# taz.de -- Nachruf für einen Besessenen: Sidney Lumet gestorben
> Der film-besessene Regisseur Sidney Lumet starb am Wochenende im Alter
> von 86 Jahren. Noch vor zwei Jahren erschien sein jüngster Film.
(IMG) Bild: Sidney Lumet bei der Verleihung des Ehrenoscars 2005 mit seinem Hauptdarsteller aus "Hundstage" von 1975, Al Pacino.
Eine Standardsituation mit Twist. Der Polizist will auf den Bankräuber
einwirken, sein Unternehmen friedlich abzubrechen. Er lockt ihn langsam
heraus auf die Straße, wo sich neben einer Armada an Polizisten auch eine
große Menge Schaulustiger eingefunden hat. Plötzlich kippt die Situation,
Sonny (Al Pacino) verliert das Vertrauen in die Worte des Cops und beginnt
"Attica, Attica" zu rufen - in Erinnerung an den blutig beendeten
Gefängnisaufstand von 1971. Die Menge applaudiert ihm begeistert zu.
Es handelt sich um eine der intensivsten Szenen aus Sidney Lumets
Heist-Movie "Hundstage" (Dog Day Afternoon, 1975), gut geeignet, die
zahlreichen Qualitäten des 1924 geborenen US-Filmemachers zu demonstrieren.
Lumet war ein hochbegabter Schauspielerregisseur, der Darsteller wie Rod
Steiger (Der Pfandleiher/The Pawnbroker, 1964), Peter Finch (Network,
1976), River Phoenix (Die Flucht ins Ungewisse/Running on Empty, 1988) und
natürlich Pacino (Serpico, 1973) zu Höchstleistungen treiben konnte.
In der Ausrichtung seiner Filme bewies er Mut, Moral und politische
Standfestigkeit. "Hundstage" war eben nicht nur ein energetischer
Genrefilm, sondern lieferte auch ein Bild der Zeit. Es war die Geschichte
eines schwulen Mannes, der eine verzweifelte Tat begeht, um die
Geschlechtsoperation seines Freundes zu finanzieren.
Lumet wurde in eine Schauspielerfamilie hineingeboren, sein Vater spielte
am Yiddish Art Theatre, und wenn er über ihn auch wenig Gutes sprach, blieb
die Begeisterung für die Bühne.
Nach dem Armeedienst im Zweiten Weltkrieg wechselte der junge Schauspieler
beim TV-Sender CBS ins Regiefach. Wie für etliche andere Regisseure seiner
Generation eine gute Schule: Lumets Faible fürs Proben, für die Feinarbeit
mit dem Script und den Darstellern, ging auf diese Lehrjahre zurück.
## Stilistische Wendigkeit
Obwohl Lumet bereits für sein Debüt, das Gerichtssaaldrama "Die 12
Geschworenen", für einen Oscar nominiert wurde (er sollte erst 2004 einen
Ehrenoscar erhalten), blieb er zeitlebens ein Hollywood-Flüchtling. Zu sehr
war er mit seiner Stadt New York, dem Schauplatz vieler seiner Filme,
verwurzelt, doch auch ideell gehorchte der an sozialen Realitäten
interessierte Filmemacher nicht dem Credo der Industrie. Höchstens sein
persönliches Arbeitsethos entsprach der Studiologik - lieber einen Film mit
Handicaps drehen als gar keinen.
Seine stilistische Wendigkeit wurde Lumet manchmal vorgeworfen. Doch zeigte
sich darin nur die Neugierde eines Regisseurs, der sich immer wieder
anderen Herausforderungen stellte.
Nach dem ersten US-Drama um einen Holocaust-Überlebenden (Der Pfandleiher)
konnte er einen Kriegsfilm (The Hill) drehen; danach das aufwendig
produzierte (und viel geächtete) Frauendrama nach Mary McCarthy, "The
Group" (1966), das sich mit Themen wie Empfängnisverhütung, lesbischer
Liebe und Abtreibung beschäftigte.
Die 1970er Jahre wurden zu Lumets wohl wichtigstem Jahrzehnt: Die
New-York-Filme "Hundstage", "Serpico" und "Prince of the City" (der 1981
nachfolgte) sind Meilensteine des New-Hollywood-Kinos, die auf eine
vibrierende Weise mit der äußeren Wirklichkeit der Stadt kommunizieren.
Lumet war ein Filmbesessener, der nie in den Ruhestand ging. Mit 84 Jahren
überraschte er noch mit dem tragischen Familienthriller "Before the Devil
Knows Youre Dead". Am Samstag ist Sidney Lumet 86-jährig an einer
Lymphomerkrankung in Manhattan gestorben.
10 Apr 2011
## AUTOREN
(DIR) Dominik Kamalzadeh
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