# taz.de -- Erstmals Beobachter in Deutschland: "Keine Wahl läuft perfekt ab"
       
       > Zur Bundestagswahl kommen zum ersten Mal in der Geschichte der
       > Bundesrepublik Wahlbeobachter ins Land. Die Lettin Lolita Cigane ist eine
       > von ihnen.
       
 (IMG) Bild: Nun wird es ernst: Stimmzettel für die Bundestagswahl.
       
       taz: Frau Cigane, Sie sind als Wahlbeobachterin gerade in Erfurt. Was genau
       machen Sie da? 
       
       Lolita Cigane: Wir sind hier für zwei Tage und versuchen, so viele Akteure
       wie möglich zu treffen, die die Wahl vorbereiten. Das reicht vom
       Landeswahlleiter über die Vertreter aller größeren Parteien bis hin zu
       NGO-Aktivisten. Vier, fünf Termine am Tag. In Ländern, in denen die
       Infrastruktur nicht so gut ist, bräuchten wir dafür länger.
       
       Normalerweise hört man nur, dass bei Wahlen in Nigeria, Iran, Afghanistan
       aufgepasst wird. Wieso nun hier? 
       
       Es ist nichts Ungewöhnliches, auch in Portugal, Griechenland und Norwegen
       sind derzeit Kollegen von mir. Und außerdem: Wir wurden eingeladen.
       
       Von der Bundesregierung? 
       
       Ja, schon seit Jahren, immer zu den Wahlen. Und diesmal hat die
       Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) eben
       entschieden, ein Team zu schicken. Übrigens: Streng genommen ist es auch
       keine Wahlbeobachtungsmission, sondern eine Wahleinschätzung.
       
       Was ist der Unterschied? 
       
       Vor allem der Umfang und der Aufwand. Bei einer Wahlbeobachtung schicken
       wir in der Regel bis zu 500 Beobachter, hier in Deutschland sind wir gerade
       einmal ein gutes Dutzend. Und auch nur für drei Wochen, nicht für mehrere
       Monate.
       
       Was wollten Sie etwa vom Landeswahlleiter wissen? 
       
       Mit ihm haben wir am längsten gesprochen, wir wollten so viele Details wie
       möglich erfahren: Werden die lokalen Wahlleiter ernannt oder gewählt? Wie
       wird alles vorbereitet? Was passiert zu welchem Zeitpunkt?
       
       Und so merken Sie, was verdächtig klingt? 
       
       Nein, darum geht es nicht, wir gehen nicht mit Argwohn an die Sache heran,
       wir suchen ja nicht nach Problemen. Wir analysieren den Wahlprozess und
       schlagen Verbesserungen vor. Keine Wahl läuft perfekt ab.
       
       Sie werden also zu einer Wahlmission nach Deutschland geschickt, kommen
       hier an - und dann? 
       
       Vor knapp zwei Wochen trafen wir uns zum ersten Mal in Berlin, seither sind
       wir in der ganzen Republik unterwegs. Wir sind vier Zweierteams, immer aus
       unterschiedlichen Ländern, mit unterschiedlichem Schwerpunkt, ein Mann,
       eine Frau. Und dann ist noch jemand dabei, der übersetzt, beim Organisieren
       hilft. Der Zeitplan ist eng gesteckt, jede Gruppe besucht mehrere
       Bundesländer - so wie eben gerade Thüringen, zum Schluss geht mein Team
       noch nach München. Zwar schicken wir regelmäßig unsere Zwischenberichte in
       die Zentrale nach Berlin, aber ein richtiges Ergebnis gibt es erst, wenn
       wir uns nach der Wahl alle wieder in Berlin treffen und unsere
       Beobachtungen zusammentragen.
       
       Sie kommen ganz schön rum. 
       
       Bei diesen Missionen müssen alle sehr flexibel sein, das ist normal. Im
       Prinzip arbeiten wir in unseren Hotelzimmern und unterwegs. Wir machen
       alles mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Zug, Straßenbahn - hier in
       Deutschland geht das zumindest. Und außerdem laden wir sowieso nie zu
       Gesprächen zu uns, wir besuchen die Verantwortlichen, das ist auch eine
       Geste des Respekts.
       
       Sie sprachen jetzt vor allem über die Zeit vor der Wahl. Was passiert am
       Wahltag selbst? 
       
       Da sind wir natürlich auch vor Ort, jeder in vier, fünf, sechs Wahlbüros.
       Wir werden die Stimmabgabe für einige Zeit verfolgen und mit den
       Wahlhelfern sprechen, einige Fragen stellen, um zu wissen, wie es läuft.
       Aber der Wahltag ist nicht Schwerpunkt unserer Beobachtung, wir werden hier
       keine Statistik erstellen wie etwa bei klassischen
       Wahlbeobachtungsmissionen. In diesen Fällen haben wir detaillierte
       Fragebögen, die wir abarbeiten: Wo stehen die Wahlurnen? Unterschreiben die
       Wähler auf einer Liste? Ist Polizei präsent? Wie ist die Atmosphäre?
       
       Unterscheiden sich die Wahlbüros von Land zu Land? 
       
       Sie sind meist in Schulen oder Kindergärten, manchmal auch im Rathaus, wenn
       es keine andere zentrale öffentliche Stelle gibt. In den USA stehen die
       Urnen auch mal in Kirchengebäuden oder, als ich nach dem Hurrikan "Katrina"
       in New Orleans bei den Midterm-Wahlen zugegen war, in einer großen
       Lagerhalle. Alles andere war zerstört.
       
       Wo waren Sie sonst noch bei Wahlen dabei? 
       
       Unter anderem in Armenien, Mazedonien, letztes Jahr in den USA. Meine erste
       Mission führte mich nach Kirgisien, 2005 zu den Präsidentschaftswahlen.
       Eine lange Mission, zwei Monate waren wir dort. Die Wahl war direkt nach
       einem Volksaufstand, die Situation war aufgeladen. Man merkte: Die Wahl war
       voller Leidenschaft, die Menschen sehr enthusiastisch.
       
       Anders als in Deutschland. 
       
       Das lässt sich schwer vergleichen, es sind einfach ganz andere Situationen.
       In den USA beispielsweise sind Wahlen unter der Woche, man erledigt das auf
       dem Weg zur Arbeit, es ist Alltag. In Mazedonien dagegen, gerade auf dem
       Land, ziehen die Leute ihren Sonntagsstaat an, wenn sie wählen gehen. Auch
       in Lettland ist der Wahltag etwas Besonderes. Gewählt wird bei uns immer
       samstags, danach trifft man sich mit seinen Freunden im Restaurant und
       diskutiert stundenlang über Politik, es ist ein richtiges Event. Aber eines
       ist immer überall gleich.
       
       Was denn? 
       
       In jedem Land gibt es diesen kathartischen Moment am ersten Tag nach einer
       Wahl. Wenn alle gespannt auf das Ergebnis schauen und merken, es fängt
       etwas Neues an. Das gefällt mir immer am besten.
       
       25 Sep 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Anne Haeming
       
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