# taz.de -- Es war lustig mit ihm...
       
       > ■ Mit Eva Reich sprach Manfred Heinfelder über ihren Vater Wilhelm, über
       > ihre und seine Arbeit, über Orgasmus und Orgon
       
       Eva Reich ist gelernte Ärztin und Psychotherapeutin - und sie ist die
       Tochter eines der umstrittensten Psychoanalytiker, Wilhelm Reich. Der 1897
       in Galizien geborene Reich war ein Schüler Sigmund Freuds, er richtete
       dessen Theorien auf die Sexualität im weitesten Sinne aus, er versuchte,
       Marxismus und Psychoanalyse zu verbinden: Mitte der dreißiger Jahre legte
       er ein psychoanalytisches Erklärungmodell für die Machtübernahme der
       Nationalsozialisten vor, das 35 Jahre später in der Bundesrepublik als
       Raubdruck ein Bestseller der Studentenbewegung wurde, „Massenpsychologie
       des Faschismus“. Danach hat Reich in Skandinavien und in den USA mit einer
       neuen Energie experimentiert, die er als seine Entdeckung ausgab. Sie
       brachte ihm - wie oft in seinem Leben Verfolgung und diesmal auch Gefängnis
       ein. Im Gefängnis starb Wilhelm Reich am 3.November 1957. Seine Werke und
       Labors hatten die US-Behörden zuvor vernichtet. Er selbst verfügte
       testamentarisch, daß seine Manuskripte bis in das Jahr 2007 unter Verschluß
       gehalten werden sollen. Seine Tochter Eva war Reichs Mitarbeiterin, sie
       stützt sich heute noch wie viele sogenannte neoreichianische Gruppen und
       Initiativen in der Bundesrepublik auf die Ideen und das Lebenswerk ihres
       Vaters.
       
       Frage: Sie wurden als Tochter von Wilhelm und Annie Reich 1924 in Wien
       geboren. Ihr Vater war Mediziner und Psychotherapeut. Ihre Mutter hat auch
       Medizin studiert und sich für Psychoanalyse interessiert. Hat der Beruf
       Ihrer Eltern Einfluß auf Ihre Erziehung gehabt?
       
       Eva Reich: Ja, natürlich. Beide Eltern waren Psychoanalytiker in Wien in
       den zwanziger Jahren. Daher bin ich aufgezogen worden mit den
       Erziehungsideen der Psychoanalytiker: Das hieß Anpassung an die Welt,
       Zähmung der wilden Triebe eines Kindes, das sublimieren lernen muß. Ich
       habe darunter gelitten, daß meine Eltern mir nicht sehr viel Körperkontakt
       gegeben haben. Sie waren der Meinung, daß man damit die Kinder verführt,
       einen Ödipuskomplex produziert, und ein bißchen mehr Distanz sei besser.
       Ich bin zum Beispiel nie in das Elternbett gekrochen.
       
       Die Ideen, die mein Vater später über Erziehung entwickelte, hat er bei mir
       noch nicht angewandt. Zum Beispiel die Selbststeuerungserziehung wurde bei
       mir nicht angewandt, man hat mich nach den damals üblichen Ideen erzogen.
       Ich wurde genau alle vier Stunden gefüttert, und da meine Eltern sehr
       beschäftigt waren, wurde ich oft an Mädchen und Kinderheime deligiert und
       nicht von meiner Mutter selbst betreut. Damals habe ich etwas entwickelt,
       was wir jetzt „maternal deprivation syndrom“ nennen, Sehnsucht nach der
       Mutter. Das interessiert mich, weil jetzt diese Probleme auftreten mit
       Müttern, die arbeiten müssen. Ich war damals noch glücklicher dran, weil
       ich von ungefähr zehn Monaten bis zum Alter von sieben Jahren ein
       Kindermädchen hatte. Diese Mitzi Milberger hatte den besten Einfluß auf
       mich.
       
       Einer der Biographen Ihres Vaters hat einmal behauptet, Wilhelm Reich habe
       ein bourgeoises Leben geführt und er habe viel Wert auf gute Erziehung, auf
       gutes Benehmen gelegt.
       
