# taz.de -- Imperiale Konflikte nach 1945: Diplomatie und Abschreckung
       
       > Die andere Seite rätseln lassen, wo die Grenze zwischen Bluff und
       > Vabanquespiel verlief, so funktionierte die Logik des kalten Kriegs.
       
 (IMG) Bild: Über das "schreckliche Gefühl, dass wir kurz vor einem Krieg stehen" schrieb Harry Truman 1948 in seinem Tagebuch.
       
       "Jede historische Situation ist einzigartig, obwohl einige einzigartiger
       sind als andere", schreibt Vojtech Mastny in seinem Beitrag. Gemeint ist,
       dass im Kalten Krieg alle Beteiligten vor einer historisch beispiellosen
       Herausforderung standen - nämlich Mittel und Wege des Umgangs mit der
       "absoluten Waffe" finden zu müssen, einer Waffe, die zwar das militärische
       Drohpotential ins Unermessliche steigerte, aber den Krieg als Mittel der
       Politik entwertete, weil die Vernichtung des Feindes nur um den Preis der
       eigenen Auslöschung zu erreichen gewesen wäre. Dass ihre bloße Existenz den
       Akteuren in Ost wie West Zurückhaltung auferlegte und zu Rücksichten zwang,
       die man unter anderen Umständen möglicherweise nicht genommen hätte, ist
       kaum zu bezweifeln.
       
       Anders als in "vornuklearen Zeiten", in denen die Kombination von
       Rüstungswettläufen und zwischenstaatlichen Konflikten fast regelmäßig im
       Krieg mündeten, blieb der Welt nach 1945 das Äußerste erspart. Doch kann
       die Rede vom "stabilen Frieden" auf der nördlichen Halbkugel trotz
       landläufigen Repetierens nicht überzeugen. Sie erklärt weder die
       Risikobereitschaft der Supermächte zur Zeit des Kalten Krieges noch
       beantwortet sie die Frage, warum ausgerechnet in dieser Zeit Krisen
       wiederholt in kriegsträchtiger Weise eskalierten. Jeremi Suri verweist
       deshalb mit gutem Grund auf die Kehrseite des Problems: dass die Präsenz
       von Massenvernichtungswaffen nicht allein als Einschränkung der Macht,
       sondern in gleichem Maße als Gelegenheit zur Ausweitung und Projektion von
       Macht begriffen wurde.
       
       Er markiert damit den archimedischen Punkt im Zentrum der Krisen des Kalten
       Krieges: Beide Seiten hatten es auf eine Schärfung der stumpfen Waffe
       angelegt und trachteten danach, aus dem militärisch Wertlosen politischen
       Mehrwert zu schlagen. So meldeten die USA und die UdSSR, wie Jeremi Suri
       betont, geopolitische Ansprüche an und gingen Verpflichtungen ein, die sie
       sich als konventionell gerüstete Mächte schwerlich hätten leisten können.
       
       Zu beobachten ist der selbst verordnete Aufstieg in eine politisch "höhere
       Gewichtsklasse", ablesbar an der propagandistischen Karriere des Adjektivs
       "vital". Selten kam die Rede über vermeintlich "lebenswichtige Regionen"
       jenseits der eigenen Grenzen derart häufig und penetrant zum Zuge wie im
       Kalten Krieg. Auf diese Weise wurden nicht nur zusätzliche Reibungspunkte
       geschaffen. Beide Seiten hatten sich überdies den Zwang zur
       kontinuierlichen Beglaubigung ihres Status auferlegt und neigten zur
       übermäßigen Investition symbolischen Kapitals. "Overload the enemy", wie es
       in der Sprache der Administration Eisenhower hieß.
       
       Das Ergebnis war, dass ein aus allen historischen Epochen bekanntes Problem
       über die Maßen aufgebläht wurde: Glaubwürdigkeit. Als unzuverlässig, bei
       der Verfolgung seiner Interessen unentschieden oder gar schwach
       wahrgenommen zu werden, galt mehr denn je als inakzeptabel. Wort zu halten,
       das Gesicht nicht zu verlieren, gegenüber Freunden stets verlässlich und
       gegenüber Feinden gleichermaßen unmissverständlich aufzutreten - im Kalten
       Krieg geriet der Kampf um die wichtigste psychologische Ressource der Macht
       zu einem psychologischen Abnutzungskrieg.
       
