# taz.de -- Ein genialisches Pokerface
       
       > Zwischen historischem Experiment und adriatischem Glamour: Marie-Janine
       > Calic will die historische Person Tito hinter dem Mythos freilegen
       
       Von Doris Akrap
       
       Diktator, Verräter, Bolschewist, Lakai des Westens – der jugoslawische
       Staatsgründer Tito hatte sich schon zu Lebzeiten viel vorwerfen lassen
       müssen. Auf allen Seiten des Kalten Krieges wurde er als Agent der jeweils
       anderen Seite verdächtigt. Sonderlich interessiert hat ihn, den Erfinder
       des Coca-Cola-Sozialismus, das nicht. Vor allem deswegen nicht, weil es
       nicht stimmte. Oder nur sehr eingeschränkt. Die aus heutiger Perspektive
       vielleicht härteste Kritik lautete: „Tito hat die Macht zu machen, was er
       will. Aber er nutzt sie nicht.“
       
       Der Satz stammt vom jugoslawischen Reformpolitiker Marko Nikezić, der 1972
       im Zug einer politischen Säuberungswelle alle seine Ämter verlor. In diesem
       seinen Satz steckt zum einen das Zugeständnis, dass Tito es geschafft
       hatte, sowohl innerhalb seines eigenen Landes als auch außerhalb ein
       charismatischer, bewunderter und respektierter Politiker zu werden. Der
       einzige europäische Politiker, der einen eigenen Weg zwischen den beiden
       Weltlagern USA und UDSSR gebahnt hatte, der als „Dritter Weg“ und als
       „Bewegung der Blockfreien“ in die Geschichte einging. Aber in Nikezić’ Satz
       steckt auch die Kritik, dass Tito irgendwo auf diesem Weg stecken geblieben
       war.
       
       Zu lesen ist der Satz in der neuen Biografie „Tito, der ewige Partisan“,
       die von der Historikerin Marie-Janine Calic geschrieben wurde, einer
       Spezialistin für die Geschichte Jugoslawiens. Calic beschreibt das Leben
       der Jahrhundertfigur vom Balkan – geboren 1892 im bitterarmen bäuerlichen
       Hinterland Kroatiens, gestorben 1980 als sozialistischer Staatspräsident,
       zu dessen Begräbnis 209 Delegationen aus 128 Nationen, darunter 4 Könige, 6
       Prinzen, 31 Präsidenten, 22 Premierminister und 4 Außenminister anreisten –
       so komprimiert wie detailliert. Eindrücklich zeigt sie auf knapp 400
       Seiten, wie eng die Gründung, Gestaltung und der Fortbestand der
       sozialistischen Föderation mit dem Charakter, dem politischen Instinkt und
       den Freundschaften, Loyalitäten und der Willenskraft seines Gründers
       zusammenhingen.
       
       Bei so einer schillernden Figur wie Tito nicht in schwärmerische Romantik
       oder abgrundtiefe Abscheu zu geraten, ist nicht so einfach. Trotz seiner
       biopichaften Lebensführung auf den Schlachtfeldern des 20. Jahrhunderts,
       auf den Gipfeln der internationalen Politik, auf Yachten, in
       Luxuslimousinen, an Filmsets und adriatischen Inseln gelingt es der Autorin
       Calic, die Figur des legendären Partisanenführers Josip Broz auf eine
       Distanz zu halten, die einen unideologischen, ungeschönten, aber auch
       respektvollen und wertschätzenden Blick erlaubt.
       
       Calic beschreibt sowohl den sozialistischen Weltpolitiker, der von
       US-Präsident Richard Nixon als „Riese auf der Weltbühne“ bezeichnet, von
       Queen Elisabeth mit einem Ritterorden ausgezeichnet, von Charlie Chaplin
       für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen und von Papst Paul IV. als „Anwalt
       des Weltfriedens“bezeichnet wurde. Aber sie beschreibt auch den
       kaltblütigen Tyrannen, der, um seine Macht zu erhalten, über Leichen ging.
       Zwar waren das vergleichsweise wenige, aber der Befreier von Faschismus und
       Stalinismus, der „Alte“, wie er schon zu Beginn seiner Partisanenzeit von
       seinen Genossen genannt wurde, wollte um jeden Preis verhindern, dass die
       von ihm gestiftete „Einheit und Brüderlichkeit“ des politisch, religiös,
       gesellschaftlich und geografisch extrem zerklüfteten Jugoslawiens
       auseinanderfiel.
       
       Er opferte alles, um eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten
       Jugoslawiens zu verhindern. Auch Menschenleben. Aber er gab auch alles, um
       den Bewohnern des Landes so viel Freiheit wie möglich zu gestatten und ein
       einmaliges historisches Experiment zu wagen: nicht nur Reise-, Meinungs-
       und Kunstfreiheit waren zwischenzeitlich so groß wie im Westen, sondern
       auch die Freiheit aller Arbeitenden, selbst zu entscheiden, was und wie
       viel ihre Betriebe produzieren sollten, wurde ermöglicht: das Modell der
       Arbeiterselbstverwaltung.
       
       Tito bevorzugte die Vereinnahmung vor der Einschüchterung von dissidenten
       Künstlern, Intellektuellen, Kombattanten, schreibt Calic. Und auch
       investierte er in den 1960er Jahren lieber in Soziologie- und
       Philsophieinstitute als in den Geheimdienst und änderte seine Rolle im
       Laufe der Jahre vom weichen Diktator zum Moderator und Schiedsrichter, den
       seine Rolle auf dem Weltparkett mehr interessierte, als die Innenpolitik
       seines Landes zu kontrollieren.
       
       Und trotzdem, so Calic, gab es in Titos Herrschaftsrepertoire immer auch
       den „repressiven Bodensatz“: die tödliche Rache an den fliehenden
       Faschisten und Quislingen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, die zur
       Abschreckung auf der Kahlen Insel inhaftierten und gefolterten Stalinisten,
       die Liquidierung von konterrevolutionären Exiljugoslawen oder die
       Unterdrückung der nationalen Aufstände in den Republiken.
       
       Im Fokus von Calics Biografie liegt das politische Geschick, das
       strategische Genie, das Pokerface von Tito. Zwar erfährt man auch einiges
       über dessen Verhältnis zu Ehefrauen und Kindern, über seine Leidenschaft
       für Stars, Filme, gutes Essen und ausgewählte Kleidung, man sieht Fotos,
       auf denen er mit der Schauspielerin Sophia Loren Pasta kocht und mit Willy
       Brandt bei Whisky und Zigarre chillt.
       
       So wie Tito sein ganzes Leben der Politik verschrieb, so schreibt auch
       Calic über Titos Leben als politisches Vermächtnis. „Titos Jugoslawien“
       schreibt Calic, „entzieht sich geläufiger politikwissenschaftlicher und
       zeithistorischer Kategorienbildung.“
       
       Doch sei es nicht trivial, nach einem neuen Oberbegriff für diesen
       integrativen Autokraten, dessen Staat weder totalitär noch demokratisch
       gewesen sei, zu suchen, anstatt sein Erbe in den Trümmern der
       postjugoslawischen Sezessionskriege liegen zu lassen. Apropos Erbe: Der
       einzige Privatbesitz, den Tito zu vererben hatte, war ein kleiner Weinberg
       in der Nähe von Zagreb. Den Rest hat „der Alte“ dem Staat Jugoslawien
       überlassen.
       
       13 Feb 2021
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Doris Akrap
       
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