       Das ist erfunden. Niemand hat mich gelehrt, wie man sich benimmt. Ich war
       eine Zeitlang ein ziemlicher Kerl, der allen Leuten die Wahrheit gesagt
       hat, was ziemlich unhöflich war. Mein Vater war eigentlich bei meiner
       Erziehung gar nicht dabei, er war ziemlich beschäftigt. Dazu kam die
       Trennung meiner Eltern, ungefähr zwischen 1930 und 1933. Als Hitler zur
       Macht kam, gingen beide weg von Deutschland, in jeweils andere Richtungen.
       Da gab es auch eine offizielle Scheidung, die besagte, die Kinder könnten
       sich im Alter von 14 Jahren entscheiden, mit wem sie leben wollten. Meine
       Mutter hat mich dann sehr systematisch gehirngewaschen, eben daß mein Vater
       nicht gesund sei und daß ich nichts mehr mit ihm zu tun haben solle. Das
       habe ich eine Weile auch geglaubt. Ich ging damals zurück nach Wien und
       habe für vier Jahre in einer kleinen Pension für Kinder gelebt, wo übrigens
       auch ein Enkel von Trotzki war. Das war keine sehr glückliche Periode für
       mich. Gerettet hat mich, daß man mich mit fünf Jahren auf eine gute
       Montessori-Schule geschickt hatte. Dort hatte ich gelernt, mich selber zu
       finden, zu denken, und kriegte so sehr viel Gutes mit, was lebenslang
       anhielt.
       
       Was meinen Vater angeht - mein Haupteindruck war, daß er ein sehr lustiger
       Vater war. Er hat Harmonika gespielt. Wir hatten ein Spiel, das hieß
       Schumpanadel, wo man Gesichter macht und miteinander in einer Srache
       spricht, die hieß „kapustisch“. Das hat er erfunden. Es war lustig mit ihm,
       und sein Einfluß auf mich war sehr tief, weil er von Anfang an mit mir
       geredet hat wie mit einem fast Erwachsenen. Es war eine Art Ernstnehmen des
       Kindes. Daraus hat sich eine gute intellektuelle Beziehung entwickelt, die
       wirklich lebenslang da war. Er hat mir immer seine Ideen erzählt und Pläne
       gesponnen. Ich war jemand, mit dem er gerne redete.
       
       Ihr Vater hat als Psychoanalytiker gearbeitet. Er hatte eine Privatpraxis,
       er hat in Kliniken praktiziert und er hat in einem Ambulatorium für
       Mittellose gearbeitet. Er therapierte also Leute, die es sich nicht leisten
       konnten, privat zu einem Psychotherapeuten zu gehen.
       
       Er hat lebenslang gesagt, die Psychotherapie kann nicht alle erreichen, die
       sie brauchen. Und er hat auf der anderen Seite gesagt, daß man sich nicht
       anpassen kann, die Welt sei zu verrückt. Also, die Summe der individuellen
       Neurosen und Verrücktheiten ist die Summe der Weltverrücktheit. Jetzt wird
       immer klarer, daß er damit recht hatte. Anpassung ist überhaupt nicht die
       Antwort. Zweitens könne man Neurosen verhindern, indem man den Menschen die
       Dinge, die ihnen wehtun, nicht mehr antut. Zu seiner Zeit, in den zwanziger
       Jahren in Wien, war das die sexuelle Unterdrückung der Jugendlichen, der
       vorehelichen Liebespaare und der Kinder, und die Frage der sexuellen
       Aufklärung.
       
       Sexualität ist ein Begriff, der immer mit der Arbeit Ihres Vaters in
       Verbindung gebracht wird. Wilhelm Reich hat ja in diesem Bereich einen
       Begriff geprägt, „orgiastische Potenz“ heißt er. Was ist damit eigentlich
       gemeint?
       
