# taz.de -- Pilgern in Mittelitalien: Auf den Pfaden des Bettelmönchs
> Ein Tag zu Fuß durch das mittelitalienische Umbrien - und die Pasta
> schmeckt nach Himmel. Immer und überall gegenwärtig ist der heilige Franz
> von Assisi.
(IMG) Bild: Blick auf die historische Innenstadt von Assissi am Hang des Monte Subasio.
La Verna. Ein Kloster zwischen Himmel und Erde, gelegen auf dem Monte Penna
im Nationalpark Foreste Casentinesi. Der erste Halt auf dem Franziskusweg.
Kein Ort, wo die Zitronen blühn - stürmisch, neblig, mystisch ist es. Wenn
hier oben der Herbstwind weht, erinnert die sonst so liebliche Toskana an
das schottische Hochland.
Noch ist der Franziskusweg für Pilger ein Geheimtipp. Mehr als 350
Kilometer zieht er sich durch Mittelitalien. Noch kann man die Einsamkeit
der umbrischen Hügel genießen, muss sich die Einsiedeleien nur mit den
Bergziegen teilen. Doch die Zahl der Pilger wächst, sie verdoppelt sich von
Jahr zu Jahr. Wer abseits der Touristenmassen in Ruhe pilgern will, sollte
bald den Rucksack packen.
Der Weg führt durch dichten, urtümlichen Wald. Efeu rankt von den Ästen der
Bäume, die Hänge der Schluchten sind üppig bewachsen. Gewaltige Felsen
säumen den Pfad. Eine Landschaft wie gemacht für Einsiedler auf der Suche
nach transzendenten Erfahrungen.
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Der heilige Franz - oder Franziskus - von Assisi stieg den Monte Penna oft
hinauf, um in einer Nische im Fels zu meditieren. Der Legende nach empfing
er hier im Jahr 1224 die Stigmata, die Wundmale Christi. Die kleine
Einsiedelei auf dem Gipfel wurde im Mittelalter zum Kloster ausgebaut. Ein
imposanter Mauerring schützt die Grenze zur Außenwelt. Vom gepflasterten
Piazzale des Klosters blickt man auf die Bergketten des Apennin. Ringsumher
nur Stille, Natur und grauer Fels, der der Zeit selbst zu trotzen scheint.
Der Franziskusweg führt durch die Toskana, durch Umbrien und Latium, in
insgesamt 21 Tagesetappen. Die Strecke ist mit dem griechischen Buchstaben
Tau in gelber Farbe markiert, dem Symbol der Franziskaner. Anders als auf
dem Jakobsweg ist auf dem Cammino di Francesco noch Abenteuergeist gefragt,
nicht immer findet man die Markierungen sofort. Der Pfad führt auch nicht
zum Grab des Heiligen, er verbindet Orte, an denen Franz von Assisi gelebt
und gewirkt hat, auf Wegen, die der Heilige selbst beschritten hat.
Franz von Assisi war der Sohn eines reichen Tuchhändlers, der sich nach
Jahren der Ausschweifungen vom Dolce Vita verabschiedete. Er machte mit der
Bergpredigt ernst, lebte in Armut und Askese, gründete schließlich seinen
Bettelorden. Rosselini, Hesse, Liszt ließen sich von seinem Leben zu
Meisterwerken inspirieren - wer will, kann die Pilgertour auch erst in
Assisi beginnen oder sich auf das Rieti-Tal konzentrieren. Der Weg ist auch
hier das Ziel.
Der Pfad führt vorbei an Steineichen, Feigenbäumen, verblühten
Sonnenblumen, die ihre schweren Häupter zum Boden neigen. Man watet barfuß
durch den Tiber, wandert hügelauf, hügelab über saftige Wiesen, durch
idyllische Dörfer und herbstliche Wälder bis ins mittelalterliche Städtchen
Gubbio, wo Franziskus einen Wolf gezähmt haben soll. Die Waden schmerzen,
der Schweiß läuft von der Stirn, die Riemen des Rucksacks schneiden in die
Schulter. Nach einem langen Tagesmarsch schmeckt die Pasta wie das Mahl
eines Königs, die heiße Dusche und die harte Matratze in der Herberge sind
besser als ein Besuch im Wellnesscenter. Der Reichtum liegt in der
Einfachheit, ganz im Sinn des heiligen Franz.
## Philippinische Nonnen jagen Souvenirs
Nach 180 Kilometern, auf halber Strecke, taucht in der Ferne der Monte
Subasio auf. An der Flanke des Berges liegt die Stadt Assisi, der Geburts-
und Sterbeort des Heiligen. Stille und Einsamkeit sind schlagartig vorbei.
In der Altstadt jagen philippinische Nonnen nach Souvenirs, Automaten
spucken Fertigsuppen und Rosenkränze aus. Zahllose Pilger strömen zur
berühmten Basilica di San Francesco, wo Franz von Assisi begraben liegt.
Nur zwei Jahre nach seinem Tod wurde er heilig gesprochen, ihm zu Ehren
errichtete man die Kirche. Aus Angst vor Plünderungen hielt man die Lage
der Grabkammer lange geheim, erst Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Pilgern
der Zutritt gewährt.
Am Stadtrand liegt die Foresteria Perfetta Letizia, die Herberge zur
vollkommenen Fröhlichkeit. Sie gehört Angela Maria Seracchioli, die den
Franziskusweg mit Reiseführer und Website bekannt gemacht hat. "Man fragt
mich oft, ob man die ganze Strecke schaffen kann", sagt sie und lacht.
"Guck mich an: Ich bin dick, rauche und bin den Weg dreimal gegangen."
Früher standen auf ihrem Grundstück die einfachen Hütten der Mönche, heute
kommen an den langen Tischen der Herberge Pilger aus aller Welt zusammen.
Da sind Ina und Peter aus Deutschland, die sich vor zwei Jahren auf dem
Franziskusweg verlobten und die Tour mit ihrem acht Monate alten Sohn Lukas
wiederholen. Giuseppe und Maria aus Mailand haben vor wenigen Tagen in der
Herberge geheiratet, wollen in den Flitterwochen den Jakobsweg bewandern.
Ein alter Priester, ein junger Pilger mit Beinprothese, eine buddhistische
Nonne - die Herberge zur vollkommenen Fröhlichkeit ist eine unvergessliche
Station auf dem Franziskusweg.
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Giottofresken, Einsiedeleien, mittelalterliche Städte - der Cammino di
Francesco ist ein Mosaik aus Kunst, Natur, Geschichte und Religion. Er
lockt keinesfalls nur fromme Christen an. "Für mich ist der Weg wie eine
Meditation", sagt Stefania aus Südtirol, die zum Buddhismus neigt. "Beim
Pilgern folgt ein Schritt dem anderen, so natürlich wie ein Atemzug dem
nächsten folgt." Markus, der aus Köln kommt, genießt das "unendliche Gefühl
der Freiheit", das beim Pilgern, nur mit dem Rucksack auf den Schultern,
entsteht. Caroline aus Frankreich redet nur wenig beim Gehen, obwohl sie
und ihr Mann schon seit einer Woche unterwegs sind. Langweilig wird den
beiden nicht: "Ohne Mobiltelefon, Fernseher und Internet schärft man seine
Sinne. Beim Pilgern kommen uns immer die besten Ideen."
Spello, Trevi, Spoleto, Collescipoli: Der Franziskusweg führt quer durch
die Dörfer Umbriens. Noch ein Hügel, ein Anstieg und die letzte Etappe ist
geschafft. Die winzige Einsiedelei Speco di Poggio Bustone am Ende des
Weges bildet das bescheidene Pendant zum großen Kloster La Verna, wo die
Reise begann. Sie schmiegt sich eng an eine verwitterte Felswand, thront
wie ein Balkon über dem Tal von Rieti. Ein Pilger zieht am alten
Glockenstrick der Kapelle und läutet den Abend ein. Unten, am Fuß des
Berges, steht das Convento San Giacomo, in dem Franz von Assisi vor rund
800 Jahren die Basis für seine Ordensgemeinschaft legte. Auf dem Vorplatz
des Klosters schlägt eine Gruppe langhaariger Pilger mit Schlapphüten ihr
Nachtlager auf und genießt den Panoramablick über den Lago Lungo. Hier
draußen vor der Klosterpforte, im Licht der untergehenden Sonne, spürt man
den Geist des jungen Francesco Bernardone, bevor ihn die Kirche heilig
sprach.
30 Jul 2011
## AUTOREN
(DIR) Julia Reichardt
## TAGS
(DIR) Reiseland Italien
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