# taz.de -- „Ich selbst fühle diese Reserviertheit“
> VERÄNDERUNGEN Ein Gespräch mit der Regisseurin Jasmila Zbanic über ihren
> Wettbewerbs-Film „Na putu“ (On the Path), über bosnische Eigenarten der
> Problembewältigung und die Rolle der Wahhabiten
INTERVIEW INES KAPPERT
taz: Frau Žbanić, Ihre männliche Hauptfigur verwandelt sich in einen
Islamisten. Fürchten Sie um Ihre Freiheiten?
Jasmila Žbanić: Wer könnte sie mir nehmen? Selbst in repressiven
Gesellschaften findet sich immer irgendein Weg, zumindest solange die Leute
sich nicht selbst ihre Freiheit nehmen. Außerdem, hey, ich bin ein Kind von
Partisanen! Mir geht es weniger um Verlustängste als um die Veränderungen,
die ich in meiner Gesellschaft beobachte. Vom Sozialismus zum Krieg und
jetzt vom Krieg in eine „normale“ Gesellschaft. Das, was in Bosnien in den
letzten fünfzehn Jahren passiert ist, hat sich in Ländern wie der Schweiz
über einen Zeitraum von fünfzig Jahren entwickelt.
In Sarajevo tragen weniger Frauen ein Kopftuch als in Berlin. Warum haben
Sie den radikalen Islam als die Bedrohung für Ihr Liebespaar gewählt?
Zunächst einmal: Ich wollte keinen Film über Wahhabiten machen. Auch wenn
diese Gruppe von dogmatischen Sunniten ein relevantes Phänomen in Bosnien
ist. Für mich sind sie eine Metapher für alle radikalen Gruppierungen,
seien es Christen oder Nationalisten. Aber die Wahhabiten haben mich
visuell am meisten interessiert.
Weil sie anders aussehen als Sie und ich?
Ja, und weil sie in einer Kommune leben, weil sie ganz anderen Lebensregeln
folgen. Sie sind in Bosnien das sichtbarste Zeichen für „das Andere“. Aber
ich hoffe, das Publikum versteht, dass das Problem, um das es in meinem
Film geht, auch entstehen kann, wenn ein Partner plötzlich zu Microsoft
geht und glaubt, das wäre nun die wahre Welt, und nichts anderes zählt
mehr.
Nachdem wir eine Art neuen Kalten Krieg zwischen Muslimen und Christen
haben, ist diese Hoffnung auf ein offeneres Verständnis recht gewagt.
Vielleicht. Ich wollte wohl vor allem mit meinen eigenen Vorurteilen
brechen.
Welchen zum Beispiel?
Dass Frauen, die den Tschador tragen, auf jeden Fall unterdrückt sind.
Unsere vielen Gespräche mit Wahhabiten haben das aber nicht ergeben.
Sondern viele kleiden sich unter ihrem Schleier durchaus körperbewusst, und
nicht wenige haben einen Uniabschluss. Nicht immer natürlich, das wird im
Film auch erzählt, aber oft handelt es sich um Frauen, die dieses andere
Leben wirklich leben wollen.
Zeigen Sie die in dem Wahhabitendorf lebende Nadja deshalb als rasante
Autofahrerin?
Genau. Sie steuert auch das Schiff, mit dem sie und Luna den See
überqueren. Sie tut das, was sie tun will. Sie ist eine Frau, die ihr Leben
unter Kontrolle hat. Sie nimmt sich die Freiheit, vormodernistisch zu
leben. Das war für mich der größte Schock: dass es auch bei dieser
abgeschotteten Lebensform um Freiheit geht.
Alle Ihre Filme haben einen politischen Anspruch. Nicht zuletzt im Sinne
von „Das Private ist politisch“. In „On the Path“ klebt die Kamera sehr
stark an den Körpern, an der Haut, am Make-up der Frauen. Warum arbeiten
Sie so viel mit Close-ups?
Für diesen Film war es notwendig, dass sich das Publikum mit den Figuren
identifizieren kann. Ich wollte die Zuschauer mit den Nahaufnahmen nicht
manipulieren. Ich benutze diese Kameraeinstellung nicht, um Emotionen
heraufzubeschwören, sondern damit das Publikum Details sieht. Damit es sich
in die Figuren hineinfinden kann.
Als sich Amar den Islamisten annähert, fehlen ihm die Worte, um seine
Veränderung zu erklären, Luna ebenso. Warum sind die beiden so sprachlos?
Es sind keine Intellektuellen.
Man muss nicht intellektuell sein, um mehr miteinander zu sprechen oder zu
streiten.
Die beiden verstehen sich als Teil ihrer kleinen, gemeinsamen
Abgeschiedenheit. Sie reden nicht über das Alkoholproblem von Amar, sie
glauben zu wissen, woher es kommt. Genauso wie sie zu wissen glauben, warum
Amar sich Hilfe bei einer religiösen Gemeinschaft sucht. Es sind einfach
keine Leute, die daran gewöhnt sind, Dinge aus unterschiedlichen
Perspektiven zu betrachten.
Was interessiert Sie an solchen Figuren?
Das frage ich mich auch gerade, jetzt, wo Sie es sagen. Wahrscheinlich,
weil ich selbst auch diese Reserviertheit in mir fühle. Vielleicht ist das
kulturell bedingt. Bosnier sind nicht so diskursiv, wir machen eher einen
Witz, als dass wir unsere Probleme auf den Tisch legen würden. Das war auch
während der vielen Gespräche mit den Schauspielern so: Es gibt immer einen
Bereich, an den man nicht rankommt, der geschlossen ist. Wir akzeptieren
das und gehen eher intuitiv miteinander um.
Hat das mit der Kriegserfahrung zu tun?
Wahrscheinlich noch mehr mit unseren Familienwerten. So mit der Idee: „Das
bleibt in der Familie, das hat nichts in der Öffentlichkeit zu suchen.“
Obwohl es in der Familie natürlich auch nicht diskutiert wird. Und dann
kommt der Krieg noch hinzu. Und der ist bis heute nicht ansatzweise
aufgearbeitet.
Das war auch auffällig. Die Dialoge in Ihrem Film zeichnen sich durch
totale Abwesenheit von jedem psychologischen Vokabular aus. Es scheint
überhaupt keinen Code für den Umgang mit Angst oder Traumata zu geben.
Ja, das stimmt. Niemand spricht über seine Ängste. Denn: Wir sind ja nicht
verrückt. Statt sich mit ihnen zu beschäftigen, akzeptiert man seine
Phobien wie seine eigene Hand und versucht, so gut es geht, mit dem
Handicap zu leben. Wir glauben fest daran, dass wir keine Hilfe brauchen.
Bis auf mich allerdings: Ich brauche Hilfe!
Und was halten Sie von dieser Zurückhaltung?
Ich weiß es nicht. Mir fehlt da im Moment die Distanz. Ich werde drüber
nachdenken.
Ist es symptomatisch, wenn Luna als Stewardess auf ihren Reisen immer im
Hotel bleibt?
Ja, sie ist zwar frei, als eine der wenigen Bosnier kann sie reisen.
Letztlich bleibt sie jedoch immer in den von den Institutionen
vorgeschriebenen Bahnen. Aber ich bin bei Pauschalisierungen vorsichtig. Es
gibt diese Abschottung, gerade unter den Jüngeren. Und auch die Tatsache,
dass wir für jedes Land ein Visum brauchen, hilft nicht weiter. Man könnte
denken, für Leute, die von der Berlinale eingeladen werden, wäre es
einfacher. Von wegen. Auch wir standen bei der Botschaft fünf Stunden in
der Schlange. Und es verstärkt das Gefühl, das viele bei uns ohnehin haben:
Bleibt, wo ihr seid, wir wollen euch nicht.
Planen Sie, Ihren Standort zu verlegen, jetzt, wo Sie international bekannt
sind?
Nein, mir geht es sehr gut. Meine Tochter geht jetzt in Sarajevo zur
Schule, wir leben gern dort. Natürlich gibt es kaum finanzielle
Unterstützung für Filme. Dafür helfen mir viele, viele Leute einfach aus
Sympathie. Zum Beispiel als wir die Szenen am See drehten. Das ist ein
künstlicher See, dessen Wasser im Herbst abgelassen wird. Für uns haben sie
das Wasser zwei Wochen länger stehen gelassen, einfach nur, weil sie
wollten, dass wir schöne Bilder bekommen. So etwas kriege ich nirgendwo
anders.
20 Feb 2010
## AUTOREN
(DIR) INES KAPPERT
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