# taz.de -- Fast ein Krimi
> Der Fotografin Lucia Moholy und ihren Bildern vom Bauhaus Dessau gilt
> eine Ausstellung im Bröhan Museum
(IMG) Bild: Lucia Moholy, Zwei Tischleuchten (1923–1924) von Wilhelm Wagenfeld und Carl Jakob Jucker um 1924, Private collection, Netherlands, courtesy Galerie Derda BerlinFoto: VG Bild-Kunst, Bonn 2022
Von Katrin Bettina Müller
Die kleinen Tafeln sind transparent, die aufgedruckten Fotos zeigen
Positive: Und doch erinnern sie an Glasplattennegative, ein empfindliches
Material. Eine Kiste mit Glasplattennegativen spielt eine wichtige Rolle in
der Geschichte der Fotografin Lucia Moholy und für die Bekanntheit des
berühmten Bauhauses. Es geht in der Geschichte um eine junge Fotografin,
das propagandistische Geschick des Bauhausgründers Walter Gropius, um
Betrug und Unterschlagung von Autorinschaft einer Künstlerin.
Den Kampf einer Künstlerin um ihre Rechte kann man verfolgen in der
Ausstellung „Lucia Moholy – Das Bild der Moderne“ im Bröhan Museum. Es
beginnt spielerisch, eben mit den auf die transparenten Platten gedruckten
Fotografien von Lucia Moholy an einem Leuchttisch. Ein Tanzspiel von Kurt
Schmidt ist zu sehen, „Der Mann am Schaltbrett“, mit zwei Figuren in
geringelten, zylindrisch-geometrischen Kostümen und einer dritten, die an
den Zeigern einer uhrähnlichen Armatur dreht: Schon hat man ein Bild für
das Spiel mit der Technik und die Suche nach Utopien für die Zukunft. Man
sieht die berühmten Wagenfeldleuchten, die transparente und gerasterte
Fassade des Bauhauses Dessau, László Moholy-Nagy, den Ehemann der
Fotografin, der lässig die Beine von einem Balkon baumeln lässt, und ein
fast verschmitzt wirkendes Porträt von Walter Gropius, den Kopf in die
Hände gestützt, das Gesicht in Falten gezogen.
In Dessau konnte das Bauhaus mit dem eigenen, von Gropius entworfenen
Schulgebäude, den Meisterhäusern und ihren Inneneinrichtungen erstmals
seine Vision eines Gesamtkunstwerks in der Realität umsetzen. Walter
Gropius hatte erkannt, dass er deren Bild öffentlich verbreiten musste, und
in Lucia Moholy, die mit ihrem Mann und Bauhausmeister László Moholy-Nagy
nach Dessau gekommen war, eine Fotografin gefunden, die das Transparente
und Dynamische, das Zukunftsversprechende und Demokratische in der
Architektur und im Design des Bauhauses nicht nur ins Bild setzen, sondern
ästhetisch auch noch steigern konnte.
Er beauftragte sie, alles zu fotografieren, Keramik, Möbel, Architektur,
Entwürfe in den Vorkursen. Aber sie war weder angestellt, noch wurde sie
bezahlt. Dabei prägten ihre Aufnahmen das weithin bekannte Bild des
Bauhauses auf vielen Postkarten, in Zeitschriften und Prospekten – oft,
ohne dass ihr Name genannt wurde. Das galt nicht nur in der Zeit des
Bestehens der Bauhausschule, sondern auch in den Jahren nach seiner
Auflösung und der Emigration vieler Bauhauskünstlerinnen, als es in den
1950er Jahren wiederentdeckt wurde.
Zu dieser Wiederentdeckung trugen die Aufnahmen von Lucia Moholy
nachdrücklich bei. Walter Gropius nutzte sie, weiterhin oft ohne ihren
Namen, für seine Publikationen, mit denen er aus dem Exil in den USA das
Bauhaus wieder bekannt machte. Aber, wie man einem Raum mit einem
Briefwechsel zwischen ihr und Gropius entnehmen kann, gab er lange nicht
zu, dass eine Kiste mit ihren Glasplattennegativen in seinem Besitz war. Er
ließ die Fotografin, die als Jüdin selbst hatte fliehen müssen und ihre
Negative nicht mitnehmen konnte, jahrelang in dem Glauben, diese seien
verschollen oder verbrannt. Erst nachdem sie rechtlich gegen ihn
vorgegangen war, erhielt sie ihre Arbeiten zurück.
Diesem skandalösen Verhalten ist geschuldet, dass Lucia Moholy eine wenig
bekannte Fotografin blieb, obwohl ihre Bilder um die Welt zogen. Zum
Beispiel von der berühmten Wagenfeldlampe, die so oft reproduziert wurde,
dass man kaum glauben kann, dass sie nur in wenigen Prototypen existierte.
Der Bauhaustraum von der Serienproduktion erfüllte sich wegen vielen
ökonomischen Schwierigkeiten lange nicht.
Lucia Moholys Aufnahmen trugen auch zum Image des Spielerischen und der
Lust am Experimentellen bei, die dem Bauhaus zugeschrieben werden. Ein Raum
ist den Theaterinszenierungen gewidmet, mit seinen vielen Verschmelzungen
von Mensch und Maschine, ein anderer den Gleichtgewichtsstudien, mit denen
sie die Student:innen in den Vorkursen ausprobierten. Ohne ihre Bilder
wüsste man viel weniger von diesen wagemutig den Raum attackierenden,
balancierenden und schwebenden Materialassemblagen.
„Lucia Moholy – Das Bild der Moderne“, Bröhan Museum,verlängert bis 26.
Februar
12 Jan 2023
## AUTOREN
(DIR) Katrin Bettina Müller
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