       Das ist ein bißchen schwer in Worten zu erklären. Mein Vater hat da
       wirklich eine neue Therapie gefunden. Er hat bei seiner therapeutischen
       Arbeit bemerkt, daß eine wellenartige Bewegung durch den Körper geht, daß
       die Atmung erst in die Brust, dann durch das Zwerchfell, dann in den Bauch
       und schließlich ins Becken geht. Mein Vater nannte diese Körpertherapie
       Vegetotherapie, weil das vegetative nervöse System einbezogen war. Er hat
       dabei gesehen, daß sich diese Wellen entwickeln, wenn sich die Menschen von
       alten Traumata befreien, die diese Bewegungswellen zuvor blockiert hatten.
       Das ist aber bereits eine Endphase dieser Therapie, in der das Becken
       sozusagen nicht mehr tot ist, sondern der Mensch sich vereint fühlt vom
       Körper bis zu den Zehen.
       
       Wilhelm Reich hat so entdeckt, daß die Neurose im Körper verankert ist und
       daß gewisse Zeichen der Neurose im Körper auftauchen, zum Beispiel
       verhärtete willkürliche Muskeln, angespannte glatte Muskeln in
       verschiedenen Systemen des Körpers oder eine verflachte, gehemmte Atmung,
       die nicht ganz durchgeht. Er hat allmählich gelernt, wie man diese
       Blockaden, die im Körper auftauchen, befreien kann. Die Bewegung, die er
       dabei beobachtet hat, ist eine Art Urbewegung des Lebens. Sie erscheint
       nicht nur beim Orgasmus, sondern sie erscheint beim Fötus im Mutterleib
       oder beim Sterben. Diese Bewegung ist eine rhythmisch sich wiederholende
       Kurve nach vorne des gesamten Körpers, so daß sich das Becken und die
       Schultern annähern.
       
       Mein Vater hat sehr viel über diese Bewegung nachgedacht, und in einem
       Artikel in der dritten Ausgabe seines Buches Charakteranalyse hat er die
       Theorie aufgestellt, daß der Mensch dann, wenn diese Welle durchgeht, die
       er Orgasmusreflex nannte, obwohl es ein Artenreflex ist, daß der Mensch
       dann als Ganzes pulsiert, reagiert, als ob er ein einzelliges Tierchen wäre
       oder eine Qualle. Das heißt, wir haben es hier mit Urbewegungen des Lebens
       zu tun. Heutzutage wird die Therapie, die diese Bewegungen hervorrufen
       soll, Orgontherapie genannt.
       
       Sie haben im Zusammenhang mit der Arbeit Ihres Vaters etliche Begriffe
       genannt: Charakteranalyse - Vegetotherapie
       
       -Orgontherapie. Wie hängen diese Begriffe denn zeitlich und inhaltlich
       zusammen?
       
       Okay, Wilhelm Reich war ein sehr wandlungsfähiger Mensch, er lernte gut,
       auch aus seinen eigenen Fehlern. Ich würde sagen, angefangen hat er
       wirklich als klassischer Psychoanalytiker. Als junger Mann war er in einem
       technischen Seminar in Wien beschäftigt, wo er gesehen hat, die Menschen
       werden einfach nicht besser, wenn sie wollen, sondern da ist ein Widerstand
       im Körper. Er hat eine Art der Psychoanalyse entwickelt, die er damals
       Charakteranalyse nannte. In ihr hat er mit Worten die Widerstände im
       Menschen im Sinne gewisser Benehmensarten herausgearbeitet, Widerstände wie
       Trotz oder Wut oder Sichzurückziehen oder Ganz-Vornehm-Sein, oder was immer
       der Charakter nach außen zeigt. Das war nämlich dann eine Verteidigung
       gegen die Welt, also eine Maske. Er hat herausgefunden, daß man mit der
       Therapie wie beim Zwiebelschälen arbeiten kann, von außen nach innen.
       
       Später hat sich mein Vater dann mehr beschäftigt mit der Beobachtung von
       Menschen. Das war ein wichtiger Unterschied zu der Psychoanalyse, wie Freud
       sie verstand. Denn Freud saß separat in einem Sessel und sah die Leute
       nicht an. Er hat sie auch nicht angerührt. Reich hat sich getraut, die
       Menschen anzusehen und zu studieren mit seinen Augen während der Therapie,
       und dann auch zu fühlen, zum Beispiel die harten Muskeln. Das nannte er
       Charakteranalyse oder Resistenzanalyse. Denn die Resistenz führte direkt an
       das, was wirklich los war mit den Menschen. Dann hat er beobachtet, daß die
       vegetativen Regungen der Gefühle Symptome hervorbrachten, zum Beispiel
       Übelkeit, Schwindelgefühl, Gänsehaut, Gurgeln des Darmes, Zittern, manchmal
       Speien und Spucken und andere psychosomatische Symptome. Damit hat er sich
       immer mehr beschäftigt. Als er gelernt hatte, daß er direkt mit den
       fließenden Gefühlen im Körper arbeiten konnte, nannte er die Therapie
       Vegetotherapie. Das war eine der Grundideen, die er in den dreißiger Jahren
       entwickelte, nämlich, daß Gefühle fließende Lebensenergie im Körper sind.
       Gefühle sind also nicht nur Ideen im Kopf, über die man redet, sondern
       etwas, was im Körper vorgeht. Er hat in seiner skandinavischen Phase - das
       war ungefähr von 1934 bis 1939, da hat er vor allem in Oslo gelebt - diese
       Vegetotherapie zu einer wirklichen Kunst entwickelt, die er lehren konnte.
       Daß es nämlich gut sei für die Muskeln, diese Gefühle direkt auszudrücken,
       direkt abzureagieren, ohne nur darüber zu reden. Das war anders als die
       Psychoanalyse, die doch sehr mit intellektuellen Konzepten arbeitet.
       
       Von der Vegetotherapie zur Orgontherapie ist es dann eigentlich nur eine
       Namensänderung. Denn das Konzept meines Vaters, daß etwas im Körper fließt,
       war auf die elektromagnetische Theorie begründet. Er studierte zum Beispiel
       in Norwegen die Oberflächenspannungen bei Angst und bei Lust oder bei
       unguten Gefühlen und er entdeckte, daß bei Lust die Pontentiale in der Haut
       anstiegen, während sie bei negativen Stimuli, zum Beispiel Salz auf der
       Zunge, absanken. Er verband das dann mit Ideen über Protozoen, Amöben etwa,
       die sich hinausstrecken zur Welt, wenn sie sich sicher fühlen, aber die
       sich wie Zysten in einen Ball zurückrollen, wenn ein negativer Stimulus
       kommt. Es gibt also zwei Urbewegungen der vegetativen Energie im Körper.
       Die eine ist zur Welt hin, besonders bei sexueller Lust und auch bei Wut.
       Es gibt nämlich auch Leute, die sich ausstrecken vor Wut, indem sie wütend
       und rot werden. Und dann gibt es das Zurückziehen aus der Welt bei
       Schmerzen und Angst. Mein Vater nannte das den Urgegensatz des vegetativen
       Lebens. Wir arbeiten mit dieser Idee immer noch in der Bioenergetik oder in
       der Orgontherapie. Ich arbeitete mit Fließenlassen und auch Glühen, also
       daß das Feld des Menschen, die sogenannte Aura, sich ausstreckt. Mein Vater
       nannte diese ganze therapeutische Arbeit mit dem Körper Orgontherapie, als
       er entdeckte, daß eine wirkliche Lebensenergie sowohl im Körper als auch in
       der Atmosphäre existiert. Das war in den vierziger Jahren in Amerika, wohin
       er aus Skandinavien vor den Nazis geflohen war. Wann diese Namensänderung
       stattfand, weiß ich nicht genau. Aber eigentlich ist die Therapie in der
       Vegetotherapie und in der Orgontherapie die gleiche. Nur, daß er eben
       entdeckte, daß es diese spezifische Lebenskraft gibt, die er Orgon nannte.
       
       Haben Sie selbst an Experimenten Ihres Vaters teilgenommen, oder haben Sie
       selbst Experimente durchgeführt?
       
       Ich bin kein experimenteller Wissenschaftler, aber ich habe sehr viele
       Beobachtungen gemacht, besonders in der Medizin. Ich war der Assistent
       meines Vaters, ungefähr von 1950 bis 1957, sein Lehrling mehr als sein
       Schüler, obwohl ich gleichzeitig Arzt war. Ich habe von August 1950 an in
       seinem Labor mitgemacht. Das war eine sehr wichtige Zeit, da ist mein Vater
       aus New York City nach Rangeley/Maine übergesiedelt. Dort hat er dann ein
       Laboratorium und ein Observatorium gebaut. Ich bin auch da hingezogen und
       da hatte ich dann Zeit, viele seiner Experimente für mich selbst zu
       wiederholen. Das hat mein Wissen stark erweitert, besonders im Bereich
       seiner Bion-Forschung, seiner Bluttests und seiner Arbeit zu Krebs.
       
       Im Januar 1951 machte mein Vater dann ein Experiment, in dem er ein wenig
       Radium mit starken Konzentrationen von Lebensenergie zusammenbrachte. Das
       war ein Experiment mit schlimmen Folgen. Es hieß das Oranur-Experiment. Das
       hat uns alle in unserer Gesundheit stark beeinflußt; also ich starb fast
       daran. Ich habe dann seine Beobachtungen über dieses Oranur-Experiment
       miterlebt. Es war eine Art Aufbrausen der Lebensenergie und dann eine
       Erschöpfung. Das war ziemlich beängstigend.
       
       Im Herbst 1954 habe ich noch einmal für ein halbes Jahr mitgemacht. Da hat
       er mich eingeladen, mit ihm auf eine Expedition nach Arizona zu gehen, wo
       er diesen „cloudbuster“ benutzt hat. Die Entwicklung dieses cloudbusters
       habe ich erlebt, vom Mai 1952 an. Mein Mann William Moise wurde sein
       Assistent bei dieser Arbeit. Wilhelm Reich hat dieses Gerät erfunden, weil
       die Atmosphäre so schwarz und so drückend wurde. Dieser cloudbuster hat die
       Lebensenergie in der Atmosphäre bewegt und so aufgefrischt. Wenn man ihn zu
       lange einsetzte, hat es auch geregnet. Beide Experimente habe ich
       miterlebt, und besonders Oranur sitzt mir immer noch in den Knochen. Das
       hat mein Leben stark beeinflußt, weil ich sehr allergisch gegen alle Arten
       von Strahlen wurde. Ich konnte nicht mehr in Hospitälern arbeiten, weil ich
       in der Nähe von Röntgenstrahlen ganz krank wurde. Ich konnte
       Fernsehbildschirme, Neonlichter usw. nicht mehr ertragen. Ich mußte mich
       also sozusagen auf ein Dorf zurückziehen, wo man nicht in Hospitälern
       arbeiten mußte. Und dort lebe ich heute noch. Das war ein Grund, warum ich
       ein Landarzt wurde. Das hat mich sozusagen herausexplodiert aus meinem
       normalen Leben. Ich glaube, ich habe das wirklich erlebt mit den
       Strahlungskrankheiten und bin jetzt eigentlich ein energetischerer Mensch
       als die anderen um mich herum, das heißt auch immunisiert gegen einige
       dieser Strahleneinflüsse.
       
       Im Zusammenhang mit dem Oranur-Experiment, der Verbindung von Lebensenergie
       und Radioaktivität, soll ein Stoff entstanden sein, den Reich selbst
       „deadly orgon“, tödliches Orgon, genannt hat. Ist Ihr Vater nach diesem
       Experiment ein Gegner der Kernkraft geworden?
       
       Absolut. Er hat auch beschrieben, was in der Atmosphäre los ist, auf
       Mikrofilmen. Einige dieser Filme hat die Universität Bremen, andere die
       Universität München. Da kann man die Originalberichte im 'Orgon Energy
       Bulletin‘ nachlesen, auch Berichte über das Oranur-Experiment. Das war
       alles sehr merkwürdig damals. Was mein Vater beschrieben hat, war dieses
       Absterben der Lebensenergie in der Atmosphäre, das Schwarzwerden der
       Wolken, das Müdewerden der Menschen, das Verlieren der Lebenskraft und der
       Immunisierungsfähigkeit bei den Menschen; jeder wurde sozusagen in seinem
       schwachen Punkt getroffen. Er hat entdeckt, daß alle diese Phänomene eben
       eine Reaktion der Lebensenergie auf konzentrierte Quantitäten atomarer
       Substanzen sind. Und er hat nur mit winzigen Mengen Radioaktivität
       gearbeitet, und all das, was ich erzählt habe, ist geschehen. Aber die
       radioaktive Substanz hat sich dabei auch verändert. Das Radium hat nicht
       mehr ein geladenes Elektroskop entladen, was nämlich hätte sein sollen. Das
       habe ich selbst gesehen, das hat für mich die ganze Physik umgeworfen. Die
       Nebeneffekte des Oranur -Experiments waren ganz arg, unsere
       Untersuchungsmäuse sind gestorben oder haben Tumore entwickelt. Diese Zeit
       war sehr beängstigend. Aber, wie gesagt, es hat auch bewirkt, daß das
       Radium seine Wirkung verloren hat. Es gibt also Möglichkeiten des
       Immunisierens der Welt, wenn man genügend Lebenskraft ansammelt in
       radioaktiven Stoffen, so daß kleine Mengen davon sich ändern, daß sie nicht
       mehr radioaktiv zerfallen.
       
       Nach diesem Experiment wurde Wilhelm Reich dann 1954 von der Food and Drug
       Administration angegriffen, das ist eine Agentur der US-Regierung
       (Lebensmittelkontrollbehörde der US -Regierung), man hat ihn verfolgt.
       Diese Verfolgung habe ich selbst auch miterlebt. Im November 1957 ist mein
       Vater dann im Gefängnis gestorben. Denn man hatte ihn angeklagt, daß er ein
       Krimineller sei, was überhaupt nicht wahr war. Er hat mit seinen
       Experimenten nicht nur nichts verdient, er hat sein ganzes Geld in seine
       Entdeckungen hineingesteckt; er hat sie selbst finanziert. Das Ganze war
       ein offensichtlicher Skandal. Deswegen sollten die Amerikaner einmal eine
       Kongreßanhörung haben über die Verfolgung der Entdeckung der Lebensenergie.
       Denn ich sah das so: Als sie Wilhelm Reich ins Gefängnis steckten, haben
       sie den Weg des Todes gewählt. Das ist doch ganz klar, daß Militarismus,
       daß Waffen den Tod der Welt bedeuten. In den USA gab es wirklich eine
       Verschwörung gegen die Lebensenergie - hinter den Kulissen. Das muß
       aufgedeckt werden; die Amerikaner werden nicht geheilt sein, bis sie ihr
       eigenes System nicht gesäubert haben.
       
       Sie haben gesagt, Ihr Vater sei einer Verschwörung zum Opfer gefallen...
       
       Er nannte es „conspiracy“...
       
       Er hat auch ein Buch oder eine Broschüre geschrieben mit diesem Titel
       „Conspiracy“, Verschwörung. Sie haben in diesem Zusammenhang die American
       Food and Drug Administration genannt, eine Lebensmittelbehörde. Warum
       gerade diese Behörde?
       
       Das geschah alles hinter den Kulissen, aber wir haben alle Dokumente, die
       wir kriegen konnten, gesammelt. Solche Verfolgungen gibt es übrigens immer
       noch. Wenn jemand zum Beispiel Krebs mit Naturmethoden heilen will, mit
       lebendiger Nahrung etwa, kann er nicht in die USA, er muß nach Mexiko
       gehen, um das zu machen. Wenn man das mit meinem Vater historisch sieht,
       dann war es ein Kampf zwischen Mechanismus und Vitalismus, zwischen zwei
       Wegen, die Welt zu sehen. Die Food and Drug Administration hat sich zum
       Beispiel mit der American Psychiatric Association verbunden. Die beiden
       Organisationen wollten meinen Vater nicht nur für kriminell erklären,
       sondern auch für verrückt. Aber das Gericht hat ihn nicht für verrückt
       erklärt. Ich glaube, er wurde einfach verleumdet.
       
       Sie sind hier in der Bundesrepublik unter anderem, weil Sie von den Grünen
       eingeladen wurden, über Gewalt gegen Kinder zu sprechen. Ist das Teil Ihrer
       Arbeit?
       
