# taz.de -- Gegen zwei Feinde ringen
> WERKSCHAU „Film – Waffe oder Scheiße“, schrieb der jugoslawische
> Filmemacher Želimir Žilnik in einem Manifest. Zu den Feinden, gegen die
> er kämpfte, gehörten Tito und die eigene bürgerliche Natur. Das Arsenal
> widmet ihm eine Werkschau
VON MADELEINE BERNSTORFF
Das Arsenal zeigt vom heutigen Samstag an im Januar eine kompakte und
atemberaubend diverse Werkschau des jugoslawischen Filmemachers Želimir
Žilnik, 1942 in einem Lager im serbischen Niš geboren. Žilnik dreht seit
den 1960er Jahren materialistische Dokudramen, die kurzen und die langen
Filme sind in ihrer politischen und menschlichen Konsequenz gleichbleibend
radikal. Im Widerstand gegen neo-stalinistische Obrigkeiten, anti- und
postkommunistische Gleichschaltungsklischees, die Festung Europa,
bundesrepublikanische Deutscher-Herbst-Tabus, nationale und machistische
Balkanismen, sowie gegen marktliberale Ideologien erfindet Źilnik sich bis
heute immer wieder neu.
Sein erster, pessimistischer Langfilm „Frühe Werke“ (1969) ist zentral für
den Neuen Jugoslawischen Film der Nachkriegszeit, der bald von Jugoslawiens
Obrigkeit als „Schwarze Welle“ diffamiert wurde und sich selbst diesen
Namen gab. Die Kontroverse, die „Frühe Werke“ auslöste, führte zur
Gegenoffensive gegen diese „Schwarze Welle“.
In „Frühe Werke“ wird das kommunistische Manifest rezitiert. Von Protesten
an den Unis geht’s aufs Land. Die blonde Heldin Jugoslava fordert mit viel
Nacktheit die sexuelle Befreiung ein und klärt die Arbeiterinnen über den
Gebrauch von Verhütungsmitteln auf. Mit drei Kumpanen und einem wackeligen
2CV durchreist sie die Dörfer, wettert gegen Stagnation und Neo-Feudalismus
und fordert „Nieder mit der roten Bourgeoisie“. Nach der Ablehnung durch
die Dorfbevölkerung, einer aggressiven Schlammschlacht, einer
Rückwärtsfahrt mit einer wieder aktivierten revolutionären Lokomotive (die
aber ein Relikt aus der deutschen Besatzungszeit ist) wird Jugoslava von
ihren eigenen Genossen als Zeugin ihrer Impotenz erschossen und verbrannt.
## Tito liebte John Wayne
Es heißt, der jugoslawische Präsident Tito, der Western mit John Wayne und
Partisanenfilme liebte, habe sich den Film angesehen und nach fünfzehn
Minuten die Vorführung abbrechen lassen mit den Worten: „Was wollen diese
Leute?“ Ein Funktionär kam zu Žilnik, Tito sei sehr aufgebracht, die
Polizei beschlagnahmte alle Kopien, es kam zum Gerichtsprozess. Im Sommer
1969 gewann der Film den Goldenen Bären der Berlinale.
Es folgt ein Quasi-Berufsverbot für Žilnik im Paradies Jugoslawien, er
verschwindet nach Bayern, von dort wird er nach drei Jahren ausgewiesen
wegen zweier missliebiger Filme, die den „Deutschen Herbst “ thematisieren:
„Öffentliche Hinrichtung“ (BRD 1974) und „Paradies. Eine imperialistische
Tragikomödie“ (BRD 1976).
Die wilden ungebärdigen Kids in „Kleine Pioniere, wir sind eine Armee, wir
sprießen wie grünes Gras“ (1968) rauchen früh, sprechen von sexueller
Gewalt und schielen synchron. „Ich unterstütze die Leute dabei“, sagt der
Filmemacher, „ihre eigene Situation zu erkennen und ihre Position dazu so
effektiv wie möglich auszudrücken, und sie helfen mir, einen Film über sie
auf die bestmögliche Weise zu machen.“
Laut der Klischees über den Balkan geht es dort lebensfroh, saftig, drall
und laut zu. Wie Žilnik damit umgeht, ist in „Aufstand in Jazak“ (1973) zu
sehen: Laut schreien die Dorfbewohner, die ihre Erfahrung im
Partisanenkampf gegen die deutschen Besatzer vorspielen – eine großartige
Performance, die an Straßendeklamationen erinnern, initiiert vom
Filmemacher und im Kollektiv getätigt, unterstrichen von Karpo Godinas
eingebetteter Kampf-Kamera, und den nachträglich fabrizierten
Kriegsgeräuschen.
Der „Der Schwarze Film“ (1971) fängt an wie ein klassischer Dokfilm.
Sogenannte Betroffene erzählen von ihrer Obdachlosigkeit. Doch dann wendet
sich die Kamera auf den Regisseur und er beschreibt seine Wohnsituation,
seinen Verdienst, seine Klassensituation. Er lädt die Gruppe von
Wohnungslosen nach Hause ein, erwähnt, dass sie für die Zeit bezahlt
werden, die Ehefrau schreckt auf, verzieht sich, das Kind verschwindet.
Die Obdachlosen schnarchen sich in den Schlaf. Währenddessen zieht der
Filmemacher mit der Kamera los, „das Problem zu lösen“. Für die
Kurzfilmtage Oberhausen versieht Želimir Žilnik die Filmkopie mit einem
Manifest: „Ich muss gegen zwei Feinde ringen: gegen meine bürgerliche
Natur, die aus diesem Engagement Alibi und Geschäft macht, und gegen die
Manipulierenden, gegen die Macht- und Kapitalbesitzenden, denen das
Schweigen gut bekommt, deswegen ficke ich mein Schuldgefühl. Film – Waffe
oder Scheiße?“
„Marmorarsch“ (1994) heißt Žilniks filmisches Statement zur explodierenden
Gewalt Mitte der Neunziger, das in einer halb verfallenen Villa und auf dem
Transenstrich von Belgrad spielt. Zwei machistische Kriegsheimkehrer
schleppen den Billardtisch, unter dem einer ihrer Kampfgenossen gefallen
ist, in das fragile Idyll der älteren Merlin und ihrer nymphomanischen
Genossin. Der Tisch ist der posttraumatische Trigger-Fetisch. Des einen
Protagonisten Traum in einer aufblasbaren Präservativ-Idylle wiederum
zerplatzt und endet in Knabengreinen wie einst im Sandkasten.
11 Jan 2014
## AUTOREN
(DIR) MADELEINE BERNSTORFF
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