# taz.de -- Hamburg Marathon: Was vor dem Start läuft
       
       > Noch schnell Wasser lassen, Kaffee trinken, die Kleidungsfrage aufwerfen
       > oder gepflegt zu spät kommen: Sehenswert ist der Hamburg-Marathon schon
       > bevor auf dem Kiez der Startschuss fällt.
       
 (IMG) Bild: Nicht nur der Wettbewerb ist spannend: Auch die letzten Minuten vor dem Start beim Hamburg Marathon 2011 haben es in sich.
       
       HAMBURG taz | Um kurz vor sieben ist alles noch ziemlich gelassen. Bei
       denen, die laufen, und bei denen, die nicht laufen, und bei denen, bei
       denen noch was geht.
       
       Um kurz vor sieben am Sonntagmorgen treffen am Kiez in Hamburg die hageren
       Blondinen, die mit den Kompressionsstrümpfen, den Stirnbändern, die kleinen
       Dänengruppen, die mit den 96er-Trikots, den dezenten Werder-Schweißbändern
       am Handgelenk, den Rautentrikots, den braunen, hautengen Einteilern mit
       Totenkopf, auf die müden Mädels mit den krummen, hohen Absätzen und die
       Aufgepeppten in den weißen Shirts, für die der Samstag noch nicht aufgehört
       hat, weil sie von dort, wo sie waren, nicht wieder runterkommen.
       
       Um kurz vor sieben, zwei Stunden vor dem Start des Hamburg-Marathons,
       stehen nur ein paar Läufer vor den Klohäuschen, und hygienisch muss keiner
       Bedenken haben. Alle stehen in einer Reihe, und das der sechs Klohäuschen,
       das als erstes frei wird, ist meines. Andere Läufer trinken ein Tässchen
       Kaffee und die Dänen fragen sich angesichts Teheranis tanzender Türme, ob
       es in Hamburg ein Erdbeben gab. Andere laufen sich warm, gucken in die
       Sonne und überlegen, welche Klamotten die richtigen sind. Es hat schon 17
       Grad, es soll warm werden.
       
       Als sieben Minuten vor dem Start eine hohe Startnummer aufs Klohäuschen
       rennt, trippeln und hüpfen die anderen nervös in der Schlange, die
       inzwischen bis zur Straße reicht. Für diejenigen, die am Ende der Schlange
       stehen, wird es eng. Da stellt sich die Frage: Auf die Toilette verzichten?
       Bekanntlich rächt sich das. In den Busch? Da ist es aber nicht schön. Oder
       warten? Aber gleich ist Start. Als die hohe Startnummer glücklich die Tür
       hinter sich schließt, ist kein Klopapier mehr da. Scheiße. Die hohe
       Startnummer kommt wieder raus und klopft beim Nachbarn. Der öffnet, hat
       aber auch kein Klopapier. Mist. Immerhin hat der Nachbar Tempo. Teilen.
       Uff. Noch mal Glück gehabt.
       
       Alles wird jetzt knapp. Auch die Zeit. Wer in der Schlange steht, schaut
       alle zehn Sekunden auf die Uhr. Reichts noch? Stress, bevor der Lauf
       begonnen hat - Gift. Lou Richter quatscht die Läufer im Startbereich heiß.
       Wer zittert, hat jetzt Schwierigkeiten, die Startnummer ans Laufshirt zu
       friemeln. Startnummer 3.881 bindet sich seelenruhig die Schuhe. Am Start
       knödelt einer "Einigkeit und Recht...", denn heute werden hier ja auch die
       Deutschen Marathon-Meisterschaften ausgetragen.
       
       Um 8.57 Uhr ist bei einigen die Hektik unübersehbar. Wuseln. Ausnahme: Die
       Startnummern 3.644 und 1.972 wissen, dass sie zu spät kommen, ihr Block ist
       weit hinten. Sie gehen gemessenen Schritts Richtung Start. Das Rennen
       beginnt. Alle laufen nach rechts, der junge Mann mit der Startnummer 4.683
       läuft an uns vorbei nach links, damit er dann nach rechts laufen kann.
       
       Wer jetzt kommt, ist zu spät. Lars und Björn haben es um 9.02 Uhr bis zum
       Vorplatz geschafft. "Ist auch egal", sage ich. Die beiden nicken und heben
       die Schultern. Eine Minute später Rolf. Kann noch nicht zum Start, muss
       erst mal. Er geht aufs Klo ganz links. Auch Rosemarie ist nicht pünktlich.
       Hat viele Betreuer um sich herum. "Du bist ja ziemlich ruhig", sage ich.
       "Ne, sicher nicht", sagt sie. Und nun sehe ich feine Schweißtropfen auf
       ihrer Oberlippe. Rolf ist vom Klo runter und guckt sich um: Wo sind die
       anderen? Nun muss er sich nicht mehr einordnen, er kann gleich loslegen.
       
       Für seine Zeit ist es wurst. Die wird genommen, wenn sein Chip die
       Lichtschranke auslöst. Die Schnellsten sind schon anderthalb Kilometer weg.
       Steffen kommt zehn Minuten nach neun. Ihm strömen die Zuschauer, die am
       Start waren, entgegen. Er muss eine Lücke finden. Auf der Strecke jagt er
       alle vor sich her. Eine Minute später kommt ein orientierungsloser Läufer
       aus Richtung Heiligengeistfeld. Keine Startnummer. Vielleicht vergessen.
       Läuft hierin, dorthin, dann Richtung Start, taucht in der Menge unter,
       kommt wieder zurück, trabt Richtung Planten und Blomen. Hat umdisponiert.
       
       Kaum ist Steffen ins Rennen gegangen, hören die Ersten wieder auf. Da
       drüben humpelt einer Richtung U-Bahn. Lieber zu spät anfangen als früh
       aufhören.
       
       22 May 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Roger Repplinger
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA