# taz.de -- Erinnern an die Einwanderung: Orte zum Sprechen bringen
       
       > Das Projekt "Route der Migration" soll die Geschichte der Einwanderung im
       > Stadtbild sichtbar machen - und historische Orte vor dem Vergessen
       > bewahren.
       
 (IMG) Bild: Das Gelände, auf dem heute die Sehitlik-Moschee steht, schenkte 1798 Friedrich-Wilhelm III. den Osmanen.
       
       An Orten der Erinnerung herrscht in Berlin kein Mangel, man stolpert
       geradezu über Geschichte. Die Stadt lebt vom Nebeneinander von Gegenwart
       und Vergangenheit, die auf viele Weise sichtbar gemacht wird - etwa durch
       die in Gehwege eingelassenen Stolpersteine, die an von den Nazis
       deportierte und getötete Berliner Juden erinnern.
       
       Doch ein wichtiger Teil der Geschichte, die Berlin zu einer Weltmetropole
       macht, ist bislang fast unsichtbar: die Geschichte der Einwanderung. Mit
       dem Projekt "Route der Migration" soll sie sichtbar werden. 150 "Orte, die
       nicht vergessen werden sollen", hat das Netzwerk Migration in Gesprächen
       mit MigrationsexpertInnen und EinwanderInnen im Auftrag des
       Senatsintegrationsbeauftragten Günter Piening zusammengetragen - darunter
       Bahnhöfe und Flughäfen als Ankunftsorte, aber auch die alten Friedhöfe von
       EinwanderInnen, die lange vor der Anwerbung von Gastarbeitern durch DDR und
       BRD kamen.
       
       Denn auch wenn der 50. Jahrestag des Abschlusses des Anwerbevertrags
       zwischen der Bundesrepublik und der Türkei im Herbst naht: Er ist nur ein
       Anlass für die "Routen", die bewusst "tiefer graben" sollen, wie Piening
       sagt. Am Beispiel der unscheinbaren Baracke, in der das Projekt am Montag
       präsentiert wurde, macht Martin Düspohl, Leiter des Kreuzbergmuseums, vor,
       wie das gemeint ist: Heute sitzt dort der Verein der Einwanderer aus
       Dersim, einer von ethnischen und religiösen Minderheiten bewohnten Region
       im Osten der Türkei. Zuvor war der Pavillon jahrelang Anlaufstelle für
       Flüchtlinge aus dem zerbrechenden Jugoslawien. Noch früher wurden dort Visa
       für Besuche von WestberlinerInnen im Ostteil der geteilten Stadt
       ausgestellt - die kleine Baracke war eine von fünf Außenstellen des
       Ministeriums für Staatssicherheit in Westberlin.
       
       Und Düspohl hat noch tiefer gegraben: Er erinnert an den Standort der
       Baracke, das Hallesche Tor, das jahrhundertelang "streng bewachter Eingang"
       für den Zugang zur Stadt war - durch das auch einst die Kosaken in die
       Stadt ritten, um diese von der Besatzung der Franzosen zu befreien: Der
       dortige Straßenname "Waterlooufer" erinnert noch heute an die
       Siegesschlacht über Napoleon.
       
       Die Architektin und Ausstellungsmacherin Cagla Ilk bereitet derzeit die
       fünf ersten Routen zur Erinnerung an die Migration in die Stadt vor.
       Info-Container sollen wichtige Orte markieren, an der Entwicklung der
       inhaltlichen Themenschwerpunkten arbeiten und forschen derzeit noch
       Studierende der Geschichte und der Europäischen Ethnologie von Humboldt-
       und Freier Universität. Von Oktober bis November soll es dann neben
       Führungen auch Veranstaltungen an allen Orten geben.
       
       Er sei "total begeistert" von dem Projekt, sagte bei dessen Präsentation
       Kulturstaatssekretär André Schmitz: "Die Vielfalt der Stadt sichtbar zu
       machen ist ein kulturpolitisches Anliegen." Auch Bosiljka Schedlich,
       Leiterin des Südosteuropa-Kulturvereins, die die Aufnahme von Flüchtlingen
       aus Jugoslawien in der heutigen Dersim-Baracke als Dolmetscherin
       miterlebte, begrüßt das Bemühen um Erinnerung. An der Geschichte der
       Dersim-Baracke werde sichtbar, dass oft Nationalismus der Hintergrund von
       Migration, aber eben auch von Zugangssperren sei: "Indem wir dabei
       innehalten und schauen, wo wir heute stehen, erkennen wir die Fehler von
       gestern und können neue vermeiden."
       
       Finanziert wird das Projekt, das in den kommenden Jahren durch ein
       Internetportal und die dauerhafte Markierung wichtiger Orte der Migration
       ergänzt werden soll, unter anderem durch Lottomittel, europäische
       Forschungsgelder sind beantragt. Auch aus dem Hauptstadtkulturfonds würden
       sicher "irgendwann Mittel fließen", hofft der Integrationsbeauftragte.
       
       27 Jun 2011
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alke Wierth
       
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