# taz.de -- Pogromnacht: Der Anfang des Terrors
       
       > Ruth Winkelmann ist zehn Jahre alt, als die Nazis am 9. November 1938
       > jüdische Geschäfte und Synagogen anzünden. Lange hat sie über das
       > Geschehene geschwiegen.
       
 (IMG) Bild: Schmiereien auf den Fenstern eines jüdischen Geschäfts in Berlin 1938.
       
       Die Familie Jacks weiß nicht, was in der Nacht passiert ist. Sie besitzt
       kein Radio, und in Hohen Neuendorf nördlich von Berlin ist es ruhig
       gewesen. "Vati, schau mal, da sind alle Scheiben kaputt", sagt die kleine
       Ruth, als sie am Morgen des 10. November 1938 im Lastwagen des Großvaters
       durch Wittenau fährt.
       
       Hermann Jacks zuckt mit den Schultern. Er sieht die Davidsterne, die an die
       Fassaden geschmiert sind. Aber er weiß noch nicht, dass seine Tochter und
       er auf dem Schulweg die Folgen der Reichspogromnacht sehen - jener Nacht,
       die den Wendepunkt von gesetzlicher Diskriminierung hin zu brachialer
       Gewalt gegen jüdische Bürger im Dritten Reich markiert.
       
       Ruth Winkelmann, geborene Jacks, ist eine der letzten Zeuginnen dieser
       Zeit. Während der morgendlichen Fahrt in die Mädchenschule in der
       Auguststraße beobachtet die zehnjährige Halbjüdin Berliner, die sich in den
       Auslagen der jüdischen Geschäfte bereichern. "Als wir nach Mitte kamen,
       liefen SA-Truppen durch die Straßen, sie schwangen ihre Schlagstöcke und
       große Hakenkreuzfahnen", erinnert sie sich, während sie in ihrem Wohnzimmer
       einen Ordner mit alten Fotografien durchblättert. "Es war furchterregend."
       Das Geräusch der klackenden, kniehohen Schaftstiefel auf dem Bürgersteig
       ist ihr bis heute im Gedächtnis.
       
       Vater Hermann, Großvater Georg und Ruth sind in dem Lastwagen nicht als
       Juden zu erkennen - sie sind Schrotthändler auf dem Weg zur Arbeit. Das
       Geschäft von Georg Jacks liegt nicht weit von Ruths Schule entfernt, sie
       fährt morgens im Wagen mit, nachmittags fährt sie mit der S-Bahn nach
       Hause. An diesem Tag beobachten die drei einen SA-Trupp, der in der
       Gartenstraße einen orthodoxen Juden überfällt. Zwei Helfer halten den Mann
       fest, die anderen schmieren ihm mit weißer Farbe einen Davidstern auf den
       Mantel. "Der arme Kerl", murmelt Ruths Vater. Aus der Nebenstraße hören sie
       Rufe - "Judensau" - und immer wieder das Geräusch der Uniformstiefel.
       
       In der Auguststraße selbst ist es ruhig. Der Obsthändler bietet wie jeden
       Tag seine Waren feil, das schlanke, sportliche Mädchen holt sich einen
       Apfel für die Pause. Hermann Jacks sieht zwar, dass aus der nahe gelegenen
       Synagoge Rauchschwaden qualmen. Dennoch wähnt er die Tochter in der Schule
       sicher. Die Große Synagoge in der Oranienburger Straße ist zwei Hinterhöfe
       entfernt.
       
       Was Ruths Vater nicht weiß: Die SA-Männer sind auf der Lauer. Als ein
       Großteil der 600 Schülerinnen im Gebäude ist, verrammeln sie den Eingang
       und beschmieren das Schulgebäude mit Davidsternen und antisemitischen
       Sprüchen. Keiner kann entkommen.
       
       Ruth und ihre Mitschülerinnen flüchten sich in die Aula. "Obwohl wir so
       viele waren, war es unheimlich ruhig, kaum einer hat gesprochen", erinnert
       sie sich. "Und dann habe ich zum ersten Mal in meinem Leben in der Schule
       gebetet."
       
