgegangen. Sie hat die SPD wissen lassen, dass sie
gern ein zweites Mal antritt. "Diese Kandidatur ist bewusster und
überlegter als die von 2004." Damals hatte Gerhard Schröder sie gefragt und
ihre Kandidatur verkündet, noch bevor sie überhaupt richtig zugesagt hatte.
Sie war gerade in den USA. Es gibt viele Fotos von ihm und Gesine Schwan,
beide laut lachend, mit oder ohne Blumenstrauß, er hält ihre Hand. Von
Frank-Walter Steinmeier und Gesine Schwan gibt es aus den letzten Monaten
ein Foto. Er überreicht ihr eine goldene Skulptur in Form einer Taube (ein
Künstlerprojekt), und während sie, wie eigentlich immer, strahlt, legt er
etwas schüchtern die Hände um die kleine Taube. Die große Koalition in
Berlin sollte, das wäre wohl allen recht, noch bis zur Bundestagswahl im
September halten.
Zusammen mit ihrem Mann Peter Eigen, der Anfang der neunziger Jahre die NGO
Transparency International ins Leben rief, sitzt Gesine Schwan im
Gründungsteam der Humboldt-Viadrina School of Governance. Die School ist
eine gemeinsame Einrichtung der Berliner Humboldt-Universität und der
Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder, wo Gesine Schwan bis letzten
Juli Präsidentin war. Im Jahr 2009 wird der praxisorientierte Studiengang
Master of Public Policy den Studienbetrieb aufnehmen. Es gibt eine große
interdisziplinäre Fachbibliothek zum Thema Zivilgesellschaft und
Philanthropie. Im Beirat sitzen Kofi Annan, Richard von Weizsäcker und der
Generaldirektor der Welthandelsorganisation Pascal Lamy.
"Governance basiert heute auf einer breiteren Vielfalt an Institutionen,
und neben der Politik sind auch Wirtschaft und Zivilgesellschaft zentrale
Akteure. Häufig jedoch agieren die drei Sektoren unverbunden
nebeneinander", heißt es auf dem Faltblatt, das am Eingang des Gebäudes
ausliegt.
Die Kommunikation zwischen Politik und Gesellschaft, das ist das Thema, das
die Politikwissenschaftlerin Gesine Schwan vor allem interessiert. In
welcher Form äußern sich die verschiedenen gesellschaftlichen Interessen?
Und wie können diese verschiedenen Formen der politischen Äußerung - die
Vereine und Verbände, die NGOs, die Bürgerinitiativen, die sozialen
Bewegungen, der politische Protest - in den Entscheidungsprozess integriert
werden? Wie muss ein politisches System arbeiten, damit diejenigen, die
darin leben, darauf vertrauen, dass ihre Bedürfnisse und Vorstellungen
repräsentiert werden?
Vielleicht möchte Gesine Schwan mit ihrer Kandidatur die Erkenntnisse ihres
Forschungsthemas in die Praxis umsetzen. In ihrem Verständnis spielt der
Bundespräsident jedenfalls eine wichtige Rolle, wenn es darum geht,
zwischen Politik und Gesellschaft zu vermitteln. Das Amt des
Bundespräsidenten ist ein kulturelles, kein instrumentelles, sagt sie. Der
Bundespräsident kann entscheidenden Einfluss auf die politische Kultur des
Landes haben, indem er sich darum bemüht, Vertrauen in die politischen
Institutionen herzustellen.
Vertrauen, das klingt nett. Überhaupt ist Gesine Schwan eine freundliche
Person. Sie legt ihrem Gegenüber beim Sprechen manchmal die Hand auf den
Arm oder auf die Schulter. Nach dem Vortrag im Gemeindehaus in Nikolassee
tritt eine Frau zu ihr, Gesine Schwan drückt sie an sich und fragt: "Wie
geht es deinem Kind?" Freundliche Menschen, und vor allem freundliche
Frauen, werden ja schnell unterschätzt.
Gesine Schwan selbst spricht davon, dass der Bundespräsident eine
"Kommunikationsaufgabe" hat und dass in einer Demokratie das Gemeinwohl
sich im Kompromiss der unterschiedlichen Kräfte ergibt. So sprechen
Politikwissenschaftler: Sie finden auch für emotionale Themen, für die
großen politischen Schwierigkeiten der Zeit, eine analytische Sprache.
Aber wo außerhalb der Uni versteht man diese analytische Sprache?
Zuletzt konnte man jedenfalls in der Zeitung lesen, dass Gesine Schwan
Horst Köhler "attackiert" habe, oder dass sie "vermessen" sei und "nervig".
Und Peter Ramsauer, der Vorsitzende der CSU-Landesgruppe der
CDU/CSU-Bundestagsfraktion, sagt, Gesine Schwans Herangehensweise kann "die
deutsche Gesellschaft" doch nur als "Bedrohung" empfinden.
23 Feb 2009
## AUTOREN
(DIR) Elisabeth Raether
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