       Ja, das ist wirklich der Mord an Christus. Denn die meisten Menschen, die
       sich gezwungen fühlen, in der Familie ihre Wut an Kindern auszulassen, sind
       Menschen, die das selbst erlitten haben und die das irgendwie in sich
       aufgenommen haben. Das nennen wir Einschreibung. Man kann diese Kette
       unterbrechen, wenn man sich entscheidet, ich werde mein Kind anders
       behandeln, wie einen Menschen, der soviel Wut nicht verdient. Außerdem kann
       ich Hilfe holen, wenn ich ungeduldig werde, wenn mir alles zuviel wird.
       Denn das Kind ist noch nicht gepanzert im Sinne von Reichs Konzept der
       Körperpanzerung, daß man sich wehrt gegen Leiden und Gefühle mit
       Hartwerden. Im Erwachsenen bringt das ungepanzerte Kind eine Art Ungeduld
       und eine Erinnerung an das Leiden hervor, durch das man selbst zerquetscht
       wurde. Das ist eine Kette, die in der Geschichte der Kindheit weit
       zurückgeht. Denn seit der Zeit des hellenischen Altertums durften Väter
       ihre Kinder legal prügeln, bis zum Tode sogar.
       
       Ein Denker, der mich sehr beeinfluß hat, der amerikanische Psychohistoriker
       Lloyd de Mause, hat einmal gesagt, wir haben noch nicht aufgehört, grausam
       zu Kindern zu sein. Das Aufhören fängt erst an. Die neue Richtung ist
       etwas, das Reich vorgeschlagen hat. Er nannte es
       „Selbststeuerungserziehung“. Denn bisher existiert zwischen Kindern und
       Erwachsenen seit Jahrhunderten eine Art Krieg. Die Kinder haben noch keine
       Stimme, weder in den Regierungen noch in der Familie. Deswegen bin ich für
       die Ideen von Reich und Paul Ritter, daß es in der Familie eine Demokratie
       geben könnte, wo das Kind auch eine Stimme hat, um zu sagen, was es denkt,
       was es braucht, wie man Dinge besser machen könnte. Wenn man sie ließe,
       könnten das Kinder schon ab dem Alter von drei Jahren tun. Aber solche
       demokratischen Teamfamilien gibt es noch nicht viele auf der Welt, sondern
       der Faschismus hält sich hier im Gegenteil besonders gut besonders auf dem
       Land. Dort gibt es noch sehr viele autokratische Familienzustände. Auf der
       anderen Seite schlägt das dann um in eine alternative Welt, wo man Heirat
       zum Beispiel überhaupt nicht mehr benutzt, um die Dinge zu stabilisieren,
       wo sehr viele alleinerziehende Eltern sind. Das macht das Aufwachsen für
       die Kinder sehr schwierig, weil es für einen einzelnen Menschen zuviel ist,
       sie zu erziehen. Wir haben die Großfamilie verloren, die ja auch sehr
       pathogen war, aber auch die Unterstützung, die man bei der Großfamilie
       haben konnte, wenn man ein Kind hatte. Das Zeitalter hat noch nicht
       angefangen, in dem das Kind ein wichtiger Mensch ist für die Menschheit,
       nicht wichtiger als Erwachsene, aber auch wichtig.
       
       Das, was Sie praktisch machen, entspricht also Alice Millers Theorie in
       ihrem Buch „Im Anfang war Erziehung“?
       
       Ja, aber sie ist mir zu elitär, zu professionell. Ich arbeite mit ganz
       gewöhnlichen Menschen, vom Dorf oder sonstwoher. Man muß kein Experte sein,
       jede Mutter ist der Experte, wenn man ihren Mutterinstinkt nicht mit einer
       argen Geburtshilfe zerstört oder mit dem Wegnehmen der Babies, wie es die
       Ostwelt tut. Dann hat sie das Gefühl, die Natur gibt ihr die Verbindung zu
       ihrem Kind, damit sie versteht, was es braucht. Zur Zeit findet auf diesem
       Gebiet ein Umschwung statt. Also ich sehe ein neues Zeitalter um die Ecke,
       das hoffentlich bald kommt, bevor wir uns als Menschheit umbringen.
       
       19 Sep 1989
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) manfred heinfelder
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA