# taz.de -- Koks und Kotze: Erst mal wird gefeiert
       
       > Im "Clochard" auf der Reeperbahn finden nicht nur Punks, Penner und
       > Alkoholiker eine Heimat. 24 Stunden in einer Hamburger Kneipe, die seit
       > 30 Jahren partout nicht schlafen will.
       
 (IMG) Bild: Wer Cola bestellt, erntet Kopfschütteln: Im "Clochard" an der Reeperbahn, sagen die Gäste, "wird St. Pauli gelebt".
       
       HAMBURG taz | An einem Freitag, zur Mittagszeit, müffelt der Eingang nach
       Urin. Der Boden ist klebrig, lange bevor die Eskapaden des Wochenendes über
       die Reeperbahn hereinbrechen. "Rund um die Uhr geöffnet" steht über der
       Tür. Daneben: "Die billige Kneipe auf der Meile". Oben, im ersten
       Stockwerk, scheppert Heavy Metal aus den Boxen. Die Augen gewöhnen sich nur
       langsam an die Dunkelheit im Raum. An den Wänden kleben Astra-Etiketten,
       Zeugnisse vieler leer getrunkener Flaschen. Der Dreck des Bodens frisst
       sich die Holzwände hoch.
       
       Der "Clochard" schwitzt, von all dem Bier, den Tausenden gerauchter
       Zigaretten. Mitten im Raum wartet ein Kicker auf das nächste Spiel.
       Dahinter, in der dunkelsten Ecke, schummert bläulich das Licht einer
       Neonröhre: So sollen Junkies ihre Venen schlechter finden. Drei Punks und
       eine Barkeeperin mit schulterlangen, grauen Strähnen lagern am Tresen.
       Astra: 1,70 Euro, Korn: 90 Cent. Im Winter Schmalzbrote, gratis. Auf der
       Hausverbotsliste stehen Dutzende Namen, Kiez-Pseudonyme wie "Pommes" oder
       "Jesus". Wer diese Menschen wirklich sind, weiß hier niemand mehr.
       
       Hier trinken am Morgen diejenigen weiter, die nie nach Hause gehen. Am
       Nachmittag betäuben sich die Berufszecher. In der Nacht finden hier alle
       eine Heimat: die Punks, die Penner, die Sauftouristen, die wirklich
       Betrunkenen, die neugierigen Spießer, die Kaputten, die Normalen, Alte und
       Junge. Wer hier bloß Cola bestellt, erntet Kopfschütteln, auch an einem
       Freitagmittag.
       
       ## Die letzte Nacht im Gesicht
       
       In einer Ecke hängen Sushi und Clarissa, vor ihnen sechs leere Astraknollen
       auf dem Tisch. Die letzte Nacht sitzt ihnen im Gesicht. Sie haben sich erst
       vor ein paar Stunden kennengelernt, hier im Clochard, "so um fünf Uhr
       morgens". Clarissa sagt, sie sei heute total betrunken. Sonst pflege sie
       die Alten im Heim. Lachend krault sie Sushis Rücken.
       
       Clarissa will Sushi nach Hause nehmen, nach Bergedorf. "Ich will einen
       Typen abschleppen und weiß nicht mal wie er heißt", sagt sie. "Ich heiße
       Sushi, mich muss man genießen wie rohen Fisch", sagt er. Sushi ist
       unentschlossen: "Ich bin total pleite, ich komme nie mehr weg aus
       Bergedorf." Er findet Clarissa nicht attraktiv, mit dem Pickel im
       Mundwinkel, den großen Brüsten, den fettigen Haaren. Miss Piggy nennt er
       sie.
       
       Sushi ist 29 und wirkt nüchtern, obwohl er ständig Bier trinkt. Über seinem
       Bizeps spannt sich das T-Shirt. Bullig lehnt der Oberkörper gegen die Wand.
       Sein rundes Gesicht versteckt er mit Baseballmütze und Sonnenbrille. Zeigt
       er die Augen, sind Krümel zu sehen, Zeugen von sechs Nächten, in denen
       Sushi nie länger als zwei Stunden am Stück geschlafen hat. Vor einer Woche
       hat er in Frankfurt alles aufgegeben, Wohnung und Job. Jetzt will er in
       Hamburg neu anfangen. Aber erst am Montag. Bis dahin wird gefeiert.
       
       Miss Piggy muss alleine nach Bergedorf, denn Sushi mag lieber
       Gothic-Mädchen: "Die sind", sagt er, "richtig dreckig." Als Teenager hat
       Sushi geboxt, in der "Ritze" gar nicht weit weg vom "Clochard".
       Aggressionstraining, vom Psychologen verschrieben. Momentan sei er ganz
       friedlich. "Aber gib mir zwei Flaschen Whisky, dann steht ein anderer
       Mensch vor dir."
       
       Uwe sitzt unter der Neonröhre in der dunkelsten Ecke des "Clochards". Er
       hat einen grauen Vollbart und nur noch wenige Zähne. Tiefe Furchen zieren
       seine Stirn. Aus dem löchrigen Filzschuh ragt ein langer, schwarzer
       Zehennagel. Fast täglich kommt Uwe her, spricht mit den Gästen. Alleine in
       seiner Wohnung fühlt sich der 71-Jährige nicht wohl. Die ganze Nacht habe
       er kein Auge zugetan, sagt er. "Ich habe gestern so viel gekifft, ich
       konnte einfach nicht schlafen."
       
       Er trinke nicht mehr, sagt Uwe, kiffe nur noch. Wenig später hat er eine
       Flasche Bier in der rechten, eine Zigarette in der linken Hand. Uwe war mal
       verheiratet, "nur kurz, nicht mal sieben Jahre", hat in Kolumbien
       gearbeitet. Seit 25 Jahren wohnt er jetzt in Ottensen. Immer wieder
       verfällt er kurz ins Spanische, "¡Vamos a ver!", sagt er besonders gerne -
       wir werden sehen.
       
       Drei Krebse hat Uwe besiegt, erst Lungen-, dann Hodenkrebs, schließlich ein
       Lungenödem. Aus der Jukebox wünscht er sich ein Lied von Queen oder
       Jazzmusik. Dass der Apparat beides nicht hergibt, weiß er. Überhaupt sei
       hier vieles nicht mehr so wie früher. "Keiner hat mehr die Kohle, um hier
       zu trinken." Gekifft werde auch viel weniger. Was soll aus dem Laden nur
       werden? "¡Vamos a ver!", sagt Uwe.
       
       ## "Ich oder die X-Box"
       
       Am Kickertisch duelliert sich "Painkiller186" mit seiner Ehefrau. Er zeigt
       ihr die Kneipe, in der er seine Jugend verbracht hat. In der realen Welt
       heißt "Painkiller186" Hermann. Sein Leben aber ist die X-Box: Zwei, drei
       Stunden zockt der 37-Jährige täglich, früher waren es auch mal zwölf. Daran
       zerbrach seine erste Ehe. "Ich oder die X-Box", habe ihn seine Ex-Frau vor
       die Wahl gestellt, erzählt er. Die Entscheidung fiel Hermann leicht. Seine
       zweite Frau, er nennt sie "Bubsi", hat mehr Verständnis. Sie zockt selbst
       gerne. Allerdings lieber auf der Playstation.
       
       Früher war Hermann jedes Wochenende hier. Er kennt sie alle, die
       Kiez-Größen der frühen 90er-Jahre. Heute ist er meist zu Hause, wenn er
       nicht an der X-Box sitzt, meditiert er. Um den Hals trägt Hermann eine
       Kette, Yin und Yang. "Auch Tische haben Gefühle", sagt er. Die Menschen
       nähmen sich viel zu ernst, nichts als lächerlich sei die Gesellschaft. "Die
       Erde ist eine Milliarde Jahre alt", sagt er, "der Mensch wird nicht mal
       hundert."
       
       Die Euphorie der Nacht greift um sich, die Gäste plärren. Der Alkohol
       fließt schneller und wird härter. Sushi sitzt auf der Terrasse zwischen
       zwei Freunden, die er tags zuvor auf dem Kiez kennengelernt hat. Der eine,
       kaum volljährig, mit krausem Haar und großen, runden Augen, holt ein
       Plastiktütchen aus der Jackentasche, gefüllt mit weißem Pulver. Mit Sushis
       Personalausweis baut er lange, dünne Bahnen. Sushi hebt die Bierflasche und
       ruft: "Lasst uns trinken auf das wichtigste Gut: die Freiheit."
       
       Unten, auf der Reeperbahn, ziehen die Nachtschwärmer vorbei, aufgetakelt
       und angeheitert auf dem Weg zur nächsten Party. Auf der Großleinwand
       gegenüber blinken die Pixel, Videoclips werben für ein Musical im nahen
       Operettenhaus. Im Astra-Turm dahinter brennt in einigen Büros noch Licht.
       Gäbe es einen Kirchturm, er schlüge nun Mitternacht. "Du kannst auf St.
       Pauli leben oder du kannst St. Pauli leben", sagt Sushi. "Im ,Clochard'
       wird St. Pauli gelebt."
       
       ## Polizei will hier niemand
       
       Die Herrentoilette schwimmt im Urin. Jemand hat sich in die Rinne
       übergeben. "Total eklig", sagt einer mit Irokesenfrisur. Der Laden brummt.
       Am Kicker kämpfen Yuppie-Frisuren gegen St.-Pauli-Mützen, der Einsatz:
       Wodka und Bier. Flüsternd sucht ein Dealer nach Kundschaft. Auf den Bänken
       schlafen heimatlose Trinker, darunter auch, ehe sie wieder an die Bar
       taumeln. In einer Ecke liegt ein älterer Herr mit weißem Vollbart, die
       Stirn auf dem Tisch, die brennende Zigarette in der Hand.
       
       Der "Clochard" ist voll, die Gäste sind es auch. Die Nacht verfliegt
       schneller, wird schwammig, irgendwann prügeln sich zwei Typen, Geschubse,
       eine Flasche zerbricht, das Kickerspiel ist unterbrochen. Der Barkeeper
       schlichtet, Polizei will hier niemand. Daneben wird ruhig weiter gekokst.
       Ein Mädchen im geblümten Sommerkleid tanzt auf dem Kickertisch.
       "Deutschland ist scheiße!", schreit irgendwer, "darum gibt es Hamburg,
       diese geisteskranke Stadt!" Zwei Sanitäter nehmen einen schlafenden Alten
       mit. Es ist sechs Uhr.
       
       Über der Terrasse ist die Sonne schon aufgegangen, als sich Sushi die
       fünfte Linie Koks vom Biergartentisch zieht. Auf dem Betonboden liegen
       benutzte Kondome, Kotze, ein verlorenes Unterhemd. Nur wenige Gestalten hat
       die Nacht nicht verschluckt. Zusammen sitzen sie auf der Terrasse, kiffen
       und koksen. Obdachlose, Punks, Rocker. Alle teilen. Wer hat, der gibt.
       
       Ronny, der Punk mit kahl geschorenem Haupt und meerblauen Augen, hat gerade
       zwei Wochen Knast hinter sich. Aus seiner Geldbörse zieht er ein
       Geburtsbändchen. "Ich habe ein deutsch-schweizerisches Kind gezeugt", sagt
       er. Am 27. Juli ist seine erste Tochter im Berner Inselspital geboren
       worden. Bald wolle er sie besuchen, sagt Ronny. "Aber zuerst einmal will
       ich Spaß mit meinen Kumpels."
       
       Es ist 11 Uhr. Ronny erhebt sich von seiner Holzbank, steckt 30 Cent in die
       Jukebox. Ekstatisch schüttelt er seine Glieder, drei Punks am Tresen
       zappeln mit. Aus den Boxen ballern die Troopers, eine Punk-Band aus
       Kreuzberg: "Scheiß egal, wir würden unser Leben nochmals leben!"
       
       23 Sep 2011
       
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