# taz.de -- Es war lustig mit ihm...
> ■ Mit Eva Reich sprach Manfred Heinfelder über ihren Vater Wilhelm, über
> ihre und seine Arbeit, über Orgasmus und Orgon
Eva Reich ist gelernte Ärztin und Psychotherapeutin - und sie ist die
Tochter eines der umstrittensten Psychoanalytiker, Wilhelm Reich. Der 1897
in Galizien geborene Reich war ein Schüler Sigmund Freuds, er richtete
dessen Theorien auf die Sexualität im weitesten Sinne aus, er versuchte,
Marxismus und Psychoanalyse zu verbinden: Mitte der dreißiger Jahre legte
er ein psychoanalytisches Erklärungmodell für die Machtübernahme der
Nationalsozialisten vor, das 35 Jahre später in der Bundesrepublik als
Raubdruck ein Bestseller der Studentenbewegung wurde, „Massenpsychologie
des Faschismus“. Danach hat Reich in Skandinavien und in den USA mit einer
neuen Energie experimentiert, die er als seine Entdeckung ausgab. Sie
brachte ihm - wie oft in seinem Leben Verfolgung und diesmal auch Gefängnis
ein. Im Gefängnis starb Wilhelm Reich am 3.November 1957. Seine Werke und
Labors hatten die US-Behörden zuvor vernichtet. Er selbst verfügte
testamentarisch, daß seine Manuskripte bis in das Jahr 2007 unter Verschluß
gehalten werden sollen. Seine Tochter Eva war Reichs Mitarbeiterin, sie
stützt sich heute noch wie viele sogenannte neoreichianische Gruppen und
Initiativen in der Bundesrepublik auf die Ideen und das Lebenswerk ihres
Vaters.
Frage: Sie wurden als Tochter von Wilhelm und Annie Reich 1924 in Wien
geboren. Ihr Vater war Mediziner und Psychotherapeut. Ihre Mutter hat auch
Medizin studiert und sich für Psychoanalyse interessiert. Hat der Beruf
Ihrer Eltern Einfluß auf Ihre Erziehung gehabt?
Eva Reich: Ja, natürlich. Beide Eltern waren Psychoanalytiker in Wien in
den zwanziger Jahren. Daher bin ich aufgezogen worden mit den
Erziehungsideen der Psychoanalytiker: Das hieß Anpassung an die Welt,
Zähmung der wilden Triebe eines Kindes, das sublimieren lernen muß. Ich
habe darunter gelitten, daß meine Eltern mir nicht sehr viel Körperkontakt
gegeben haben. Sie waren der Meinung, daß man damit die Kinder verführt,
einen Ödipuskomplex produziert, und ein bißchen mehr Distanz sei besser.
Ich bin zum Beispiel nie in das Elternbett gekrochen.
Die Ideen, die mein Vater später über Erziehung entwickelte, hat er bei mir
noch nicht angewandt. Zum Beispiel die Selbststeuerungserziehung wurde bei
mir nicht angewandt, man hat mich nach den damals üblichen Ideen erzogen.
Ich wurde genau alle vier Stunden gefüttert, und da meine Eltern sehr
beschäftigt waren, wurde ich oft an Mädchen und Kinderheime deligiert und
nicht von meiner Mutter selbst betreut. Damals habe ich etwas entwickelt,
was wir jetzt „maternal deprivation syndrom“ nennen, Sehnsucht nach der
Mutter. Das interessiert mich, weil jetzt diese Probleme auftreten mit
Müttern, die arbeiten müssen. Ich war damals noch glücklicher dran, weil
ich von ungefähr zehn Monaten bis zum Alter von sieben Jahren ein
Kindermädchen hatte. Diese Mitzi Milberger hatte den besten Einfluß auf
mich.
Einer der Biographen Ihres Vaters hat einmal behauptet, Wilhelm Reich habe
ein bourgeoises Leben geführt und er habe viel Wert auf gute Erziehung, auf
gutes Benehmen gelegt.
Das ist erfunden. Niemand hat mich gelehrt, wie man sich benimmt. Ich war
eine Zeitlang ein ziemlicher Kerl, der allen Leuten die Wahrheit gesagt
hat, was ziemlich unhöflich war. Mein Vater war eigentlich bei meiner
Erziehung gar nicht dabei, er war ziemlich beschäftigt. Dazu kam die
Trennung meiner Eltern, ungefähr zwischen 1930 und 1933. Als Hitler zur
Macht kam, gingen beide weg von Deutschland, in jeweils andere Richtungen.
Da gab es auch eine offizielle Scheidung, die besagte, die Kinder könnten
sich im Alter von 14 Jahren entscheiden, mit wem sie leben wollten. Meine
Mutter hat mich dann sehr systematisch gehirngewaschen, eben daß mein Vater
nicht gesund sei und daß ich nichts mehr mit ihm zu tun haben solle. Das
habe ich eine Weile auch geglaubt. Ich ging damals zurück nach Wien und
habe für vier Jahre in einer kleinen Pension für Kinder gelebt, wo übrigens
auch ein Enkel von Trotzki war. Das war keine sehr glückliche Periode für
mich. Gerettet hat mich, daß man mich mit fünf Jahren auf eine gute
Montessori-Schule geschickt hatte. Dort hatte ich gelernt, mich selber zu
finden, zu denken, und kriegte so sehr viel Gutes mit, was lebenslang
anhielt.
Was meinen Vater angeht - mein Haupteindruck war, daß er ein sehr lustiger
Vater war. Er hat Harmonika gespielt. Wir hatten ein Spiel, das hieß
Schumpanadel, wo man Gesichter macht und miteinander in einer Srache
spricht, die hieß „kapustisch“. Das hat er erfunden. Es war lustig mit ihm,
und sein Einfluß auf mich war sehr tief, weil er von Anfang an mit mir
geredet hat wie mit einem fast Erwachsenen. Es war eine Art Ernstnehmen des
Kindes. Daraus hat sich eine gute intellektuelle Beziehung entwickelt, die
wirklich lebenslang da war. Er hat mir immer seine Ideen erzählt und Pläne
gesponnen. Ich war jemand, mit dem er gerne redete.
Ihr Vater hat als Psychoanalytiker gearbeitet. Er hatte eine Privatpraxis,
er hat in Kliniken praktiziert und er hat in einem Ambulatorium für
Mittellose gearbeitet. Er therapierte also Leute, die es sich nicht leisten
konnten, privat zu einem Psychotherapeuten zu gehen.
Er hat lebenslang gesagt, die Psychotherapie kann nicht alle erreichen, die
sie brauchen. Und er hat auf der anderen Seite gesagt, daß man sich nicht
anpassen kann, die Welt sei zu verrückt. Also, die Summe der individuellen
Neurosen und Verrücktheiten ist die Summe der Weltverrücktheit. Jetzt wird
immer klarer, daß er damit recht hatte. Anpassung ist überhaupt nicht die
Antwort. Zweitens könne man Neurosen verhindern, indem man den Menschen die
Dinge, die ihnen wehtun, nicht mehr antut. Zu seiner Zeit, in den zwanziger
Jahren in Wien, war das die sexuelle Unterdrückung der Jugendlichen, der
vorehelichen Liebespaare und der Kinder, und die Frage der sexuellen
Aufklärung.
Sexualität ist ein Begriff, der immer mit der Arbeit Ihres Vaters in
Verbindung gebracht wird. Wilhelm Reich hat ja in diesem Bereich einen
Begriff geprägt, „orgiastische Potenz“ heißt er. Was ist damit eigentlich
gemeint?
Das ist ein bißchen schwer in Worten zu erklären. Mein Vater hat da
wirklich eine neue Therapie gefunden. Er hat bei seiner therapeutischen
Arbeit bemerkt, daß eine wellenartige Bewegung durch den Körper geht, daß
die Atmung erst in die Brust, dann durch das Zwerchfell, dann in den Bauch
und schließlich ins Becken geht. Mein Vater nannte diese Körpertherapie
Vegetotherapie, weil das vegetative nervöse System einbezogen war. Er hat
dabei gesehen, daß sich diese Wellen entwickeln, wenn sich die Menschen von
alten Traumata befreien, die diese Bewegungswellen zuvor blockiert hatten.
Das ist aber bereits eine Endphase dieser Therapie, in der das Becken
sozusagen nicht mehr tot ist, sondern der Mensch sich vereint fühlt vom
Körper bis zu den Zehen.
Wilhelm Reich hat so entdeckt, daß die Neurose im Körper verankert ist und
daß gewisse Zeichen der Neurose im Körper auftauchen, zum Beispiel
verhärtete willkürliche Muskeln, angespannte glatte Muskeln in
verschiedenen Systemen des Körpers oder eine verflachte, gehemmte Atmung,
die nicht ganz durchgeht. Er hat allmählich gelernt, wie man diese
Blockaden, die im Körper auftauchen, befreien kann. Die Bewegung, die er
dabei beobachtet hat, ist eine Art Urbewegung des Lebens. Sie erscheint
nicht nur beim Orgasmus, sondern sie erscheint beim Fötus im Mutterleib
oder beim Sterben. Diese Bewegung ist eine rhythmisch sich wiederholende
Kurve nach vorne des gesamten Körpers, so daß sich das Becken und die
Schultern annähern.
Mein Vater hat sehr viel über diese Bewegung nachgedacht, und in einem
Artikel in der dritten Ausgabe seines Buches Charakteranalyse hat er die
Theorie aufgestellt, daß der Mensch dann, wenn diese Welle durchgeht, die
er Orgasmusreflex nannte, obwohl es ein Artenreflex ist, daß der Mensch
dann als Ganzes pulsiert, reagiert, als ob er ein einzelliges Tierchen wäre
oder eine Qualle. Das heißt, wir haben es hier mit Urbewegungen des Lebens
zu tun. Heutzutage wird die Therapie, die diese Bewegungen hervorrufen
soll, Orgontherapie genannt.
Sie haben im Zusammenhang mit der Arbeit Ihres Vaters etliche Begriffe
genannt: Charakteranalyse - Vegetotherapie
-Orgontherapie. Wie hängen diese Begriffe denn zeitlich und inhaltlich
zusammen?
Okay, Wilhelm Reich war ein sehr wandlungsfähiger Mensch, er lernte gut,
auch aus seinen eigenen Fehlern. Ich würde sagen, angefangen hat er
wirklich als klassischer Psychoanalytiker. Als junger Mann war er in einem
technischen Seminar in Wien beschäftigt, wo er gesehen hat, die Menschen
werden einfach nicht besser, wenn sie wollen, sondern da ist ein Widerstand
im Körper. Er hat eine Art der Psychoanalyse entwickelt, die er damals
Charakteranalyse nannte. In ihr hat er mit Worten die Widerstände im
Menschen im Sinne gewisser Benehmensarten herausgearbeitet, Widerstände wie
Trotz oder Wut oder Sichzurückziehen oder Ganz-Vornehm-Sein, oder was immer
der Charakter nach außen zeigt. Das war nämlich dann eine Verteidigung
gegen die Welt, also eine Maske. Er hat herausgefunden, daß man mit der
Therapie wie beim Zwiebelschälen arbeiten kann, von außen nach innen.
Später hat sich mein Vater dann mehr beschäftigt mit der Beobachtung von
Menschen. Das war ein wichtiger Unterschied zu der Psychoanalyse, wie Freud
sie verstand. Denn Freud saß separat in einem Sessel und sah die Leute
nicht an. Er hat sie auch nicht angerührt. Reich hat sich getraut, die
Menschen anzusehen und zu studieren mit seinen Augen während der Therapie,
und dann auch zu fühlen, zum Beispiel die harten Muskeln. Das nannte er
Charakteranalyse oder Resistenzanalyse. Denn die Resistenz führte direkt an
das, was wirklich los war mit den Menschen. Dann hat er beobachtet, daß die
vegetativen Regungen der Gefühle Symptome hervorbrachten, zum Beispiel
Übelkeit, Schwindelgefühl, Gänsehaut, Gurgeln des Darmes, Zittern, manchmal
Speien und Spucken und andere psychosomatische Symptome. Damit hat er sich
immer mehr beschäftigt. Als er gelernt hatte, daß er direkt mit den
fließenden Gefühlen im Körper arbeiten konnte, nannte er die Therapie
Vegetotherapie. Das war eine der Grundideen, die er in den dreißiger Jahren
entwickelte, nämlich, daß Gefühle fließende Lebensenergie im Körper sind.
Gefühle sind also nicht nur Ideen im Kopf, über die man redet, sondern
etwas, was im Körper vorgeht. Er hat in seiner skandinavischen Phase - das
war ungefähr von 1934 bis 1939, da hat er vor allem in Oslo gelebt - diese
Vegetotherapie zu einer wirklichen Kunst entwickelt, die er lehren konnte.
Daß es nämlich gut sei für die Muskeln, diese Gefühle direkt auszudrücken,
direkt abzureagieren, ohne nur darüber zu reden. Das war anders als die
Psychoanalyse, die doch sehr mit intellektuellen Konzepten arbeitet.
Von der Vegetotherapie zur Orgontherapie ist es dann eigentlich nur eine
Namensänderung. Denn das Konzept meines Vaters, daß etwas im Körper fließt,
war auf die elektromagnetische Theorie begründet. Er studierte zum Beispiel
in Norwegen die Oberflächenspannungen bei Angst und bei Lust oder bei
unguten Gefühlen und er entdeckte, daß bei Lust die Pontentiale in der Haut
anstiegen, während sie bei negativen Stimuli, zum Beispiel Salz auf der
Zunge, absanken. Er verband das dann mit Ideen über Protozoen, Amöben etwa,
die sich hinausstrecken zur Welt, wenn sie sich sicher fühlen, aber die
sich wie Zysten in einen Ball zurückrollen, wenn ein negativer Stimulus
kommt. Es gibt also zwei Urbewegungen der vegetativen Energie im Körper.
Die eine ist zur Welt hin, besonders bei sexueller Lust und auch bei Wut.
Es gibt nämlich auch Leute, die sich ausstrecken vor Wut, indem sie wütend
und rot werden. Und dann gibt es das Zurückziehen aus der Welt bei
Schmerzen und Angst. Mein Vater nannte das den Urgegensatz des vegetativen
Lebens. Wir arbeiten mit dieser Idee immer noch in der Bioenergetik oder in
der Orgontherapie. Ich arbeitete mit Fließenlassen und auch Glühen, also
daß das Feld des Menschen, die sogenannte Aura, sich ausstreckt. Mein Vater
nannte diese ganze therapeutische Arbeit mit dem Körper Orgontherapie, als
er entdeckte, daß eine wirkliche Lebensenergie sowohl im Körper als auch in
der Atmosphäre existiert. Das war in den vierziger Jahren in Amerika, wohin
er aus Skandinavien vor den Nazis geflohen war. Wann diese Namensänderung
stattfand, weiß ich nicht genau. Aber eigentlich ist die Therapie in der
Vegetotherapie und in der Orgontherapie die gleiche. Nur, daß er eben
entdeckte, daß es diese spezifische Lebenskraft gibt, die er Orgon nannte.
Haben Sie selbst an Experimenten Ihres Vaters teilgenommen, oder haben Sie
selbst Experimente durchgeführt?
