# taz.de -- Philosoph Negri über Krise und Rebellion: "We must try!"
> Zerstört die Krise unsere Lebensgrundlagen? Der marxistische Philosoph
> Antonio Negri über verfehlte Kritik und neue Bedingungen der Ausbeutung.
(IMG) Bild: "Was die revolutionären Bedingungen anbelangt, bin ich ja relativ optimistisch."
taz: Herr Negri, zuletzt war häufig von Sozialismus die Rede: Vorschläge
für die Verstaatlichung von Banken etc. Die Rezepte der parlamentarischen
Linken scheinen mit den "postneoliberalen" Maßnahmen der konservativen
Regierungen kompatibel. Sozialisten fällt bisweilen kaum Besseres ein als
der Einwand, das alles ginge nicht weit genug. Blockiert der Sozialismus
die Kritik der Politik?
Antonio Negri: Tatsächlich scheinen konservative und rechte Regierungen
gerade wie Sozialisten zu agieren, das heißt auf den Staat zu setzen, um
ökonomische Gleichgewichte durch staatliche Initiative wiederherzustellen.
Allerdings ist das kein Keynesianismus und auch kein "Neo-Keynesianismus",
weil die betriebene Politik keine Mediation mit den gesellschaftlichen
Kräften vorsieht. Im Hinblick auf staatliches Handeln in der Krise steht
tatsächlich Barack Obama für eine linke Kraft. Er hat ein Programm auf den
Weg gebracht, das sich neben den unmittelbaren Kapitalinteressen
verschiedener wichtiger Belange des Proletariats annimmt.
Darüber hinaus findet eine Rückkehr zum Welfare statt. Die radikale Linke
ist vollkommen aus dem Spiel, weil sie nicht versteht, wer der Gegner ist:
Der Gegner heute ist das Kapital in Gestalt des Finanzkapitals; das
sogenannte Realkapital, das Kapital, das "Profit hervorbringt", ist darin
ebenso vollständig absorbiert wie die verschiedenen anderen Gestalten des
Kapitals, die Grundrente, das zinstragende Kapital etc. Das Finanzkapital
selbst ist produktives Kapital.
Von daher ist es idiotisch, das Finanzkapital als eine "ungesunde" Form des
Kapitalismus anzugreifen. Das Finanzkapital heute repräsentiert den wahren
Ausbeuter, es steht im Zentrum des sozialen Verhältnisses, in dem sich alle
Formen der Ausbeutung, der Verwertung des Lebens verdichten.
Die "Finanzialisierung" wäre demnach, ähnlich der Globalisierung, ein
unumkehrbares Merkmal des heutigen Kapitalismus?
Zu den zentralen Bedingungen kapitalistischer Ausbeutung heute zählen die
Lebensumstände der Arbeitenden in ihrer Gesamtheit. Zu diesen
Lebensumständen gehören die Wohnung und die Gesundheit ebenso wie die
Perspektiven für das eigene Leben. All diese Elemente werden kapitalisiert,
werden vom Kapital in einer Art und Weise durchdrungen, dass der
Verwertungsprozess alles an gemeinsamem Wert erfasst, was gesellschaftliche
Arbeit in Jahrhunderten kapitalistischer Geschichte hervorgebracht hat.
Wäre die gegenwärtige Krise damit eine Krise vollkommen neuen Typs?
Es sind eine Reihe von Faktoren, die diese Krise bestimmen: Erstens ist es
nicht mehr die Ausbeutung der Arbeiterklasse, von der die Produktivität
abhängt, sondern die Ausbeutung der Gesellschaft in ihrer Gesamtheit.
Hierzu muss das Kapital, zweitens, Kriterien bestimmen, um den
gesellschaftlichen Reichtum erfassen zu können. Es sind zweifellos die
Börsenbewertungen, die als solche Kriterien dienen. Eine Bewertung aufgrund
von Finanzdaten allerdings hat, drittens, kein Maß, und dadurch ist die
Krise eine umfassende. Freilich existiert eine Realität, die Realität des
Finanzkapitals, und daher die Notwendigkeit, dem Geld ein Gegenüber zu
geben: Das kann allerdings nicht die Industriearbeit sein, nicht das, was
manche Linken den "wirklichen Reichtum" zu nennen nicht müde werden.