       Folglich weisen Krisen des Kalten Krieges stets über ihren konkreten Ort
       und Anlass hinaus. Sie wurden nicht allein als lokal und zeitlich begrenzte
       Konflikte wahrgenommen, sondern über den Tag hinaus im Koordinatensystem
       einer globalisierten Auseinandersetzung verortet. Wer es einmal an
       Durchsetzungsfähigkeit und Führungsstärke vermissen ließ, so die in Ost wie
       West dominante Haltung, verschaffte der Gegenseite einen in die Zukunft
       weisenden Positionsvorteil und lud zu Provokationen andernorts ein.
       
       Beispiel Korea: Im Grunde hätte der Krieg nach der Wiederherstellung des
       territorialen Status quo ante im Frühjahr 1951 beendet werden können. Warum
       dennoch zwei Jahre weiter gekämpft wurde, ist mit dem aberwitzigen Konflikt
       über die Repatriierung von Kriegsgefangenen nicht hinreichend zu erklären.
       Plausibler scheint, dass der VR China und Stalin an einem Exempel für
       künftige Konflikte in der Dritten Welt gelegen war. Und dass die Regierung
       Truman im Vertrauen auf die einschüchternde Kraft ihres
       Atomwaffenpotentials glaubte, den Preis der Abschreckung vor weiteren
       Aggressionen in die Höhe treiben zu müssen.
       
       Knapp 20 Jahre später hallte das Echo dieser Politik noch deutlich nach.
       Zwar verzichtete Richard Nixon im April 1969 darauf, Nordkorea den Abschuss
       eines US-Aufklärungsflugzeuges mit gleicher Münze heimzuzahlen. Aber das
       von Henry Kissinger so genannte "verknüpfte Denken" galt, wie Mitchell B.
       Lerner belegt, gleichwohl als Richtschnur. Der Präsident: "Kissinger und
       ich waren weiterhin der Auffassung, dass Vergeltungsschläge wichtig seien.
       Sie wären ein Signal dafür, dass die Vereinigten Staaten zum ersten Mal
       seit Jahren wieder Selbstvertrauen haben. Sie würden unsere Verbündeten
       moralisch stärken und unseren Feinden zu denken geben."
       
       Unabhängig davon, wo Krisen inszeniert wurden, und egal, welche Mittel zum
       Einsatz kamen, das Dilemma des Nuklearzeitalters blieb stets das gleiche.
       Atomwaffen konnten allenfalls politischen Gewinn abwerfen, wenn die Angst
       vor der Bombe nicht als Verängstigung in Erscheinung trat, wenn man den
       Gegner herausforderte und über die eigenen Absichten im Unklaren ließ. So
       wollte John Foster Dulles sein viel zitiertes Diktum über Staatskunst im
       Nuklearzeitalter verstanden wissen: Wenn nötig, sich dem Abgrund nähern,
       ohne zum Äußersten entschlossen zu sein, aber die andere Seite rätseln
       lassen, wo die Grenze zwischen Bluff und Vabanquespiel verlief. "Eines
       Tages, sagte er, könnte der Zeitpunkt kommen, wo er das größtmögliche
       Risiko würde eingehen müssen, um ,davon zu überzeugen, dass Entgegenkommen
       nichts mit Demütigung zu tun habe. Er muss uns in Aktion sehen.'" Dieses
       von John F. Kennedy überlieferte Zitat könnte man ausweislich seines
       Auftretens in den Jahren 1956 bis 1962 auch Nikita Chruschtschow
       zuschreiben. Oder dem Duo Breschnew/Mao, wenn wir den Ausführungen Sergej
       Radchenkos folgen. Selbst zu Zeiten der Entspannung hatte das Kalkül mit
       dem Unkalkulierbaren, die Rationalisierung des Irrationalen, einen festen
       Platz im Inventar der Außenpolitik - Oliver Werner und Mitchell B. Lerner
       weisen darauf hin. Ein Staat, so Richard Nixon und Henry Kissinger, der aus
       Angst vor atomarer Selbstvernichtung darauf verzichtet, bei der Verfolgung
       seiner Interessen militärischen Druck geltend zu machen, verdammt sich
       langfristig zur politischen Ohnmacht. Handlungsfähig bleibt er nur, wenn
       Dritte sich seiner Zurückhaltung nicht sicher sein können. Wer indes bereit
       ist, den "Madman" zu spielen, Verrücktes zu tun und den Anschein zu
       erwecken, dass die Dinge außer Kontrolle geraten könnten, findet zum Kern
       des Politischen zurück: nicht sich selbst, sondern andere abzuschrecken.
       
