# taz.de -- Fußballmeister VfL Wolfsburg: Endlich etabliert
> Der VfL Wolfsburg gewinnt zum ersten Mal die deutsche
> Fußball-Meisterschaft. Warum? Weil die Anschubfinanzierung (VW) und ein
> guter Trainer (Magath) da waren.
(IMG) Bild: Felix Magath wäre nicht gegangen, "wenn ich der Meinung gewesen wäre, dass ich der Einzige bin, der die Mannschaft oben halten kann."
WOLFSBURG taz | Der VfL Wolfsburg ist deutscher Fußballmeister, weil er
über den Verlauf der Saison gut und die komplette Rückrunde den besten und
effizientesten Fußball gespielt hat. Das ist die Argumentation, mit der die
Wolfsburger Verantwortlichen bei den Feierlichkeiten am Wochenende ihre
erste Meisterschaft in der Fußball-Bundesliga zu legitimieren versuchten.
Man habe es hier mit einem "Dreamteam" zu tun, sagte der
VW-Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn.
Die Einschätzung wird allem Anschein nach im Land inzwischen überwiegend
geteilt. Auch von mir: Selbst wenn wir sagen, der effizienteste Fußball sei
nicht notwendigerweise der beste Fußball und der beste nicht der
spektakulärste, so kommt in diesem Fall zusammen, was zusammengehören
sollte. Der gut organisierte und sehr physische, tor-orientierte
Wolfsburger Fußball hat das spektakuläre Moment, das den Zuschauern die
besondere Emotion bringt und die Spiele auch jenseits des Ergebnisses im
Gedächtnis verankert. Was will man mehr?
Das 5:1 gegen Werder Bremen am 34. Spieltag (Tore: Misimovic, Grafite 2,
Dzeko, Eigentor Prödl - Diego) war ein erstaunlich unproblematischer Sieg,
wie schon zuvor das 5:0 bei Hannover 96. Es war sicher nicht schädlich,
dass es für 96 und Werder um nichts mehr ging. Aber Wolfsburg ließ auch nie
den Verdacht aufkommen, es könne verkrampfen oder gar scheitern. Nach 15
Minuten stand es 2:0, der Rest war Schaulaufen in einem angenehm
euphorisierten Ambiente.
In der Rückrunde kommt der VfL damit auf 14 Siege, 1 Remis, 2 Niederlagen
(in Cottbus und Stuttgart). Die Heimbilanz ist noch besser: 16 Siege, 1
Remis. Aber beides sind nicht Gründe für den Erfolg, sondern Auswirkungen
der personellen und spielerischen Entwicklung, seit Felix Magath im Juni
2007 das Team und auch den Klub übernommen hatte. Dieses Team gewinnt
Stabilität und Ordnung durch die Achse Benaglio-Barzagli-Josue, dominiert
weite Teile des Spielfeldes durch die Flügelpärchen Schäfer/Gentner und
Riether/Hasebe, wird inspiriert von Torvorbereiter Mismimovic und hat vorn
eine effektive Spektakelabteilung - ein Sturmduo, wie die Bundesliga noch
keines hatte. Torschützenkönig Grafite hat 28 Tore erzielt (in 25 Spielen),
sein Kollegen Edin Dzeko 26. Zusammen sind das 54 und damit eins mehr als
die legendäre Bayern-Paarung Müller/Hoeneß Anfang der (goldenen) Siebziger.
Grafite, 30, hat sich innerhalb von anderthalb Jahren zu einem Angreifer
entwickelt, der wie kein zweiter in der Liga Tempo mit Physis paart. Er sei
der "durchsetzungsfähigste Spieler der Liga", sagte Felix Magath. Das kann
man so stehen lassen. Dzeko, 23, brachte gegen Bremen mit seinem Tor zum
5:1 (Assist: Gentner) einen wichtigen Teil seines und des VfL-Spiels auf
den Punkt, ansonsten war er ungewöhnlich schwach. Fragen nach seiner
beruflichen Zukunft - Arsenal oder Chelsea? - wehrte er ab. Man werde
"erstmal feiern" und dann "sehen, was passiert".
Wird das Team der VW-Tochter VfL Fußball GmbH auseinander brechen, wie
mancherorten gemußtmaßt wird? Es sieht bisher nicht danach aus. VW wäre
auch schön blöd, die grade gelungene Verknüpfung von Grafites Toren,
Bundesligaspitze, Champions League und der Marke VW wieder aufzugeben. Der
Aufsichtsratsvorsitzende Hans-Dieter Poetsch hat noch in der Samstagnacht
das offene Geheimnis zur News gemacht, dass der neue Trainer Armin Veh
heißt. Zum anderen hat er klar "Verstärkungen" angekündigt, "qualitativ und
quantitativ", um den neuen Belastung von nationalem Spitzenteam und
Champions League gewachsen sein zu können. Das war Veh und dem VfB
Stuttgart nach dem Titelgewinn 2007 nicht gelungen. Die Verstärkungen
beträfen auch das Management, sagte Poetsch, wo eine Besetzung des
Sportdirektor-Postens offen ist, den bisher auch Magath inne hatte.
Was den künftigen Schalker Trainer Felix Magath angeht, so haben ihm die
Stadt und das Fußballpublikum einen rauschenden Abschied bereitet. Das ist
der Vorteil eines jungen und familienorientierten Fußballstandorts, dass
man sich nicht in die überkommenen oder verlogenen Ehrprinzipien der
Fußballtradition verbeißt. In Wolfsburg ist man daran gewöhnt, dass Manager
kommen, im Hotel leben, und irgendwann wieder gehen. Wenn sie gute Arbeit
gemacht haben, so ist das dann auch okay.
Der Trainer, "den Martin Winterkorn geholt hat", wie Niedersachsens
Ministerpräsident Christian Wulff sicherheitshalber sagte - nur damit klar
ist, wer letztlich verantwortlich ist - hat am Ende die emotionale
Sicherheitszone des weitgereisten Fußballmachers zu relativieren versucht
und beim Rathausempfang gesagt: "Es war keine Station bisher so schön, wie
die in Wolfsburg." Na, also.
Man hat viel in Magath reinprojiziert. Wenn er lächelt, hat das immer
gleich was Mephistophelisches. Wenn er im Tee rührt, gilt er als
intellektuell. Und wenn er einen nicht brauchen kann, ist das sicher nicht
angenehm. Unterm Strich steht: Er hat geliefert - was in dieser Branche
(logischerweise) selten genug vorkommt, da ja nicht alle gewinnen können.
Er hat deshalb geliefert, so sieht er das, weil "man mich hier hat gewähren
lassen". Und er wäre nicht gegangen, "wenn ich der Meinung gewesen wäre,
dass ich der Einzige bin, der die Mannschaft oben halten kann." Sein(e)
Nachfolger übernähme(n) eine "intakte Mannschaft" und einen "intakten
Verein" mit "viel Perspektive". Er, Magath, hat demnach die Grundlagen beim
VfL Wolfsburg so gelegt, dass es jetzt sogar ein anderer schaffen kann.
Der VfL Wolfsburg ist der 13. Bundesligameister, aber erst der fünfte Klub,
der im letzten Jahrzehnt, also in der Fußballneuzeit der Champions League
und der dadurch entstandenen Veränderungen, deutscher Meister wurde - nach
Bayern, Dortmund, Bremen und Stuttgart. Ohne die nicht durch Erlöse
gedeckten Anschubfinanzierung von VW wäre das nicht gegangen. Das heißt:
Weitere Klubs werden - abgesehen von Hoffenheim - kaum mehr in diesen
elitären Kreis aufgenommen werden. Das gilt selbst für den HSV und vor
allem auch für Schalke 04. Das heißt auch: Wolfsburg ist jetzt
Establishment.
25 May 2009
## AUTOREN
(DIR) Peter Unfried
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