Der "wirkliche Reichtum" wird längst nicht mehr allein in der Fabrik
produziert, sondern ebenso in den Universitäten, im Alltag, in den Städten,
in allen Äußerungen des Reichtums, den die Sprachen unserer Gesellschaften
hervorbringen. Einzig dem Finanzkapital gelingt es, das wahrzunehmen, doch
gelingt es ihm nicht, dem ein Maß zu geben. Denn dafür müsste es diese
ungeheure Produktivität von innen beherrschen.
Das ist der vierte Punkt, dass nämlich die Unmöglichkeit für das
Finanzkapital, sich innerhalb des Prozesses zu positionieren, für die Krise
bestimmend wird. Die Krise zu bewältigen wäre nur dadurch möglich, dass ein
solch inneres Verhältnis hergestellt wird, dass aus den einander
äußerlichen politischen Kräften eine einzige wird. Doch diese Einheit
müssen und können die ProduzentInnen selbst schaffen.
Gibt es eine Kommunikation und Zirkulation der Kämpfe, wie man das früher
einmal nannte? Oder befördert die Krise nicht vielmehr einen Backlash?
Als ich sehr jung war und anfing, Politik zu machen, als ich da zum ersten
Mal mit den Genossen vor die Fabrik ging - wir suchten in unseren Aktionen
damals häufig den Konflikt mit den Gewerkschaften -, da habe ich mir öfters
diese Frage gestellt, woher die Dynamik der Kämpfe rührt. Wir wandten uns
in der damaligen Situation gegen den Akkord. Niemand hatte uns gesagt - in
den 50er und frühen 60er-Jahren -, dass der Akkord im Verlauf der
60er-Jahre in den gewerkschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen
die zentrale Stellung einnehmen würde.
Tatsächlich waren es die Verhaltensweisen der Arbeiter, die sich gegen den
Akkord und damit gegen eine bestimmte Form der Ausbeutung richteten, eine
Form der Ausbeutung, die durch die Verfügung über die Arbeitszeit definiert
war. Das Kapital versuchte, diese Form zu verallgemeinern, und dagegen
entwickelten sich Widerstandsformen, die einen Fluchtpunkt fanden. Das war
das Ereignis: Die Kämpfe in ihren unterschiedlichen Formen liefen in einem
einzigen Punkt zusammen, und dieser Punkt war die Wiederaneignung der Zeit.
Ich erzähle diese Geschichten, um zu verdeutlichen, dass es heute drei Pole
sind - das globale Bürgerrecht, das mit den Bewegungen der Migration
verknüpft ist, das bedingungslose Einkommen, mit dem die Prekarität ins
Spiel kommt, und die Wiederaneignung des Wissens und des Lebens, was auf
die Probleme der Organisation des Wissens, seiner Produktion, verweist,
also letztlich auf die kognitive und affektive Arbeit insgesamt -, dass es
also diese drei Felder sind, die eine objektive Einheit bilden.
Sie ist objektiv, weil sie ein "Gemeinsames" zeigt: Weil Arbeiterinnen und
Arbeiter auf diesen drei Ebenen Auseinandersetzungen führen -
beispielsweise drehen sich Konflikte in Indien um die Wiederaneignung des
Wissens, in China ist die Anerkennung der Bürgerschaft ein grundlegendes
Problem, der Kampf um das bedingungslose Einkommen ist geeignet, zu einem
grundlegenden Konflikt in Europa und in den USA zu werden. Ob es heute zu
einem Backlash kommt oder nicht - ich weiß es nicht.
Die Krise beschleunigt offenbar die Zerstörung der Lebensgrundlagen einer
großen Zahl von Menschen. Ohne in den Alarmismus einzustimmen: Verbindungen
zwischen Krise, Ausschluss, Populismus und Rassismus fallen auf. Was heißt
unter diesen Bedingungen, politisch zu handeln?