Ich bin kein experimenteller Wissenschaftler, aber ich habe sehr viele
Beobachtungen gemacht, besonders in der Medizin. Ich war der Assistent
meines Vaters, ungefähr von 1950 bis 1957, sein Lehrling mehr als sein
Schüler, obwohl ich gleichzeitig Arzt war. Ich habe von August 1950 an in
seinem Labor mitgemacht. Das war eine sehr wichtige Zeit, da ist mein Vater
aus New York City nach Rangeley/Maine übergesiedelt. Dort hat er dann ein
Laboratorium und ein Observatorium gebaut. Ich bin auch da hingezogen und
da hatte ich dann Zeit, viele seiner Experimente für mich selbst zu
wiederholen. Das hat mein Wissen stark erweitert, besonders im Bereich
seiner Bion-Forschung, seiner Bluttests und seiner Arbeit zu Krebs.
Im Januar 1951 machte mein Vater dann ein Experiment, in dem er ein wenig
Radium mit starken Konzentrationen von Lebensenergie zusammenbrachte. Das
war ein Experiment mit schlimmen Folgen. Es hieß das Oranur-Experiment. Das
hat uns alle in unserer Gesundheit stark beeinflußt; also ich starb fast
daran. Ich habe dann seine Beobachtungen über dieses Oranur-Experiment
miterlebt. Es war eine Art Aufbrausen der Lebensenergie und dann eine
Erschöpfung. Das war ziemlich beängstigend.
Im Herbst 1954 habe ich noch einmal für ein halbes Jahr mitgemacht. Da hat
er mich eingeladen, mit ihm auf eine Expedition nach Arizona zu gehen, wo
er diesen „cloudbuster“ benutzt hat. Die Entwicklung dieses cloudbusters
habe ich erlebt, vom Mai 1952 an. Mein Mann William Moise wurde sein
Assistent bei dieser Arbeit. Wilhelm Reich hat dieses Gerät erfunden, weil
die Atmosphäre so schwarz und so drückend wurde. Dieser cloudbuster hat die
Lebensenergie in der Atmosphäre bewegt und so aufgefrischt. Wenn man ihn zu
lange einsetzte, hat es auch geregnet. Beide Experimente habe ich
miterlebt, und besonders Oranur sitzt mir immer noch in den Knochen. Das
hat mein Leben stark beeinflußt, weil ich sehr allergisch gegen alle Arten
von Strahlen wurde. Ich konnte nicht mehr in Hospitälern arbeiten, weil ich
in der Nähe von Röntgenstrahlen ganz krank wurde. Ich konnte
Fernsehbildschirme, Neonlichter usw. nicht mehr ertragen. Ich mußte mich
also sozusagen auf ein Dorf zurückziehen, wo man nicht in Hospitälern
arbeiten mußte. Und dort lebe ich heute noch. Das war ein Grund, warum ich
ein Landarzt wurde. Das hat mich sozusagen herausexplodiert aus meinem
normalen Leben. Ich glaube, ich habe das wirklich erlebt mit den
Strahlungskrankheiten und bin jetzt eigentlich ein energetischerer Mensch
als die anderen um mich herum, das heißt auch immunisiert gegen einige
dieser Strahleneinflüsse.
Im Zusammenhang mit dem Oranur-Experiment, der Verbindung von Lebensenergie
und Radioaktivität, soll ein Stoff entstanden sein, den Reich selbst
„deadly orgon“, tödliches Orgon, genannt hat. Ist Ihr Vater nach diesem
Experiment ein Gegner der Kernkraft geworden?
Absolut. Er hat auch beschrieben, was in der Atmosphäre los ist, auf
Mikrofilmen. Einige dieser Filme hat die Universität Bremen, andere die
Universität München. Da kann man die Originalberichte im 'Orgon Energy
Bulletin‘ nachlesen, auch Berichte über das Oranur-Experiment. Das war
alles sehr merkwürdig damals. Was mein Vater beschrieben hat, war dieses
Absterben der Lebensenergie in der Atmosphäre, das Schwarzwerden der
Wolken, das Müdewerden der Menschen, das Verlieren der Lebenskraft und der
Immunisierungsfähigkeit bei den Menschen; jeder wurde sozusagen in seinem
schwachen Punkt getroffen. Er hat entdeckt, daß alle diese Phänomene eben
eine Reaktion der Lebensenergie auf konzentrierte Quantitäten atomarer
Substanzen sind. Und er hat nur mit winzigen Mengen Radioaktivität
gearbeitet, und all das, was ich erzählt habe, ist geschehen. Aber die
radioaktive Substanz hat sich dabei auch verändert. Das Radium hat nicht
mehr ein geladenes Elektroskop entladen, was nämlich hätte sein sollen. Das
habe ich selbst gesehen, das hat für mich die ganze Physik umgeworfen. Die
Nebeneffekte des Oranur -Experiments waren ganz arg, unsere
Untersuchungsmäuse sind gestorben oder haben Tumore entwickelt. Diese Zeit
war sehr beängstigend. Aber, wie gesagt, es hat auch bewirkt, daß das
Radium seine Wirkung verloren hat. Es gibt also Möglichkeiten des
Immunisierens der Welt, wenn man genügend Lebenskraft ansammelt in
radioaktiven Stoffen, so daß kleine Mengen davon sich ändern, daß sie nicht
mehr radioaktiv zerfallen.
Nach diesem Experiment wurde Wilhelm Reich dann 1954 von der Food and Drug
Administration angegriffen, das ist eine Agentur der US-Regierung
(Lebensmittelkontrollbehörde der US -Regierung), man hat ihn verfolgt.
Diese Verfolgung habe ich selbst auch miterlebt. Im November 1957 ist mein
Vater dann im Gefängnis gestorben. Denn man hatte ihn angeklagt, daß er ein
Krimineller sei, was überhaupt nicht wahr war. Er hat mit seinen
Experimenten nicht nur nichts verdient, er hat sein ganzes Geld in seine
Entdeckungen hineingesteckt; er hat sie selbst finanziert. Das Ganze war
ein offensichtlicher Skandal. Deswegen sollten die Amerikaner einmal eine
Kongreßanhörung haben über die Verfolgung der Entdeckung der Lebensenergie.
Denn ich sah das so: Als sie Wilhelm Reich ins Gefängnis steckten, haben
sie den Weg des Todes gewählt. Das ist doch ganz klar, daß Militarismus,
daß Waffen den Tod der Welt bedeuten. In den USA gab es wirklich eine
Verschwörung gegen die Lebensenergie - hinter den Kulissen. Das muß
aufgedeckt werden; die Amerikaner werden nicht geheilt sein, bis sie ihr
eigenes System nicht gesäubert haben.
Sie haben gesagt, Ihr Vater sei einer Verschwörung zum Opfer gefallen...
Er nannte es „conspiracy“...
Er hat auch ein Buch oder eine Broschüre geschrieben mit diesem Titel
„Conspiracy“, Verschwörung. Sie haben in diesem Zusammenhang die American
Food and Drug Administration genannt, eine Lebensmittelbehörde. Warum
gerade diese Behörde?
Das geschah alles hinter den Kulissen, aber wir haben alle Dokumente, die
wir kriegen konnten, gesammelt. Solche Verfolgungen gibt es übrigens immer
noch. Wenn jemand zum Beispiel Krebs mit Naturmethoden heilen will, mit
lebendiger Nahrung etwa, kann er nicht in die USA, er muß nach Mexiko
gehen, um das zu machen. Wenn man das mit meinem Vater historisch sieht,
dann war es ein Kampf zwischen Mechanismus und Vitalismus, zwischen zwei
Wegen, die Welt zu sehen. Die Food and Drug Administration hat sich zum
Beispiel mit der American Psychiatric Association verbunden. Die beiden
Organisationen wollten meinen Vater nicht nur für kriminell erklären,
sondern auch für verrückt. Aber das Gericht hat ihn nicht für verrückt
erklärt. Ich glaube, er wurde einfach verleumdet.
Sie sind hier in der Bundesrepublik unter anderem, weil Sie von den Grünen
eingeladen wurden, über Gewalt gegen Kinder zu sprechen. Ist das Teil Ihrer
Arbeit?
Ja, das ist wirklich der Mord an Christus. Denn die meisten Menschen, die
sich gezwungen fühlen, in der Familie ihre Wut an Kindern auszulassen, sind
Menschen, die das selbst erlitten haben und die das irgendwie in sich
aufgenommen haben. Das nennen wir Einschreibung. Man kann diese Kette
unterbrechen, wenn man sich entscheidet, ich werde mein Kind anders
behandeln, wie einen Menschen, der soviel Wut nicht verdient. Außerdem kann
ich Hilfe holen, wenn ich ungeduldig werde, wenn mir alles zuviel wird.
Denn das Kind ist noch nicht gepanzert im Sinne von Reichs Konzept der
Körperpanzerung, daß man sich wehrt gegen Leiden und Gefühle mit
Hartwerden. Im Erwachsenen bringt das ungepanzerte Kind eine Art Ungeduld
und eine Erinnerung an das Leiden hervor, durch das man selbst zerquetscht
wurde. Das ist eine Kette, die in der Geschichte der Kindheit weit
zurückgeht. Denn seit der Zeit des hellenischen Altertums durften Väter
ihre Kinder legal prügeln, bis zum Tode sogar.
Ein Denker, der mich sehr beeinfluß hat, der amerikanische Psychohistoriker
Lloyd de Mause, hat einmal gesagt, wir haben noch nicht aufgehört, grausam
zu Kindern zu sein. Das Aufhören fängt erst an. Die neue Richtung ist
etwas, das Reich vorgeschlagen hat. Er nannte es
„Selbststeuerungserziehung“. Denn bisher existiert zwischen Kindern und
Erwachsenen seit Jahrhunderten eine Art Krieg. Die Kinder haben noch keine
Stimme, weder in den Regierungen noch in der Familie. Deswegen bin ich für
die Ideen von Reich und Paul Ritter, daß es in der Familie eine Demokratie
geben könnte, wo das Kind auch eine Stimme hat, um zu sagen, was es denkt,
was es braucht, wie man Dinge besser machen könnte. Wenn man sie ließe,
könnten das Kinder schon ab dem Alter von drei Jahren tun. Aber solche
demokratischen Teamfamilien gibt es noch nicht viele auf der Welt, sondern
der Faschismus hält sich hier im Gegenteil besonders gut besonders auf dem
Land. Dort gibt es noch sehr viele autokratische Familienzustände. Auf der
anderen Seite schlägt das dann um in eine alternative Welt, wo man Heirat
zum Beispiel überhaupt nicht mehr benutzt, um die Dinge zu stabilisieren,
wo sehr viele alleinerziehende Eltern sind. Das macht das Aufwachsen für
die Kinder sehr schwierig, weil es für einen einzelnen Menschen zuviel ist,
sie zu erziehen. Wir haben die Großfamilie verloren, die ja auch sehr
pathogen war, aber auch die Unterstützung, die man bei der Großfamilie
haben konnte, wenn man ein Kind hatte. Das Zeitalter hat noch nicht
angefangen, in dem das Kind ein wichtiger Mensch ist für die Menschheit,
nicht wichtiger als Erwachsene, aber auch wichtig.
Das, was Sie praktisch machen, entspricht also Alice Millers Theorie in
ihrem Buch „Im Anfang war Erziehung“?
Ja, aber sie ist mir zu elitär, zu professionell. Ich arbeite mit ganz
gewöhnlichen Menschen, vom Dorf oder sonstwoher. Man muß kein Experte sein,
jede Mutter ist der Experte, wenn man ihren Mutterinstinkt nicht mit einer
argen Geburtshilfe zerstört oder mit dem Wegnehmen der Babies, wie es die
Ostwelt tut. Dann hat sie das Gefühl, die Natur gibt ihr die Verbindung zu
ihrem Kind, damit sie versteht, was es braucht. Zur Zeit findet auf diesem
Gebiet ein Umschwung statt. Also ich sehe ein neues Zeitalter um die Ecke,
das hoffentlich bald kommt, bevor wir uns als Menschheit umbringen.
19 Sep 1989
## AUTOREN
(DIR) manfred heinfelder
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