# taz.de -- Maja Göpel im Interview: Verbote können Menschen befreien
       
       > Klimapolitikexpertin Maja Göpel über die Vorstellung, Digitalisierung
       > mache die Welt nachhaltig.
       
 (IMG) Bild: Maja Göpel im Sommer 2019 im Berliner Regierungsviertel
       
       taz FUTURZWEI: Was sind die wichtigsten Lügen von Digitalisierung und
       Klimapolitik, Maja Göpel? 
       
       Maja Göpel: Versorgungssicherheit von Energie, von Nahrung, von allem
       bleibt implizit eine wachsende Größe. Die darf nicht gefährdet werden, egal
       auf welchem Niveau sie aktuell ist. Niemand macht sich die Mühe, zu
       erläutern: Was ist denn eigentlich Versorgungssicherheit? Wann ist genug?
       Das ist das nie ausgesprochene Selbstverständnis der
       Wohlstandsgesellschaft. 
       
       Die Steigerung wird als selbstverständlich angenommen? 
       
       Sie gilt sogar als notwendig, weil ja die restliche Welt noch nicht auf
       diesem vermeintlich notwendigen Versorgungsniveau angekommen ist, auf dem
       wir uns jetzt befinden. 
       
       Worauf wollen Sie hinaus? 
       
       Dieses Denken vom Wachstum hier, überall und in jeder Bevölkerungsgruppe,
       beruht darauf, dass es als politisch nicht durchsetzbar oder auch nur
       denkbar gilt, dass jemand etwas von dem wieder abgibt, was er oder sie
       schon hat. Das ist für mich die allergrößte Lüge in der gesamten
       Nachhaltigkeitsdebatte, die heilige Kuh, die sich auch in den
       internationalen Deklarationen so findet: Alle müssen immer mehr bekommen –
       die ärmeren Leute dann eben verhältnismäßig schneller. Nie wird infrage
       gestellt, wie sich Menschen denn eigentlich sicher versorgt fühlen. Aber
       das Unsicherheitsgefühl wird immer mit so einer Rhetorik von »es wäre dann
       schlechter als heute« angeworfen. 
       
       Aber wenn Sie das als größte Lüge bezeichnen, gilt das dann wieder nur für
       die anderen, die Welt draußen, oder auch für die Nachhaltigkeitsbranche, zu
       der Ihr Arbeitgeber WBGU gehört? 
       
       Ich finde das im Diskurs wahrnehmbar, dass sich da kaum jemand daran wagt,
       weil das dann ja sofort wieder als Ökodiktatur oder Ökostasi denunziert
       wird, wie der Postwachstumsvertreter Niko Paech neulich von der Bild. 
       
       Ökostasi? 
       
       Ja. Die Reaktion eines Politikers einer Volkspartei war noch einiges
       imposanter. Er habe sich gerade einen SUV gekauft, einen Diesel, als
       Zweitauto und sei mindestens dreißigmal durch die Gegend geflogen dieses
       Jahr. Und er werde das weitermachen und diesen ökoirren Stasileuten den
       dicken, fetten Mittelfinger zeigen. Lebt eure Freiheit, postet eure
       Maserati-Fotos auf Insta, wo ihr über die Malediven ballert, lebt eure
       Freiheit, rief er. 
       
       Wie kommt es zu einer derart aggressiven Reaktionsbildung? Warum werden die
       Autos immer größer und sehen immer aggressiver aus? Objektiv ist
       klimapolitisch in den letzten zwanzig Jahren viel zu wenig passiert und die
       wollen, dass noch weniger passiert. Das ist fast komisch, oder? 
       
       Naja, komisch? Einerseits ist da immer dieses Argument der Ökonomie und der
       vermeintlich liberalen Freiheit, dass die Menschen das nun einmal wollen.
       Keynes hatte ja für 2030 die Fünfzehnstundenwoche prognostiziert, weil dann
       Maschinen materiell alles genug sichern und wir unsere Zeit dann lieber mit
       Kunst, Kultur, Bildung, Familie verleben würden. Und dann kamen Analysen
       von verschiedenen Ökonomen, warum Keynes denn so daneben gelegen hat. Die
       hauptsächliche Erklärung war: weil er die menschliche Gier unterschätzt
       hat. Aber für mich ist es mit individueller Freiheitsliebe vorbei, wenn
       Informationen über die massiven Kollateralschäden den ausgestreckten
       Mittelfinger auf den Plan rufen. 
       