       Ruth Winkelmann kommt aus einer liberalen Familie. Die Mutter ist Christin,
       der Vater Jude - und stolz aufs Deutschsein. "Die Familie des Vaters war
       preußischer als preußisch." Ruths Großmutter konnte sich selbst dann nicht
       vorstellen, dass die Nazis sie töten würden, als diese bereits Haus, Hof
       und Geld beschlagnahmt hatten. "Mit uns doch nicht, hat die Oma immer
       gesagt und an ihr Eisernes Kreuz wegen des Lazarettdienstes im Ersten
       Weltkrieg erinnert", sagt Ruth Winkelmann. Sie selbst ist eine so genannte
       "Geltungsjüdin", ein "Mischling", der zum Stichtag 15. September 1935 in
       der jüdischen Gemeinde registriert ist. In die jüdische Schule geht Ruth
       auf Wunsch der Eltern.
       
       "Als uns die SA in der Schule eingeschlossen hat, saßen wir fest", sagt
       sie. "Vorn die SA-Männer, hinten die qualmende Synagoge." Erst zu diesem
       Zeitpunkt erfährt Ruth Jacks von der Pogromnacht. "Da ist nichts beschönigt
       worden, wir wurden auch vor körperlicher Gewalt gewarnt."
       
       Doch die Lehrer haben einen Plan. Jeweils zwei Mädchen gehen zusammen zum
       Dachboden, flüchten über eine Tür ins benachbarte Haus, bis sie wieder
       unerkannt auf die Straße können.
       
       So harmlos wie möglich schlendert Ruth mit ihrer Freundin Lily über die
       Gartenstraße bis zur S-Bahnhaltestelle Stettiner Bahnhof. "Wir mussten wie
       zwei normale Schulmädchen wirken, aber das Herz hat unheimlich geklopft."
       
       Keines der beiden Mädchen kann das Geschehene einordnen. Zwar haben die
       Repressalien längst begonnen, aber die plötzliche Zerstörungswut ist neu.
       "Einzeln haben sie sich nicht viel getraut, aber zusammen in der Gruppe gab
       es für die SA-Leute kein Halten mehr", sagt Ruth Winkelmann heute. Dass die
       Reichspogromnacht der Auftakt einer Massenvernichtung ist, kann sich die
       kleine Ruth Jacks nicht vorstellen.
       
       Auch die Schrotthandlung der Familie Jacks wird Opfer der Verwüstungen.
       Eine Entschädigung bekommen die Jacks genauso wenig wie die anderen
       Geschäftsleute - stattdessen muss "das Judentum" per Erlass als
       "Sühneleistung" insgesamt eine Milliarde Reichsmark zahlen. Keiner der
       Plünderer, Mörder und Brandstifter wird angeklagt. Später verliert die
       Familie die Schrotthandlung ganz. Das Geld kommt auf ein Sperrkonto, von
       dem die Jacks 200 Mark monatlich abheben dürfen.
       
       Ruth Winkelmann legt den Ordner mit den Fotografien zur Seite. Von 15
       Familienmitgliedern, die deportiert werden, überlebt nur eines. Ihr Vater
       wird in einem Nebenlager von Auschwitz ermordet. Ruth Winkelmann überlebt.
       
       Über ihre Vergangenheit hat Ruth Winkelmann lange geschwiegen. Erst vor
       wenigen Jahren hat sie sich entschlossen, ihre Geschichte aufzuschreiben.
       "Es waren nur ein paar Seiten, aber es hat vier Monate gedauert und war
       eine furchtbare Zeit." Im Nachlass der Mutter hat sie mehrere Vorladungen
       gefunden. "Wäre ich der Aufforderung der Gestapo nachgekommen, es wäre die
       sichere Fahrkarte in den Tod gewesen."
       
       So überlebt das Mädchen mit Mutter und Schwester in der Laube von Leo
       Lindenberg in Wittenau. Lindenberg, ein Bekannter der Mutter, ist
       Parteimitglied der NSDAP. Die anderen Bewohner in der Laubensiedlung sind
       zum großen Teil ausgebombte Berliner - und sympathisieren mit den
       Kommunisten. Niemand verrät die Familie.
       
       Nach dem Krieg wird Ruth Winkelmann Schneiderin, verkauft Souvenirs und
       wird Schwimmtrainerin. Sie heiratet, bekommt einen Sohn, entdeckt ihre
       Leidenschaft fürs Reisen.
       
       Und fürs Erzählen. Mit ihren 80 Jahren ist die viel jünger wirkende Frau
       ein gern gesehener Gast in Schulen und kulturellen Einrichtungen. Sie
       erzählt trocken, ohne Verbitterung.
       
       Einen Antrag auf Wiedergutmachung hat Ruth Winkelmann nie gestellt. "Ich
       hatte den Eindruck, das deutsche Volk war ausreichend bestraft worden für
       seine Unterstützung für Hitler."
       
       7 Nov 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Kristina Pezzei
       
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