# taz.de -- Drogenszene am Kottbusser Tor: Der Zorn der Migranten
       
       > Seit Jahren ist die Gegend um das Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg
       > Treffpunkt für Drogenabhängige. Die überwiegend türkischen Anwohner
       > fühlen sich von den Politikern im Stich gelassen.
       
 (IMG) Bild: Ali D. vor seinem Kiosk am Kottbusser Tor. Er hat die Szene immer im Blick
       
       Von Sevgi U.s Balkon aus sieht Kreuzberg, sieht die Gegend um das
       Kottbusser Tor herum beinahe schön aus. Das liegt unter anderem daran, dass
       ihr Balkon im achten Stock liegt: Der weite Blick von oben über den runden
       Platz mit dem Kreisverkehr in der Mitte und der Hochbahn darüber lässt so
       manches hässliche Detail im Unscharfen verschwinden. Die Gruppen von Fixern
       und Trinkern an den U-Bahn-Eingängen - aus der Höhe betrachtet beleben sie
       den Platz. Ebenso wie die alten Männer auf den Bänken gegenüber oder die
       Frauen mit den Einkaufsrollern, die sich um den Obststand drängen. Blutige
       Papiertücher, liegen gelassene Spritzen in längst zugemüllten Blumenkübeln
       - von hier aus nicht zu sehen. Dass Sevgi U.s Balkon eine so schöne
       Aussicht bietet, liegt aber auch daran, dass man von hier aus eine der
       größten Scheußlichkeiten am Platz gar nicht sehen kann. Frau U. wohnt
       nämlich darin.
       
       Das Neue Kreuzberger Zentrum ist eine typische 70er-Jahre-Sozialbau-Sünde,
       mit mehreren Zugängen, verschachtelten Außenfluren und einer nahezu
       komplett leer stehenden Ladenzeile im ersten Geschoss. Im Viertelkreis um
       den Platz gebaut, überbrückt der Koloss, an dem das bisschen blasse Farbe
       eher mitleiderregend als anheimelnd wirkt, die Adalbertstraße. Die Anwohner
       nennen ihn kurz und brutal passend "NKZ". Vier Fünftel der hier Wohnenden
       sind nichtdeutscher, meist türkischer Herkunft. Manche von ihnen sind der
       Ansicht, dass genau das eine der Ursachen des Problems ist, gegen das sie
       derzeit kämpfen: des massiven Drogenkonsums direkt vor ihrer Tür.
       
       "Würden hier nicht so viele Ausländer wohnen, hätte die Polizei doch schon
       längst aufgeräumt": Mahmut H.s Stimme ist leise vor Zorn. Auch er wohnt im
       NKZ. Weinend habe seine achtjährige Tochter kürzlich vor der Wohnungstür
       gestanden, erzählt er. Mit dem Fahrstuhl wollte sie nach unten fahren. Als
       der sich öffnete, lagen zwei Junkies darin, betäubt vom frischen Schuss.
       "Hätte ich etwas in der Hand gehabt, hätte ich zugeschlagen", sagt der
       Vater. "Aber ich will mich doch wegen denen nicht schuldig machen. Ich bin
       doch Familienvater." Nun engagiert sich Mahmut H. mit anderen BewohnerInnen
       in der Anwohnerinitiative Kottbusser Tor. Jeden Samstag stehen die
       Aktivisten neben dem Obststand vor dem NKZ. "Nein zu Drogen am Kottbusser
       Tor" steht auf ihrem Plakat. In ihrem Flugblatt heißt es: "Jeder hat ein
       Recht auf ein Leben in Würde. Das gilt aber nicht nur für Drogenkonsumenten
       und Alkoholiker, sondern für alle."
       
       Mit seiner Wut ist Mahmut H. nicht allein. Mit Absicht hätte die Stadt die
       Drogenszene dorthin gebracht, wo viele Ausländer leben, meint ein anderer
       Mann: "Sie denken, wir wehren uns nicht. Aber das stimmt nicht: Mit Druck
       sind die Junkies hergebracht worden, und jetzt werden wir sie mit Druck
       vertreiben." Jahrelang habe sich die Polizei nicht um das Problem
       gekümmert: "Jetzt werden wir aktiv, und nun kommen sie. Aber nicht, um
       unsere Kinder zu beschützen: Sie schützen die Junkies vor uns!"
       
