# taz.de -- Jazz-Saxofonist Sonny Rollins: Niemand spielt Melodien wie er
       
       > Der Saxofonist Sonny Rollins war noch einmal auf Tour. Er lobt den
       > Nachwuchs, vor dessen Talent er großen Respekt hat. Die Jungen wiederum
       > wollen so klingen wie die alten Heroen.
       
 (IMG) Bild: Sonny Rollins: Kraftentwicklung und Disziplin.
       
       Manchmal reagierten die Leser aus dünn besiedelten Gebieten entsetzt, wenn
       Gary Giddins wieder mal ein Loblied auf den Saxofonisten Sonny Rollins
       anstimmte. Weil das Niveau seiner Platten oft so wenig mit dem
       korrespondierte, was er auf der Bühne zu bieten hatte und Rollins nie bei
       ihnen in der Nähe auftrat, wussten sie einfach nicht, wovon Giddins sprach.
       Was man nun bei seiner neuen Live-CD "Road Shows: Vol. 1" gut hören kann,
       ist allerdings auch, wie kompromisslos Rollins seinen Musikern die Rolle
       der Dienenden abverlangt. Der E-Bassist Bob Cranshaw ist für die Grundtöne
       zuständig, die anderen Musiker für die Klangfarbe und Rollins allein für
       die großen Soli. Bei der jüngsten Konzerttournee des 78-jährigen
       Saxofonisten konnte man auch erleben, mit welcher unglaublichen
       Kraftentwicklung und Disziplin Rollins das höchste Niveau der Improvisation
       erreicht.
       
       Wenn man ihm nach seinem Geheimnis fragt, kommt er auf sein Idol, den
       Saxofonisten Coleman Hawkins, zu sprechen, mit dem er 1963 die Platte
       "Sonny Meets Hawk" aufnahm. "Ich wollte immer so spielen wie Hawkins,
       wollte die intellektuelle Güte seiner Spielhaltung erreichen", berichtet
       Rollins. Doch schon bevor sie zusammen spielten, habe er gewusst, dass er
       etwas anderes bieten müsse: "Ich hatte damals eine junge
       Semi-Avantgarde-Band, also beschloss ich, die rebellische Richtung zu
       wählen, um Hawks Spiel zu kontrastieren."
       
       Hawkins hatte immer gern mit jüngeren Musikern zusammen gespielt, und das
       hat Rollins sehr beeindruckt - doch so etwas könne man sich nur leisten,
       wenn die eigene Qualität unbestritten sei, sagt Rollins. Wenn man als
       älterer Musiker mit jungen zusammen spiele, bestehe doch die Gefahr, dass
       sie einen mit ihrem Mut, ihrer Fertigkeit und ihren Plänen aus der Bahn
       spielen. Da brauche es also große Musikalität und Anerkennung. Hawkins
       machte junge, unkonventionelle Musiker wie Thelonious Monk in New York
       bekannt, der wiederum einen großen Einfluss auf Rollins bekommen sollte. Zu
       den jüngeren Musikern, die Rollins an die Haltung der Musiker in den großen
       Tage der radikalen Neuerung erinnert, zählt er den Trompeter Roy Hargrove.
       
       Nach eigener Aussage hätte der tatsächlich gern vor 60 Jahren gelebt, dann
       wäre die Musik, die auf seiner aktuellen CD "Ear Food" zu hören ist,
       vermutlich auch so radikal und innovativ gewesen, wie er sie heute
       empfindet. Hargrove wehrt sich dennoch entschieden gegen die Unterstellung,
       er würde nur den alten Jazz seiner Vorbilder recyceln. Charlie Parker und
       Dizzy Gillespie bezeichnet er als Großväter des Hiphop, da sie die Musik
       der Vierzigerjahre revolutionierten - keiner wollte anfangs ihr Zeug hören.
       "Heute entpuppt sich gerade der Vorwurf, dass man wie seine Vorbilder
       klingen würde, als Bumerang. Wer wie Charlie Parker klingen kann, schafft
       etwas ganz Großes. Innovativer geht es nicht. Es liegt so viel Wissen und
       Können in dieser Musik. Für die meisten jungen Leute sind John Coltrane und
       Gillespie heute brandneues Zeug", sagt der 39-jährige Hargrove. Als junger
       Musiker habe er von John Hicks, Walter Booker und Benny Bailey gelernt, wie
       man sich als Erwachsener auf der Bühne benimmt: "Sie haben es einfach
       vorgelebt, geredet haben sie darüber kaum."
       
       Auch der 39-jährige Saxofonist James Carter, ebenfalls von Rollins als
       großer Hoffnungsträger genannt, setzt noch auf die spirituelle und
       kulturelle Verbundenheit mit den Menschen, die dem Jazz den Weg geebnet
       haben. Von seinen Vorbildern habe er gelernt, dass aktuelle Musik die
       Vergangenheit so interpretieren sollte, dass sie auch für junge Leute
       zugänglich wird. Doch auch wenn seine neue CD "Present Tense"
       überproduziert und kalkuliert klingt, zählt gerade Carters jüngste
       Konzerttournee mit dem Chicagoer Trompeter Corey Wilkes zum Besten, was der
       afroamerikanische Mainstream-Jazz in diesem Jahr zu bieten hatte. "Im
       Hiphop erkenne ich die gegenkulturellen Impulse eines Cab Calloway, Dizzy
       Gillespie, Slim Gaillard und Slam Stewart, und Lester Young war einer der
       herausragenden Schöpfer eines definitiven Slang", erläutert Carter. Diese
       Menschen seien in der Lage gewesen, bedeutende Dinge auf eine hippe Art und
       Weise zum Ausdruck zu bringen. "Es ist die Sprache, die wir nutzen, das
       Dialogisieren, die Art zu gehen. Ich will, dass die Sachen, die die
       afroamerikanische Kultur betreffen, auch auf unsere Art gesagt werden. Das
       ist eine Frage des Geschmacks und der Haltung. Ich präsentiere die Kultur
       unser Vorfahren und Vorbilder auf eine originäre Art und Weise", sagt
       Carter.
       
       Der 33-jährige Pianist Jason Moran ist in diesem Jahr auf den CDs von
       Charles Lloyd, "Rabo de Nube", und Cassandra Wilson, "Loverly", zu hören.
       In seiner eigenen Musik hört man türkische Telefonstimmen, Hiphop, Monk und
       Avant-Blues - wie Carter ist auch er um einen neuen Zugang zur Tradition
       bemüht.
       
       Moran bezeichnet den Saxofonisten und M-Base-Gründer Steve Coleman als
       seinen Mentor. "Cassandra Wilson und Steve Coleman haben mir schon am
       Anfang meiner Karriere sehr geholfen. Steve machte mich mit Van Freeman und
       Bunky Green bekannt und ermöglichte auch, dass ich mit beiden Aufnahmen
       machen konnte. Als ich noch zur Highschool ging, habe ich M-Base gehört und
       studiert, wie diese Musiker sich organisieren. Und wie sie Funk und Dance
       Music in ihre Musik integrierten und damit etwas erreichten, was ich vorher
       noch nie gehört hatte", berichtet Moran. Von diesen Musikern habe er auch
       gelernt, wie man seine Bandmitglieder behandelt, damit sie gut klingen."
       
       23 Dec 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Broecking
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA