# taz.de -- „In einer Stadt wie Berlin wäre der Krause nicht glücklich“
       
       > DER BULLE Wir sind mit Horst Krause am S-Bahnhof Bellevue verabredet, er
       > wohnt um die Ecke. Auf den ersten Blick irritiert das ein wenig: Den Mann
       > aus dem „Polizeiruf“ – dessen Figur genauso heißt wie er selbst –
       > verortet man eher in Brandenburg als im Berliner Westen. Zu DDR-Zeiten
       > stand Krause vor allem auf der Bühne, der große Kino- und Fernseherfolg
       > kam erst nach der Wende
       
       INTERVIEW JENS UTHOFF FOTO JULIA BAIER
       
       taz: Herr Krause, lassen Sie uns über Horst Krause 1 und Horst Krause 2
       sprechen. 
       
       Horst Krause: Was heißt jetzt Krause 2 und was Krause 1?
       
       Die Person, die vor mir sitzt, wäre Nummer eins. Und Nummer zwei der
       Polizeihauptmeister Horst Krause, den Sie spielen. Fangen wir doch mit dem
       an: So ein Dorfpolizist wie dieser Krause, das ist doch eine reine
       Kunstfigur, oder? 
       
       Ich hab sonst wenig mit der Polizei zu tun, aber ich würde sagen, dass es
       auch heute noch solche Polizisten gibt. Oder ich hoffe, dass es sie noch
       gibt. Kunstfigur, so was kann ich nicht beantworten. Ich versuche,
       Menschendarsteller zu sein. Und am liebsten stelle ich Menschen dar, denen
       ich täglich begegne. Mit den Schwierigkeiten, mit den guten und den
       schlechten Seiten.
       
       Was ist dieser Polizist Krause für ein Mensch? 
       
       Ein sehr bestimmender Mensch. Er hat einen guten sozialen Umgang, ist
       korrekt, höflich. Und er liebt seinen Beruf sehr. Er ist ein
       Übriggebliebener aus vergangenen Zeiten, der auch ein anderes Deutschland
       kennengelernt hat als das, in dem er jetzt lebt. Er muss leider
       feststellen, dass in dieser Gesellschaft auf der einen Seite viel geleistet
       und im öffentlichen Sektor auch viel gespart werden muss. In dieser
       Gesellschaft sind die Menschen ein bisschen sehr respektlos, merkt er.
       
       Er ist ein Wertkonservativer – mögen Sie das an der Figur? 
       
       Ich versuche, diese Werte zu erhalten. Ich bin durchaus wertkonservativ.
       Auch mir sind Respekt und Höflichkeit wichtig.
       
       Sind Sie der Figur nahe? 
       
       Sagen wir so, ich bin mit dem Polizeiruf vom RBB verwachsen. Wir haben
       daraus ja auch noch die Krause-Filme entwickelt. Wenn der da aufm Dorf
       Polizist ist, ist es doch für das Publikum vielleicht interessant, was das
       für ein Mensch ist. Das soll auch fortgesetzt werden. Die Krause-Filme kann
       ich noch machen, wenn ich im Rollstuhl sitze, aber der Polizist Krause muss
       bald mal in Rente gehen. Ganz höre ich aber nicht auf. Als Schauspieler
       hört ma nich uff.
       
       Wie kam es überhaupt dazu, dass die Figur wie Sie heißt? 
       
       Das hat der Regisseur Bernd Böhlich so gewollt. Den Böhlich kannte ich noch
       aus DDR-Zeiten. Der hat mich dann als Polizist besetzt. Von dem kommt auch
       mein Dienstmotorrad mit Seitenwagen. Dann hat er mich Krause genannt.
       „Wieso soll der nicht Krause heißen?“, fragte er mich. Und als es um den
       Vornamen ging, sagte er: Na, Horst natürlich.
       
       Ist es ein Problem, jemanden zu spielen, mit dem man einiges gemeinsam hat? 
       
       Nein, das ist überhaupt kein Problem, wenn man sich kennt und um seine
       Wirkung weiß – und wenn man die Figur genau kennt. Ich muss ja nur
       Situationen spielen. Ich muss der Figur Fleisch geben. Das Drehbuch ist das
       Skelett, und der Schauspieler gibt den Figuren Seele.
       
       Hat der Brandenburger Polizeiruf im Gegensatz zu vielen Tatorten die
       Funktion, die Probleme in ländlicheren Gegenden darzustellen? 
       
       Ja, der Krause ist ein Dorfpolizist, der nah an den Problemen der Menschen
       dort ist. Er lebt auf dem Land, er kennt alle. Ich glaube, in der Stadt
       könnte er gar nicht existieren. In einer Stadt wie Berlin wäre er nicht
       glücklich.
       
       Was mögen Sie denn an Berlin? 
       
       Besser wäre die Frage „Was mochten Sie an Berlin?“ Das Berlin, das ich
       kannte, war übersichtlich, nicht üppig, leicht bescheiden. Es wurde sich um
       soziale Belange gekümmert, um die Bildungseinrichtungen, es war eine
       bürgernahe Stadt. Als Bürger hatte man Ansprechpartner, die sich um die
       Belange des Volkes kümmerten. Davon sehe ich heute nicht mehr viel. Man
       lässt Stadtviertel und Kulturgüter verfallen und errichtet auf der anderen
       Seite protzige Bauten wie das Stadtschloss. Der Palast der Republik war
       zwar in gewisser Weise ein Prunkbau, aber immerhin war er auch für die
       Bürger da.
       
       Sie haben bereits im Polizeiruf des DDR-Fernsehens mitgewirkt. Wie groß ist
       der Unterschied zu heute? 
       
       Was die Figuren betrifft, gibt es eigentlich keinen. Damals hat die Figur
       die Interessen des Staates vertreten und heute auch. Nur dass es heute eben
       ein anderer Staat ist.
       
       Ihr aktueller Fall spielt in der Nähe von Beelitz im Berliner Speckgürtel.
       Sie sind in der Gegend aufgewachsen, oder? 
       
       Ich bin in Ludwigsfelde aufgewachsen. Wir waren aus Westpreußen umgesiedelt
       worden, und meine Mutter ging mit uns Kindern nach Ludwigsfelde.
       
       Wie sind Ihre Erinnerungen an Ihre Kindheit dort? 
       
       Mein Vater kam als Kriegsinvalide aus der Gefangenschaft wieder. Meine
       Mutter ging arbeiten und er wirtschaftete zuhause herum. Ich kann nicht
       meckern über meine Kindheit und Jugend. Nach der achten Klasse bin ich von
       der Schule abgegangen und habe Dreher gelernt. In Ludwigsfelde gab es das
       Fahrzeugwerk, wo der „Roller Berlin“ hergestellt wurde, später auch Lkws.
       Vorher war das ein Daimler-Benz-Werk, das zerbombt worden ist. Ich hatte
       gar keine Lust, als Dreher zu arbeiten, aber es ergab sich eben so.
       
       Und wie kamen Sie dann zur Schauspielerei? 
       
       Zunächst mal hat sich durch einen Zufall was geändert: Ein Freund von mir
       wurde von der Volkspolizei eingesperrt, weil Freunde von ihm Scheiße gebaut
       hatten und die ihn für schuldig hielten. Ich war auch damals schon ein
       engagierter Mensch. Als Lehrling war ich in der Agitprop-Gruppe. Ich habe
       dagegen protestiert, dass der Junge eingesperrt wurde – und zwar mit dem
       Satz aus der Nationalhymne „Dass nie eine Mutter mehr / Ihren Sohn
       beweint“. Die FDJ delegierte mich daraufhin auf die Bezirksjugendschule in
       Schwante. Dort brachte man mir bei, den Satz richtig zu denken und zu
       verstehen.
       
       Inwiefern hat Sie das verändert? 
       
       Wir lernten die Grundlagen des Marxismus und Leninismus, das war richtig
       interessant.
       
       Hat also funktioniert? 
       
       Ja, hervorragend. Ich kam nach Hause und habe meinem Vater gesagt: „Hör
       auf, Rias zu hören!“
       
       Und wieso hatte das Einfluss auf Ihre berufliche Karriere? 
       
       Über die FDJ wurde mir eine Stelle in einem Jugendklub in Brandenburg an
       der Havel angeboten. Da sollte ich „Sektionsleiter für
       Interessengemeinschaften“ werden – was sollte das denn schon wieder heißen?
       Ich hatte keine Ahnung, was ich da sollte. Nach einem Jahr haben sie mir
       vorgeschlagen, zurück an die Basis zu gehen. Also kam ich in einen
       Kfz-Betrieb. Dort hatte ich Zeit zu überlegen, was ich werden will. Es gab
       da gerade ein Jugendtheater, das einen Hauptdarsteller für einen Krimi
       suchte. Ich bewarb mich und spielte den Captain Steve in einem Stück namens
       „Kaution“. Die Premiere lief hervorragend. Da stand fest, ich wollte
       Schauspieler werden.
       
       Und dann gingen Sie auf die Schauspielschule? 
       
       Ich bin auf einen schreibenden Arbeiter gestoßen, das war eine weitere
       wichtige Begegnung. Es gab den Zirkel schreibender Arbeiter, die haben sich
       getroffen und Prosa und Lyrik verfasst. Und der hat mir gesagt, was ich gut
       einüben und vorsprechen konnte an der Schauspielschule. Dann habe ich mich
       in Schöneweide beworben. Kurz bevor ich zum Vorsprechen sollte, bekam ich
       von der NVA die Einberufung zur Musterung. Ich hab ein paar Tage
       durchgesoffen, danach viel Kaffee getrunken und wurde für nicht tauglich
       befunden. Der Weg für die Schauspielschule war frei.
       
       Wie fand das Ihre Familie, dass Sie Schauspieler wurden? 
       
       Nach der bestandenen Aufnahmeprüfung bin ich nach Hause gefahren, mein
       Vater war im Garten. Da habe ich ihm erzählt, wo ich war und gesagt, dass
       ich jetzt Schauspieler werde. Der hat kein Wort gesagt, nur genickt. Meine
       Mutter stand später weinend in der Küche. „Der Papa hat mir alles erzählt“,
       hat sie gesagt, „dass du zum Zirkus gehen willst als Clown.“ (lacht)
       
       Bis zu Ihrem Durchbruch sollte es dauern. Der kam erst 1993 mit „Wir können
       auch anders“. 
       
       Entscheidend war, dass ich nach der Wende auf Detlev Buck traf, der mir mit
       dem Most eine der Hauptrollen für den Film gegeben hat. Dafür bin ich ihm
       heute noch dankbar. Der Buck mit seiner Art, den hätte ich mir auch gut bei
       uns im Osten vorstellen können, weil der so pur ist. Und Joachim Król war
       ein angenehmer Partner.
       
       War das ein typischer Nachwende-Film? 
       
       Bei den Figuren, Kipp und Most, erlebte ich es zum ersten Mal, dass welche
       aus dem Westen in den Osten kamen, die ’n Ding anner Schippe hatten. Mir
       war bekannt, dass nur ganz Kluge rüberkamen, um die Ost-Wirtschaft in
       Schwung zu bringen, um blühende Landschaften zu schaffen. Erst vor Kurzem
       hatte ich ein Gespräch mit einem Westberliner, der mir erzählen wollte,
       warum die DDR kaputtgegangen ist: Weil wir dusslig waren da drüben. Da hab
       ich ihm gesagt: Ihr habt aus der Geschichte nichts gelernt. Sonst hättet
       ihr nicht ’ne Ossi-Tante zur Kanzlerin gewählt und gleich noch einen
       Präsidenten aus dem Osten hinterher. Da stimmt doch was nicht.
       
       Hat es Sie persönlich gefreut, dass Ostdeutsche in diese höchsten Ämter
       gekommen sind? 
       
       Das ist mir gar nicht so wichtig. Der Bessere soll gewinnen. Aber wenn ich
       die Parteien heute beobachte, sehe ich da keinen Besseren. Im Moment sieht
       das alles sehr neblig aus.
       
       Sie selbst sind nach der Wende ein extrem gefragter Darsteller geworden. 
       
       Ja. Komischerweise hab ich meinen Kollegen früher schon immer gesagt: Meine
       Zeit, die kommt, wenn ich so um die 50 bin. Irgendwie hab ich da so eine
       Vorahnung gehabt.
       
       Und dann haben Sie unter anderem mit Bernd Eichinger gedreht. 
       
       Ja, es war kurz nach dem Dreh von „Dicke Freunde“ mit Josef Bierbichler,
       als mich das Büro von Bernd Eichinger anrief. Eine Frau sagte mir, der Herr
       Eichinger würde gerne ein Casting mit mir machen. Ich sagte ihr: Grüßen Sie
       Herrn Eichinger herzlich und richten Sie aus, dass ich sowas nicht mache.
       Hätte ich gewusst, wer Eichinger ist, wäre meine Antwort vielleicht anders
       ausgefallen. Besetzt hat er mich dann trotzdem.
       
       „Schultze gets the blues“ von 2003 war dann noch mal sehr erfolgreich und
       bekam etliche Auszeichnungen. 
       
       So ’n Pferd hab ick (hält die Hand 20 Zentimeter über den Tisch).
       
       Ein Pferd? 
       
       Das war der Preis beim Stockholmer Filmfestival. Ein Pferd aus Metall.
       
       Wie kam es zu dem Film? 
       
       Die wollten den Schultze mit mir besetzen. Erst wollte ich aber nicht, weil
       es eine Low-Budget-Produktion war. Also haben wir ausgehandelt, dass meine
       Gage angepasst wird, sobald der Film eine bestimmte Summe eingespielt hat.
       
       Hat er sie eingespielt? 
       
       Er hat sie eingespielt.
       
       Hätte der Film auch Krause gets the blues heißen können? 
       
       Eigentlich ja.
       
       Glauben Sie, Sie haben immer viel Krause gespielt? 
       
       Das ist doch klar. Ich bediene Situationen. Ich bin kein Chargenspieler.
       Ich will mich nicht mit ihm vergleichen, aber der große französische
       Schauspieler Jean Gabin war auch immer Jean Gabin. Und dennoch ein
       hervorragender Schauspieler.
       
       Wie lebt denn der echte Krause heute privat? 
       
       Leicht bescheiden, ein wenig zurückhaltend. Und ich stelle immer wieder
       fest, dass es sich wunderbar alleine lebt. Herrlich! Man kommt nach Hause,
       man schließt auf und wieder ab und hat seine Ruhe. Zu schön. Kein böses
       Wort, kein „Wo kommst’n her?“ und „Wo warste?“
       
       Waren Sie mal verheiratet? 
       
       Noch bin ich auf der Suche. Es ist schwer für mich, die richtige zu finden
       (grinst). Aber meine Devise lautet: Nie aufgeben.
       
       Sie mögen die Frauen nicht so? 
       
       Ich mag die Frauen wie alle anderen Menschen auch. Mal mehr, mal weniger.
       
       Wann mehr, wann weniger? 
       
       Weniger ist manchmal mehr.
       
       4 May 2013
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) JENS UTHOFF
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA