# taz.de -- Neues vom Bestsellerautor Zafón: Reine Jungfrauen, weise Männer
       
       > Der Bestsellerautor Carlos Ruiz Zafón stellte in Berlin seinen neuen
       > Roman "Das Spiel des Engels" vor. Das Schauerepos spielt im düsteren
       > Barcelona der 20er Jahre.
       
 (IMG) Bild: Carlos Ruiz Zafón mit seinem neuen Roman "Das Spiel des Engels".
       
       Wenn man schon 400.000 Exemplare ein und desselben Romans auf einmal
       herstellt, dann kann man ebenso gut auch noch dessen Autor aus Los Angeles
       einfliegen lassen. Der darf dann in seiner dem deutschen Publikum nicht
       sehr geläufigen Muttersprache (Spanisch) kurz etwas lesen und anschließend
       seinen Namen in möglichst zahllose ihm vorgelegte Exemplare des künftigen
       Bestsellers schreiben. Carlos Ruiz Zafón, Superstar der Literatur, ist nach
       Berlin gekommen. Eine große Buchhandelskette, die über
       Medienpartnerschaften vor Ort verfügt, hat dafür gesorgt, dass alle davon
       wissen. Das Kino Babylon in Berlin-Mitte ist fast überfüllt mit mehreren
       hundert Menschen, die fünfzehn Euro dafür gezahlt haben, Herrn Ruiz Zafón
       von ferne beim Lesen zu sehen. Aufgrund des besonderen Andrangs hat man
       Notstuhlreihen aufgestellt. Ruiz Zafóns neuer Roman "Das Spiel des Engels"
       begeht an diesem Mittwochabend seine offizielle Deutschlandpremiere.
       
       Der 1964 in Barcelona geborene Carlos Ruiz Zafón, ein später Epigone in der
       Disziplin der Gothic Novel, hat seinen vorigen Roman "Der Schatten des
       Windes" nun um eine Vorgeschichte ergänzt. "Das Spiel des Engels" (S.
       Fischer Verlag, 712 S., 24,95 Euro) ist ein Schauerepos um einen jungen
       Schriftsteller, der im Barcelona der Zwanzigerjahre um des Schreibens
       willen seine Seele verkauft. So in der Art. Unter purpurroten oder auch
       nachtschwarzen Gewitterhimmeln treibt es den Helden durch eine
       expressionistisch anmutende Stadtkulisse voll düsterer spitzgiebeliger
       Gebäude, in deren Mauern es von modrigen Geheimkammern wimmelt. Reine
       Jungfrauen, weise alte Männer, grausame Schurken und der Teufel
       höchstpersönlich haben teil an der zunehmend blutrünstigen Handlung, die
       man wahlweise kunstvoll verschachtelt oder aber wirr und überkonstruiert
       nennen könnte. Hier hat einer, der weiß, dass er ein guter Schreiber ist,
       sich vielleicht allzu fest vorgenommen, einen Bestseller zu landen.
       
       In Spanien ist ihm das schon gelungen; dort wurde die erste Auflage (eine
       Million) in knapp eineinhalb Monaten verkauft. Und man gönnt dem
       glatzköpfigen, kräftig gebauten Herrn, der in Berlin die Bühne betritt, den
       Erfolg, denn er wirkt sympathisch. Zusammen mit Ruiz Zafón kommt Gerd
       Wameling, der den Roman auch als Hörbuch eingesprochen hat. Ruiz Zafón darf
       ein bisschen auf Spanisch lesen, Wameling bestreitet den größeren,
       deutschen Teil der Lesung. Besonders seine Wiedergabe der einzigen
       humoristischen Passagen des Romans, der Dialoge zwischen der Hauptfigur und
       einem jungen Mädchen, das Schriftstellerin werden will (spätere Mutter des
       Helden aus "Der Schatten des Windes"), kommt gut an.
       
       Das Publikum konstituiert sich zu achtzig Prozent aus Frauen zwischen
       zwanzig und achtzig, die restlichen zwanzig Prozent überwiegend aus den
       männlichen Begleitern der vorigen. Ein rüstig wirkendes Paar im Rentenalter
       hat in der vorletzten Reihe Platz gefunden. Als Wameling zu jener Stelle
       kommt, wo der Schriftsteller seiner jungen Kollegin in sarkastischer Weise
       zu verstehen gibt, dass sie den Mund zu halten habe, wenn sie nichts
       gefragt werde, muss der Rüstige laut lachen und kassiert einen kräftigen
       Rippenstoß. Im Folgenden beschränkt er sich auf sprechende Blicke zur
       Seite, die nie erwidert werden. Auch die schräg vor ihm sitzende Studentin
       hat an lustigen Stellen das Bedürfnis, ihre Erheiterung umgehend der
       Sitznachbarin mitzuteilen. Dass sie auf genau dieselben Stellen ebenso
       reagiert wie der Rentner, ist ein anschaulicher Beweis für den breiten
       Zielgruppenfokus von Ruiz Zafóns Prosa. Früher war der Autor sehr
       erfolgreich in der Werbebranche tätig.
       
       Nachdem die Lesung und das überaus nichtssagende Podiumsgespräch absolviert
       sind, wird dem großen Teil des Publikums, der noch sitzen geblieben ist,
       keinerlei Möglichkeit gegeben, selbst Fragen zu stellen. Aber zu diesem
       Zeitpunkt zieht sich ohnehin die Warteschlange derer, die mit dem frisch
       erstandenen Schmöker unter dem Arm nach einem handschriftlichen Schnörkel
       des berühmten Mannes anstehen, schon einmal längs durch den Saal und bis
       zur Tür hinaus. KATHARINA GRANZIN
       
       28 Nov 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Katharina Granzin
       
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