# taz.de -- John redete nicht mehr
       
       Über den Tod zu schreiben, ist ein unmögliches Vorhaben. Joan Didion hat es
       trotzdem getan – luzide, persönlich und fassungslos
       
       VON RENÉE ZUCKER
       
       Jedes Kind denkt magisch. Wenn die Krähe auf dem Straßenschild wegfliegt,
       bevor ich die nächste Kreuzung erreicht habe, hab’ ich die Mathearbeit
       verhauen. Wenn das 25. Auto an der Ampel blau ist, wird der Junge, den ich
       liebe, mich erhören. Wenn ich nur auf die Mitte der Steine im Bürgersteig
       trete, stirbt Oma nicht. In unserem aufgeklärten Zeitalter ist zwar kaum
       noch Raum und Toleranz für magisches Denken, aber heimlich tun wir es alle
       noch. Je auswegloser die Situation, desto kraftvoller.
       
       „Das Leben ändert sich schnell“, lautete der erste Satz, den Joan Didion in
       ihren Computer schrieb, zwei Tage nachdem ihr Mann gestorben war. „Das
       Leben ändert sich in einem Augenblick. Man setzt sich zum Abendessen und
       das Leben, das man kennt, hört auf. Die Frage des Selbstmitleids“, heißen
       die weiteren drei Sätze – und lange Zeit wurde dem nichts hinzugefügt.
       
       Joan Didions Mann, der Schriftsteller John Gregory Dunne, starb am 30.
       Dezember 2003 im Wohnzimmer des New Yorker Apartments an einem Herzinfarkt,
       als er und seine Frau sich gerade zum Abendessen hingesetzt hatten. Es war
       ein Dienstag und das Ehepaar hatte an diesem Tag seine einzige Tochter
       Quintana auf der Intensivstation eines Krankenhauses besucht, wo sie seit 5
       Tagen bewusstlos lag.
       
       Minutiös, unterbrochen von Erklärungen, Fragen, Kommentaren, Pausen,
       versucht Didion den Fall zu schildern. Den Moment, als ihr Leben sich
       änderte. „John redete, dann redete er nicht“ – sie versucht sich zu
       erinnern, ob er nicht mehr redete, als sie sich gerade über den gemixten
       Drink unterhielten oder über das Buch, das er gerade las. Sie weiß es nicht
       mehr. Plötzlich hörte er auf zu reden.
       
       Über den Tod zu schreiben gehört wohl zu den unmöglichsten Vorhaben. Da
       braucht es magisches Denken. Aber das magische Denken kann alles, nur nicht
       den Tod denken. Im magischen Denken geht es einzig um die Wiederkehr.
       Didion beschreibt die Unmöglichkeit, zu begreifen, dass ihr Mann tot ist.
       
       Sie kann seine Schuhe nicht weggeben, weil er sie schließlich brauchen
       wird, wenn er zurückkommt. Sie erinnert sich an Teresa Heinz Kerry, die in
       einem Interview während des Wahlkampfs 2004 über den plötzlichen Tod ihres
       Mannes bei einem Flugzeugabsturz sprach. Sie habe das dringende Gefühl
       gehabt, Washington verlassen und nach Pittsburgh zurückkehren zu müssen.
       Natürlich musste sie dringend nach Pittsburgh zurück, versteht Didion.
       Pittsburgh und nicht Washington war der Ort, an den ihr Mann zurückkehren
       würde.
       
       „Im Nachhinein betrachtet, hatte es Zeichen gegeben“, schreibt Didion über
       die Zeit ihres magischen Denkens, „Warnsignale, die ich hätte beachten
       sollen. Die Nachrufe beispielsweise. Ich konnte sie nicht lesen. Das blieb
       so vom 31. Dezember, als die ersten Nachrufe erschienen, bis zum 29.
       Februar, der Nacht der Oscarverleihung, als ich ein Foto von John in einem
       Zusammenschnitt mit dem Titel „In Memoriam“ sah. Als ich das Foto sah,
       begriff ich zum ersten Mal, warum mich die Nachrufe so gequält hatten. Ich
       hatte anderen erlaubt, zu denken, dass er tot war. Ich hatte zugelassen,
       dass er lebendig begraben wurde.“
       
       Didion schreibt über die kurzen Jahrzehnte mit und die ewigen Tage ohne
       ihren Mann. Sie schreibt über Bücher, die sie schrieben und lasen, über
       Orte, die sie besucht hatten, Menschen, mit denen sie befreundet waren,
       über Politik, über Gespräche.
       
       Sie schreibt so luzide wie immer und vermutlich so persönlich wie nie, und
       dennoch gibt es eine Art unsichtbarer Wand, die den Lesenden von ihr
       trennt: die Wand zwischen dem, der gerade einen einzigartigen Verlust
       erlitt, und dem, der diesen einzigartigen Verlust niemals begreifen wird.
       Dies ist richtig und nicht richtig. Niemand wird den einzigartigen Verlust
       eines Trauernden begreifen und jeder hat einen einzigartigen Verlust.
       Bücher über die Trauer sind furchtbar und schwierig. Joan Didion schreibt
       in ihrem auch von denen, die sie selbst las. Sie bereiten einen kaum vor
       und genügen sicher nicht, wenn man trauert, aber es ist gut, dass es sie
       gibt.
       
       Nach Erscheinen ihres Buchs über den Tod ihres Mannes starb Joan Didions
       Tochter Quintana mit 39 Jahren.
       
       Joan Didion: „Das Jahr magischen Denkens“. Aus dem Englischen von Antje
       Rávic Strubel, Claassen Verlag, Berlin 2006, 252 S., 18 Euro
       
       4 Nov 2006
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) RENÉE ZUCKER
       
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