       Genau. 
       
       Die Lebens- und Gesellschaftsform der patriarchal strukturierten
       Industrialisierung, die zuletzt tatsächlich einer großen Transformation
       unterlag, bäumt sich ein letztes Mal auf – immer größer bauen, mehr PS,
       stärkere Panzer, mein Land und Leben zuerst, jede Begrenzung überwinden.
       Dieser Rollback hat mehrere Facetten: bei Trump, Bolsonaro, aber auch
       einigen europäischen Figuren sollen Frauen wieder mehr ihrer »natürlichen«
       Rolle nachkommen, sich um Kinder kümmern, super aussehen, aber auf keinen
       Fall meinen, sie könnten jetzt hier groß mitreden, was in dieser
       Gesellschaft notwendig ist. 
       
       Wenn man in diesem Sommer die Woodstock-Filme von 1969 gesehen hat, dann
       war das eine Infragestellung. Ein bisschen sehr süß mit Love, Peace und
       Happiness, aber das Gegenteil dieser Penissteigerungs-Logik, die sich dann
       in jeder Verschwendung Bahn bricht. Warum und wann hat es dann eigentlich
       so einen Rollback gegeben? 
       
       Aus meiner Sicht haben der Finanzsektor und die davonziehenden
       Digitalkonzerne die Steigerungslogik und diese Herren-des-Universums-Kultur
       nochmal richtig gestärkt. 
       
       Ein High Performer ist sakrosankt, weil er eine Cash Cow ist und Cash kann
       sehr schnell in großen Summen kommen, was die Anstrengung, aber auch die
       Rücksichtslosigkeit anreizt. Erfolg bedeutet dann oft so viel Macht und
       Bewunderung, dass der Anstand schon mal über Bord geht. Dabei hatten wir
       doch von den Geschichten aus Konzernvorständen lernen wollen. Die Frage ist
       also: Warum bauen wir neue Systeme, wo sich dieses Mittelfingerverhalten so
       Bahn brechen kann? Aktienorientierung, Investorenorientierung,
       Wachstumsorientierung, Weltmarktorientierung – Geld, Geld, Geld: Die total
       einseitige Orientierung an einem rein kommerziellen Pakt. Das war doch mal
       anders gedacht. 
       
       Im Analysieren sind wir immer gut. Aber wie stoppen wir das Ganze und
       drehen das in eine andere Richtung? 
       
       Ich bin da bei einem Dreiklang angekommen. Einerseits hat die
       Nachhaltigkeitsforschung es soweit hinbekommen, dass die Menschen langsam
       doch einsehen: Es gibt so etwas wie die Grenzen des Wachstums, des Planeten
       und an Ressourcen. Daraus folgt die Frage: Haben wir denn genug? Da spielt
       rein, dass sich das Geopolitische neu formiert, also welches Land hat
       Zugriff auf welche Ressourcen? Die nächste Frage ist dann: Werden wir genug
       teilen? Da ist der Glauben an die rein individualistische Kultur fatal,
       dieses »jeder ist nur für sich selbst verantwortlich und jeder ist nun mal
       egoistisch, jeder ist nun mal gierig und deshalb haben wir eben auch
       überall Märkte geschaffen, weil das das einzige Instrument ist, was das ein
       bisschen einhegen kann«. Dadurch haben wir jetzt eine riesige
       Herausforderung, an einer Lösung zu arbeiten, die lautet: »Ja, wir werden
       genug teilen, es wird genug für alle da sein.« Weil die dritte Frage ist:
       Wer ist eigentlich »wir«? 
       
       Wer ist wir? 
       
       Da geht es um die Frage: Was sind sinnvolle Größenordnungen, mit denen wir
       versuchen können, Alternativen aufzubauen? Jetzt sagen viele: Es ist naiv,
       aktuell auf Europa zu zählen. Aber: Was sonst? Ich sehe keine andere
       Einheit, in der man global etwas ausrichten kann. Und zwar nicht als
       Europa-Festung, sondern in Kooperation mit anderen Teilen der Welt, die
       nachhaltige Gesellschaften für möglich halten. Und ganz wichtig:
       gleichzeitig die regionale oder die lokale Ebene zu stärken, weil ich
       glaube, dass die Kategorie der Selbstwirksamkeit für Menschen ganz zentral
       ist. Dieses Gefühl von: Ich kann gestalten, ich habe Einfluss darauf, mein
       Leben in die Hand zu nehmen und ich kann mich auch darauf verlassen, dass
       die Menschen gar nicht so selbstversessen sind, die neben mir wohnen,
       sondern dass wir auch Dinge zusammen machen können. 
       
       Wie groß ist die Chance, so einen Kulturwandel in Ihrer Lebenszeit zu
       sehen? 
       
       Also das ist jetzt orakeln, ne? 
       
       Hm. 
       
       Ich glaube, es ist im Moment ein Fenster da, über tiefere Fragen
       nachzudenken: »Worum geht es denn eigentlich? Was macht ein gutes und
       sinnvolles Leben aus? Warum machen wir jeden Tag das, was wir tun?« Das ist
       neu und entstanden durch diese vielen Demonstrationen und die klaren
       Forderungen gerade der jungen Leute von Fridays for Future. 
       
       Wie kann es eigentlich sein, dass die Ökos seit 1972 mit dem Club of Rome
       das Problem beschreiben und jetzt kommen ein paar junge Frauen und erst
       jetzt scheint man es ernst zu nehmen? 
       
       Naja, eine erste Welle ernst nehmen gab es ja damals auch. Daher haben wir
       ein Umweltministerium. Heute hat es viel damit zu tun, dass wir
       Nachhaltigkeitsfragen vorher ins grüne Ökolager und das schwache
       Umweltministerium verbannt haben. Durch die Generationenfrage bricht das
       auf und bringt eine Anschlussfähigkeit in alle Lager. Und es liefert eine
       zusätzliche Dimension der Betroffenheit. Wir haben zwar schon lange
       analysiert, dass wir tun, was wir tun, weil die zukünftigen Generationen
       keine Stimme haben und damit langfristige Konsequenzen vernachlässigt
       werden. Aber nun stehen die zukünftigen Generationen auf der Straße und
       skandieren: Bei diesen Prognosen müssen wir jetzt sofort handeln. Alle. Das
       hat einen anderen Bums. 
       
       Wie kann das zu Politik werden? 
       
       Wenn wir gleichzeitig eine Radikalisierung auf der rechten Seite sehen, ist
       es Zeit für politischen Großmut: Wo kann jeder mal ein bisschen über seinen
       Wettkampfschatten springen quer zu politischen Lagern? Ich hatte eine
       eindrucksvolle Diskussion mit europäischen Parlamentariern, wo jemand aus
       Ungarn sagte: Rot, grün, gelb, schwarz, wie auch immer ihr euch nennt, seht
       zu, dass ihr euch soweit zusammen tut, dass ihr die Populisten nicht an die
       Macht kommen lasst, weil das geht dann ratzfatz: Menschen werden
       diffamiert, Rechte abgeschafft und demokratische Institutionen
       ausgeschaltet, die sie schützen könnten. Also seht mal zu, dass ihr euch im
       Klein-Klein nicht so doll verhakt und auf die Protestwähler zugeht. Das
       Gleiche gilt für mich für die Klima- und Nachhaltigkeitsfrage: Hier geht es
       um den Erhalt unserer stabilen Lebensgrundlagen. 
       
       Ihr Arbeitgeber WBGU arbeitet an einem Gutachten »Digitalisierung und
       Nachhaltigkeit«. Die Digitalisierung ist in der Wirklichkeit ein
       Dynamisierer von Steigerung und Konsum und alles andere als nachhaltig. Was
       sind Ihre Lösungen? 
       
       Es ist wirklich erstaunlich, wie wenig diese beiden Dinge überhaupt
       zusammen gedacht werden. Die Fortschrittsagenda und der Innovationswettlauf
       in die Zukunft werden weitgehend ohne Rückkopplung mit ökologischen und
       sozialen Zielen vorangetrieben. Die Zielmarken sind weiter das alte
       Produktivitätsverständnis, das alte Wachstumsverständnis, und das Modell
       sozialer Absicherung von Arbeitsplätzen fliegt uns um die Ohren, weil wir
       jetzt Arbeitskraft im Weltmaßstab über die Plattformen zur Verfügung haben. 
       
       Sie haben für den neu gegründeten »Rat für Digitale Ökologie« den Slogan
       geprägt: Digitalisierung erden. Was meint das? 
       
       Das eine: Die Digitalisierung hat eine klare materielle Basis, die
       unausweichlich mit unserem Ökosystem zu tun hat. Deshalb können wir nicht
       nur über Zukunftstechnologie und Mensch reden, sondern müssen Umwelt
       dazunehmen. Alles andere gibt keine Zukunft. 
       
       Das andere? 
       
       Den Hype rausnehmen, fragen, was wirklich entsteht, und den Mut zu haben,
       sich in die Diskussion einzumischen. Ich sehe, dass das wie beim
       Finanzsektor läuft, möglichst gigantomanisch ankündigen, kryptisch
       formulieren und auf keinen Fall hinterfragen. Und wenn man sich outet, dass
       man etwas nicht kapiert hat, ist man von gestern. Angela Merkel wurde
       ausgelacht für den Satz, das Internet sei Neuland. Was ein Armutszeugnis
       ist, für die, die gelacht haben, weil die nicht kapiert haben, dass Merkel
       damit ziemlich genau beschrieben hat, was der Fall ist. Wenn wir aufhören
       Fragen zu stellen, weil wir Angst haben, als Trottel dazustehen, haben
       andere eine hegemoniale Macht. Die hat noch selten dem Allgemeinwohl
       gedient. 
       
       Die Nachhaltigkeitsfrage wird entpolitisiert diskutiert, die
       Digitalisierungsfrage auch. Wie kann man sie politisieren? 
       
       Eine politökonomische Lesart: Das ist keine Naturgewalt, das kann man
       gestalten und es wird auch gestaltet. Was aber im Moment abwesend ist: In
       welche Richtung wird gestaltet und warum? Das fällt immer hinten runter.
       Aus irgendwelchen Gründen ist mehr digital per se gut. Das muss
       aufgebrochen werden. Einige profitieren davon mehr, andere weniger, einige
       digitalisieren, andere werden digitalisiert. Das muss als
       gesellschaftlicher und politischer Prozess verstanden und verständlich
       gemacht werden. Es gilt zu hinterfragen, ob bei der Infrastruktur der
       Zukunft eine solche Konzentration von Macht zielführend ist. Bei
       Infrastrukturen gibt es eine Verantwortung für die Daseinsvorsorge, da ist
       typischerweise die öffentliche Hand mit dabei. 
       
       Hier aber nicht. 
       
       Nein. Das haben komplett die Konzerne übernommen, die mit der gegenwärtigen
       Überkapitalisierung mit einem Affenzahn Zukunft gestalten, Eigentum
       schaffen und damit auch Kontrolle ausüben. 
       
       Der Energieverbrauch der Digitalisierung wird auch nicht diskutiert. 
       
       Erst in Nischen. Energie kommt eben noch nicht ganz aus erneuerbaren
       Quellen und auch für deren Ernte brauchen wir Hardware und damit Seltene
       Erden. Das papierlose Büro hat sich als Illusion erwiesen. Jetzt sprechen
       wir über »Dematerialisierung« durch die Digitalisierung. Das ist Quatsch,
       selbst wenn die Daten alle so unsichtbar vor sich hin flottieren. 
       
       Wenn wir bei der Erderhitzung an die Wirklichkeit ranrücken, rücken wir
       dann bei der Digitalisierung eher weg, weil die energetischen
       Voraussetzungen überhaupt nicht realisiert werden? 
       
       In Japan haben sie einen prima Begriff, der das Ausmaß umreißt, in dem
       diese Digitalisierungsprozesse Gesellschaften verändern. Deren Begriff ist
       »digital curtain«. Dieser digitale Vorhang ist in vermittelnder Form
       zwischen viele Beziehungen und Wahrnehmungen zwischengeschaltet, und das
       beeinflusst Mensch-Mensch-Interaktion, aber auch Mensch-Natur-Verhältnisse. 
       
       Unser Heft heißt ja Die Wirklichkeit. Die These lautet, dass über Fridays
       for Future Teile der Gesellschaft näher an die Wirklichkeit heranrücken,
       was die Notwendigkeit einer sozial-ökologischen Transformation angeht, aber
       die Realität der Digitalisierung wird ausgeblendet, wie Ökologie vor dem
       Club of Rome. 
       
       Stimmt. Diese »for Future«-Bewegungen stehen für das, was mir gerade
       wirklich Mut macht. Und dabei nicht mehr nur: die Schülerinnen. Sondern
       auch grauhaarige Menschen aus unterschiedlichsten Berufsgruppen, die mit
       »for Future« infrage stellen, welche Politik wir haben und auch einen
       radikalen Ausbruch aus dem Status quo fordern. Das war für mich so ein
       richtiger Bruch, weil wir ja typischerweise immer den einen Sektor gegen
       den anderen stellen, zum Beispiel Wirtschaft gegen Ökos. Und jetzt geht es
       auf so der Paradigmen-Ebene einmal quer durch. 
       
       Was ist für Sie der Durchbruch? 
       
       Die, die sagen: wir sind »for Future«, sehen damit ein, dass wir das
       infrage stellen müssen, was wir als Normalität bei uns etabliert haben,
       also aufzeigen, dass dies in »the Past« funktioniert hat, aber nicht mehr
       zukunftsfähig ist. 
       
       Das Problem dieser ganzen »for Future«-Erklärungen ist, dass sich alle
       ranhängen an das, was gerade Trend ist, aber keiner bewegt den eigenen
       Arsch. Die bleiben alle im selben Modus. 
       
       Ja, nun, das ist die Herausforderung. Bei den Entrepreneurs for Future kann
       man sagen: Ist noch ein kleiner Bruchteil von unserer Wirtschaft, viele
       sind Sozialunternehmer. Aber damit gehen auch Forderungen nach anderen
       Rechtsformen einher, damit wir überhaupt gemeinwohlorientiert wirtschaften
       können in ausreichender Größenordnung. Wir brauchen eine andere Form von
       Start-up-Förderung, damit es nicht nur Venture Capital ist, was da reingeht
       und dazu nötigt, kurzfristig Gewinne hochzufahren, was wiederum
       Externalisierung von Umwelt und Sozialem sehr einträglich macht. Wir
       brauchen deshalb eine andere Förderungsstruktur für Start-ups. Hier finden
       wir Forderungen, die die strukturellen Rahmenbedingungen infrage stellen,
       unter denen überhaupt das »for Future«-Wirtschaften möglich werden könnte. 
       
       Okay, das Beispiel leuchtet ein. Bei Scientists for Future scheint es aber
       überhaupt keine reflexive Dimension zu geben, also dass die Leute ihre
       eigene Praxis hinterfragen und sich nicht nur »mit den Kids
       solidarisieren«. Im Sinne von Wirklichkeit geht es ja für alle
       gesellschaftlichen Gruppen und für alle Einzelnen darum, die eigene Praxis
       zu verändern. 
       
       Hm. Ich fand das interessant mit der Unterscheidung, die ja gemacht wird
       zwischen Fridays for Future, die sehr stark diskursiv und demonstrierend
       unterwegs sind und dann Extinction Rebellion, die sagen, wir brauchen
       zivilen Ungehorsam, weil wir eine Störung in den Betriebsablauf bringen
       müssen, der trotz all seiner umweltzerstörerischen Auswirkungen immer noch
       als wünschenswerte Normalität geschützt wird. Also Disruption durch
       Blockaden von Mobilitätsflüssen oder den Marketingchefs klar vorhalten,
       dass sie die Geschichtenerzähler hinter dem Überkonsum sind. 
       
