# taz.de -- Nominierte 2007: Philipp Gliesing und Sebastian Klauder: Aufklären statt polarisieren
> Philipp Gliesing und Sebastian Klauder engagieren sich in Thüringen gegen
> rechts
Es gibt Momente, da fragen sich die beiden, warum sie das eigentlich
machen. Unlängst zum Beispiel, als sie gerade eines ihrer
90-Minuten-Seminare über Rechtsextremismus und Zivilcourage in einer
Schulklasse beendet hatten. "Die Tür ging auf, ein dunkelhäutiges Kind
schaute herein", erzählt Philipp Gliesing. "Da schallt's aus der Klasse:
Mach die Tür zu, du Nigger!" Er schaut fragend zu seinem Freund Sebastian
Klauder. "An so einem Punkt fragt man sich: Bringt das eigentlich was?" Der
Freund nickt: "Das ist keine Arbeit, bei der man täglich große
Erfolgserlebnisse hat."
Würde man mit geschlossenen Augen zuhören, wie Gliesing und Klauder über
ihr Projekt sprechen, man könnte meinen, zwei altgediente Herrschaften vor
sich zu haben. Stattdessen sitzen in einem Büro der Pößnecker Sparkasse
zwei junge Männer, 23 und 24 Jahre alt. Der eine trägt ein verspieltes
Tattoo auf dem Unterarm, der andere schwenkt einen orange getönten
Irokesen-Haarbüschel auf dem Kopf. Philipp Gliesing und Sebastian Klauder
haben sich in der thüringischen 14.000-Einwohner-Stadt in den vergangenen
zwei Jahren einen Namen gemacht. Selbst der örtliche Sparkassenchef war so
beeindruckt von ihrem Engagement, dass er sie unterstützen wollte. So
dürfte das von den beiden jungen Männern geleitete Pößnecker
"Aktionsbündnis Courage" (ABC) heute die bundesweit einzige
Jugendinitiative gegen rechts sein, die es sich in einem klimatisierten
Sparkassenbüro bequem machen und ein panzerverglastes Schaufenster in der
Fußgängerzone mit Antifa-Plakaten schmücken darf.
Oft haben Gliesing und Klauder inzwischen erzählt, wie es anfing an jenem
Abend im April 2005, als den Pößneckern dämmerte, wer sich das prächtige
Kulturhaus im Herzen der Stadt unter den Nagel gerissen hatte: der
berüchtigte Hamburger Neonazi-Anwalt und Immobilienhai Jürgen Rieger. Mehr
als 1.500 Rechtsextreme strömten ins Pößnecker Kulturhaus, um einen frisch
verurteilten Rechtsrocker zu feiern. Die Stadt stand unter Schock. Würde
die NPD ein Schulungszentrum für Rechtsextreme in dem Gebäude eröffnen? Der
damalige Bürgermeister vertrat die Linie: möglichst keinen Wind um das
hässliche Thema machen. Unsinn, fanden Pößnecker Jugendliche. Sie wollten
etwas tun. Mit etwa vierzig Leuten hätten sie angefangen, erinnern sich
Philipp Gliesing und Sebastian Klauder. "Die Punks und einige Linke haben
aber schnell das Interesse verloren", erzählt Gliesing. "Denen war unser
Engagement für die Demokratie zu langweilig und staatstragend." Heute sind
noch etwa zehn junge Leute aktiv. Den harten Kern des Projekts bilden
Philipp Gliesing, Student der Kulturwissenschaften, und Sebastian Klauder,
der gerade ein Freiwilliges Ökologisches Jahr absolviert.
Das Wohlwollen der örtlichen Honoratioren war ihrer Jugendinitiative nicht
vom ersten Tag an vergönnt. Als sie das erste Konzert gegen rechts in die
Stadt holen wollten, ließ sie der damalige Bürgermeister abblitzen. Erst
unter seinem Nachfolger änderte sich der Kurs. "Wir haben auch an uns
gearbeitet", sagt Philipp Gliesing: Statt zu polarisieren, wollen sie den
Blick möglichst vieler Bürger auf das Thema Rechtsextremismus lenken. Sie
bemühen sich um eine gute Zusammenarbeit mit den Behörden und der Polizei.
Zu offiziellen Terminen ziehen sich die beiden schon mal ein gebügeltes
Hemd an. Inzwischen hat sich auch die Stadtverwaltung des Themas
angenommen. Anfang des Jahres düpierte sie den NPD-Mann Rieger, indem sie
seine Immobilie vom Amtsgericht unter Zwangsverwaltung stellen ließ. Nun
tobt ein Rechtsstreit um das Areal. Sebastian Klauder zieht zwei dicke
Ordner aus dem Regal, blättert durch Zeitungsartikel, Handzettel,
Sitzungsprotokolle. Die Liste ihrer Aktionen ist beachtlich. Längst geht es
nicht mehr nur darum, über den vermögenden NPD-Mann aufzuklären, der das
Kulturhaus ersteigert hat. Unterstützt vom örtlichen Bildungswerk, das mit
einer professionellen Kraft die Jugendinitiative berät, haben sie
Demonstrationen, Informationsstände und Expertenvorträge in Pößneck
organisiert - zur Judenverfolgung in der Stadt, zur Zukunft Europas oder
gegen Fremdenfeindlichkeit. Regelmäßig treten sie als Referenten in Schulen
und bei Fortbildungsveranstaltungen in der Region auf. "Eigentlich könnte
man diese Arbeit hier hauptberuflich machen", sagt Gliesing: "Das wäre
locker ein Fulltimejob."
Warum aber geben zwei junge Leute dafür so viel von ihrer Freizeit dran?
"Selbstverständlich" sei das für ihn, sagt Sebastian Klauder. Sein Freund
muss eine Weile nachdenken. Sein Vater, heute Bürgermeister eines
Nachbarorts, sei als Mitglied einer evangelischen Studentengemeinde von der
Stasi belästigt worden, erzählt der Student dann. Er selbst finde es
"maßlos widerlich" zu sehen, wie wenig sich heute die Gesellschaft von
"autoritären Denkmustern gelöst" habe. "Und natürlich sind wir ein bisschen
stolz, wenn wir merken: Wir erreichen doch was."
Als dem Rathaus im Frühjahr der juristischen Coup gegen die NPD-Immobilie
gelungen war, fürchteten Gliesing und Klauder zunächst, das Problem
Rechtsextremismus könne nun in Pößneck für gelöst erklärt werden. "Aber der
Alltag widerlegt solche Ideen", sagt Gliesing. Gerade erst haben sie in der
Fußgängerzone eine Solidaritätsveranstaltung für drei ausländische Händler
organisiert, deren Läden in der Altstadt nachts attackiert worden waren.
Einer der Händler habe schon so viel durchgemacht in Pößneck, dass er
beschlossen habe, die Stadt zu verlassen, erzählen die beiden: "Über unsere
Aktion hat er sich total gefreut."
Kontakt: [1][http://www.abc-poessneck.de/]
Astrid Geisler
7 Jun 2013
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(DIR) Astrid Geisler
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