Was die revolutionären Bedingungen anbelangt, bin ich ja relativ
optimistisch. Dagegen werden umfassende Repressionsmittel in Stellung
gebracht. Genau deshalb ist der Bruch notwendig. Aber ich erinnere mich
auch des Zynismus der italienischen Kommunisten in den 50er-Jahren, die
damals sagten, um den Faschismus zu schlagen, müsse es Tote geben: "Wir
brauchen Tote auf der Straße." Das war etwas, was ich zutiefst verabscheut
habe. Die politische Botschaft lautete, um jeden Preis Widerstand zu
leisten.
Heute geht es aber eher um die Revolte gegen die Erwerbslosigkeit, gegen
die Verschuldung, um die konkrete Wiederaneignung. Es ist die kognitive,
intellektuelle lebendige Arbeit, die innerhalb der Prekarität ein für die
politische Organisierung und Neuzusammensetzung extrem wichtiges Element
darstellt. Es geht um die Probleme der Instituierung des Gemeinsamen. Diese
Krise bedeutet einen Sprung, sie klärt die neuen Bedingungen der
Ausbeutung, doch zugleich die neuen Bedingungen des Widerstands.
Wirtschaftspolitik richtet sich wieder stärker auf den nationalen Staat
aus. Ist das das Ende des Empire, wie Michael Hardt und Sie es beschrieben
haben?
Die Globalisierung ist unumkehrbar, davon bin ich überzeugt. Wenn wir
ferner feststellen, dass das Finanzkapital heute zur dominanten Form
kapitalistischer Akkumulation geworden ist und sich alle anderen Formen
einverleibt, dann besagt das genau das Gleiche. So gesehen scheint mir das
ganze Gerede über einen "neuen Protektionismus" viel Lärm um nichts. Ich
glaube in keinster Weise an eine Renaissance protektionistischer Regime,
die noch dazu in der Lage wären, protektionistische Politiken
durchzusetzen, also letztlich Ansätze neuer Imperialismen. Der Euro setzt
seinen Weg als Einheitswährung fort, weil es so möglich wird, Lettland oder
Litauen vor dem Zusammenbruch zu bewahren oder Island zu retten. Die
Neugliederung nach dem Ende des US-amerikanischen Unilateralismus wird auf
kontinentalen Regionen beruhen.
Die Protagonisten eines bestimmten sozialen Reformismus - darunter auch
Barack Obama - setzen auf einen sogenannten Green New Deal. Zielen solche
Maßnahmen nur darauf, die Kapitalakkumulation wieder in Gang zu bringen,
oder eröffnen sich damit auch Perspektiven, die über den jetzigen Zustand
hinausweisen?
Man kann das Phänomen Barack Obama nicht einfach mit einem Programm wie dem
Green New Deal gleichsetzen. Die große Bedeutung Obamas liegt darin, dass
er für eine neue Vorstellung von Regierung steht. In dieser Wahl wird ein
konstitutioneller Wandel sichtbar. Obama wurde nicht einfach nur gewählt,
er ist zugleich ein Produkt der Bewegungen, der US-amerikanischen
Gesellschaft. Zum ersten Mal seit den 1930er-Jahren ereignete sich so etwas
in einem großen kapitalistischen Land.
Die große Frage, die sich im Zusammenhang mit Obama stellt, ist nicht, ob
es ihm gelingen wird, die Herrschaft des Kapitals wiederherzustellen, was
selbstredend das Ziel der herrschenden Klasse in den USA ist, sondern ob es
ihm gelingen kann, eine Beziehung zwischen Bewegungen und Regierung
aufrechtzuerhalten. Die Situation in den USA heute ist für mich eine
weiterhin offene. Wir befinden uns in einer Passage, einer faszinierenden
Situation des Übergangs. Hier müssen wir weiter forschen und den Versuch
wagen, einen Pragmatismus der Revolution zu entwickeln. Jeden Tag anders.
We must try!
9 May 2009
## AUTOREN
(DIR) Thomas Atzert
(DIR) Alexandra Weltz
## ARTIKEL ZUM THEMA