       Der Sozialarbeiter Ercan Yasaroglu, der die BewohnerInnen des NKZ betreut,
       seufzt. "Hyperaktiv" nennt er die Reaktion der Väter auf die angespannte
       Lage am Kottbusser Tor. Vier Stunden seiner Arbeitswoche sind eigentlich
       für die Betreuung der Bewohner des NKZ vorgesehen. Momentan macht er fast
       nichts anderes. Er berät die Anwohnerinitiative, vor allem aber bemüht er
       sich, die Väter - "Papas", sagt Yasaroglu - zu beruhigen: Manche von ihnen
       seien "bereit zu Selbstjustiz".
       
       Dabei ist die Drogenszene am "Kotti" eigentlich nichts Neues. Doch die
       Situation habe sich zugespitzt, sagt auch die vor Ort tätige Drogenhelferin
       Astrid Leicht. Ein lange leer stehendes, von Drogenkonsumenten und Dealern
       genutztes Parkhaus neben dem NKZ wurde geschlossen. Konsum und Geschäfte
       verlagerten sich in die Gänge und Flure im und um das unübersichtlich große
       Haus. Zwei Projekte für Süchtige türkischer und arabischer Herkunft wurden
       kürzlich geschlossen. Und auch der Fixerstube hinter dem NKZ, einer von
       zweien, die es in Berlin noch gibt, steht die Schließung Ende März bevor.
       
       Dass der grüne Bürgermeister des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, Franz
       Schulz, die Idee hatte, sie künftig in dem wenige hundert Meter vom Kotti
       entfernten Haus anzusiedeln, in dem der Bundesvorsitzende der Grünen Cem
       Özdemir mit Frau und Kind wohnt, hat dem Aufstand der Anwohner immerhin
       überregionale Aufmerksamkeit verschafft. Aber auch Öl ins Feuer gegossen:
       "Wohlhabende Zugezogene" steckten hinter der Anwohnerinitiative, heißt es
       etwa in einem anonymen Beitrag im Kreuzberger Debattenforum der Website
       "Indymedia", die nichts anderes im Sinn hätten als "die Säuberung des
       Kiezes von der alten Bevölkerung, von Multikulti, von Subkulturen und dem,
       was eigentlich Kreuzberg ausmacht." Schulz Plan ist mittlerweile vom Tisch.
       
       Die Leute aus dem NKZ schütteln über solche Verschwörungstheorien die
       Köpfe. Wären sie wohlhabend, wären viele von ihnen längst hier weg. Wer im
       NKZ wohnt, hält von Gentrifizierung, von Verdrängung nichts. Er wird ihr
       nämlich zum Opfer fallen. Und "alte Bevölkerung", "Multikulti" - das sind
       doch sie selber. Viele der Einwandererfamilien sind zudem selbst vom
       Drogenproblem betroffen. "Wenn ich die Junkies im U-Bahnhof sehe, denke ich
       an meine eigenen Kinder", sagt Ayse S., die in einem Café im NKZ arbeitet.
       Sie hat zwei Söhne, beide sind drogenabhängig, erzählt sie. Wie sie ihnen
       helfen kann, weiß Ayse nicht. "Ich versuche, sie mit Liebe zu heilen", sagt
       sie. Dass Vertreibung der Szene das Drogenproblem nicht löst, weiß auch der
       Mann, der eben noch damit gedroht hat. Fast in jeder türkischen Familie
       hier, glaubt er, gebe es mittlerweile einen Abhängigen. "Ich bin doch
       selbst ein Linker, ich bin Menschenrechtler", sagt er. "Ich habe Mitleid
       mit den Abhängigen, sie brauchen Hilfe. Aber es muss doch auch mal jemand
       Mitleid haben mit uns."
       
