# taz.de -- Nasser und die Muslimbrüder
       
       Als am 19. Juni 1967 der damalige ägyptische Präsident Gamal Abdel Nasser
       zum ersten Mal in seiner Amtszeit den Ministerrat einberief, erklärte er
       mit kaum hörbarer Stimme: „Dieses System ist zusammengebrochen, heute
       entsteht ein neues System.“ Was viele Beobachter nach Israels
       Überraschungsangriff vierzehn Tage zuvor schon vermutet hatten, wurde nun
       von dem Staatsoberhaupt selbst bestätigt: Nasser war mit seiner politischen
       Agenda[1]am Ende. Den Nasseristen wurde nicht nur die Schande der
       militärischen Niederlage angelastet, auch ihr Programm galt als
       gescheitert. Die gewaltige Lücke, welche die verschiedenen laizistischen
       Kräfte – Nasserismus, Baathismus, Sozialismus und Kommunismus – nach ihrer
       Auflösung hinterließen, wurde später vom politischen Islam gefüllt.
       
       Ich erinnere mich noch an die ungewöhnlichen Szenen von damals: Die
       Moscheen waren so überfüllt, dass viele Gläubige draußen auf dem
       Bürgersteig und in den Nebenstraßen beteten. Überall wurden Gebetsteppiche
       ausgebreitet. Der Straßenverkehr kam zum Erliegen. Es war offensichtlich,
       dass viele Verzweifelte Zuflucht und Trost im Glauben suchten. Die Parole,
       mit der die Islamisten schließlich auftraten, passte genau: „Al-islam huwa
       al-hal“ (Der Islam ist die Lösung). In Gesprächen mit gläubigen Muslimen
       hörte ich damals häufig, Israel habe gesiegt, weil die Juden an ihrer
       religiösen Tradition festhielten, weil sie an ihre Heilige Schrift
       glaubten, die ihnen das Recht auf einen Staat in Palästina verbürge. Die
       Niederlage der Muslime hingegen sei eine Folge ihrer Entfremdung von der
       Religion und ihrer Hinwendung zu weltlichen Ideologien.
       
       Nasser erkannte früh, welche Veränderungen sich in der ägyptischen
       Gesellschaft vollzogen. Zur allgemeinen Überraschung ließ er etwa tausend
       inhaftierte Muslimbrüder frei, denen vorgeworfen wurde, einen Racheakt für
       den Tod ihres Vordenkers Sayyid Qutb zu planen, der 1966 hingerichtet
       worden war. Zugleich nahm Nasser Kontakt zu den im Ausland lebenden Führern
       der Bruderschaft auf, um die „nationale Einheit“ zu verwirklichen. Mit
       Nassers Einheitspartei ging es nicht recht voran, und die Bruderschaft war
       die einzige politische Kraft im Land, die über eine gut funktionierende und
       bewegliche Organisation verfügte.
       
       Radio- und Fernsehsender wurden angewiesen, fortan regelmäßig Koranverse
       auszustrahlen und öfter auch konservative Prediger zu Wort kommen zu
       lassen. Aus Saudi-Arabien flossen reichlich Gelder nach Ägypten, es wurden
       Moscheen und Koranschulen gebaut und islamische Stiftungen eingerichtet –
       letztlich ein mehr oder weniger direkter Beitrag zur Herausbildung des
       Terrorismus. Auch andere Länder in der Region profitierten vom Geldsegen
       aus dem wahhabitischen Königreich. Die arabische Welt begann sich
       unwiderruflich zu wandeln.
       
       Anwar al-Sadat[2], der 1970 Nassers Nachfolger wurde, förderte die
       allmähliche Islamisierung von Staat und Gesellschaft. Die Lehren des
       Propheten kannte er gut, schließlich hatte er in einer Koranschule lesen
       und schreiben gelernt. Er konnte fehlerfrei aus dem Koran zitieren und war
       schon mehrmals nach Mekka gepilgert. Man sah ihn häufig beim Gebet in der
       Moschee neben den gewöhnlichen Sterblichen demütig kniend – und stets im
       Blitzlichtgewitter der Journalisten. Auf all diesen Fotografien konnte man
       den kleinen dunklen Abdruck (zebib) auf seiner Stirn sehen, der sich durch
       häufiges Beten bildet. So ließ sich der „Vater der Nation“ auch gern als
       der „fromme Präsident“ bezeichnen.
       
       In Radio und Fernsehen wurden immer mehr religiöse Feierlichkeiten und
       Predigten übertragen, in den Schulen gehörte der Religionsunterricht zu den
       Pflichtfächern. 1980 erreichte der Wandel seinen Höhepunkt: In die
       Verfassung wurde ein Zusatz aufgenommen, der den Islam zur Staatsreligion
       erklärte und die Scharia zur wichtigsten Quelle der Rechtsprechung.
       
       Eine solche fast theokratische Staatsform hatte es in der Geschichte
       Ägyptens noch nicht gegeben, es war ein deutlicher Bruch mit der
       laizistischen Nasser-Ära. Doch Sadat brauchte politische Bündnispartner, um
       seine Macht zu festigen. Bei den Kräften der Linken war nichts zu holen,
       also umwarb er die Muslimbruderschaft. Zunächst begnadigte er einige
       hundert ihrer Mitglieder, die noch unter Nasser inhaftiert worden waren.
       Und er begann Gespräche mit den Führern der Bruderschaft.
       
       Heute weiß man, dass Sadat dabei versuchte, seine Bewunderung für Hassan
       al-Banna ins Feld zu führen: Er hatte den Gründer der Muslimbruderschaft
       1940 kennengelernt und verdankte ihm viel – als Sadat von den Briten
       interniert worden war, erhielt seine Familie regelmäßig Unterstützung von
       den Muslimbrüdern.
       
       Die Bruderschaft vergaß aber auch nicht, was Sadat in seinen mehrfach
       umgeschriebenen Lebenserinnerungen nie erwähnte. Er hatte eine Reihe ihrer
       Führungsmitglieder an den Galgen gebracht, die 1954 angeklagt waren, ein
       Attentat auf Präsident Nasser geplant zu haben – damals war der Schützling
       des „Rais“ einer der drei Richter des „Revolutionstribunals“, das die
       Muslimbruderschaft abstrafen und ausschalten sollte.
       
       Trotz solcher Vorbehalte zeigten sich die islamistischen Führer bereit, den
       Handel mit Sadat einzugehen. Sie sahen nur Vorteile: Sadat brauchte sie, um
       die alten Nasseristen und Kommunisten auszuschalten, die vor allem in der
       Arbeiterschaft und bei den Studenten immer noch viele Anhänger hatten – es
       ging also gegen einen gemeinsamen Feind. Und sie hofften auf einen
       Handlungsspielraum, der anderen politischen Gruppierungen nicht gewährt
       wurde, um ihren Einfluss auszuweiten. Als Sadat einige Jahre später auf
       Versöhnungskurs mit Israel ging, endete die taktische Allianz mit den
       Muslimbrüdern. Eric Rouleau
       
       9 Nov 2012
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eric Rouleau
       
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