# taz.de -- Individualismus in der Gesellschaft: Haben wir zu viel ich?
> Linke und Grüne haben soziale Ungerechtheiten aus dem Blick verloren.
> Radikal unpolitisch findet Harald Welzer.
(IMG) Bild: Wenn eine politische Bewegung das gesellschaftliche Ganze und seine materiellen Voraussetzungen aus dem Blick verliert.
Nur zur Erinnerung: Was war nochmal der ideologische Kern des
Neoliberalismus? Richtig: radikaler Individualismus. Am schlichtesten und
eindeutigsten hat ihn die einstige britische Premierministerin Margaret
Thatcher formuliert, als sie mitteilte, so etwas wie Gesellschaft gäbe es
nicht, es gäbe nur Individuen. Und die, das lernen die Menschen seither
fast überall auf der Welt, haben ihre Haut im globalisierten Wettbewerb zu
Markte zu tragen, und dafür müssen sie leistungsbereit und leistungsfähig,
gebildet, qualifiziert und anpassungsfähig sein, dazu gesund, flexibel und
schuldbewusst.
Äh, wieso jetzt schuldbewusst? Weil das neoliberale Individuum in einem
paradoxen Anforderungsprofil gefangen ist: Damit die Wirtschaft
funktionieren kann, ist das Individuum zwar gehalten, immer mehr zu
arbeiten und zu konsumieren, was zwangsläufig zu immer mehr Ressourcen- und
Energieverbrauch führt, muss sich dann aber vorhalten lassen, dass all
seine Bemühungen um Mülltrennung, Energiesparen, Bioessen und so fort
leider nicht ganz ausreichen, um der systematischen Zerstörung der
Überlebensgrundlagen Einhalt zu gebieten. Die marktliche Individualisierung
hat also eine psychologische Entsprechung: Es ist nicht etwa das
Wirtschaftssystem, sondern das Individuum, das schuldig ist, und einige
Jahrzehnte erfolgreicher Aufklärungsbemühungen in Sachen Umweltschäden
haben dafür gesorgt, dass es sich dieser seiner Schuld auch bewusst ist.
Warum ich das erzähle? Weil mir scheint, als habe die ökologische Linke
(falls eine solche politische Sammelkategorie zulässig ist) auf eine
vertrackte Weise nach- und mitvollzogen, was die neoliberale
Weltvorstellung vorgegeben hat. Denn aus der gesellschaftstheoretischen und
kapitalismuskritischen Ökologiebewegung der 1970er-Jahre, für die Namen wie
Ivan Illich, Carl Amery, Robert Jungk, Rudolf Bahro, Denis de Rougemont und
andere stehen, ist ja im Laufe ihrer Institutionalisierung eine geworden,
die ihren Frieden mit den Produktions- und Marktverhältnissen zu machen
bereit war, wenn am Ende der Wertschöpfungsketten sichergestellt schien,
dass am Produkt irgendetwas bio, fair, CO2-einsparend oder am besten alles
zusammen war.
Die Kritik an einer systemischen Nicht-Nachhaltigkeit, an einer
insbesondere nach 1989 ungebremsten Neoliberalisierung der kompletten
Weltwirtschaft oder die Suche nach einer Verbindung der ökologischen mit
der sozialen Frage verschwanden zunehmend aus der Optik, ihr Erbe traten
der technoide Mythos der „Erneuerbarkeit“ ebenso an wie die magische Idee,
„mit grünen Ideen schwarze Zahlen schreiben“ (Fritz Kuhn, Grüner) und
„grünes Wachstum“ generieren zu können – was natürlich nichts anderes zum
Ausdruck brachte als die finale, wenn auch absurde Versöhnung von Ökologie
und Kapitalismus. Und es ist ja auch ein schlagendes Beispiel für die
Ironiefähigkeit von Geschichte, dass es ausgerechnet die rot-grüne
Bundesregierung gewesen ist, die das neoliberale Umbauprojekt steuer-,
arbeitsmarkt- und ordnungspolitisch umgesetzt hat. Ausgerechnet die Grünen
haben das Projekt eines ökologischen Gesellschaftsumbaus
wirtschaftspolitisch entkernt und damit entmachtet.
## Soziale und ökologische Gerechtigkeit
Diese lange historische Einleitung musste sein, damit man die fatale
Folgerichtigkeit des bis heute immer weitergehenden Abstandnehmens von den
großen Fragen der Herstellung von sozialer und ökologischer Gerechtigkeit
und eines nicht zerstörerischen Stoffwechsels von Mensch und Natur
verstehen kann: Die ökologische Linke ist auf subtile Weise selbst zum Teil
des neoliberalen Projekts geworden.
Erst vor diesem Hintergrund ist nämlich erklärlich, wieso Aspekte der
Individualisierung politisch immer bedeutsamer wurden und Aspekte des
Gesellschaftlichen immer weiter in den Hintergrund traten: daher die
Emphase auf die Anerkennung noch der nebensächlichsten Differenz, daher die
Verlagerung der Skandalisierung sozialer Ungleichheit auf die individuelle
Ungleichheit. Daher die Insistenz auf die sozial- wie bildungspolitisch
fatale Behauptung, dass individuell unterschiedliche
Ausgangsvoraussetzungen nicht existierten, während doch jede PISA-Studie
zeigt, dass sozial ungerecht verteilte Bildungschancen in diesem Land weit
ausgeprägter sind als anderswo und vor allem: als sie es hierzulande einmal
waren.
Solcher sozial vererbter Ungleichheit wollte die Sozialdemokratie zu Zeiten
Willy Brandts durch die Öffnung des Bildungssystems beikommen; heute lässt
man Schulen und Lehrkörper verwahrlosen. Gerade am Beispiel des
Bildungssystems lässt sich verdeutlichen, was Individualisierung konkret
bedeutet: So wurde mit großer Emphase, etwa im rot-grünen
Schleswig-Holstein, die „Gemeinschaftsschule“ eingeführt, die auf der
Grundlage gemeinsamen Unterrichts bis Klasse 10 den Bildungsweg, wie es
heißt, für die einzelnen Kinder länger offen hält.
Da es in der Vorbereitung auf die Wettbewerbsgesellschaft aber ohne
Differenzierung der Leistungsfähigkeit der Kinder nicht geht, hat man das
Konzept der „inneren Differenzierung“ ersonnen, was bedeutet, dass zwar
alle in einer Klasse sitzen, ihre Leistungen aber unterschiedlich bewertet
werden, je nachdem, ob die Kinder auf dem Hauptschul-, dem Realschul- oder
dem Gymnasialniveau eingestuft sind. Eine perfektere Schule für die
Herausbildung individualisierten Konkurrenzverhaltens und
individualisierter Versagenszuschreibung kann man sich gar nicht denken,
abgesehen davon, dass der Lehrkörper mit der (selbstverständlich
differenzierten) Notengebung völlig überfordert ist: Was dem internen
Gymnasiasten in diesem System nämlich eine G3 ist, ist dem internen
Hauptschüler eine H1, und das ist leider kein Witz.
## Systemisch angelegte Ungleichheit
Vielmehr illustriert dieses Beispiel auf das Bitterste, was passiert, wenn
eine politische Bewegung das gesellschaftliche Ganze und seine materiellen
Voraussetzungen aus dem Blick verliert und sich auf Identitätspolitik und
individuelle Differenzierung kapriziert: In solcher Optik spielt die
zerstörerische Wachstumswirtschaft ebenso wenig eine Rolle wie die
systemisch angelegte Ungleichheit von Lebenschancen und die Vertiefung
sozialer und ökologischer Ungleichheit, und zwar national wie global.
In einer solchen Optik kann eine Austeritätspolitik parlamentarisch
zustimmungsfähig sein, die andernorts zur Verarmung breiter
Bevölkerungsschichten führt. Und in einer solchen Optik, die immer nur auf
das Partikulare eingestellt ist, wird übersehen, wie der demokratische
Rechtsstaat durch die Zerstörung von Privatheit durch Internetkonzerne und
Überwachungsbehörden abgeschafft wird. Und vor lauter Konzentration auf
Anerkennung und Respekt (übrigens, merkwürdig genug, eine wilheminische
Begrifflichkeit) von und vor unterschiedslos allem und jedem sieht man
nonchalant daran vorbei, dass die Folgenlosigkeit der Klimapolitik zwar
durch Dürren, Überschwemmungen und anderes Menschen in den armen Ländern
die Existenz kostet, in den reichen aber die Fortsetzung des
emissionsintensiven business as usual erlaubt.
Man könnte diese Reihe endlos fortsetzen: Haben wir die ökologische Linke
gegen Frontex demonstrieren sehen oder gegen die Schuldenpolitik infolge
der vorgeblichen Eurorettung? Wo hat, wenn Sie es gern etwas kleiner haben
möchten, die niederträchtige Behandlung der Angestellten von Karstadt
infolge einer unheiligen Allianz von Politik und milliardenschwerem
Investor zu öffentlichem Protest geführt? Klar: Das alles ist komplexer,
als es in der schlagwortartigen Reihung erscheint, aber bei all dem handelt
es sich um objektive soziale Problemlagen, deren Verursachung man benennen
kann. Wenn man an ihnen etwas ändern will, geht das nur, wenn die
Interessen und Akteure benannt und bekämpft werden, die für diese
Problemlagen sorgen.
Es geht nicht mit abstrakten Gleichheitspostulaten und dem Wunsch, dass
sich alle liebhaben und gut finden sollen. Der Soziologe Stephan Lessenich
hat unseren Typ von Gesellschaft zutreffend als
Externalisierungsgesellschaft bezeichnet, die ihre Ressourcen von außen
holt und ihre Probleme nach außen entsorgt. Auf den Inseln des Reichtums,
die die Externalisierung bildet, lässt sich dann trefflich die ökologische
Befriedung des Kapitalismus, das Ende des Klimawandels oder die Anerkennung
aller denkbaren Geschlechtsidentitäten einfordern.
Das ist am Ende nicht nur radikal unpolitisch, sondern eben auch die
Übersetzung neoliberaler Wert- und Weltvorstellungen in eine
Identitätspolitik, die am übergeordneten Ziel einer gerechten und
nachhaltigen Gestaltung der Gesellschaft nicht oder allenfalls noch
symbolisch interessiert ist.
Der Artikel ist erschienen in der [1][Ausgabe zeo2 2/2015]. Den Artikel
können Sie gerne auf unserer [2][Facebook-Seite] diskutieren.
28 May 2015
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