# taz.de -- Kriegsgefangene in Russland: Hoffen auf ein Lebenszeichen
       
       > Ukrainische Familien von inhaftierten Soldaten demonstrieren regelmäßig
       > für deren Rückkehr. Aber Gefangenenaustausche werden seltener.
       
 (IMG) Bild: Aus der Haft entlassene ukrainische Soldaten nach dem Gefangenenaustausch zwischen der Ukraine und Russland am 3. Januar
       
       KOWEL taz | Die Kundgebung in Kowel ist kaum zu übersehen. Dutzende
       Menschen haben sich an diesem kalten Wintertag Ende der vergangenen Woche
       auf dem zentralen Platz der westukrainischen Kleinstadt nahe der Grenze zu
       Polen und Belarus versammelt. Es sind fast ausschließlich Frauen und
       Mädchen. Ihren Gesichtern ist die Anspannung deutlich anzumerken. Auf
       Pappschildern, die sie mitgebracht haben, sind scharfe, von Hand
       geschriebene Slogans, zu lesen.
       
       Es sind herzergreifende Worte: „600 Tage Gefangenschaft“, „Erweist den
       Gefallenen Respekt, helft den Lebenden, erhebt eure Stimmen für die
       Gefangenen!“, „Erinnern, sprechen, zurückholen!“ und: „Freiheit für die
       Garnison von Mariupol!“, „Vergessen ist schlimmer als Verrat“, „Kämpfen wir
       für sie so, wie sie für uns gekämpft haben“, „Mein Sohn ist mein Leben!“.
       
       Drei Verteidiger [1][des metallurgischen Kombinats Asowstahl in Mariupol],
       die aus Kowel stammen, befinden sich immer noch in russischer
       Gefangenschaft: Wladislaw Bakum, Andrej Bogdan und Wladislaw Oksentaschuk.
       Ihre Familien hören nicht auf, für sie zu kämpfen. Sie werden nicht müde
       daran zu erinnern, dass die Gefangenschaft gleichbedeutend ist mit
       ständiger Folter, Isolation und Unsicherheit.
       
       Die Kundgebung in Kowel ist nur ein Beispiel für Hunderte ähnliche Aktionen
       in der Ukraine zur Unterstützung Tausender inhaftierter Verteidiger der
       Stadt Mariupol, die seit dem Frühsommer 2022 unter russischer Besatzung
       steht. „Schweigt nicht, Gefangenschaft tötet!“, lautet das Motto der
       Vereinigung der Familien der Verteidiger von Asowstal – dem letzten
       Zufluchtsort der Kämpfer, die Mariupol 2022 bis zum Schluss verteidigt
       hatten.
       
       ## Größter Gefangenenaustausch seit Kriegsbeginn
       
       Bislang hat die Ukraine 230 Personen, darunter Soldaten und Zivilisten, aus
       russischer Gefangenschaft zurückgeholt. Am 3. Januar 2024 war es unter
       Vermittlung der Vereinigten Arabischen Emirate nach monatelanger Pause
       [2][erneut zu einem Gefangenenaustausch gekommen], es war die größte
       derartige Aktion seit dem Beginn von Russlands Angriffskrieg gegen die
       Ukraine am 24. Februar 2022 und der erste Austausch seit Monaten. Auch die
       Verteidiger von Mariupol kehrten nach Hause zurück. Doch die Familien von
       Angehörigen der Spezialeinheitsbrigade konnten ihre Verwandten nicht auf
       den Austauschlisten entdecken.
       
       Russland hält diese Einheit der Nationalgarde immer noch gefangen. Ihre
       Angehörigen bitten die Staats- und Regierungschefs westlicher Staaten, die
       ukrainischen Behörden und ihre eigenen Landsleute, das Schicksal dieser
       Gefangenen nicht zu vergessen.
       
       Im Winter wird es früh dunkel, aber trotz des beißenden Windes und Frosts
       bleiben die Teilnehmer*innen der Kundgebung in Kowel noch lange Zeit
       auf der Straße stehen. Sie unterhalten sich miteinander. Einfach die
       Gelegenheit zu haben, sich zu Wort zu melden und die Geschichte anderer
       Mütter oder Frauen zu hören, die ebenfalls darauf warten, dass ihre Männer
       und Kinder nach Hause kommen: das ist es, was ihnen in dieser Situation oft
       hilft.
       
