# taz.de -- Intendant Petras über Geld und Theater: "Lauter? Ich bin nicht Herr Peymann"
       
       > Armin Petras hat von der armen Berliner Politik genug. Der Intendant des
       > Maxim Gorki Theaters wechselt 2013 ans reiche Staatsschauspiel nach
       > Stuttgart.
       
 (IMG) Bild: Szene des Stücks "Jeder stirbt für sich allein" am Berliner Gorki-Theater.
       
       taz: Herr Petras, 2013 verlassen Sie das Gorki-Theater in Berlin und werden
       Intendant am Staatsschauspiel Stuttgart. Als Motiv sagten Sie, es gebe
       Abnutzungserscheinungen mit der Politik in Berlin. Was meinten Sie damit? 
       
       Armin Petras: Bevor wir 2006 am Gorki anfingen, stand dieses Theater,
       vorsichtig ausgedrückt, zur Disposition. Ich war damals in Frankfurt am
       Main. Als Berliner fand ich es eine tolle Idee, aus dem Gorki ein Theater
       zu machen, das überleben kann. Der damalige Intendant, Volker Hesse, hatte
       mir gesagt, dass man mit dem zur Verfügung stehenden Etat kein Theater mehr
       machen kann.
       
       Wir haben dann eine neue Konzeption gemacht. Wir versuchten, mit weniger
       Mitteln viel zu produzieren, hatten 56 Premieren in der 1. Spielzeit. Wir
       haben die Auslastung von anfangs 60 auf jetzt 90 Prozent gesteigert. Das
       ist viel. Auch die Einnahmen haben sich verbessert.
       
       Klaus Wowereit, Berlins Bürgermeister und Senator für Kultur, gab sich
       jetzt verwundert über Ihre Kündigung. Sie hätten die Zahlen doch immer
       gekannt. 
       
       Uns fehlen jetzt 400.000 bis 600.000 Euro pro Spielzeit. Die hat uns der
       Senat nicht einfach weggenommen, sondern die gingen in Sonderausgaben, wie
       den Umzug der Werkstätten, oder haben mit Personalkostenanstieg durch
       Tarifangleichungen zu tun. Ohne Ausgleich führt das ins finanzielle
       Desaster.
       
       Die Situation in Berlin ist finanziell insgesamt nicht einfach. Die Stadt
       ist hoch verschuldet, es gibt fünf Stadttheater. Ist da Wowereits Haltung,
       Ihren Etat nicht aufzustocken, nicht auch verständlich? 
       
       Von den 10 Millionen, die wir im Jahr bekommen, stehen ganze 2 Millionen
       Euro dem künstlerischen Etat zur Verfügung. Die anderen 8 Millionen sind
       fest an die bestehenden Kosten des Hauses gebunden. Wenn von den frei
       bleibenden 2 Millionen Euro weitere 500.000 weg sind, ist das keine kleine
       Budgetfrage, sondern einschneidend. Wir haben angefangen, mit einer
       ästhetischen und inhaltlichen Setzung Stadttheater für Berlin zu machen.
       
       Wir wollten viel und schnell produzieren, junge Leute reinbekommen, und das
       haben wir erfolgreich gemacht. Aber das hat auch negative Folgen, und die
       werden jetzt immer deutlicher. Das geht auf die Knochen, bei Künstlern wie
       Technikern. Ich hab den Intendanten-Kollegen nie vorgerechnet, wie viel sie
       brauchen und wie wenig wir bekommen. Jeder weiß, dass wir weit über dem
       Durchschnitt liegen, was die Zahl der Zuschauer im Verhältnis zu den
       Zuwendungen angeht.
       
       Sie haben aber auch mit einem gewissen Stolz gesagt: Wir schaffen das mit
       so wenig. Warum haben Sie nicht früher lauter gerufen, dass es so nicht
       weitergeht? 
       
       Lauter? Ich bin nicht Herr Peymann, das ist nicht meine Art. Ich rede von
       Abnutzungserscheinungen und nicht von unüberwindbaren Hindernissen. Mit
       Herrn Schmitz, Staatssekretär für Kultur, hatten wir viele Gespräche, in
       denen wir gemeinsam um Lösungen gerungen haben. Es ist in der Tat auch so,
       dass jede Kultureinrichtung in Berlin mehr Geld will. Doch wenn das Gorki
       mit seiner Produktivität und unserem Anspruch weitergeführt werden soll,
       braucht es eine Etaterhöhung. Anders geht das nicht.
       
       Nun, am Staatsschauspiel Stuttgart haben Sie da dann andere Möglichkeiten. 
       
       Ja, bei uns am Gorki gibt es zum Beispiel zwanzig Schauspielerstellen, dort
       vierzig.
       
       Interessanterweise haben Sie kürzlich kritisiert, Berlin würde
       verschwäbeln. 
       
       Nicht ich, Frank Castorf hat das gesagt, und ich habe ihn zustimmend
       zitiert.
       
       Wo macht sich Ihre Zustimmung fest, was meinen Sie damit? 
       
       Regionen, in denen ich früher gelebt habe, wie Prenzlauer Berg, sind für
       mich als Urberliner kaum mehr erkennbar. Ich finde es lustig, dass ich
       jetzt zu den Eltern der Menschen gehe, die jetzt in Prenzlauer Berg leben.
       
       Sie glauben tatsächlich, dass die Gentrifizierung der Stadt als
       Ost-West-Thema mit süddeutscher Note gelesen werden kann? 
       
       Natürlich. Ich sage ja nicht, dass ich das negativ finde. Das ist ja das
       Tolle an Berlin, dass alle fünf Jahre ein neuer Kiez erschlossen wird.
       
       Woran macht sich die Verschwäbelung denn fest? 
       
       Da müssen Sie sich mal nach Prenzlauer Berg begeben, viele schicke Läden,
       Pasta, Pizza …
       
       … das ist der Schwabe? 
       
       Natürlich. Vorher wurde in Berlin doch nur schlecht gegessen. Das
       proletarisierte Berlin, das früher überall war, das ist einfach in
       bestimmten Bezirken beendet.
       
       Das "proletarische Berlin" war für Ihr Konzept vom Gorki Theater ein
       wichtiger Bezugspunkt. Im Heft zur Spielzeit zitieren Sie eine Studie, nach
       der in keiner anderen deutschen Großstadt das Armutsrisiko so groß ist wie
       in Berlin. Wegen der Möglichkeiten, günstiger und freier zu leben, zogen
       viele hierher. Wird Ihnen das Verhältnis von Armut und Kreativität in
       Stuttgart nicht fehlen? 
       
       Dass Berlin sich wandelt, ist ein interessanter Prozess, den haben wir als
       Theater auch beschrieben. Auch wenn ich es kritisch sehe, dass komplette
       Innenstadtbezirke nur noch von reichen Menschen bewohnt werden.
       Berlin-Mitte, oder auch Unter den Linden, kommt mir vor wie ein
       Freilichtmuseum. Wo Familien in ihren Türmen und Cityhäusern wohnen. Vor
       zwanzig Jahren gab es eine viel stärkere Mischung der Bevölkerung.
       
       Mischt es sich nicht gerade durch die Veränderungen mehr als früher? 
       
       Nee, überhaupt nicht. Ärmere Bevölkerung gibt es nicht mehr in Mitte. Die
       zieht in Randbezirke wie Lichtenberg, Marzahn, Hohenschönhausen. Das finde
       ich bedauernswert. Den großen Widerstreit, den es in den neunziger Jahren
       gab, zwischen Arm und Reich, Ost und West, Ausländern und Inländern, den
       fand ich super. Das trennt sich nun immer mehr.
       
       Und in Stuttgart? 
       
       Das kenne ich noch viel zu wenig, um sagen zu können, ob mir das da fehlt.
       Ich freue mich auf die Stadt, schon allein weil der Kultur dort ein sehr
       großer Stellenwert zugeschrieben wird.
       
       Ein Theaterkritiker höhnte, als Ihr Wechsel bekannt wurde, Sie seien ein
       "arbeitsamer Theaterfolterknecht", und mutmaßte, dass Ihr "Blut-, Hoden-
       und Schmuddeltheater" in Stuttgart auch nerven könnte. Welche Akzente
       gedenken Sie im Schwabenland zu setzen? 
       
       Also, im Gegensatz zu dem Kritiker halte ich die beiden Dinge Blut und
       Hoden nicht für etwas Negatives. Blut und Hoden sind für mich etwas
       Wunderbares, sowohl privat als auch auf der Bühne. Und Schmuddeltheater?
       Was meint er damit? Ich finde, die Welt muss halbwegs so dargestellt
       werden, wie sie ist. Dazu gehört manchmal auch Schmutz. Deshalb sind alle
       drei Zuschreibungen absolut sinnvoll für mein Theater, und das nehme ich
       auch nach Stuttgart mit.
       
       Andrerseits ist das eine absolut unzulässige Reduktion, nehmen Sie allein
       die vielen Romandramatisierungen: Bräunings "Rummelplatz" oder Grass'
       "Blechtrommel" oder jetzt die "Die Wohlgesinnten" von Jonathan Littell, da
       geht es auch um Literatur, nicht nur um Körperspuren.
       
       Was wird aus Team und Ensemble, wenn Sie 2013, drei Jahre vor dem
       ursprünglichen Vertragsende, am Gorki ausscheiden? 
       
       Das kann ich noch nicht sagen. Natürlich würde ich mich freuen, wenn Leute
       mitkämen, aber wer hier Familie hat, wird sich das überlegen.
       
       Wie haben die Schauspieler reagiert, als Sie die Nachricht hörten? 
       
       Nachdem ich zugesagt hatte, habe ich vom Flughafen Stuttgart aus alle meine
       Schauspieler angerufen, per Handy. Ich habe anderthalb Stunden telefoniert,
       zum großen Teil waren sie geschockt, da gab es alle Varianten von Heulen
       bis Freude, von Wut bis Verständnis. Das beschäftigt noch alle.
       
       Das konservative Ländle hat erstmals Grün-Rot gewählt, Klaus Wowereit hat
       sich überraschend für Rot-Schwarz in Berlin entschieden. Ist das ein
       Zufall, oder werden gerade die Karten für die territoriale
       Fortschrittssymbolik neu gemischt? 
       
       Ein Zufall, ganz klar. Was es bedeutet, ist natürlich spannend. Zum
       Beispiel die Piratenpartei? Verhindert die vielleicht sogar Rot-Grün bei
       der nächsten Wahl? Darauf muss man als Theater auch reagieren. Vor den
       Berliner Wahlen hatten wir hier einen Abend mit Rainald Grebe gemacht.
       
       Wie ging der aus? 
       
       Die Schauspieler kamen zu dem Schluss, dass man eigentlich niemand wählen
       könnte.
       
       Sind das nicht die klassischen feuilletonistischen Haltungen, die sich den
       Niederungen der Politik sowieso nicht aussetzen wollen und ein bisschen
       radikal rumblinken? 
       
       Hhm, das Publikum hat aber sehr viel Spaß gehabt an dem Abend.
       
       Und auf Grebe folgt nun ab diesem Wochenende Ihr großes Kleistfestival. 
       
       Kleist war ein Autor der Krise und des Übergangs. Wenn ein Projekt
       gescheitert ist, ist er wieder aufgestanden und hat das Nächste gemacht. So
       versuche ich auch zu arbeiten: Wunden lecken, und weiter geht es.
       
       30 Oct 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) K. B. Müller
 (DIR) A. Fanizadeh
       
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