       Ohnehin zeigt sich bei genauerer Betrachtung, dass die Krisen an der
       mitteleuropäischen Zentralfront des Kalten Krieges mit größerer Umsicht
       gehandhabt wurden, als es die aufgeladenen Redeschlachten der Zeit vermuten
       lassen. Stalin hatte es 1948 nicht auf eine bedingungslose Konfrontation in
       Berlin angelegt. Andernfalls hätte er nicht nur die Zufahrtswege, sondern
       auch die Luftkorridore blockiert. In anderen Worten: Die Luftbrücke
       funktionierte, weil Stalin sie funktionieren ließ; Harry Truman konnte sein
       Wort verpfänden und bedingungslose Sicherheitsgarantien abgeben, weil der
       Diktator im Kreml auf den letztendlichen Test US-amerikanischer
       Glaubwürdigkeit verzichtete und sich stattdessen von Anfang bis Ende "exit
       options", Ausstiegsoptionen, offenhielt. Indem die USA ebenfalls darauf
       verzichteten, ihr Gegenüber in eine ausweglose Enge zu treiben, leisteten
       sie einen nicht minder wichtigen Beitrag zur Eindämmung des Risikos. Dieser
       Linie folgte auch Chruschtschow. Wiewohl alles andere als konfliktscheu,
       blieb er doch berechenbar und betrieb seit 1958 eine auf die Auslotung
       seiner Möglichkeiten gerichtete Politik der Nadelstiche. Und hielt die
       Führung der DDR, die aus einer Zuspitzung der Situation glaubte
       innenpolitischen Gewinn ziehen zu können, erfolgreich im Zaum.
       
       Obgleich die Hintergründe und Anlässe ganz anderer Art waren, lassen sich
       ähnliche Politikmuster in den Jahren 1953, 1956, 1968 und 1980/81
       ausmachen. Allen Befürchtungen zum Trotz, dass die Unruhen in der DDR auf
       das eigene Land übergreifen und dem nach Stalins Tod aufflackernden
       Widerstand in Zwangsarbeiterlagern über Sibirien hinaus neue Nahrung geben
       könnten, blieb Moskau im Juni 1953 lange Zeit im Hintergrund und griff erst
       ein, als die ostdeutschen Organe vollends die Kontrolle verloren hatten.
       Offensichtlich gründete das wochenlange Zuwarten nicht zuletzt in der
       Absicht, die deutsche Frage offenzuhalten und keinen kontraproduktiven
       Konflikt mit den Westmächten zu riskieren (Mark Kramer). Gut drei Jahre
       später, am 30. Oktober 1956, verwarf das Politbüro einstimmig eine
       militärische Intervention in Ungarn. Um die verbesserten Beziehungen zum
       Westen nicht aufs Spiel zu setzen, erwog man gar einen "semiautonomen
       Status" für Ungarn samt einem "begrenzten Pluralismus". Dass der Beschluss
       binnen 24 Stunden revidiert wurde, führt Charles Gati hauptsächlich auf die
       Gewaltexzesse auf dem Platz der Republik und den Umstand zurück, dass die
       in jeder Hinsicht überforderte Regierung Nagy ihre Möglichkeiten zu inneren
       Reformen nicht zu nutzen verstand.
       
       Auch hinsichtlich der CSSR und Polens kann von einer ausschließlich auf die
       Repression des Widerstandes fixierten und bedenkenlos das internationale
       Umfeld ignorierenden Politik keine Rede sein. In Polen war das Gegenteil
       der Fall. Wie bei allen osteuropäischen Unruhen in den Jahrzehnten zuvor
       wollte Moskau den einheimischen Eliten die Gelegenheit zur Reform geben und
       stimmte der Gründung freier, von der KP unabhängiger Gewerkschaften samt
       der Anerkennung des Streikrechts ausdrücklich zu. Um die wegen der Invasion
       in Afghanistan ohnehin angespannte Lage nicht noch weiter anzuheizen,
       verwarf das Politbüro Anfang Dezember 1981 die Überlegungen für eine
       militärische Intervention. Insofern entbehrt General Jaruzelskis
       Behauptung, mit der Verhängung des Kriegsrechts einer unmittelbar
       bevorstehenden Eskalation zuvorgekommen zu sein, jeder Grundlage. Inwiefern
       im Kreml auch die Überlegung eine Rolle spielte, dem Westen keine
       zusätzlichen Argumente für die geplante Stationierung neuer
       Mittelstreckenraketen in Westeuropa und eine neue Runde des Wettrüstens an
       die Hand zu geben, ist eine nahe liegende, ausweislich der verfügbaren
       Quellen aber nicht zu beantwortende Frage. Ein beiderseitiges Bemühen um
       Risikokontrolle und berechenbares Krisenverhalten lässt sich auch und
       gerade außerhalb Europas beobachten. Entgegen dem Rat gewichtiger
       Mitglieder seines Krisenstabes entschloss sich John F. Kennedy im Oktober
       1962 nicht zu einer Invasion Kubas und verwarf auch die mit Nachdruck
       eingeforderte Bombardierung der sowjetischen Raketenstellungen. Mit der
       Seeblockade wollte er für sich selbst Zeit gewinnen und überdies
       Chruschtschow Zeit zum Rückzug geben. Wie lange Kennedy dem internen Druck
       hätte widerstehen können oder ob er tatsächlich bereit gewesen wäre, für
       eine diplomatische Lösung einen hohen politischen Preis zu zahlen, ist
       ausweislich der Sitzungsprotokolle des "Executive Committee" eine zu Recht
       noch immer umstrittene Frage. Entscheidend war indes, dass Chruschtschow
       seinen Spielraum nutzte und auf Deeskalation bedachte Signale aussandte.
       Statt es auf eine Konfrontation an der Blockadelinie ankommen zu lassen,
       traten die sowjetischen Frachter umgehend die Heimreise an; statt es den
       USA gleichzutun und große Teile der Streitkräfte in erhöhte
       Alarmbereitschaft zu versetzen, beließ es Chruschtschow bei erkennbar
       symbolischen Maßnahmen (Joshua C. Andy). Vor allem aber bewahrte er sich
       den Freiraum zu eigenständigen, von amerikanischen Vorgaben unabhängigen
       Entscheidungen und ging den entscheidenden Schritt zur Lösung der Krise.
       Wie Aleksandr Fursenko und Timothy Naftali in ihrer jüngst vorgelegten
       Biographie belegen, hatte Chruschtschow angeordnet, von der Forderung nach
       einem Abzug US-amerikanischer Mittelstreckenraketen aus der Türkei Abstand
       zu nehmen und Washington umgehend über dieses Nachgeben in Kenntnis zu
       setzen, noch ehe ihm Kennedy auf geheimen Kanälen eine US-amerikanische
       Kompromissbereitschaft in dieser Frage signalisierte.
       
       Dass die Kubakrise dennoch zu Recht als die gefährlichste und
       unberechenbarste Konfrontation des Kalten Krieges bezeichnet wird, ist der
       Eigendynamik der damaligen Ereignisse geschuldet. Genauer gesagt dem
       Umstand, dass beide Seiten ungeachtet des expliziten Bemühens um
       Deeskalation phasenweise die Kontrolle über den Gang der Dinge verloren
       hatten oder Entscheidungen trafen, ohne sich der Reichweite und möglichen
       Konsequenzen ihrer Beschlüsse bewusst zu sein. Obwohl Moskau ausdrücklich
       verfügt hatte, US-amerikanische Aufklärungsflugzeuge unbehelligt zu lassen,
       wurde auf dem Siedepunkt der Krise eine U-2 abgeschossen - auf Befehl eines
       dazu nicht befugten Generalmajors und mit Billigung eines ebenfalls nicht
       autorisierten Offiziers (Joshua C. Andy).
       
       Eigenmächtigkeiten oder Kommunikationsprobleme waren wahrscheinlich auch
       für den folgenreichsten Zwischenfall auf hoher See verantwortlich. In jedem
       Fall erhielt keines der vor Kuba tauchenden sowjetischen U-Boote den
       Befehl, den Blockadering zu respektieren und rechtzeitig abzudrehen. Und
       niemand hatte die Richtlinien für den Gefechtsfall widerrufen, denen
       zufolge die Kommandanten befugt waren, zum Zwecke der Selbstverteidigung
       sich aller mitgeführten Waffensysteme zu bedienen, darunter auch atomar
       bestückte Torpedos. Just in dieser Situation änderte Verteidigungsminister
       Robert McNamara auf eigene Faust ein in internationalen Gewässern übliches
       Procedere: Die sowjetischen U-Boote sollten nicht mit Sonarsignalen zum
       Auftauchen aufgefordert werden, sondern mittels kleinkalibriger
       Wasserbomben. Als das "C-19"-U-Boot von US-amerikanischen Kreuzern auf
       diese Weise gestellt wurde, glaubte die Besatzung zunächst an eine in
       kriegerischer Absicht geführte Attacke. Alles Weitere hing einzig und
       allein von der Entscheidung des Kommandanten ab. Dass Nikolai Schumkow sich
       nicht zum Beschuss des vermeintlichen Angreifers hinreißen ließ, sondern
       einen beschleunigten Tauchgang befahl, rettete die Situation - und mit ihr
       auch die Krisenstäbe in Moskau und Washington, die von alledem nicht die
       mindeste Vorstellung hatten.
       
       Mag das Risiko der unbeabsichtigten Eskalation aufgrund dieses
       Zwischenfalls und einer Vielzahl anderer Faktoren während der Kubakrise
       besonders hoch gewesen sein, mit einer einmaligen Verknüpfung
       unvorhergesehener Umstände hat man es keineswegs zu tun. Auch andernorts
       wurden die Akteure wiederholt düpiert - sei es durch Geheimdienste, die auf
       eigene Rechnung zu operieren gewohnt waren und sich keine Restriktionen
       verordnen ließen, sei es durch Untergebene, die Anordnungen falsch
       verstanden oder fehlerhaft umsetzten, sei es infolge technischen Versagens
       bei der Nachrichtenübermittlung oder schlicht deshalb, weil die
       Inflexibilität bürokratischer Routine dem Bemühen im Wege stand, auf
       ungewöhnliche Umstände mit ungewohnten Mitteln zu reagieren.
       
       Wohl auch deshalb schrieb Harry Truman 1948 in seinem Tagebuch von dem
       "schrecklichen Gefühl, dass wir kurz vor einem Krieg stehen", glaubte der
       Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, Omar Bradley, während des
       Koreakrieges, dass "der Weltkrieg stündlich ausbrechen könnte", fragte sich
       Robert McNamara am Abend des 27. Oktober 1962, ob er jemals wieder einen
       Samstag erleben würde.
       
       Wie noch in den letzten Jahren des Kalten Krieges deutlich wurde, konnten
       Überreaktionen auch durch zeittypische Fehlperzeptionen ausgelöst werden -
       abzulesen an Juri Andropows Vorkehrungen gegen einen atomaren Erstschlag
       der USA und der Nervosität, die auf sowjetischer Seite während der
       NATO-Übung "Able Archer" im Herbst 1983 um sich griff. Die nach wie vor
       geführte Kontroverse um das Eskalationspotential von "Able Archer" verweist
       auf ein grundsätzliches Desiderat der Forschung zu Krisen im Kalten Krieg:
       künftige Studien auch und gerade anhand der Fragestellung zu konzipieren,
       wie es zu unerwarteten und unerwünschten Verwerfungen hinter dem Rücken der
       Handelnden kommen konnte und welche Risiken damit verbunden waren. Zu
       welchem Ergebnis derartige Arbeiten auch immer kommen mögen, ein Dementi
       des von Jeremi Suri gezogenen Fazits steht nicht zu erwarten: "Wir hatten
       Glück im Kalten Krieg."
       
       Dies ist das gekürzte Vorwort des Buches "Krisen im Kalten Krieg. Bilanz
       und Ausblick" (Hg. v. Bernd Greiner, Christian Th. Müller und Dierk
       Walter), das Ende September in der Hamburger Edition erscheint. Vorabdruck
       mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
       
       9 Sep 2008
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Bernd Greiner
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA