# taz.de -- Dutschke-Biograf über Attentäter: "Ein fürchterliches Erwachen"
       
       > Obwohl der Dutschke-Attentäter Josef Bachmann Kontakte zu Neonazis hatte,
       > galt er lange nicht als Solcher. Der Autor und 68er-Biograf Ulrich
       > Chaussy über die Polizeiermittlungen.
       
 (IMG) Bild: Ein Bild aus dem kollektiven Gedächtnis der Linken: 11. April 1968.
       
       taz: Herr Chaussy, Sie sind der erste Biograf des 68er-Sprechers Rudi
       Dutschke. Nun hat der Publizist Tobias von Heymann herausgefunden, dass der
       Dutschke-Attentäter Josef Bachmann enge Kontakte zu Neonazis hatte. Das
       wusste auch damals schon die Polizei. Warum wurde diese Spur seinerzeit
       dennoch nicht näher verfolgt? 
       
       Ulrich Chaussy: Das ist ein noch aufzuklärendes Rätsel. Die damaligen
       Ermittlungen der Polizei waren sehr sorgfältig.
       
       An dieser Stelle aber nicht. 
       
       An dieser Stelle nicht. Vom Neonazi und Bombenbauer Wolfgang Sachse hatte
       Bachmann schon einmal eine Waffe erhalten. Mit ihm hatte er auf einem
       Schießplatz in Peine bei Braunschweig Schießübungen gemacht. Dieser Platz
       war offenbar der Dreh- und Angelpunkt einer ganzen Szene von Neonazis und
       Waffennarren. All das wusste die Polizei.
       
       Wollte die Polizei ihre eigene Verwicklung in diese Szene vertuschen oder
       hatte man Angst davor, was in dieser aufgeheizten Atmosphäre 1968 auf der
       Straße passieren würde, wenn herauskäme, dass Dutschke Opfer eines
       zumindest halb organisierten Neonazis wurde? 
       
       Darüber kann man nur spekulieren. Angesichts der Sorgfalt der Ermittlungen
       kann Sachse aber nicht aufgrund eines schlichten Fehlers aus den
       Ermittlungen herausgefallen sein. Das ist undenkbar. Wir müssen uns fragen:
       Was ist da geschehen mit der Polizei und der beauftragten
       Staatsanwaltschaft? Und wer hat aus welchen Gründen gesagt: Nein, da
       schauen wir nicht mehr weiter nach.
       
       In Ihrem Radiofeature, das am Samstag gesendet wird, vermuten Sie auch,
       dass V-Männer des Verfassungsschutzes geschützt werden sollten, die Kontakt
       zu Bachmann hatten - das erinnert fast an heutige Probleme mit dem
       NPD-Verbot. 
       
       Diese Erinnerung ist berechtigt. Klar ist, dass ein wichtiges Mitglied der
       Neonazi-Gruppe, Dieter Lepzien, ein V-Mann des niedersächsischen
       Verfassungsschutzes war - und er hat seine Kenntnisse auch später noch der
       Stasi angeboten! 1981 wurde Lepzien wegen Bildung einer
       rechtsextremistischen terroristischen Vereinigung zu fünfeinhalb Jahren
       verurteilt. Was er machte, ist weit über nachrichtendienstliche Tätigkeiten
       hinausgegangen. Man hat ihn sehr weit gewähren lassen.
       
       Sie haben auch ein Buch über das Oktoberfest-Attentat von 1980 geschrieben.
       Auch da wollten die Behörden unbedingt den Attentäter als einen Einzeltäter
       darstellen - sehen Sie da Parallelen zu Bachmann? 
       
       Es ist eine sehr verbreitete Übung, dass rechtsextremistische Straf- und
       Gewalttaten immer individualisiert werden, obwohl man das Biotop dieser
       Leute sehr genau erforschen kann, was deren Kontakte, Aktionen und Gedanken
       angeht. Schreitet aber ein rechtsextremistischer Täter zur Tat, hat er sich
       alles angeblich allein ausgedacht. Bachmann hat an der Grenze zur DDR
       rumgeballert und sogar einen Grenzzaun mit einem Abschleppseil
       herausgerissen. Das war zuvor von seiner Neonazi-Gruppe erdacht worden. Vor
       Gericht aber erschien das plötzlich nur noch als Bachmanns alleinige
       Erfindung.
       
       Gehen Sie davon aus, dass das Dutschke-Attentat ein von Neonazis bestelltes
       war? 
       
       Das kann ich mir schwer vorstellen. Als Bachmann sein Feindbild vom
       DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht auf Rudi Dutschke umstellte, war
       er nicht in seinem Umfeld in Peine, sondern im heißen Sommer 1967 in
       Westberlin sowie vor der Tat in München - und er bezog sich auf die
       rechtsextreme Presse in München. Horst Mahler, damals beim Prozess gegen
       Bachmann Anwalt des Nebenklägers Rudi Dutschke, gelang es aber nicht, das
       Gericht davon zu überzeugen, dass Bachmann direkt durch die
       Springer-Zeitungen für die Tat inspiriert wurde, obwohl Bachmann einräumte,
       auch die Bild-Zeitung gelesen zu haben.
       
       Es ist absurd, dass ausgerechnet der damals noch linke Anwalt Mahler später
       eine so wichtige Figur für die NPD wurde. 
       
       Da gibt es eine ähnlich seltsame Geschichte: Es gab eine Hafthelferin, die
       sich um Bachmann bemühte. Sie kam eines Tages zu Mahler, um ihn um ein Bild
       von Dutschke zu bitten. Bachmann hatte ja selbst gemalte Bilder von
       Napoleon und Hitler in seinem Jugendzimmer in Peine hängen gehabt. Er hat
       offenbar in der Haft auch ein Bild von Dutschke gemalt.
       
       Es gibt Hinweise darauf, dass hinter dem Oktoberfest-Attentat 1980 aus dem
       Ruder gelaufene Neonazi-Gruppen standen, die mit sogenannten
       Stay-behind-Armeen der Nato Kontakt hatten. Kam Ihnen ein ähnlicher Gedanke
       auch für die Tat Bachmanns? 
       
       Dazu habe ich kein Material.
       
       Auch der Westberliner Polizist Karl-Heinz Kurras, dessen Todesschüsse auf
       Benno Ohnesorg die 68er-Bewegung erst richtig anheizten, hatte einen
       anderen Hintergrund als vermutet, wie jüngst öffentlich wurde. Er war ein
       IM der Stasi gewesen. Warum tauchen mehr als 40 Jahre nach 1968 immer neue
       Akten auf, die dem Geschehen wieder neue Facetten geben? Ist das ein
       Zufall? 
       
       Das hat einerseits damit zu tun, dass das Archivgesetz eine frühere
       Akteneinsicht gar nicht ermöglicht. Andererseits habe ich auch nicht
       vermutet, dass bei der Masse an Material etwa zum Bachmann-Prozess hinter
       den kleinen blinden Flecken so viel stecken könnte.
       
       Warum sind wir eigentlich immer noch so sehr mit 1968 beschäftigt? 
       
       Auch wenn das Ihre Frage nicht ganz beantwortet: Zumindest ich, der sich
       mit Dutschke so intensiv beschäftigt hat, neige dazu, in Sachen 1968 jeden
       Stein noch einmal umzudrehen.
       
       Der Springer-Verlag zeigt sich nun einigermaßen erfreut darüber, dass er
       mit dem Dutschke-Attentat nichts zu tun zu haben scheint (es war ein Nazi)
       - und dass zudem die 68er-Bewegung einen ihrer entscheidenden Impulse
       scheinbar über Kurras von der Stasi bekam. Stört es Sie, dass der
       Springer-Verlag sich so von Schuld reinzuwaschen versucht? 
       
       Die Haltung des Reinwaschens ist deutlich erkennbar - dem kann man nur
       einigermaßen amüsiert zuschauen. Die Pogromstimmung, die die
       Springer-Presse vor allem innerhalb Berlins erzeugen wollte, hat sich wenig
       unterschieden von den Diffamierungen, die damals in den rechten
       Szeneblättern stattgefunden haben. Das ging so weit, dass die
       Springer-Zeitungen den Tod an Ohnesorg zunächst sogar den Studenten selbst
       in die Schuhe schieben wollten. Da war Springer vor etwa zehn Jahren schon
       mal weiter. Es gab ja den früheren Bild-Chefredakteur Peter Boehnisch, der
       damals selbstkritisch die Rolle seines Hauses 1968 thematisierte.
       
       Bachmann war zwar ein Neonazi, aber auch ein armes Schwein, das selbst,
       etwa durch eine Vergewaltigung während einer Haft in Frankreich, seelisch
       stark beschädigt war. Empfinden Sie irgendein Mitleid mit ihm trotz seiner
       Tat? 
       
       Seine seelische Schädigung ist offenkundig. Wenn Sie den Briefwechsel
       zwischen Bachmann im Gefängnis und Dutschke lesen, können Sie spüren, dass
       Bachmann ein ganz fürchterliches Erwachen erlebt. Er versteht, dass er auf
       jemanden angelegt hat, von dem er ein völlig falsches Bild hatte. Bachmann
       hielt Dutschke ernsthaft für einen Jünger Ulbrichts. Das ist klar die
       Tendenz der Springer-Presse gewesen. Bachmann wusste nichts davon, dass
       Dutschke aus der DDR weggehen musste, weil er dort den Kriegsdienst
       verweigert hatte. Und er hatte sich mit den dortigen Stalinisten angelegt.
       Der versöhnliche Briefwechsel mit Dutschke hat Bachmann so um sein
       Feindbild gebracht. Es hat ihm den Boden unter den Füßen entzogen.
       
       Dutschke hat zwei Briefe an Bachmann geschrieben, zumindest in seinem
       zweiten finden sich recht feinfühlige Sätze voller Verständnis für
       Bachmann. Rühren Sie diese Sätze? 
       
       Diese beiden Briefe berühren mich deshalb, weil sie wie kaum ein anderes
       Dokument zeigen, dass die 68er mit ihrem Anspruch sich dem revolutionären
       Subjekt, etwa einer Gruppe wie der Jugend, nicht vermitteln konnten.
       
       Sie haben Dutschke kurz vor seinem Tod noch einmal interviewt: Bewegt Sie
       die Erinnerung an ihn noch heute? 
       
       Damals, 1979, war er so gut in Form, dass ich meinte, jemanden mit Zukunft
       vor mir zu haben. Das war die Zeit der Boatpeople, also der Flüchtlinge aus
       Vietnam - Menschen, die vor einem Regime und den Umerziehungslagern der
       Vietcong geflüchtet waren, die die 68er-Bewegung noch etwa zehn Jahre
       vorher so massiv befürwortet hatte. Mich hat damals besonders beeindruckt,
       dass Dutschke überhaupt keine Vorbehalte hatte, diesen kritischen Befund
       anzunehmen und ihn nicht einem Lagerdenken zu opfern, sondern die Kategorie
       der Befreiung als wesentlich anzusehen. Er konnte alte und lieb gewonnene
       Denkstrukturen hinter sich lassen und Realitäten wahrnehmen. Damals hatte
       ich den Eindruck: Die Kugeln von Bachmann haben ihn nicht zerstört. Er wird
       sich weiter in die Politik einbringen. Es ist ihm gelungen, sich nach einem
       Jahrzehnt Auszeit und hartem Training alles wieder selbst beizubringen. Und
       natürlich war ich traurig, als ich die Nachricht von seinem Tod erhielt.
       
       Vor 30 Jahren starb Rudi Dutschke an den Spätfolgen des Attentats durch
       Josef Bachmann. Haben Sie manchmal den Eindruck, dass er gefehlt hat oder
       heute noch fehlt? 
       
       Es hat so viele Versuche gegeben, Dutschke zu vereinnahmen. Dennoch glaube
       ich: Ganz sicher hat er gefehlt bei der ganzen Debatte "Wie verhält sich
       die Linke zur nationalen Frage?" Dutschke hätte eine interessante
       Vermittlung zwischen einem internationalistischen linken Ansatz und seiner
       deutschen Identität, aus der er keinen Hehl gemacht hat, hinbekommen. Da
       wäre er ein guter und unverdächtiger Ratgeber gewesen.
       
       10 Dec 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Philipp Gessler
       
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 (DIR) Springers Gewaltfantasien: "Schlagt ihn tot, hängt ihn auf"
       
       Der Dutschke-Attentäter soll Kontakte zu Nazis gehabt haben. Kann der
       Springer-Konzern nun sein Image verbessern? Nach dem Motto: Die Rechten
       sind's gewesen.
       
 (DIR) Einzeltäter-These erschüttert: Dutschkes Attentäter und die Nazis
       
       Aus der Auswertung von Stasi-Akten und Polizeiprotokollen geht hervor, dass
       der Dutschke-Attentäter vor 40 Jahren Kontakte zu gewalttätigen Neonazis
       hatte. Das erschütterte die bisherige Einzeltäter-These.