       Was wären Ihre Definitionen für eine angemessene Form von Radikalität, die
       sich der politischen und physikalischen Realität tatsächlich stellt in
       konstruktivem Sinne einer demokratischen neuen Mehrheitsbildung? 
       
       Eine Definition im wissenschaftlichen Sinne ist hier Quatsch. Die
       Umweltveränderungen entstehen aus der Summe der einzelnen Handlungen. Die
       Tyrannei der kleinen Schritte. In früheren Revolutionen war die
       Rückkopplungsschleife sehr viel direkter: Ich stehe auf gegen
       Unterdrückung, Ungerechtigkeit, Gewalt, die mir oder Bekannten angetan
       wird. Das ist ja das Problem beim gegenwärtigen Protest gegen die
       Umweltkrise: Die Konsequenzen liegen noch immer ein bisschen stärker in der
       Zukunft oder an einem anderen Ort. Im Strafrecht haben wir versucht,
       Verbrechen gegen zukünftige Generationen in den internationalen
       Strafgerichtshof zu bringen und damit die Zerstörung der Umwelt juristisch
       handhabbar zu machen. Unser individualisiertes Strafrecht ist da
       gescheitert, weil man die Kausalität zwischen der einzelnen Aktivität von
       Individuen und großen Umweltschäden oft nicht abbilden kann. Das ist genau
       das Problem, was wir selbst im Alltag auch haben. Ich fahr mal mit dem Auto
       kurz einkaufen, weil es ein Großeinkauf ist. Das ist noch kein Problem.
       Aber wenn alle tagtäglich überall und für jede Distanz Spritschlucker
       fahren, wird es eins. Deshalb ist es schwer, den radikal anderen Lebensstil
       einzufordern? Den One-Planet-Footprint schaffe ich unter den aktuellen
       Rahmenbedingungen überhaupt nicht. 
       
       Ja, klar. 
       
       Das heißt aber, meine Alltagspraxis ist in eine Struktur eingebaut, die
       mich in Richtung Zerstörerseite drückt. Ich glaube, viele Verbote würden
       sehr viele Menschen jetzt einfach mal befreien. Dieses schlechte Gewissen
       an der Kasse tilgen, wenn ich weiß, ich muss nicht immer mit meinem
       Smartphone alles erst mal scannen, um zu gucken, ob das Produkt jetzt das
       allerschlimmste ist. Oder zu wissen, dass nicht nur ich mich einschränke,
       sondern dass es alle tun. In vielen Umfragen ist das genau der Punkt: Warum
       soll ich das tun und die anderen machen es im Zweifel nicht und haben
       dadurch noch mehr Planet zur Verfügung? 
       
       Da wird sich FDP-Chef Lindner freuen, wenn Sie Verbote als befreiend
       deklarieren. 
       
       Ich finde absolut wichtig, uns ideologiebefreit über vernünftige Regeln des
       Produzierens und Konsumierens zu verständigen. Wir reden doch beim
       Steuersystem auch nicht davon, dass wir ein paar Anreize setzen müssten,
       dass die Leute vielleicht freiwillig Steuern zahlen. Gesellschaften sind
       immer mit Regeln strukturiert. Und jede Regel hat genau diese beiden
       Effekte: Es ist nie einfach einseitig ein Verbot, sondern es ist immer auch
       eine Entscheidung für etwas anderes. Ich finde es gut, wenn wir darauf
       verzichten, die Ökosysteme zu zerstören und gut leben können wir dabei
       allemal. Es ist doch inzwischen allzu sichtbar, dass diese Verbotsrhetorik
       fast immer nur aufgerufen wird, wenn es um Fragen des Konsums geht. Bei
       anderen Dingen ist die Verbotsfrage schnell im Raum – zum Beispiel,
       Demonstrationen in der Schulzeit zu untersagen. 
       
       Interview: [1][Peter Unfried] und [2][Harald Welzer]
       
       17 Oct 2019
       
       ## LINKS
       
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