       Im Kiosk nebenan sitzt Ali D.. Seit 40 Jahren lebt der 60-Jährige am
       Kottbusser Tor. Drei Drogentote habe er bereits gefunden, erzählt der
       Kioskbetreiber. Getan werde aber nichts. Kürzlich gab es zwar eine
       Bürgerversammlung: Die Politiker dort redeten aber immer nur von
       Drogenkonsumräumen, schimpft er: "Wie kann ein Bürgermeister Süchtigen denn
       auch noch so einen Giftraum anbieten? Das ist doch nicht seine Aufgabe!
       Stattdessen soll er ihnen lieber Therapie, Arbeit, Lebensperspektiven
       geben!" Wählen gehe er nicht mehr, sagt D.
       
       Der Sozialarbeiter Yasaroglu sitzt im Bewohnerzentrum am hintersten Ende
       der leeren Ladenzeile im NKZ. Auf dem Weg dorthin sammelt er täglich
       zerknüllte Alufolie, Spritzen, leere Flaschen ein. Die aufgeheizte Stimmung
       setze die Männer unter großen Druck, sich "als Männer zu beweisen", sagt
       Yasaroglu. Viele seien ohne Arbeit, den ganzen Tag zu Hause. Es sei bereits
       zu Auseinandersetzungen mit Dealern gekommen, ein Vater wurde verletzt. "Es
       sind oft Männer, die noch nicht lange in Deutschland leben, die sich in der
       Anwohnerinitiative engagieren", sagt Yasaroglu. Die anderen seien häufig zu
       frustriert: "Sie glauben nicht mehr daran, dass sich durch Dialog mit
       Behörden etwas ändert."
       
       Im Bewohnerzentrum treffen sich auch die Frauen aus dem NKZ. Sevgi U. ist
       dabei. Die 58-Jährige wohnt seit siebzehn Jahren hier. Auch sie ist wütend:
       "Ich habe 40 Jahre lang in Deutschland gearbeitet, Steuern bezahlt. Jetzt
       will ich in Ruhe leben", sagt sie. "Es ist sehr schwer, hier Kinder
       aufzuziehen", sagt ihre Nachbarin Fatma. Die Kleinen könnten nie allein
       hinaus. Und um die Größeren mache man sich Sorgen, dass sie sich falsche
       Vorbilder nehmen könnten, ergänzt eine andere: "Die Drogenkonsumenten -
       oder auch die Dealer."
       
       Vor drei Jahren schon gründete sich am Kotti die Initiative "Mütter ohne
       Grenzen", die nachts durch die Hinterhöfe und Durchgangswege patrouilliert,
       um Drogendealer zu stören und zu vertreiben. Ercan Yasaroglu hat die
       Initiative unterstützt. "Die Frauen agieren besonnener und provozieren
       keine Konflikte", sagt er. "Wir kämpfen ja schon seit langem mit dem
       Drogenproblem", sagt Fatma. "In den letzten Jahren haben wir viel dazu
       gelernt." Früher hätten sie Angst gehabt, mit Behörden zu kooperieren:
       "Jetzt wissen wir, wo wir uns hinwenden müssen. Wir haben mittlerweile gute
       Kontakte zum Jugendamt." "Wir haben Selbstvertrauen und Selbstsicherheit
       bekommen", ergänzt Sevgi U. Die Frauen haben gelernt, eine Meinung zu haben
       - und sie auch öffentlich zu vertreten.
       
       Deshalb waren sie auch bei der letzten Bürgerversammlung mit dem
       Bezirksbürgermeister und anderen Politikern. Dass sie sich dort den Vorwurf
       anhören mussten, hinter der Anwohnerinitiative steckten in Wahrheit
       wirtschaftliche Interessen, sie sei nur ein Instrument, den Konflikt
       künstlich aufzuheizen und so zur "Yuppisierung" Kreuzbergs beizutragen,
       ärgert die Frauen deshalb umso mehr. Es zeige eins, meint Sevgi U.: "Die
       Menschen hier werden immer noch nicht ernst genommen."
       
       17 Mar 2009
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Alke Wierth
       
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