# taz.de -- Israel will Gaza-Stadt besetzen
       
       > Israel will die Armee nach Gaza-Stadt schicken. Opposition und
       > Sicherheitsexperten kritisieren das scharf
       
 (IMG) Bild: Israelische Soldaten am 6. August an der Grenze zum Gazastreifen
       
       Aus Jerusalem Felix Wellisch
       
       Das israelische Sicherheitskabinett [1][hat den Plan von Ministerpräsident
       Benjamin Netanjahu zur Besetzung des gesamten Gazastreifens] am
       Freitagmorgen nur teilweise angenommen. Die Minister stimmten für die
       Einnahme von Gaza-Stadt. Eine vollständige Eroberung des Küstenstreifens
       wird nicht explizit genannt. Das könnte ein Kompromiss mit
       Generalstabschef Eyal Zamir sein, der zuvor vor einer Besetzung des
       Gazastreifens gewarnt hatte.
       
       Die Minister einigten sich auf Prinzipien, „um den Krieg im Gazastreifen zu
       beenden“: die militärische Kontrolle des Gebietes durch Israel und dessen
       Demilitarisierung, die Entwaffnung der Hamas, die Rückkehr aller Geiseln
       sowie den Aufbau einer Zivilregierung ohne Beteiligung der
       Palästinensischen Autonomiebehörde oder der Hamas.
       
       Die Entscheidung dürfte die humanitäre Katastrophe für die mehr als zwei
       Millionen ausgehungerten Bewohner weiter verschärfen. Laut israelischen
       Medienberichten soll die Bevölkerung Gaza-Stadt bis Anfang Oktober Richtung
       Süden verlassen. Erst dann starte die militärische Offensive. Derzeit leben
       rund eine Million Menschen im Norden von Gaza. Der Großteil wurde in den
       vergangenen 22 Monaten mehrfach vertrieben. Laut Unicef gelten rund 320.000
       Kinder in Gaza als akut mangelernährt. Für die Versorgung soll laut
       US-Botschafter Mike Huckabee die Zahl der Zentren der von den USA und
       Israel gestützten Gaza Humanitarian Foundation von derzeit 4 auf 16
       steigen. Die GHF steht jedoch stark in der Kritik, da seit Mai im Umfeld
       von deren Zentren mehr als 1.000 Menschen erschossen wurden, die meisten
       wohl von israelischen Soldaten.
       
       Harsche Kritik an dem Plan gibt es auch innerhalb Israels. Das Forum der
       Geiselangehörigen warnte vor Lebensgefahr für die noch rund 20 lebenden
       Entführten. Oppositionsführer Jair Lapid nannte die Entscheidung am
       Freitagmorgen eine „Katastrophe“. IDF-Chef Zamir, von Netanjahu selbst
       berufen, soll im Zusammenhang mit einer Besatzung von einem „schwarzen
       Loch“ gesprochen haben. Israels Armee müsste die Verantwortung für zwei
       Millionen Gaza-Bewohner übernehmen, seine Soldaten Guerillaangriffen
       aussetzen und würde das Überleben der noch rund 20 lebenden Geiseln in
       Gefahr bringen. Vertreter der Sicherheitsbehörden warnen vor Erschöpfung
       bei vielen Reservisten. Zuletzt gab es mehrere Suizide unter Soldaten.
       
       Die Mehrheit der Israelis ist seit Monaten für ein Ende des Krieges im
       Austausch für alle Geiseln. Von der Hamas gehe keine strategische Bedrohung
       mehr aus, schrieben rund 600 ehemalige hochrangige Sicherheitsbeamte in
       einem offenen Brief und forderten ein Ende des Krieges.
       
       Weshalb hält Netanjahu am militärischen Druck fest? Die Hamas ist
       geschwächt, aber trotz Israels militärischer Überlegenheit nicht besiegt.
       Ob der Regierungschef für sein politisches Überleben oder aus strategischen
       Erwägungen handelt, ist umstritten. Die Minister Bezalel Smotrich und
       Itamar Ben-Gvir, von denen er politisch abhängig ist, sprechen sich offen
       für eine Besetzung Gazas aus.
       
       „Hier kommt die rechtsextreme Siedleridologie ins Spiel“, sagt Nimrod Goren
       von der Denkfabrik Mitvim: „Das Land zu nehmen und die Menschen zu
       vertreiben.“ Doch die „Umsiedlung“, wie sie seit US-Präsident Donald Trumps
       Riviera-Vorschlag immer wieder von israelischen Ministern aufgegriffen
       wird, sei kaum umsetzbar. Dennoch: Erklärte Absicht sei laut einem Bericht
       des Senders KAN unter Berufung auf eine anonyme Quelle in den
       Sicherheitsbehörden, die Bevölkerung durch die Vertreibung in den Süden zum
       Verlassen Gazas zu bewegen. Im Gegenzug will Smotrich eine Erhöhung der
       humanitären Hilfe mittragen, obwohl er lange offen für ein Aushungern von
       Gaza geworben hat.
       
       Die Besetzung des Gazastreifens sei ein „gewaltiger Fehler“, sagte Dov
       Weissglas, der 2005 den israelischen Abzug aus dem Gazastreifen unter
       Premier Ariel Scharon organisiert hatte. „Es wird Menschenleben kosten, die
       Geiseln gefährden, die Armee und den Haushalt massiv belasten und die
       angeschlagenen internationalen Beziehungen verschlechtern.“ Die
       Bundesregierung teilte am Freitag mit, sie werde bis auf Weiteres keine
       Ausfuhren von Rüstungsgütern genehmigen, die im Gazastreifen zum Einsatz
       kommen können.
       
       9 Aug 2025
       
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