       An diesem Tag stehen sie im Rampenlicht. Vertreter und Vertreterinnen
       lokaler Behörden sind genauso auf den Platz gekommen wie Personen in
       Militäruniformen. Eine der Frauen, die bei der Kundgebung eine Rede hält,
       ist von Fernsehteams umgeben. „Wir versuchen, die Gesellschaft an den Kampf
       um die Gefangenen zu erinnern. Sie befinden sich dort in einer
       katastrophalen Lage – sie sind hungrig, frieren, werden gefoltert und sie
       sind von jeglicher Information völlig isoliert. Deshalb ermutigen wir alle
       dazu, sich diesem Kampf anzuschließen. Wir wissen, dass das funktioniert“,
       versucht die Frau die Journalisten zu überzeugen.
       
       Neben ihr steht Swetlana Bogdan. Ihr 24-jähriger Sohn Andrej ist schon 20
       Monate lang in Gefangenschaft, ihr anderer Sohn kämpft an der Front. Der
       Vater der beiden Söhne ist im Krieg zu Tode gekommen. Swetlana ist mit
       Tatjana Bakum auf der Kundgebung. Deren Sohn Wladislaw ist ebenfalls in
       Gefangenschaft. Ihre Kinder haben zusammen studiert und Sport gemacht. 2019
       traten sie ihren Dienst bei „Asow“ an. Sie waren zusammen in Mariupol und
       wurden gefangen genommen, [3][nachdem sie Asowstal verlassen hatten].
       
       ## Russische Spielchen
       
       Am 16. Mai 2022 wurden die beiden jungen Männer in eine Kolonie im Dorf
       Oleniwka im Gebiet Donezk evakuiert – wo später mehr als 50 ukrainische
       Gefangene durch eine Explosion starben. Die Russen verurteilten Andrei
       Bogdan zu 25 Jahren Haft in einer Hochsicherheitskolonie. Seitdem gibt es
       keine Neuigkeiten von ihm.
       
       Am Ende der Aktion singen alle Anwesenden die ukrainische Hymne. Eine junge
       Frau hält ein Schild mit der Aufschrift „Mein Herz ist gefangen“ hoch, sie
       kann ihre Tränen nicht zurückhalten. Ihr Freund befindet sich ebenfalls in
       Gefangenschaft, das letzte Telefonat fand am 6. Mai 2022 statt. „Er hat mir
       alles Gute zum Geburtstag gewünscht. Wir haben gesagt, dass wir uns
       lieben.“
       
       Die junge Frau schluchzt, eine ältere Dame beruhigt sie und sagt. „Ich bin
       hierhergekommen, damit die Mütter dieser Kinder die Unterstützung der
       Gesellschaft spüren. Ihre Söhne haben sich für die ganze Ukraine
       eingesetzt, damit unsere Kinder friedlich schlafen konnten. Aus irgendeinem
       Grund beginnen die Menschen dies zu vergessen und ein ruhiges Leben zu
       führen.“
       
       Angaben der ukrainischen Regierung zufolge befinden sich mehr als 3.500
       Militärangehörige in russischer Gefangenschaft. Da es sich nur um
       diejenigen handelt, die identifiziert wurden, könnte die tatsächliche Zahl
       höher sein. Als Ergebnis mehrerer Austauschaktionen wurden 2.430 Menschen
       nach Hause zurückgebracht, darunter 139 Zivilisten.
       
       Ende November 2023 beschwerten sich ukrainische Behörden darüber, dass
       Russland den Gefangenenaustausch ausgesetzt habe. Möglicherweise möchte der
       Kreml auf diese Weise die Ukrainer beeinflussen und den Eindruck erwecken,
       dass die ukrainischen Behörden sich nicht mit dieser Frage beschäftigen.
       
       Aus dem Russischen Barbara Oertel
       
       11 Jan 2024
       
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