# taz.de -- klima-sabotage: Im Zweifel für das Recht der Umwelt
Von Tobias Müller, Amsterdam
Es war ein bahnbrechendes Urteil, das der Oberste Gerichtshof der
Niederlande mit Sitz in Den Haag am 20. Dezember 2019 verkündete. Es
besagte, dass die Regierung verpflichtet sei, die CO2-Emissionen des Landes
umgehend deutlich zu reduzieren, und zwar um 25 Prozent gegenüber dem
Niveau von 1990. Es bestätigte damit das erstinstanzliche Urteil von 2015,
gegen das der Staat Berufung eingelegt hatte. Unter anderem durch die
Reduzierung des Kohlenverbrauchs und den in der Pandemie stark
eingeschränkten Autoverkehr wurde die Vorgabe knapp erfüllt.
Als die Klägerin, die Stiftung Urgenda, 2018 auch in zweiter Instanz Recht
bekam, rief der Staat das höchste Gericht an. Der ‚Urgenda-Prozess‘ war der
erste, in dem Bürger:innen ihre Regierung in die Pflicht nahmen, den
gefährlichen Klimawandel zu bekämpfen.
Anderthalb Jahre später, am 26. Mai 2021, entschied ein Gericht, wieder in
Den Haag, dass das Unternehmen Royal Dutch Shell als entscheidender Akteur
der Shell Group seinen CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2030 gegenüber dem Niveau
von 2019 um 45 Prozent reduzieren müsse, um der Erderwärmung
entgegenzuwirken. Damit wurde erstmals die Verantwortung eines Unternehmens
für den Klimaschutz gerichtlich festgelegt. Geklagt hatte Milieudefensie,
der hiesige Zweig von Friends of the Earth, unterstützt von sechs anderen
Umweltorganisationen und mehr als 17.000 Personen. Derzeit ersucht die
Organisation erneut um finanzielle Unterstützung, denn Shell ging im März
2022 gegen das Urteil in Berufung. Ende Mai machte Milieudefensie bekannt,
dass der Konzern den Auflagen des Urteils nur ungenügend nachkomme. Davon
zeuge unter anderem der Beschluss, die Aktivitäten nach São Tomé und
Príncipe, Uruguay und Südafrika auszudehnen.
Ebenfalls im Mai 2019 traf erneut der Oberste Gerichtshof eine Entscheidung
mit bis heute andauernden Folgen: Das bis dato angewendete Programm der
Regierung zur Kompensierung von Stickstoff ausstoßenden Aktivitäten
verstößt gegen die Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU. Der hohe
Stickstoffausstoß des Landes gefährdet die Biodiversität. Geklagt hatten
diverse Natur-und Umweltorganisationen. Seitdem liegen zahlreiche Bau-
(etwa dringend benötigte Wohnungen) und Infrastrukturprojekte auf Eis, und
Bäuer:innen protestieren gegen die Regierungspläne, Höfe mit hohen
Emissionswerten aufzukaufen.
31 May 2023
## AUTOREN
(DIR) Tobias Müller
## ARTIKEL ZUM THEMA